24-05-2026, 08:20

Man sah ihm nicht an, dass er sich vorstellte, wie sich seine Hände langsam um ihren schlanken Hals legten und drückten.
Aber er ließ sie reden. Er bedankte sich weder für den Tee und die süßen Speisen, noch fuhr er ihr dazwischen, warum auch. Ihre Aufmerksamkeit lag ohnehin auf ihrem Gast, der sich zunehmend unwohl zu fühlen schien, mit ihr zu reden. Sicher spielte das einen gewichtigen Teil bei Vanjas Entscheidung, ungefragt reinzuplatzen, obwohl sie genau wusste, dass Keeran gerne mit ihm allein gewesen wäre. Eine kleine Prise Überraschung. Ein Hauch von Widerwillen, ihr zuzuhören und Respekt zu zollen. Die perfekte Mischung, jemanden zum Denken zu bewegen, sich nicht zurückzulehnen und in den eigenen grandiosen Zukunftsplänen auszuruhen. Den besten, bleibenden Eindruck hinterließ man schließlich, wenn der Gegenüber am wenigsten darauf vorbereitet war.
In einer gewohnten Bewegung streckte Keerans seine Hand aus und legte sie auf Vanjas Hüfte, nicht mehr als ein Zeichen, dass sie zu ihm gehörte und sie zusammen agierten. In Anwesenheit von konventionellen Geschäftspartnern war es oft eine Strategie, sie ihm unterzuordnen, Verständnis und Gewohnheit in ihren kleinen, bemitleidenswerten Köpfen auslösten, weil sie es bei sich zu Hause nicht anders handhaben. So sehr er die Meinung seiner Frau auch schätzte, er würde in gesellschaftlichen Situationen immer eine ruhige Dominanz auf sie ausüben und ihr eine metaphorische Leine anlegen.
Dass er sie reden ließ, hatte zwei Gründe. Erstens, er gewährte ihr dieses Spiel mit Tariq, zugegeben fand er es selbst interessant, wie der Jüngere auf sie reagierte und sich ihr gegenüber rechtfertigte. Wie sich seine Mimik veränderte und anspannte, wie er mit ihr ins Gespräch, in die Diskussion ging und sogar einsah, dass sie gute Einwände hatte, was ihn doch erstaunlich zu überraschen schien. Vor allem aber wollte Keeran selbst wissen, was sie zu sagen hatte. Er hätte es zwar bevorzugt, wenn sie mit ihm später allein ins Gespräch gegangen wäre, aber wer wäre Keeran, wenn er sich nicht an die Gegebenheiten anpassen und eben das Beste draus machen würde. Den Blick auf Tariq gerichtet, nippte er an seinem Wein und stellte ihn schließlich ab, die Augenbrauen für einen winzigen Moment erwartend, und vielleicht selbst überrascht über die Idee seiner Frau, in die Höhe gezogen. Sicher machte er sich seine eigenen Gedanken. Die brüske Anschuldigung, sie würden ja keine guten Ideen für die Zukunft einer gestürzten Königin finden, zog selbst ein schmales Lächeln über seine Lippen. Vermutlich hatte sie recht. Vielleicht wären alle Männer besser daran, ihren Frauen mehr Stimme zu geben und das Potential von einer Partnerschaft besser auszunutzen. Jemand, der seiner eigenen Frau aber schon viel Stimme gab, wusste auch, dass sie mit ihrem Auftreten nicht nur ihre Ideen auf den Tisch legen wollte, denn das hätte sie auch bei ihm alleine gekonnt. Nein, das hier war natürlich ein Spiel, um Tariqs Reaktion zu provozieren, eventuell auch einfach eine kleine Genugtuung. Wenn sie im gleichen Zug auch noch ihren Ehemann dazu trieb, seine gesellschaftliche Position über ihr deutlich machen zu müssen, war das reines Kalkül für später, hinter geschlossenen Türen.
Keerans Hand strich über ihre Hüfte nach unten und streifte beiläufig ihr Gesäß.
“Was habe ich doch für ein Glück, so eine intelligente Frau an meiner Seite zu haben, hm?”
, galten seine Worte hingegen Tariq, den er mit einem leichten Lächeln bedachte, das aber nicht seine Augen erreichte. Ein paar Herzschläge lang, bis er sich schließlich seiner Frau zuwandte. “Vanja, Liebes. Interessanter Ansatz, aber es ist schon spät.”
