06-06-2026, 21:50
Die Namen der Gefallenen ließen etwas in ihr nachhallen. Es war keine Trauer, eher diese schwere, nüchterne Erkenntnis, dass weitere Leben ihren Platz in der Wüste gefunden hatten. Sameed. Jamel. Namen, die nun zu Geschichten geworden waren, die man sich irgendwann am Feuer erzählen würde. Vielleicht würden ihre Gesichter verblassen, vielleicht würden die Einzelheiten ihrer Leben verloren gehen, doch ihre Taten würden bleiben. Zariyah senkte den Blick auf die Kerne in ihrer Hand. Für einen Moment verharrten ihre Finger reglos über der Schale, während Devans Worte in ihr absanken wie Steine in stilles Wasser. Sie hatte die Männer nicht gekannt. Nicht so, wie man einen Menschen wirklich kannte. Sie wusste nichts über ihre Kindheit, nichts über ihre Träume, nichts über die Stimmen ihrer Mütter, die womöglich ob des Verlustes brachen. Aber sie wusste, dass sie freiwillig dem Ruf nach Veränderung gefolgt waren. Sie hatten gewusst, was sie erwartete. Hatten gewusst, dass sie möglicherweise nicht zurückkehren würden. Und dennoch waren sie gegangen.
Das genügte.
Langsam schlossen sich ihre Finger um einen weiteren Kern. „Möge der Sand ihre Spuren bewahren, bis die Sterne ihre Namen vergessen.“ Die Worte waren kaum mehr als ein leiser Atemzug. Kein Gebet, schon gar keine Bitte an höhere Mächte. Lediglich die Anerkennung eines Opfers, das sie verstand. Denn mehr blieb einem Assassinen selten zurück als ein Name, eine Tat und die Hoffnung, dass beides noch eine Weile überdauerte, nachdem die eigene Spur längst vom Wind verweht worden war. Für einen flüchtigen Moment dachte sie daran, wie schmal die Grenze gewesen war. Wie wenig gefehlt hatte und ihr eigener Name nun neben denen der tapferen Männer genannt worden wäre. Ein weiterer Körper unter den Dünen, eine weitere Geschichte. Ein weiterer Preis für ein Ziel, das größer gewesen war als jeder Einzelne von ihnen.
Seltsamerweise empfand sie dabei nichts. Die Leere in ihrem Inneren war inzwischen so selbstverständlich geworden wie ihr eigener Atem. Der Verlust, durch den ihr Körper vor zwei Tagen gegangen war, lag bereits weit hinter ihr. Verblasst. Er war klein geworden, fast bedeutungslos angesichts dessen, was sie erreicht hatten. Ein einzelnes, noch ungeborenes Leben gegen das Schicksal eines ganzen Königreichs. Die Rechnung war einfach, denn dies sollte ihr Opfer an das große Ganze gewesen sein. Sie hatte nie gelernt, anders zu denken. Als Devan schließlich die weitersprach, glitten ihre Gedanken unwillkürlich zurück zu jener Nacht.
Ridvan tot. Sein Thronfolger ebenfalls. Zwei verfluchte Namen, die noch vor wenigen Tagen wie ein Joch über einem ganzen Volk gestanden hatten und nun nur noch Erinnerungen waren. Ihr Blick hob sich wieder zum Horizont, wo die Sonne langsam hinter den Dächern Dharan al-Bahrs versank und den Himmel in blutrotes Gold tauchte. Sie erinnerte sich nur bruchstückhaft an die letzten Augenblicke im königlichen Gemach. An den Geschmack von Blut, an den gleißenden Schmerz in ihrer Flanke, die letzten Atemzüge des riesigen Silbergardisten. Und irgendwo dazwischen an den König, der auf den Balkon schwankte. Danach wurde alles undeutlich.
