10-05-2026, 07:53 - Wörter:
Yue tat das, was sie am besten konnte: Zuhören. Eigentlich fühlte sie sich gar nicht gewachsen für das Gespräch, unsicher, ob Maebh nicht doch eher jemanden brauchte, der eine fundiertere Meinung hatte als eine einfache Novizin… Jemand, der ihr sagen konnte, was sie jetzt besser tun sollte mit all den politischen, familiären und zwischenmenschlichen Konsequenzen im Blick. Sicher wusste die Priesternovizin kaum, wovon sie sprach. Sie handelte aus dem Affekt heraus, ihrer Freundin helfen zu wollen, in einer Herzensangelegenheit, die sie nur am Rande verstand, weil ihr viele Dinge fremd waren. Was sagte ihr schon Rowan, hätte er doch genauso gut ein Verwandter ihrer Freundin wie ein Fremder sein können.
Mit einem leichten Ziehen deutete sie an, sich ein wenig zu bewegen - zumindest zu dem großen Fenster, das eine fantastische Sicht auf die stürmische See und die Klippen preisgab, die Kenmara umgaben. Die Aussicht gab Yue etwas zutun, während sie sich auf Maebhs Worte konzentrierte; so hoch über den Naturgewalten zu stehen, wie in dieser Burg, fühlte sich irreal für sie an, als wäre sie dem Himmel näher als der Erde. Mehr Vogel als tatsächlich ein Mensch, der nur davon träumen konnte, zu fliegen.
Ein Lächeln füllte ihr Gesicht gepaart mit einem leichten Schnaufen, das einem Lachen nahe kam, als sie das mit dem Drachen hörte. Zwar hatte sie nie so starke, negative Gefühle für jemanden empfunden wie Maebh es tat - überhaupt schien die Fürstin sehr viel stärker zu fühlen als Yue -, aber sie verstand die Frustration, die daher rührte, dass Maebh keine Macht über das Unglück ihres Vaters hatte. Dass sie helfen wollte, ihr aber die Hände gebunden waren. Dass sie-...
Als würde die große Mutter ihr Zuspruch geben, wehte ein Flüstern an ihr Ohr, das entfernte Pulsieren der Erde unter ihren Füßen, obwohl sie sich meterhoch über den Klippen befand.
Und dann war es weg. Yue blinzelte. Das ersten Morgenlicht fiel fade durch die Wolkendecke und Fensterscheiben, das Rauschen der sich brechenden Wellen so weit entfernt, dass sie es sich einbilden musste, um es zu hören. Wieder stand sie in dem Flur einer Burg, die sie von außen abschirmte, die Steinmauern ruhig und unnachgiebig jedes Geräusch verschluckend, das nicht gehört werden sollte. Das Gefühl von Unschuld hallte nach wie ein ferner Traum, von dem sie nicht wusste, dass sie ihn geträumt hatte.
Yue merkte erst jetzt, dass ihre Hand über ihrem eigenen Herzen lag, der unregelmäßige, schnelle Rhythmus das einzige Anzeichen, dass sich etwas ihrer eigenen Wahrnehmung entzogen haben musste. Immer noch lag ihr Blick auf ihrer Freundin, aber diesmal wirklich da, die Gesichtszüge als jemanden erkennend, der ihr bekannt war.
“Aah…”
, nickte sie ein wenig verlegen, als Maebh tatsächlich den Verwandtschaftsgrad ansprach, sich bewusst, dass es hierzulande verpönt war, sich auch innerhalb einer losen Familie romantisch anzunähern. Nach jahrelangem Anpassen und Integrieren verstand sie, dass die Frauen in Farynn mehr innere Stärke zeigten und sie nach außen trugen, die Priesterinnen selbst auf einer Stufe mit königlichen Beratern und darüber hinaus, aber es war ihr doch immer noch ein wenig fremd, wie Maebh so offen das Herz auf der Zunge zu tragen und sich Konflikten entgegen zu stellen, nicht zu umgehen. Überhaupt wusste sie nicht anders zu helfen, als den Worten nur aufmerksam zu lauschen und der Fürstin zu versichern, dass sie gehört wurde. Mit Verständnis. Mit Wärme in ihrem Blick, weil sie Maebh gern hatte und nicht wollte, dass sie sich so den Kopf über etwas zerbrach, das über ihr eigenes Verständnis hinaus zu gehen schien, obwohl sie durchaus verstand, dass sie ihren Mann nicht verletzen wollte. Es musste ein schlimmes, schweres Gefühl sein, in den Augen von jemandem zu beobachten, wie sich Liebe in Schmerz wandelte.“Warum hast du das Gefühl erst jetzt, wenn es schon so lange her ist?”