Er sagte auch das mit einem Lächeln, doch die Nonchalance war aus seiner Stimme verschwunden. Mehr als eine einfache Bemerkung, wandelte sein Ton einen schmalen Grat zu einer deutlichen Aufforderung, die im nächsten Zug an einen Befehl grenzen würde, wenn sie nicht verstehen wollte. Und er wartete. Solange, wie sie brauchte, sich damit abzufinden, dass sie nicht Teil des Gesprächs sein würde und schließlich den Raum mit leeren Händen wieder verließ, den Blick ihres Ehemannes so lange im Rücken, bis ihre Kehrseite durch den Türbogen verschwand. “Mach die Tür hinter ihr zu.”
Ruhig und unangerührt stand das Weinglas auf dem Obsidiantisch, während Keeran ein paar Sekunden in der Stille vergehen ließ, den Blick nachdenklich nach draußen gerichtet, während er seine Gedanken ordnete.
“Ich glaube nicht, dass wir heute zu einer Lösung kommen”
, verkündete er schließlich, einen Atemzug später, als er nach vorne griff und sich an den getrockneten Feigen bediente, ohne sie hingegen zu essen. Getrieben durch die Anwesenheit von Vanja - denn ebenso hatte sie die Eigenart, ein Echo zu hinterlassen, wo auch immer sie gewesen war -, stand er schließlich auf und bewegte sich auf die Fensterfront zu. Mit Nachdruck schloss er das eine, das bis dato noch einen Spalt breit geöffnet war, um frische Luft reinzulassen. “Aber sie hat recht. Wenn wir Yasirah auf die Straße lassen, wird man sie hinrichten und auf ihrer Leiche tanzen.”
Bestimmt zog er die schweren Vorhänge zu, dunkelroter, blickdichter Stoff importiert aus Farynn. “Wir sollten uns das durch den Kopf gehen lassen. Sie muss nicht bei uns unterkommen, auch wenn wir hier mehr Kontrolle darüber hätten, wie sie sich… entwickelt.”
Wie ein Hund, dem man Benehmen beibringen musste. Keeran hielt nicht viel von diesem Teil der Idee, ihm war die Vorstellung von Züchtigung und körperlicher Bestrafung recht egal. Er begrüßte es auch nicht, wenn das Zentrum der Aufmerksamkeit auf seinem Haus lag, wie Geschäftspartner und andere Bekanntschaften ein und ausgingen. Es wäre aber eventuell die einzige Möglichkeit, Safiyah und Hafiz die Rachegedanken auszureden.Nichtsdestotrotz war es eine Entscheidung, die man nicht einfach so an einem Abend treffen konnte. Wenn überhaupt, dann brauchte es Vorbereitung, die anderen sechs von ihrem Vorhaben zu überzeugen, und dafür mussten Tariq und er an einem Strang ziehen; waren nicht sie es, die sich den Amra Alzili nur angeschlossen hatten, weil sie ihre eigene Agenda verfolgten? Keeran schenkte seinem Kollegen im Stehen den warmen Tee ein und reichte ihm die Tasse, bevor er sich selbst bediente und an seiner eigenen Tasse nippte.
“Ich bin ehrlich mit dir”
, begann er schließlich, Ernsthaftigkeit und genau das richtige Maß on Aufrichtigkeit in der Stimme. “Wir sollten zusammen arbeiten, wenn wir etwas im Rat erreichen wollen. Denn wir wollen das Gleiche. Stabilität.”
Geld, Macht, höher hinaus; sie beide wussten, wovon sie sprachen, ohne es offen zu erwähnen. Zwei Gleichgesinnte, die von einer Partnerschaft profitieren würden - zumindest für eine Weile. “Hafiz, Safiyah und Devan ziehen auch am gleichen Strang. Wir hatten lange ein gemeinsames Ziel, aber jetzt, wo wir es erreicht haben, bröckelt die Einheit der Amra Alzili.”
Man sagte Keeran oft nach, dass sein Blick zu intensiv war, andere unsicher machte mit seiner Angewohnheit, durch die Augen anderer hindurch zu blicken. Auch wenn seine Stimme ruhig war, konnte man ihm die beunruhigende Intensität eines Mannes nicht absprechen, der die Intentionen von Menschen las wie ein Kartenblatt mit offener Hand, ob sie wollten oder nicht. “Wenn wir unsere Interessen nicht vertreten, machen sie das kaputt, was wir uns aufgebaut haben. Mit ihren kleinbürgerlichen Idealen. Ich weiß, dass du größer denkst als sie, deswegen sage ich dir von Mann zu Mann: Es liegt an uns, dass wir an der Spitze nicht nur überleben, sondern noch höher greifen können.”