Gestern, 23:17 - Wörter:
Mira nahm sein leises Lachen wahr, so wie sie alles an ihm wahrnahm, ohne es offen zu zeigen. Es war kein lautes, unbedachtes Geräusch, sondern eines, das aus etwas Tieferem kam. Vielleicht aus Gewohnheit. Vielleicht aus dem Versuch, Dinge leichter wirken zu lassen, als sie waren. Sie ließ den Gedanken ziehen, während ihre Aufmerksamkeit wieder zum Holz zurückkehrte. Seine Worte über Ehe und Bindung kommentierte sie nicht, doch sie hörte den Unterton. Freiheit. Entscheidung. Das leise Abwägen zwischen dem, was man wollte, und dem, was man anderen zumuten konnte. Es war ihr nicht fremd. Nur dass ihre eigene Freiheit nie eine bewusste Wahl gewesen war, sondern etwas, das sie sich Stück für Stück hatte nehmen müssen. Die Axt lag schwer in ihren Händen, doch inzwischen nicht mehr fremd. Sie hatte begonnen, das Gewicht einzuschätzen, die Bewegung anzupassen, statt gegen sie anzukämpfen. Der nächste Schlag traf die Kerbe sauber, das Holz gab ein wenig mehr nach. Nicht viel, aber genug, um Fortschritt zu erkennen. Während Rowan sprach, hörte sie ihm zu, ohne den Rhythmus zu verlieren. Seine Gedanken über Ehre, über Entscheidungen, über das, was einen Menschen ausmachte, zeichneten ein klareres Bild von ihm. Er war keiner, der blind folgte. Keiner, der Gewalt suchte, nur weil er sie beherrschte. Das machte ihn selten. Und in gewisser Weise berechenbarer als viele andere. Sie hob die Axt erneut, ließ sie kontrolliert niedergehen. Ein weiterer Splitter löste sich. Seine Worte über die Stille ließen sie für einen Moment innehalten. Nur kurz. Doch es reichte, um etwas in ihr anzustoßen. Stille war für sie nie leer gewesen. Sie war gefüllt. Mit Erinnerungen. Mit Stimmen, die nicht mehr da waren, aber nie ganz verschwanden. „Stille vergisst nicht,“ sagte sie leise, mehr feststellend als erklärend. „Sie bewahrt nur besser, was andere überhören.“ Sie setzte die Axt wieder an, diesmal etwas tiefer in die bestehende Kerbe. Ihre Arme schmerzten inzwischen deutlich, ein dumpfes Ziehen, das bis in die Schultern kroch. Doch sie ignorierte es nicht. Sie ordnete es ein. Noch tragbar. Noch kontrollierbar. „Nicht jede Schlacht sollte geschlagen werden,“ fügte sie nach einem Moment hinzu, während sie den Blick kurz über das Holz gleiten ließ. „Aber manche lassen einem keine Wahl.“ Der nächste Schlag saß besser. Das Holz knackte leise, gab weiter nach. Fast geschafft. Bei seinem Vorschlag, nach Essbarem zu suchen, glitt ihr Blick zum ersten Mal bewusst von der Aufgabe weg und in die Umgebung. Sie ließ die Axt kurz sinken, strich sich mit dem Handrücken eine lose Strähne aus dem Gesicht und musterte den Waldboden, die Sträucher, die Schatten zwischen den Wurzeln. Ein langsames, kaum sichtbares Nicken folgte. „Ein wenig,“ antwortete sie ruhig. „Genug, um uns nicht zu vergiften.“ Ein Hauch von trockenem Humor lag in ihrer Stimme, leise, beinahe unauffällig. Sie trat einen Schritt zurück vom Stamm, prüfte noch einmal die fast durchtrennte Stelle, bevor sie ihm die Axt zurückreichte. Ihre Finger hielten sie einen Moment länger fest, als nötig gewesen wäre, als würde sie das Gewicht noch einmal bewusst wahrnehmen. „Ihr habt recht,“ sagte sie, diesmal mit einem kurzen Blick zu ihm. „Ihr solltet das Holz übernehmen. Ihr seid… effizienter darin.“ Keine Abwertung ihrer selbst. Nur eine nüchterne Einschätzung. Dann wandte sie sich bereits halb ab, ließ den Blick tiefer in das Dickicht gleiten, suchte nach Formen, Farben, Mustern, die nicht ganz in das Bild des Waldes passten. Doch bevor sie sich ganz entfernte, hielt sie noch einmal inne, ohne sich umzudrehen. „Und Rowan…“ Ein kurzer Moment, in dem ihre Stimme etwas leiser wurde. „Nicht jeder, der kämpfen kann, tut es gern.“ Es war keine Frage. Keine Bitte. Nur ein leises Verständnis, das sie ihm anbot, ohne es aufzudrängen. Dann setzte sie sich in Bewegung, vorsichtig, bedacht, die Umgebung aufmerksam lesend, während ihre Gedanken für einen Moment ungewöhnlich ruhig waren.

