21-07-2026, 15:29
Seine Antwort ließ sie unbefriedigt zurück. Nicht, weil sie sie für falsch hielt, sondern weil sie so sehr nach Devan klang. Sie kannte ihren alten Mentor lange genug, um zwischen seinen Worten zu lesen. Andere mochten darin Unwissenheit hören, vielleicht sogar Gleichgültigkeit, Zariyah hörte jedoch etwas ganz anderes: Geduld. Es war dieses beharrliche Warten auf den Augenblick, in dem eine Entscheidung nicht mehr erzwungen werden musste, sondern sich von selbst ergab. Er hatte sie genau so ausgebildet. Hatte ihr beigebracht, dass übereilte Handlungen selten Gleichgewicht schufen und dass selbst der Tod seinen richtigen Zeitpunkt besaß. Und dennoch regte sich ein leiser Anflug von Unzufriedenheit in ihr. Nicht mit ihm, vielmehr mit der Tatsache, dass Yasirah noch atmete.
Sie ließ den Blick wieder über die Dächer gleiten. Die letzten Reste des Sonnenlichts waren verschwunden und machten den ersten Sternen Platz. Für einen Augenblick fragte sie sich, ob irgendwo dort oben jene ruhten, die sie in den vergangenen Jahren selbst dorthin geschickt hatte. Ob Sameed bereits seinen Platz gefunden hatte. Ob Jamel schon dem Wind zwischen den ewigen Dünen lauschen durfte.
Der Gedanke war flüchtig, verwehte ebenso schnell, wie er gekommen war. Zu vieles verlangte ihre Aufmerksamkeit, als dass sie sich an einzelnen Schicksalen festhalten konnte. Das galt für die Gefallenen ebenso wie für das kleine Leben, das ihr eigener Körper vor zwei Tagen still losgelassen hatte. Es war fort, so endgültig wie jeder Mensch, dessen letzte Augenblicke sie selbst begleitet hatte. Die Wunde würde heilen, womöglich eine Narbe zurücklassen, vielleicht nicht einmal sichtbar. Und irgendwann würde selbst diese Erinnerung vom Sand verschluckt werden. So sollte es sein. So musste es sein.
Erst Devans Gegenfrage ließ etwas in ihr aufsteigen, das sie seit langer Zeit nicht mehr in dieser Intensität gespürt hatte. Es war keine Trauer, auch kein Schmerz. Es war Hass. Er kam langsam, beinahe lautlos, wie Feuer, das unter einer dicken Sandschicht verborgen gelegen hatte und nun doch einen Weg an die Oberfläche fand. Die vergangenen Tage dämpften ihn noch immer, hielten ihn davon ab, sich ungezügelt auszubreiten. Vielleicht war es die Erschöpfung, oder der Blutverlust. Vielleicht auch dieses Gefühl der Leere, die jede andere Regung zunächst verschluckte. Doch er war da. Schwelend. Schwarz. Ungewöhnlich lebendig.
Sie dachte an all die ausgemergelte Kinder in den Gassen Dharan al-Bahrs, die sich um ihre letzte Dattel mit fliegenden Fäusten zankten. An Frauen, die ihre letzten wertvollen Habseligkeiten gegen einen halben Sack Getreide eintauschten. An Männer, die ihre geschwächten Körper für einen Sold verkauften, der nicht einmal im Ansatz ihre Familien ernährte. An das Bordell, an die Straßen. An den Geruch von Hunger und Tod, den sie niemals vergessen würde.
Und über all dem hatten Ridvan und Yasirah geherrscht. Vielleicht hatte die Königin nie selbst ein Schwert geführt, hatte nie eigenhändig jemanden getötet, doch sie hatte zugesehen. Jahr um Jahr. Sie hatte den Wahnsinn ihres Ehemannes mitgetragen, hatte sich hinter Mauern aus Gold und Mauer verborgen, während draußen ein ganzes Volk langsam verhungerte. Während Kinder verkauft wurden, Menschen spurlos verschwanden. Tatenlosigkeit konnte ebenso grausam sein wie jede Klinge.
