Vor 1 Stunde - Wörter:
Träume waren schon immer ein Teil von Yues Leben gewesen, von den ersten Momenten in ihrem alten Leben an, die ihr als Erinnerungen klar geblieben waren. Man hatte ihr Namen gegeben, die, die mit den Sternen wandelt, bis sie es als Teil ihrer Identität akzeptiert hatte, wie jemand, der sich seinen kleinen Eigenarten bewusst war. Wie ihr Cousin halb gelähmt von einem Schlangenbiss überlebt und sich damit arrangiert hatte. Wie ihre Priesterfreundin nie ein Wort mit anderen wechselte, sondern mit ihren Händen sprach. Und lange hatte sie nicht nach dem Wie gefragt, oder dem Warum, was sie so anders machte, wieso ausgerechnet sie, sondern einfach hingenommen.
Doch mit den Jahren im Hain der Großen Mutter hatte sie angefangen, still darüber zu reflektieren. Hierher war sie dem Ruf einer größeren Kraft gefolgt, die sie dazu getrieben hatte, in die Fremde auszuwandern. Während andere Priesterinnen Besuch von ihren Familien erwarteten, zog sie sich alleine zu dem Teich unter der Trauerweide zurück und versuchte, Heimweh mit Bestimmung zu ersetzen. Aber wozu? Niemand konnte ihr sagen, warum die Große Mutter sie aufs Festland getrieben hatte. Man wusste nicht, warum sie es war, die mit etwas gesegnet zu sein schien, das in den Reihen der Priesterinnen schon lange verschwunden geglaubt war. Entgegen ihrer Hoffnung, hier Antworten zu finden, hatten sich nur mehr Fragen ergeben.
Träume waren also nicht mehr nur ein Teil von ihr, sie waren der Grund für ihr unbefriedigtes Bedürfnis, sich besser zu verstehen. Träume waren es, die sie anders machten, ohne dass sie wusste warum. Sie konnte sie nicht kontrollieren, konnte sie nicht deuten, und immer, wenn sie vollkommen unvorbereitet aus ihrem Alltag gerissen wurde, spürte sie neben dem mentalen Schwindel ein tieferes Gefühl, das sie gerne verdrängen und einschließen würde: Frustration. Klein wie es war, hatte es doch eine tiefe, dunkle Kammer in ihrer Brust gefunden und wirbelte die sonst so gleichmäßigen Strömungen auf. Ja, teilweise fühlte sie sich nicht mehr wie sie selbst. Was war falsch mit ihr?
Dass mit ihr etwas nicht stimmte, sah sie auch in Maebhs Augen, die sich mit Besorgnis füllten. Ein Stich durchzog Yue, fein wie eine Nadel, in der Erkenntnis, dass sie wieder allein mit ihrem Traum gewesen war und wieder nichts Handfestes hatte. Denn wie erklärte man ein Gefühl? Wie machte man es verständlich, dass sie manchmal neben sich stand und auf sich herunter blickte wie eine dritte Person, herausgezogen aus ihrem Körper in eine andere Welt, die sich mit normalen Maßstäben nicht greifen ließ? Yues Mund öffnete sich und schloss sich wieder, als keine Worte auf die Frage folgten. Unsicher blickte sie zum Fenster, dessen Glas sie von den brechenden Wellen abschirmte, nichts als die isolierende Stille einer Burg um sich herum, an deren Mauern der Wind leise pfiff.
Tatsächlich tat sie das, was sie nach ihren Träumen immer tat; sie versuchte, das Gesehene in Worte zu fassen. Früher hatte sie ihre Träume in Geschichten verpackt und den anderen Stammeskindern vorgetragen. Da sie nicht schreiben konnte, wiederholte sie die Erfahrung in eigenen Sätzen auch alleine, wie ein Mantra so lange, bis sie sich einen Sinn daraus bilden konnte, oder im Beisein der Priesterinnen. Maebh war zum ersten Mal Zeuge dieses Prozesses, konnte Yue dabei beobachten, wie ihre Augen einen entfernten Punkt fixierten, während sie versuchte, sich mit Worten wieder in der Realität zu verankern.
Doch mit den Jahren im Hain der Großen Mutter hatte sie angefangen, still darüber zu reflektieren. Hierher war sie dem Ruf einer größeren Kraft gefolgt, die sie dazu getrieben hatte, in die Fremde auszuwandern. Während andere Priesterinnen Besuch von ihren Familien erwarteten, zog sie sich alleine zu dem Teich unter der Trauerweide zurück und versuchte, Heimweh mit Bestimmung zu ersetzen. Aber wozu? Niemand konnte ihr sagen, warum die Große Mutter sie aufs Festland getrieben hatte. Man wusste nicht, warum sie es war, die mit etwas gesegnet zu sein schien, das in den Reihen der Priesterinnen schon lange verschwunden geglaubt war. Entgegen ihrer Hoffnung, hier Antworten zu finden, hatten sich nur mehr Fragen ergeben.
