08-03-2026, 08:10

“Richtig. Kinder sind wichtig für unsere Gesellschaft und für uns. Neunzig Prozent der Diebe, die unter Rashid stehen, sind mittellose Kinder ohne Perspektive, jetzt mehr denn je, weil ihnen ihre Väter und großen Brüder genommen wurden.”
Keeran nahm den Gedankenfaden seines Gegenübers auf und dachte ihn weiter, statt sich darauf aufzuhängen, dass man ihm eine Antithese entgegen gestellt hatte. “Geben wir ihnen etwas, worauf sie stolz sein können. Lassen wir sie anpacken und zum Pfeiler unserer Gesellschaft werden. Was für eine großartige Idee mit Samir. Ist er gut mit Kindern? Wenn sie merken, dass sie unserem Volk nicht mehr auf der Tasche liegen, sondern aktiv etwas beitragen, fühlen sie sich gebraucht.”
Mit einem deutlich offenen Lächeln breitete er die Zukunft vor ihnen aus; ziemlich wortwörtlich, da er mit einer offenen Handfläche auf den Tisch zwischen ihnen gebärdete. “Ich sehe deine Vision, und ich finde, darauf sollten wir anstoßen. Meine Frage aber bleibt: Wie sollen wir ohne Männer eine Gesellschaft aufbauen, in der Kinder ihren Beitrag leisten können?”
Man merkte Keeran an, dass ihn dieses Thema beschäftigte und dass er sich persönlich am betroffensten von Ridvans Entscheidung fühlte, alle arbeitsfähigen Männer aufs Festland zu schicken. Vielleicht war dieses Gefühl, was an ihm nagte, auch als Affront zu interpretieren, was ihn selbst überraschte. Nach der Flut und dem Erdbeben hatten nicht nur Familien ihren Tribut gezahlt und Kinder, Frauen, Alte unter den Trümmern bergen müssen - Keeran sah sich auch mit seiner versenkten Handelsflotte konfrontiert. Und mit welchen Ressourcen sollte er die wieder aufbauen? Was brachte ihm alles Gold, wenn ihm die Männer fehlten, die Hand anlegten und Blut und Schweiß in die Shiffbauten legten? Womit sollte er den Handel wieder ankurbeln, konnte er doch keine Kinder in die Schiffbäuche zum Rudern setzen, oder in die Salz- und Goldminen, oder-... vielleicht doch?“Nein”
, gestand er. Natürlich war es nicht so einfach, die Männer - einmal im Heer eingegliedert - wieder auf ihre Inseln zu bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass es unter ihnen Kommandanten und Feldherren gab, die Ridvan positiv gesinnt waren, was ein Problem für sich darstellte. “Wir haben derzeit auch nichts, was wir ihm im Gegenzug anbieten können. Männer sind in diesen Zeiten wichtiger als das Gold aus unseren Minen. Wenn Ridvan das nur auch gesehen und unser Volk nicht für so billig verkauft hätte…”
Wenn der Preis wenigstens höher gewesen wäre. Im Angesicht seiner eigenen Probleme rein wirtschaftlicher Natur war das politische Geplänkel um die gestürzte Königin ein Faden, der ihm persönlich kaum etwas bedeutete - doch war sie nicht unwichtig genug, um ihr keine Beachtung zu schenken. Gerade im Hinblick darauf, wie es Tariq beschäftigte, beobachtete der Händler aufmerksam jede Reaktion aus seiner zurückgelehnten Position, in seiner Mimik kein Zeichen davon, wie ihm diese kleinen Zeichen der Frustration gefielen. Während Tariqs Meinung langsam begann, sich in eine andere Richtung zu bilden, nippte Keeran noch einmal an seinem Wein und senkte seinen Blick auf eine Kerze zwischen ihnen, die mittlerweile zur Hälfte abgebrannt war.
“Sie zur Beteiligten zu machen, würde bedeuten, dass sie die Gefahr gesehen hat, die ihr Mann für ihr Volk dargestellt hat. Gleichzeitig würde sie den Rückhalt im Adelskreis verlieren, denn wir würden sie als Komplizin hinstellen”
, überlegte er mit seinem Gegenüber und nickte darauf, wie sich der Gedanke anfühlte. “Können wir ihr auch den Mord an ihrem Sohn anhaften, oder müssen wir es als unvorhergesehenes Opfer darstellen?”
Wie weit konnten sie gehen? Wenn er Tariqs Worten Glauben schenkte, dann war er überzeugt davon, Yasirah kontrollieren zu können. Doch ging diese Kontrolle so weit, dass sie sich freiwillig dazu bekannte, am Mord ihres Sohnes beteiligt gewesen zu sein?Keeran richtete seinen Blick wieder auf Tariq, der sich aus seiner bequemen Position löste, ein Anzeichen dafür, dass ihn die Richtung des Gesprächs beschäftigte. Es gefiel dem Händler, wie animiert er war, wie präsent er in dem Gespräch war. Zwischen Gemütlichkeit und neuen Konfrontationen hatten Gedanken den größten Raum, zu wachsen.
“Du weißt am besten, ob sie mitmachen wird”
, spielte er ihm den Ball mit einem Lächeln zu. “Eine Frau, die alles verloren hat. Ist sie nicht formbarer, wenn man ihr eine Zukunft an der Seite von jemandem in Aussicht stellt, der ihr noch etwas bedeutet? Yasirah hatte nie eine Wahl in der Heiratsfrage, ist sie nicht kooperativer, wenn man ihr jene Wahl vor die Nase hält?”
Keerans Stimme klang ein wenig ferner, als sein Blick aus dem verhangenen Balkonfenster wanderte. “Ein Leben im Exil, nachdem sie sich öffentlich zu ihren Fehlern bekannt hat, aber an der Seite von jemandem, den sie sich ausgesucht hat. Eine Transaktion, wenn man so will - ihre Stimme für eine Zukunft.”