Doch die Geschichten hatten längst begonnen. Sie hatte sie gehört, in den Gassen, auf den Märkten. Geschichten über den irren König, der dem Tod entgegengetreten war wie der Feigling, der er gewesen war. Über seinen Sturz, über den Aufprall seines Körpers auf den Steinen weit unterhalb des Balkons. Legenden entstanden schnell in Dharan al-Bahr, meistens sogar schneller als die Wahrheit, doch dieses Mal störte sie das nicht. In ihren Gedanken sah sie ihn fallen, sah seine Knochen brechen. Sah die Dynastie der Ben Sahids mit seinem Leib zusammen zerschellen. Tief in ihrem Inneren regte sich dabei etwas, das verdächtig nach Genugtuung schmeckte. Nicht die überschwängliche Freude eines errungenen Sieges und nicht einmal Triumph. Eher die kalte Gewissheit, dass eine Rechnung beglichen worden war. Eine von vielen vielleicht, aber eine, die längst überfällig gewesen war.
Erst Devans letzten Worte ließen tatsächlich eine Regung durch ihre Züge huschen. Die Königin lebte. Und Safiyya hielt sie gefangen. Unmerklich spannten sich ihre Finger um die Schale in ihrem Schoß. Zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs veränderte sich etwas in ihrem Blick. Etwas Dunkles, Altes verdrängte das warme Nichts in den braunen Iriden: Hass. Weder laut, noch wild. Keine unkontrollierte Wut eines Kindes, das niemals Kind hatte sein dürfen. Es war der präzise, sorgsam konservierte Hass einer Frau, die nie vergessen hatte, was die Herrschaft der Ben Sahids ihrem Volk genommen hatte.
Yasirah. Ein Name, verbunden mit Hunger, Leid und Blut. Und nun befand sie sich ausgerechnet in Safiyyas Händen. Bei dem Gedanken daran regte sich neben dem Hass noch etwas anderes in ihr. Etwas, das sie weit seltener zuließ. Es war Stolz. Still, tief, beinahe ehrfürchtig. Safiyya hatte sie einst gesehen, als niemand sonst hingesehen hatte. Hatte einem verängstigten Mädchen einen Weg eröffnet, wo zuvor nur Sackgassen gewesen waren. Über Jahre hinweg war sie zu einer Gestalt geworden, zu der Zariyah aufgesehen hatte, selbst wenn sie es niemals laut ausgesprochen hatte.
Wenn jemand über die gefallene Königin richten durfte, dann sie. Lange schwieg sie. Lauschte dem Wind, der über die Dächer strich, den fernen Stimmen der Stadt, die bereits begonnen hatte, sich an eine Welt ohne Ridvan ben Sahid zu gewöhnen. Erst dann wandte sie den Kopf leicht in Devans Richtung. „Welches Schicksal haben die Amra für Yasirah vorgesehen?“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch hinter der Frage lag Gewicht.
Das genügte.
Langsam schlossen sich ihre Finger um einen weiteren Kern. „Möge der Sand ihre Spuren bewahren, bis die Sterne ihre Namen vergessen.“ Die Worte waren kaum mehr als ein leiser Atemzug. Kein Gebet, schon gar keine Bitte an höhere Mächte. Lediglich die Anerkennung eines Opfers, das sie verstand. Denn mehr blieb einem Assassinen selten zurück als ein Name, eine Tat und die Hoffnung, dass beides noch eine Weile überdauerte, nachdem die eigene Spur längst vom Wind verweht worden war. Für einen flüchtigen Moment dachte sie daran, wie schmal die Grenze gewesen war. Wie wenig gefehlt hatte und ihr eigener Name nun neben denen der tapferen Männer genannt worden wäre. Ein weiterer Körper unter den Dünen, eine weitere Geschichte. Ein weiterer Preis für ein Ziel, das größer gewesen war als jeder Einzelne von ihnen.
Seltsamerweise empfand sie dabei nichts. Die Leere in ihrem Inneren war inzwischen so selbstverständlich geworden wie ihr eigener Atem. Der Verlust, durch den ihr Körper vor zwei Tagen gegangen war, lag bereits weit hinter ihr. Verblasst. Er war klein geworden, fast bedeutungslos angesichts dessen, was sie erreicht hatten. Ein einzelnes, noch ungeborenes Leben gegen das Schicksal eines ganzen Königreichs. Die Rechnung war einfach, denn dies sollte ihr Opfer an das große Ganze gewesen sein. Sie hatte nie gelernt, anders zu denken. Als Devan schließlich die weitersprach, glitten ihre Gedanken unwillkürlich zurück zu jener Nacht.