Träume waren also nicht mehr nur ein Teil von ihr, sie waren der Grund für ihr unbefriedigtes Bedürfnis, sich besser zu verstehen. Träume waren es, die sie anders machten, ohne dass sie wusste warum. Sie konnte sie nicht kontrollieren, konnte sie nicht deuten, und immer, wenn sie vollkommen unvorbereitet aus ihrem Alltag gerissen wurde, spürte sie neben dem mentalen Schwindel ein tieferes Gefühl, das sie gerne verdrängen und einschließen würde: Frustration. Klein wie es war, hatte es doch eine tiefe, dunkle Kammer in ihrer Brust gefunden und wirbelte die sonst so gleichmäßigen Strömungen auf. Ja, teilweise fühlte sie sich nicht mehr wie sie selbst. Was war falsch mit ihr?
Dass mit ihr etwas nicht stimmte, sah sie auch in Maebhs Augen, die sich mit Besorgnis füllten. Ein Stich durchzog Yue, fein wie eine Nadel, in der Erkenntnis, dass sie wieder allein mit ihrem Traum gewesen war und wieder nichts Handfestes hatte. Denn wie erklärte man ein Gefühl? Wie machte man es verständlich, dass sie manchmal neben sich stand und auf sich herunter blickte wie eine dritte Person, herausgezogen aus ihrem Körper in eine andere Welt, die sich mit normalen Maßstäben nicht greifen ließ? Yues Mund öffnete sich und schloss sich wieder, als keine Worte auf die Frage folgten. Unsicher blickte sie zum Fenster, dessen Glas sie von den brechenden Wellen abschirmte, nichts als die isolierende Stille einer Burg um sich herum, an deren Mauern der Wind leise pfiff.
“Ich…”
Sie wusste es nicht. Yue wusste nicht, was sie wahrgenommen hatte. Ihr Kopf fühlte sich immer noch leicht an, als hätte sie jeden Sinn für Schwerkraft und Richtung verloren, und sie war dankbar, dass Maebh ihr anbot, sich zu setzen. Mit einem sanften Nicken setzte sie einen Fuß nach vorne, suchte ihr Gleichgewicht und hielt sich an der Schulter der Fürstin fest, bis sie ihr vertrautes eigenes Gewicht beim Sitzen spürte und endlich durchatmete. Tatsächlich tat sie das, was sie nach ihren Träumen immer tat; sie versuchte, das Gesehene in Worte zu fassen. Früher hatte sie ihre Träume in Geschichten verpackt und den anderen Stammeskindern vorgetragen. Da sie nicht schreiben konnte, wiederholte sie die Erfahrung in eigenen Sätzen auch alleine, wie ein Mantra so lange, bis sie sich einen Sinn daraus bilden konnte, oder im Beisein der Priesterinnen. Maebh war zum ersten Mal Zeuge dieses Prozesses, konnte Yue dabei beobachten, wie ihre Augen einen entfernten Punkt fixierten, während sie versuchte, sich mit Worten wieder in der Realität zu verankern.
“Es war ein Herzklopfen. Nicht mein eigenes, sondern ganz weit weg, und irgendwie auch nicht nur eins, sondern ganz viele”
, begann sie. Ihre Hände hatte sie in ihren Schoß gelegt, akribisch ineinander verschränkt und auf einzelnen Fingern rumdrückend. “Ich war irgendwie… Ein Teil davon. Ich war nicht hier, sondern da draußen, in den Wolken und da unten…”
Yue zog ihre Augenbrauen ein wenig zusammen, verständnislos. Sie hatte nichts gesehen, wie sonst immer, nur gefühlt… “Eigentlich passiert sowas nicht hier, nur irgendwo mit Strömungen, mit spiritueller Energie, im Hain…”
Ihre Stimme wurde immer leiser, ehe sie schließlich verstummte. Die Augen auf einmal größer, drehte sie sich zu Maebh um. Die Angst stand ihr klar ins Gesicht geschrieben, weil sie sich an etwas erinnerte. Kein Außenstehender soll von deinen Visionen erfahren. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was in den Köpfen derer vorgeht, die glauben, dich dafür ausnutzen zu können. “Bitte, erzähl niemandem davon”
, flehte sie also, eben weil sie Maebh vertraute. Leider konnte sie nicht behaupten, dass sie dem Umfeld von Maebh das gleiche Maß an Vertrauen entgegen brachte.