, fragte sie vorsichtig, fast so, als würde sie sich langsam nach vorne tasten. Sie würde gerne helfen, aber wusste nicht so recht, wie. All die Zweifel und Ängste waren berechtigt in ihren Augen, die nun Hilflosigkeit ausdrückten, wenn auch aufgeweicht durch ein leichtes Lächeln. “Ich weiß auch nicht, wie er reagieren wird. Vielleicht hast du recht, vielleicht würde ich an seiner Stelle auch lieber nicht wissen wollen, was geschehen ist. Es war ja auch nur ein Mal…”
Den Blick gesenkt, merkte sie nicht einmal, wie sie sich leicht auf die Unterlippe biss, wie sie es oft tat, wenn sie das Gefühl hatte, jemanden zu enttäuschen. Maebh war zu ihr gekommen, weil sie Klarheit über ihre Gedanken brauchte, und Yue konnte ihr darin nicht helfen.Mit einem leichten Ziehen deutete sie an, sich ein wenig zu bewegen - zumindest zu dem großen Fenster, das eine fantastische Sicht auf die stürmische See und die Klippen preisgab, die Kenmara umgaben. Die Aussicht gab Yue etwas zutun, während sie sich auf Maebhs Worte konzentrierte; so hoch über den Naturgewalten zu stehen, wie in dieser Burg, fühlte sich irreal für sie an, als wäre sie dem Himmel näher als der Erde. Mehr Vogel als tatsächlich ein Mensch, der nur davon träumen konnte, zu fliegen.
Ein Lächeln füllte ihr Gesicht gepaart mit einem leichten Schnaufen, das einem Lachen nahe kam, als sie das mit dem Drachen hörte. Zwar hatte sie nie so starke, negative Gefühle für jemanden empfunden wie Maebh es tat - überhaupt schien die Fürstin sehr viel stärker zu fühlen als Yue -, aber sie verstand die Frustration, die daher rührte, dass Maebh keine Macht über das Unglück ihres Vaters hatte. Dass sie helfen wollte, ihr aber die Hände gebunden waren. Dass sie-...
“Was?”
Ihr Blick schoss zu ihrer Freundin, ungläubig und fassungslos und suchend nach dem Witz, der nicht aufgelöst wurde. Wie konnte sie vom Hass auf eine Person darauf schließen, dass die Person ihr mutwillig so viel Leid zufügen würde? Nichts davon war im Sinne der großen Mutter, nicht einmal eine Erklärung, die man hernahm für Menschen, die gemordet hatten und Vergebung suchten. Der Folgeschluss schien Yue so abwegig, dass sich eine leichte besorgte Falte zwischen ihren Augenbrauen bildete. Als würde die große Mutter ihr Zuspruch geben, wehte ein Flüstern an ihr Ohr, das entfernte Pulsieren der Erde unter ihren Füßen, obwohl sie sich meterhoch über den Klippen befand.
“Wie kommst du darauf?”
, hörte sie sich fragen, doch es klang weit weg, als gehöre ihr die Stimme nicht selbst. Das Echo verhallte und wurde verschluckt von dem Herzschlag, schnell und leicht und so fragil, dass er Yue in Wolken hüllte. Vor ihr war nicht mehr das Gesicht ihrer Freundin, sondern nur ein Gefühl, das sie hinaus aus der Burg zog, oder vielleicht hörten die Steinmauern auch einfach auf zu existieren. Wie die Wogen der Wellen an den Stränden von Farynn ebbte der Herzschlag an und erfüllte sie mit Licht, mit Leichtigkeit. Mit Gemeinschaft und Freude. Mit dem Gefühl, über ihrem eigenen Körper zu schweben und sich den Vögeln in den Wolken anzuschließen. Sie fiel, aber sie hatte keine Angst - weil sie wusste, dass sie unten aufgefangen werden würde, von Händen, von Wellen, von dem rhythmischen Pulsieren der Erde, das ihr noch nie so nahe erschienen war.Und dann war es weg. Yue blinzelte. Das ersten Morgenlicht fiel fade durch die Wolkendecke und Fensterscheiben, das Rauschen der sich brechenden Wellen so weit entfernt, dass sie es sich einbilden musste, um es zu hören. Wieder stand sie in dem Flur einer Burg, die sie von außen abschirmte, die Steinmauern ruhig und unnachgiebig jedes Geräusch verschluckend, das nicht gehört werden sollte. Das Gefühl von Unschuld hallte nach wie ein ferner Traum, von dem sie nicht wusste, dass sie ihn geträumt hatte.
Yue merkte erst jetzt, dass ihre Hand über ihrem eigenen Herzen lag, der unregelmäßige, schnelle Rhythmus das einzige Anzeichen, dass sich etwas ihrer eigenen Wahrnehmung entzogen haben musste. Immer noch lag ihr Blick auf ihrer Freundin, aber diesmal wirklich da, die Gesichtszüge als jemanden erkennend, der ihr bekannt war.
“Ich…”
Ihre Stimme war belegt, aufgewühlt, und sie schluckte, als würde sie erst jetzt wieder in die Realität zurückfinden. “...hast du das gehört?”
, fragte sie schließlich, während ihr Blick fragend das Gesicht von Maebh absuchte. Sich nicht ganz sicher auf den Beinen fühlend, klammerte sie sich mehr an den Arm, als ihn zu halten, auf einmal die Stütze verlangend, die sie eben noch gegeben hatte. 