Ridvan tot. Sein Thronfolger ebenfalls. Zwei verfluchte Namen, die noch vor wenigen Tagen wie ein Joch über einem ganzen Volk gestanden hatten und nun nur noch Erinnerungen waren. Ihr Blick hob sich wieder zum Horizont, wo die Sonne langsam hinter den Dächern Dharan al-Bahrs versank und den Himmel in blutrotes Gold tauchte. Sie erinnerte sich nur bruchstückhaft an die letzten Augenblicke im königlichen Gemach. An den Geschmack von Blut, an den gleißenden Schmerz in ihrer Flanke, die letzten Atemzüge des riesigen Silbergardisten. Und irgendwo dazwischen an den König, der auf den Balkon schwankte. Danach wurde alles undeutlich.
Doch die Geschichten hatten längst begonnen. Sie hatte sie gehört, in den Gassen, auf den Märkten. Geschichten über den irren König, der dem Tod entgegengetreten war wie der Feigling, der er gewesen war. Über seinen Sturz, über den Aufprall seines Körpers auf den Steinen weit unterhalb des Balkons. Legenden entstanden schnell in Dharan al-Bahr, meistens sogar schneller als die Wahrheit, doch dieses Mal störte sie das nicht. In ihren Gedanken sah sie ihn fallen, sah seine Knochen brechen. Sah die Dynastie der Ben Sahids mit seinem Leib zusammen zerschellen. Tief in ihrem Inneren regte sich dabei etwas, das verdächtig nach Genugtuung schmeckte. Nicht die überschwängliche Freude eines errungenen Sieges und nicht einmal Triumph. Eher die kalte Gewissheit, dass eine Rechnung beglichen worden war. Eine von vielen vielleicht, aber eine, die längst überfällig gewesen war.
Erst Devans letzten Worte ließen tatsächlich eine Regung durch ihre Züge huschen. Die Königin lebte. Und Safiyya hielt sie gefangen. Unmerklich spannten sich ihre Finger um die Schale in ihrem Schoß. Zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs veränderte sich etwas in ihrem Blick. Etwas Dunkles, Altes verdrängte das warme Nichts in den braunen Iriden: Hass. Weder laut, noch wild. Keine unkontrollierte Wut eines Kindes, das niemals Kind hatte sein dürfen. Es war der präzise, sorgsam konservierte Hass einer Frau, die nie vergessen hatte, was die Herrschaft der Ben Sahids ihrem Volk genommen hatte.
Yasirah. Ein Name, verbunden mit Hunger, Leid und Blut. Und nun befand sie sich ausgerechnet in Safiyyas Händen. Bei dem Gedanken daran regte sich neben dem Hass noch etwas anderes in ihr. Etwas, das sie weit seltener zuließ. Es war Stolz. Still, tief, beinahe ehrfürchtig. Safiyya hatte sie einst gesehen, als niemand sonst hingesehen hatte. Hatte einem verängstigten Mädchen einen Weg eröffnet, wo zuvor nur Sackgassen gewesen waren. Über Jahre hinweg war sie zu einer Gestalt geworden, zu der Zariyah aufgesehen hatte, selbst wenn sie es niemals laut ausgesprochen hatte.
Wenn jemand über die gefallene Königin richten durfte, dann sie. Lange schwieg sie. Lauschte dem Wind, der über die Dächer strich, den fernen Stimmen der Stadt, die bereits begonnen hatte, sich an eine Welt ohne Ridvan ben Sahid zu gewöhnen. Erst dann wandte sie den Kopf leicht in Devans Richtung. „Welches Schicksal haben die Amra für Yasirah vorgesehen?“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch hinter der Frage lag Gewicht.