Vor 6 Stunden - Wörter:
Fast wünschte Moira sich, dass Maebh gemein zu ihr wäre. Dass sie von oben auf sie herab sah – nicht nur körperlich – oder dass sie mit ihr schimpfte, gewaltsam an ihrem Arm griff oder irgendetwas. Einfach etwas, das ihr eigenes Verhalten bestätigte und mit dem sie womöglich sogar zu ihrem Vater laufen könnte. Aber stattdessen war sie die Ruhe selbst. Wenigstens äußerlich. Denn wie es Maebh wirklich ging, wusste die junge Fraser nicht. Und es interessierte sie auch nicht. Außerdem... wie sollte es ihr denn bitte schlecht gehen? Sie hatte gut heiraten dürfen, hatte ein tolles Zuhause, sogar einen tollen Ehemann und es ging ihr gut. Sie hatte sogar einen Sohn geboren, der irgendwann der Fürst Kenmaras werden würde. Da durfte es einem nicht schlecht gehen.„Natürlich werde ich für ihn da sein. So wie ich es immer bin und immer sein werde“, erwiderte sie etwas schroff. Als müsste man ihr sagen, dass sie für ihren Bruder da sein musste. Sie war immer da gewesen, genauso wie er immer für sie da war. Schon damals, als ihre Mutter starb oder noch früher, wenn andere Leute nicht an ihn geglaubt hatten. Sie war immer da gewesen.
Und was das Andere anging? Moira wollte das nicht. Aber sie war nicht dumm. Sie wusste, dass diese Bitte ihr nicht tatsächlich die Wahl ließ. Und so sehr sie meckern und zetern wollte: es würde rein gar nichts ändern. „In Ordnung, ich werde Euch unterstützen“, war daher ihre schlichte Antwort. Sie resignierte. Aber das bedeutete nicht, dass sie jetzt das handzahme Kätzchen sein würde. Sie würde all das überstehen, Maebh dabei finstere Blicke zuwerfen und auch nur so viel machen, dass man ihr nicht vorwerfen konnte, dass sie sich quer stellte. Und damit war ihr Plan geformt, sie wappnete sich und... zerbrach dann binnen Sekunden. Wegen eines Satzes, bei dem selbst Moira bewusst war, dass er gar nicht gezielt hatte gesagt werden können. Wir müssen uns nicht die Haare flechten. Etwas, das ihre Mutter immer gemacht hatte. Es war so banal, aber das war etwas, das Moira schmerzlich vermisste und fast jeden Tag erinnerte sie sich daran, wenn die Zofen bei ihr waren. Ihre Fassade bröckelte. Für einen langen Moment war da nicht die trotzige, aber selbstbewusste junge Frau. Für diesen Augenblick war sie das Kind, das vor fünf Jahren seine Mutter verloren hatte. Sie wandte sich ab, blinzelte hektisch die aufkommenden Tränen weg und eilte selbstständig an ihren Schrank. Die Zofen hinter ihr redeten mit ihr, wollten ihr die Arbeit abnehmen, aber Moira ließ sich nicht abbringen und nutzte den Moment, in dem sie nach dem richtigen Kleid suchte dafür, um sich zu beruhigen. Es gelang ihr mehr schlecht ans recht. Aber wenigstens bekam sie die Tränen in den Griff, aber sie fühlte sich trotzdem wie ein Häufchen Elend. Aber es half ja nichts, also hielt sie einer der Beiden Zofen das Kleid hin und ließ sich von der Anderen aus dem aktuellen Kleid helfen.
Keine fünf Minuten später war sie fertig. Sie bedankte sich bei den Zofen. „Ich bin soweit“, sagte sie also an Maebh gewandt, achtete diesmal jedoch darauf, dass sie die Ältere nicht direkt ansah. Sie wollte nicht, dass sie womöglich erkannte, dass es ihr gerade wirklich nicht gut ging. Sie wollte keine Schwäche zeigen. Nicht vor ihr. Dass sie mit ihrem Verhalten umso auffälliger zeigte, dass irgendetwas nicht stimmte? Das war der Prinzesin nicht bewusst. So weit dachte sie einfach nicht.
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