17-05-2026, 07:15
“Wenn es dein Gewissen beruhigt, Mylady”
, reagierte Ivar mehr auf den Humor in ihrer Stimme als das, was sie gesagt hatte. Weil er halt immer irgendwas erwidern musste, wenn er herausgefordert wurde, obwohl er genau wusste, dass es ihm und der Situation, in die er sich katapultierte, nicht immer gut tat. Als Älterer müsste er das eigentlich kindisch finden, oder ihr die Aufgabe, nach dem Weg zu suchen, einfach ganz abnehmen. Tat er aber nicht. Warum? Weil er sich um nichts weniger scherte als darum, für so ein Mädchen auch noch die Erziehungsarbeit zu übernehmen. Gut, wahrscheinlich auch, weil er sich selbst nicht die Mühe machen wollte, nach dem Weg zu suchen; Aufgabenteilung und so, wenn er schon die schwere Last ihres Abendessens auf den Schultern trug. Genauso wenig hatte er eigentlich danach gefragt, was Mira dazu bewegte, sich einen Weg in der Dunkelheit einzuprägen, und in einer anderen Situation hätte er ihr das vermutlich auch um die Ohren geworfen und sie richtig, richtig klein dafür gemacht, dass sie meinte zu glauben, ihn würde sowas interessieren. Was hatte sie doch für ein unverschämtes Glück, dass Ivar mit guter Laune hinter ihr herstapfte. Es war der kleine Sieg über den Hauer, das Hochgefühl, mit etwas Handfestem zum Lager zurückzukehren, während die brünette Frau sich vermutlich immer noch von Forellen besiegen ließ und daran verzweifelte, ordentlich ein Messer zu halten. Ivar würde schon noch dazu kommen, ihr das Jagen beizubringen und dabei ein, zwei Blicke auf ihren Arsch zu stehlen, so als Bezahlung für seine kostenlosen (!) Dienste. Was das rothaarige Mädchen vor ihm anging, na ja, zumindest schien sie langsam eine gewisse Art von Selbstbewusstsein zu entwickeln - genug, dass Ivar irgendwann nicht mehr darauf achtete, in welche Richtung sie gingen und ihr die Verantwortung überließ. Er war lieber laut. Nicht aus Gewohnheit heraus, sondern ganz absichtlich - wer extra durch Büsche lief und seine Schritte etwas schwerer setzte als beabsichtigt, wurde von der Natur nicht als Opfer, sondern als Jäger wahrgenommen.
“Scheinst ja doch mehr Ahnung von dem zu haben, was du tust”
, kommentierte er mit seiner üblichen, trockenen Belustigung in der Stimme, als würde er nichts und niemanden ernst nehmen. Er fragte natürlich nicht nach. Eigentlich wollte er auch gar nicht mehr wissen; im schlimmsten Fall entpuppte sie sich noch als jemand, der dann die Worte aus dem Mund sprudelten, nur um mitzuteilen, was für eine traurige Vergangenheit sie doch gehabt hatte. Ja, buhu, zum heulen, klar. Zu ihrer beider Glück konnte man zwischen den Bäumen langsam einen kleinen, flackernden Lichtkegel ausmachen. Ein leises Wiehern begrüßte Ivar, um dessen Augen sich zufriedene Lachfalten legten, vielleicht auch, weil er versuchte, die bekannten Gestalten in der Distanz auszumachen.
“Ah, die haben auf uns gewartet”
, merkte er an, nicht überrascht, dass kein Geruch nach gebratenem Fisch seine Nasenflügel erreichte. “Gute Arbeit, Mädchen.”
Obwohl es ironisch klang, meinte er es halb ernst; sein Blick ihr gegenüber hatte für eine Sekunde ein wenig mehr Tiefe als sonst. Mit diesem Impuls zog er sein Tempo an und stapfte an ihr vorbei, in den Lichtkegel des Lagerfeuers, wo man auf sie wartete. Als man sie fragte, wie sie zu dem Fang gekommen waren, zuckte Ivar nur die Schultern und meinte schließlich: “Sie hat ihn gefunden, ich hab ihn erlegt.”
Für ihn war es selbstverständliche Normalität, für sie hingegen… keine Ahnung, vielleicht holte sie sich ja einen darauf runter, wenn andere sie für ihre Talente anerkannten. Konnte nicht schaden, in dem Alter für etwas gelobt zu werden, was man gut machte - mit Ivar hatte das schließlich niemand getan.