05-03-2024, 00:02 - Wörter:

Orpheus fühlte sich mit der ganzen Situation völlig überfordert und je näher die Hochzeit rückte, umso mehr verkroch sich der junge Prinz in irgendwelchen Ecken, um möglichst nicht mit den Vorbereitungen konfrontiert zu werden oder seiner Zukünftigen über den Weg zu laufen. Der ganze Palast glich einem Bienenstock und überall wuselten geschäftige Menschen herum, die irgendetwas für die Hochzeit planten oder bereits anlieferten. Und dabei fühlte er sich völlig fehl am Platz. Lieber wäre er sofort in den Krieg gezogen, als sich hier mit den Planungen zu beschäftigen. Er hatte zwar noch nie in einer echten Schlacht gekämpft, doch war er es zumindest gewöhnt, im Sattel zu sitzen und sich mit anderen im Kampf zu messen. Aber er war es nicht gewohnt, eine Frau an seiner Seite zu haben, mit der er den Rest seines Lebens verbringen sollte.
Gab es etwas zu klären, schickte Orpheus einen Brief per Boten an Naila, anstatt mit ihr direkt zu kommunizieren. Dabei hätte er nicht einmal sagen können, was genau nun das Problem war, denn es lag bestimmt nicht daran, dass die Prinzessin hässlich oder besonders dumm gewesen wäre, dass er ihre Gegenwart mied. Vielleicht war es genau das, was ihn einschüchterte. Ihre scheinbar makellose Perfektion, ihr anmutiger Glanz, neben dem er völlig zu verblassen schien. War er in ihrer Nähe, kam Orpheus sich vor wie ein tumber Idiot, der keinen geraden Satz herausbrachte und nicht in der Lage war, eine Entscheidung zu treffen, geschweige denn überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Und dann schämte er sich dafür, weil er davon ausging, dass Naila genau das von ihm dachte. Sie war einfach perfekt in allem und brauchte ihn nur anzusehen, sodass er sogleich das Gefühl hatte, er würde zu einem Nichts zusammenschrumpfen. Und er sich insgeheim fragte, ob er wirklich die richtige Wahl für die Prinzessin gewesen war und das Königshaus ben Sahid sich nicht irgendwie vertan hatte. Auch wenn Orpheus eigentlich wusste, dass es nicht so war, nahmen doch die Selbstzweifel wieder überhand, so oft er ihr begegnete.
An diesem Tag hatte er es erneut verstanden, allen Verpflichtungen, welche die Hochzeit betrafen, aus dem Weg zu gehen und traf seine Mutter und seine Schwestern beim Nachmittagstee im Garten. Es war eine Tradition, welche sie relativ regelmäßig pflegten, um wenigstens ein wenig Zeit mit der Familie zu verbringen. Wobei Leandros schon seit längerem bei ihren Treffen fehlte, genauso wie Augusto, was Kosma sehr betrübte. Um seiner Mutter nicht noch mehr Kummer zu bereiten, glänzte dafür Orpheus jedes Mal mit Anwesenheit, zumindest an den Tagen, an denen er im Palast weilte und sich nicht auf Reisen befand. Und es war eine willkommene Ausrede, um den Hochzeitsplanungen fernzubleiben.
So saß die Familie Castellanos, ohne König und Thronfolger, zusammen und genoss die Nachmittagssonne bei Tee und Gebäck. Orpheus plauderte mit seinen Schwestern und erzählte von den Orten, welche er in den letzten Monaten besucht hatte. Vor allem Euphemia, die Jüngste, hing regelrecht an seinen Lippen, denn sie hatte bisher noch nicht sehr viel außerhalb des Palastes gesehen. Während ihr Bruder noch Farynn in farbenfrohen Bildern beschrieb, näherte sich ein Bediensteter der Königsfamilie und überreichte Orpheus eine Nachricht. Er faltete das Papier auseinander, warf einen flüchtigen Blick darauf und legte es sofort wieder weg, als wäre es etwas Belangloses. Doch Kosma war das Verhalten ihres jüngsten Sohnes seiner Braut gegenüber nicht entgangen, sodass sie kurzerhand nach dem Papier griff und die Nachricht überflog. Dann blickte sie ihren Sohn über das Schreiben hinweg ernst an. „Deine Braut erbittet deine Anwesenheit, um einige dringende Planungen für die Hochzeit zu besprechen.“ Doch bevor Orpheus sich da herauswinden und seine Anwesenheit irgendwie aufschieben konnte, belehrte ihn seine Mutter über sein Verhalten indirekt: „Also, ich als Braut würde mir auch die Zustimmung meines zukünftigen Ehemanns holen, bevor ich eine Entscheidung treffe. Überlege dir gut, mein Sohn, ob du ihr diese Bitte wirklich verwehren willst.“ Ein mütterlicher Stups in die richtige Richtung war wohl notwendig, damit der Sohnemann endlich mal in die Gänge kam. Und ihr Blick ließ keinen Spielraum, da woanders hin auszuweichen.
