06-05-2026, 16:02 - Wörter:

“Warum dich umbringen, schaffst du doch alleine.”
Ivar war allerdings froh, dass sie es bisher noch nicht geschafft hatte. Dem Klappergestell zu urteilen (der mal schöne Kurven und geschmeidige Muskeln gehabt hatte, wohlgemerkt), war sie verdammt nah dran gewesen, sich selbst das Licht auszupusten, aber die Welt musste wohl größere Geschosse auffahren, um Tyra Winters von den Füßen zu fegen. Selbst jetzt, einen kleinen Marathon hinter sich, hatte sie nichts von der störrischen Art verlassen. Wenn man sie zerschneiden und wiegen würde, wäre ihr Kopf vermutlich das dickste Körperteil von allen. Auch mit trainiertem Arsch. Die Beine so aufgestellt, dass er seine Ellbogen auf seinen Knien ablegen konnte, taxierte er Tyra mit keinem Blick. Vielleicht war es seine eigene Art von Respekt, sie nicht anzustarren, wenn sie so schwach war, eventuell auch, weil es ihn in ihrer Position selbst in den Wahnsinn treiben würde. Lieber würde er in Heofaders Schwanz beißen, als sich vor ihr diese Blöße zu geben.
Was sie allerdings von ihm verlangte, war eine andere Art der Blöße. Gefiel ihm schonmal gar nicht, aber man sah es ihm nicht sofort an. Immer noch lag sein Blick am Horizont, wo die Sonne den Himmel in ein warmes Rot tauchte, trockene Falten an den Augenwinkeln, die Sandstürme, peitschende Winde und feinen Hagel erlebt hatten.
“Heißt nicht so”
, sagte er schließlich überzeugt, die Frage nach seinem Verbleiben dreist ignorierend. “Man scheißt in den heiligen Brei, wenn überhaupt.”
Ivar schniefte nicht vorhandenen Rotz hoch und wischte sich über die Nase, ehe er sich nach hinten lehnte und ihr die Karaffe aus der Hand fischte. Im Gegensatz zu Tyra tat er gar nichts zögerlich. Wenn schon mit süßem Gesöff betrinken, dann halt auch richtig, ne. “Im Heer, wo sonst. Richtig gelackmeiert hat man mich. Einfach zu den Scheiß Sandfressern gezählt und mich ohne Sold zu den Fußsoldaten gesteckt.”
Man merkte ihm an, dass es ihm unangenehm war, so, wie er mit der Antwort zögerte. Gegen seine Ehre, den letzten zusammengekratzten Rest an Würde, den er als Söldner verteidigte. Warum? Weil all seine Kollegen sich vermutlich ein goldenes Näschen verdient hatten, während er sich im Schlamm suhlen und dann auch noch Kummerkasten für die Sommerländer hatte spielen sollen. “Polier mir ruhig die Fresse, aber Hjorn hat mich verkauft. Verwette meine Dolche drauf. Kannst mir doch nicht erzählen, dass ich als braunes Hungertuch durchgehe…”
Irgendwo zwischen den Worten hatte Ivar einen Zweig gefunden, mit dem er jetzt im Boden rumstocherte. Nervös fast. Irgendwie so, als wurde ihm das alles zu persönlich. Was vermutlich daran lag, dass er Tyras letzte Frage noch vor sich herschob…“Sanna hat mir gesagt wo du bist”
, meinte er schließlich, nahm noch einen Schluck und wischte sich mit dem Handrücken über die Mundwinkel. Mit einem Blick über die Schulter hielt er Tyra die Karaffe wieder hin. “Und du? Wo warst du, hm?”


