Gestern, 16:09 - Wörter:
Mira hatte sich bereits einige Schritte vom Stamm entfernt, als seine Worte sie innehalten ließen. Nicht abrupt. Eher langsam, beinahe nachdenklich, als würde der Wald selbst sie für einen Moment festhalten. Zwischen den feuchten Farnen und dem dunklen Wurzelwerk blieb sie stehen, den Blick auf einen niedrigen Strauch gerichtet, dessen Beeren im schwindenden Licht matt schimmerten. Doch ihre Aufmerksamkeit lag längst nicht mehr dort. Seine Stimme hatte sich verändert, kaum merklich nur, rauer geworden an den Kanten. Schwerer. Langsam richtete sie sich wieder auf, strich mit den Fingerspitzen über ein Blatt, an dem noch Regentropfen hafteten. Sie verstand, was er meinte. Wahrscheinlich besser, als ihr lieb war. Stille konnte Schutz sein. Ein Ort zum Atmen. Aber sie konnte einen auch verschlucken, bis man irgendwann nicht mehr wusste, ob man sich in ihr verbarg oder bereits darin verlorengegangen war. Seine Worte über den Nebel ließen etwas in ihrer Brust eng werden, ein flüchtiges Echo alter Nächte, in denen sie reglos dagelegen hatte, den Atem angehalten, nur um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Momente, in denen selbst die Dunkelheit zu laut gewesen war. Doch sie ließ sich nichts davon anmerken. Stattdessen ging sie langsam in die Hocke, strich vorsichtig einige Blätter beiseite und betrachtete die kleinen dunklen Beeren darunter prüfend. Ihre Gedanken arbeiteten leise weiter, während hinter ihr erneut das rhythmische Schlagen der Axt erklang. Rowan war kein Mann, der leichtfertig sprach. Das hatte sie inzwischen verstanden. Hinter seinen Worten lag immer etwas Zweites. Etwas, das er nicht vollständig aussprach, vielleicht nicht aussprechen konnte. Und genau deshalb hörte sie ihm aufmerksam zu. Als er von Gewalt sprach, von der Hoffnung, dass ihre Reise ohne sie enden könnte, schloss Mira für einen kurzen Moment die Augen. Der Gedanke wirkte beinahe fremd in einer Welt wie dieser und dennoch… schön. Traurig schön. „Die meisten Wesen werden erst gefährlich, wenn man sie bedrängt,“ sagte sie schließlich ruhig, während sie eine der Beeren zwischen den Fingern drehte. „Menschen eingeschlossen.“ Ihre Stimme war leise, aber klar genug, um zwischen den Bäumen zu ihm zu tragen. Sie dachte an Männer mit schweren Händen und schwankendem Gang. An Gesichter, die freundlich wirkten, bis eine Tür sich schloss. An dieses ständige Gefühl, wachsam bleiben zu müssen, selbst in scheinbar sicheren Räumen. Langsam stand sie wieder auf und wandte sich halb zu ihm um. Zwischen ihnen hing der Geruch von feuchtem Holz und Erde. „Vielleicht tut der Drache nur das, was jedes andere Lebewesen auch tun würde.“ Ihr Blick glitt kurz zu der Axt in seinen Händen, dann wieder zurück in sein Gesicht. „Überleben.“ Die Worte blieben einen Moment zwischen ihnen hängen, still und schwer. Mira beobachtete, wie mühelos der nächste Ast unter seinem Schlag nachgab. Kraft, präzise geführt. Nicht verschwenderisch. Nicht grausam. Es passte zu ihm. Selbst jetzt wirkte er nicht wie jemand, der Freude an Zerstörung empfand. Das machte ihn gefährlicher als jene Männer, die laut mit ihrer Stärke prahlten. Aber auch vertrauenswürdiger. Ein widersprüchlicher Gedanke. Sie trat langsam näher, ließ den Blick über die bereits gesammelten Äste wandern. Ihre Hände schlossen sich locker um einige der Beeren, die sie geprüft hatte. „Ich glaube nicht, dass Gewalt einen Menschen automatisch schlecht macht,“ sagte sie nachdenklich. „Aber ich glaube, es macht einen Unterschied, ob jemand darin einen letzten Ausweg sieht… oder den einfachsten.“ Damit hob sie den Blick wieder zu ihm. Für einen kurzen Augenblick lag darin etwas Ungewöhnlich Offenes. Keine Vorsicht. Keine kalkulierte Zurückhaltung. Nur ehrliches Verstehen. Dann war es wieder fort, so flüchtig wie Sonnenlicht zwischen den Ästen. Mira wandte sich erneut dem Unterholz zu, suchte weiter zwischen Farnen und Moos nach Essbarem. Doch diesmal fühlte sich die Stille zwischen ihnen anders an. Nicht leer. Sondern geteilt.