So begab sich der zweitgeborene Castellanos-Spross endlich doch zu seiner Zukünftigen, um sich mit dem Unvermeidlichen auseinanderzusetzen. Er fand sie inmitten von ihren Begleiterinnen an einem der Tische, welcher sich vor Stoffballen bog. Und auch, wenn sich in dem Saal viele Menschen tummelten, fiel Orpheus Blick sofort auf Prinzessin Naila. Wie ein Juwel funkelte sie aus der Menge heraus, fast magisch zog sie seinen Blick an und als hätte sie es gespürt, drehte sie sich um und blickte ihm entgegen. Für einen Moment wurde sein Gang unsicher, dann fing er sich wieder und schritt weiterhin auf sie zu, wobei seine Miene eher abwesend wirkte, so als wäre der Prinz mit den Gedanken ganz woanders.
Dass er das nicht war, zeigte sich sogleich, als sich ihre Blicke trafen und Orpheus das Gefühl hatte, Naila könnte ihm bis in die Seele hineinsehen. Sofort senkte er ebenfalls den Kopf, sodass ihm seine dunklen Locken ins Gesicht fielen und er somit seine Verlegenheit ein wenig überspielen konnte. Ihren Gruß erwiderte er mit einem Nicken, während er versuchte, seine scheinbare Gleichmütigkeit zumindest äußerlich aufrechtzuerhalten, während in seinem Inneren ein Sturm tobte. Der betörende Jasmingeruch, welcher von Naila ausging und ihn einhüllte, machte das Ganze nicht besser.
Sie hoffte, ihn nicht aus einer Geschäftigkeit herausgerissen zu haben und am liebsten hätte Orpheus ihr jetzt gesagt, dass es wirklich wichtige Dinge gab, die auf Erledigung warteten und er eigentlich überhaupt keine Zeit hatte, sich mit so banalen Dingen wie die Dekoration der Hochzeit oder dergleichen zu beschäftigen. Stattdessen hatte er sich wie ein Feigling verkrochen, und warum auch immer, kam es dem Prinzen vor, als wüsste Naila darüber Bescheid und würde eine Lüge sofort durchschauen. So schüttelte er nur den Kopf und wandte sich dann ebenfalls den Stoffbahnen zu, die auf dem Tisch lagen. Die Farben waren wirklich prächtig und während Orpheus mit den Fingern vorsichtig über den feinen Stoff strich, musste er neidlos anerkennen, dass Naila eine wirklich hervorragende Auswahl getroffen hatte. Wieder einmal stellte sie ihre Perfektion unter Beweis, während er sich fragte, was er hier eigentlich noch mitreden sollte.
Nichtsdestotrotz hatte die Prinzessin ihn hergebeten, damit er eine Entscheidung traf, sodass er davon ausging, dass sie seine Meinung durchaus hören wollte. Ob sie dann letzten Endes die Entscheidung in die Tat umsetzte oder sich anders entschied, lag dann wohl bei ihr. Orpheus räusperte sich leise und deutete dann auf den Purpur-Fliederfarbenen Stoff, wobei sein Blick allerdings zu Nailas Seidenrock wanderte. „Nun, ich denke, das wäre der perfekte Stoff. Und was die Blumen angeht …“ seine Augen wanderten nun nach oben zu ihrer kunstvoll hochgesteckten Frisur. „… würde ich Jasmin vorschlagen.“ Flüchtig traf sein Blick ihren, bevor er hinüber zu dem Tisch wanderte, auf dem eine Auswahl an Blumengestecken lagen und noch darauf warteten, ausgewählt zu werden.
