05-05-2026, 01:46 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 05-05-2026, 01:46 von Moira Fraser.)

Wenn Moira ihr Zuhause verließ, dann hatte das in diesen Tagen selten einen guten Grund. Es war eine Art von Flucht. Sie ertrug dann nichts und niemanden – außer Cathal. Aber dieser hatte seine eigenen Probleme und Sorgen. Also behelligte sie ihn nicht, verließ ihr Gemach und... schaffte es doch nicht so weit, wie sie eigentlich gewollt hatte. Sie wäre am Liebsten zum Hafen gegangen und heute wäre sie vielleicht sogar bereit gewesen sich auf das erstbeste Schiff zu stehlen und all das hinter sich zu lassen. Doch die Prinzessin war nicht dumm. Was konnte eine Frau, alleine und ohne Geld schon irgendwo erreichen? Und vor allen Dingen: sie konnte den Teil ihrer Familie, der noch bei Verstand war, nicht zurück lassen. Also Cathal, Niamh und sogar den kleinen Aedán. Maebh und ihr Vater? Das war ein anderes Thema. Ja, gerade war sie sogar wütend auf ihren Vater. Wie konnte er sich so blind von dieser Frau lenken lassen? Wie konnte es sein, dass er alles für sie tat? Hatte er vergessen, wer schon zuvor seine Familie gewesen war?
Dennoch, sie war in der Festung geblieben. Mehr oder minder. Denn sie hatte es nur bis in den Hof geschafft und ungeachtet etwaiger Blicke war sie auf einen der Bäume geklettert. Der Baum, in dem sie jede kleinste Furche in der Rinde kannte. Der Baum, den sie noch würde erklettern können, wenn sie plötzlich ihr Augenlicht verlieren würde. Sie kannte jeden Ast, jede Unebenheit. Und sie kannte auch die eine Stelle, an der man sich gegen den massiven Stamm lehnen konnte, die Beine auf den dicken Ast lagern konnte und so über die Mauern hinweg auf die raue See blicken konnte. Manchmal schrieb sie hier oben, manchmal las sie, manchmal döste sie sogar. Aber heute, heute schaute sie nur aufs Meer und versuchte den wütenden Sturm in ihrem Inneren zu beruhigen. Sonderlich erfolgreich war sie bisher nicht. Und selbst als ihre Zofe vor einer Weile nach ihr gesehen hatte, hatte sie sich nicht dazu bringen lassen, wieder nach unten zu kommen.
Sie erwartete nicht, dass jemand zu ihr kam. Doch die große Gestalt ihres Vaters war ihr selbstverständlich bekannt. Er weckte ihre Aufmerksamkeit, weil er unter dem Baum stehen blieb. Er war also nicht zufällig hier. Sie ignorierte ihn. Zumindest nahm sie sich vor, genau das zu tun. Denn auch wenn sie ihn liebte und er zumeist ihren Trotz gar nicht abbekam, weil Maebh dafür herhalten musste, dieses Mal war sie allen voran von ihm enttäuscht. Aber so sehr sie sich vornahm, einfach zu schweigen, das konnte sie dann doch nicht. „Vielleicht wäre es ja besser so. Viel anders fühlt es sich gerade ohnehin nicht an. Abgeschnitten und weggeworfen, wie ein Ast, der seine Glieder ein klein wenig zu sehr ausgestreckt hat.“ Nun, ihnen war wohl Beiden klar, was das Problem war. Es hatte sie zutiefst verletzt, dass sie von diesem Essen ausgeschlossen worden war. Sie gehörte doch in diese Familie. Es war ihr Recht die zukünftige Frau ihres Bruders kennenzulernen. Es war eigentlich sogar ihre Pflicht an seiner Seite zu sein. Doch all das hatte man ihr genommen. Und wieso? Weil Maebh es so gewollt hatte? Das war, was Moira immer denken würde. Aber viel wichtiger war doch die Frage: wieso hatte ihr geliebter Vater es zugelassen? Wieso ließ er zu, dass seine Familie so gespalten wurde?
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