12-05-2026, 21:50
Mira ließ die Hand ohne Widerstand von seiner fortschieben. Das Blut an ihren Fingern war bereits dabei zu trocknen, klebrig zwischen den Gelenken, während sie ihm dabei zusah, wie er die Arbeit übernahm, die sie begonnen hatte. Seine Bewegungen wirkten beinahe mühelos. Sicher. Schnell. Jeder Schnitt saß dort, wo er sitzen sollte, als hätte sein Körper längst vergessen, dass man solche Dinge irgendwann einmal lernen musste. Mira beobachtete genau. Nicht nur aus Interesse, sondern aus diesem alten Instinkt heraus, alles mitzunehmen, was irgendwann nützlich werden könnte. Die Art, wie er die Klinge hielt. Wie wenig Kraft er verschwendete. Wie selbstverständlich er den Körper des Tieres bewegte, als wäre das alles nichts weiter als Routine. Vielleicht war es das für ihn auch. Seine Worte davor hallten trotzdem noch leicht nach. Nicht der Spott selbst. Den kannte sie inzwischen. Menschen wie er warfen solche Sätze herum wie andere Kieselsteine in einen Fluss, auf die Reaktion des sonst so stillen Wassers wartend. Sondern dieses kurze, kaum greifbare Dazwischen, als hätte er für einen Moment tatsächlich gewartet, ob sie es schaffte. Mira wusste nicht, was sie damit anfangen sollte, also tat sie das, was sie immer tat. Sie sortierte es irgendwo in ihrem Hinterkopf ein und tat so, als wäre es bedeutungslos. Langsam richtete sie sich auf. Ihre Knie protestierten sofort gegen die Kälte und die lange Anspannung, und für einen Moment musste sie die Finger öffnen und wieder schließen, um das dumpfe Zittern daraus zu vertreiben. Der metallische Geruch hing schwer in ihrer Kleidung und auf ihrer Haut. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn morgen noch wahrnehmen würde oder ob man sich an so etwas gewöhnte. Der Gedanke gefiel ihr nicht besonders. Während Ivar den Keiler zusammenband, zog Mira wortlos ein Stück Stoff aus ihrer Tasche und begann, die Hände daran abzuwischen. Es half kaum. Das Blut verschmierte eher, zog dunkle Spuren über ihre Fingerknöchel und Handflächen, kroch in die feinen Linien ihrer Haut. Sie betrachtete es einen Moment zu lange, bevor sie den Stoff wieder wegsteckte. Nicht jetzt darüber nachdenken. Der Wald war inzwischen fast vollständig in Dunkelheit gefallen. Nur irgendwo zwischen den Ästen hing noch ein Rest von fahlem Licht, gerade genug, um Umrisse voneinander zu unterscheiden. Die Geräusche hatten sich verändert. Weniger Vogelstimmen. Mehr Rascheln irgendwo tiefer zwischen den Bäumen. Mira hob automatisch den Blick, prüfte die Umgebung, als würde sie erwarten, dass jederzeit etwas zwischen den Schatten auftauchte. Als Ivar den Keiler über die Schulter hob, sah sie kurz zu ihm hinüber. Der Anblick passte zu ihm. Schweres Gewicht, getragen wie etwas Alltägliches. Seine Stimme riss sie schließlich aus ihren Gedanken, und trotz der Dunkelheit glaubte sie dieses herausfordernde Grinsen beinahe hören zu können. Mira hob leicht eine Augenbraue.
„Wenn wir im Kreis laufen, schiebe ich die Schuld trotzdem dir zu.“
Der Satz kam ruhig, trocken genug, um seinen Tonfall aufzugreifen, ohne ihn wirklich zu kopieren. Vielleicht hatte sich auch eine Spur Humor reingemischt, denn ob es ihr gefiel oder nicht: Sie fing an Ivar zu mögen. Dann drehte sie sich langsam um und ließ den Blick durch den Wald gleiten. Sie erinnerte sich tatsächlich an mehr, als sie erwartet hatte. Einen gespaltenen Stamm. Die flachen Steine am kleinen Hang. Die Stelle mit dem umgestürzten Baum, dessen Wurzeln wie Knochen aus der Erde ragten. Sie hatte sich den Weg nicht absichtlich eingeprägt. Ihr Kopf tat so etwas einfach. „Man gewöhnt sich daran, Wege zu behalten“
, sagte sie nach einem kurzen Moment, den Blick noch immer zwischen den dunklen Bäumen. „Wenn man oft nachts unterwegs ist und lieber nicht gefunden werden will.“
Mehr erklärte sie nicht. Kein Name. Kein Ort. Nur dieser kleine Satz, der irgendwo zwischen Gleichgültigkeit und Wahrheit hängen blieb. Trotzdem blieb dieses unangenehme Gefühl in ihrer Brust. Dieses Wissen, dass Dunkelheit Wege anders aussehen ließ. Dass Wälder nachts größer wirkten. Fremder. Sie ging trotzdem los. Langsamer diesmal, darauf bedacht, wohin sie trat, während ihre Augen unaufhörlich zwischen Boden, Schatten und den wenigen vertrauten Punkten wanderten, die sie wiedererkannte. Das Zittern in ihren Händen war inzwischen fast verschwunden, aber sie spürte es noch irgendwo unter der Haut sitzen, zusammen mit dem dumpfen Gewicht dessen, was gerade passiert war. Ihr erstes Leben. Der Gedanke kam leise, beinahe zufällig. Und sie wusste noch nicht, ob sie erleichtert darüber war, dass es vorbei war oder beunruhigt darüber, dass die Welt sich trotzdem einfach weiterdrehte.