Zariyahs Finger schlossen sich unmerklich fester um die hölzerne Schale, bis das Material leise knackte. Als sie sprach, blieb ihre Stimme fast erschreckend ruhig. „Ich wünsche ihr keinen schnellen Tod.“ Sie nahm den Blick nicht vom Horizont. „Ich wünsche ihr, dass sie jedes einzelne Leid kennenlernt, das sie so viele Jahre übersehen hat.“ Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust. „Hunger. Angst. Hilflosigkeit.“ Die Worte kamen langsam und bedächtig. „Ich wünsche ihr, dass sie lange genug lebt, um zu begreifen, was sie ihrem Volk genommen hat.“
Erst jetzt drehte sie den Kopf ein kleines Stück in Devans Richtung. Nicht weit genug, um ihn anzusehen, aber weit genug, dass ihre Stimme ihn unmittelbar erreichte. „Und wenn sie dann endlich verstanden hat…“ Für einen kurzen Moment sah sie nicht mehr die Dächer Dharan al-Bahrs. Sie sah ihren Vater, seine fiebrigen Augen, roch den faulenden Gestank seines dahinsiechenden Leibes. Den Augenblick, in dem sie ihm das genommen hatte, was er anderen Zeit seines Lebens genommen hatte. Damals hatte sie geglaubt, Rache würde etwas heilen, heute wusste sie es besser. Und trotzdem: „…dann wünsche ich ihr einen langsamen Tod.“ Ein kaum wahrnehmbares Ausatmen löste die Spannung in ihren Schultern wieder. „Einen Tod, bei dem sie jede einzelne Sekunde erlebt.“ Ihre Finger lockerten sich wieder um die Schale. Der Hass verschwand nicht, aber sie drängte ihn zurück dorthin, wo er hingehörte. Tief unter den Sand, dort, wo auch sie selbst gelernt hatte zu leben. „Vielleicht“, sagte sie nach einem langen Moment der Stille leiser, „ist das der einzige Wunsch, den ich mir niemals abgewöhnen will.“
Sie ließ den Blick wieder über die Dächer gleiten. Die letzten Reste des Sonnenlichts waren verschwunden und machten den ersten Sternen Platz. Für einen Augenblick fragte sie sich, ob irgendwo dort oben jene ruhten, die sie in den vergangenen Jahren selbst dorthin geschickt hatte. Ob Sameed bereits seinen Platz gefunden hatte. Ob Jamel schon dem Wind zwischen den ewigen Dünen lauschen durfte.
Der Gedanke war flüchtig, verwehte ebenso schnell, wie er gekommen war. Zu vieles verlangte ihre Aufmerksamkeit, als dass sie sich an einzelnen Schicksalen festhalten konnte. Das galt für die Gefallenen ebenso wie für das kleine Leben, das ihr eigener Körper vor zwei Tagen still losgelassen hatte. Es war fort, so endgültig wie jeder Mensch, dessen letzte Augenblicke sie selbst begleitet hatte. Die Wunde würde heilen, womöglich eine Narbe zurücklassen, vielleicht nicht einmal sichtbar. Und irgendwann würde selbst diese Erinnerung vom Sand verschluckt werden. So sollte es sein. So musste es sein.
Erst Devans Gegenfrage ließ etwas in ihr aufsteigen, das sie seit langer Zeit nicht mehr in dieser Intensität gespürt hatte. Es war keine Trauer, auch kein Schmerz. Es war Hass. Er kam langsam, beinahe lautlos, wie Feuer, das unter einer dicken Sandschicht verborgen gelegen hatte und nun doch einen Weg an die Oberfläche fand. Die vergangenen Tage dämpften ihn noch immer, hielten ihn davon ab, sich ungezügelt auszubreiten. Vielleicht war es die Erschöpfung, oder der Blutverlust. Vielleicht auch dieses Gefühl der Leere, die jede andere Regung zunächst verschluckte. Doch er war da. Schwelend. Schwarz. Ungewöhnlich lebendig.
Sie dachte an all die ausgemergelte Kinder in den Gassen Dharan al-Bahrs, die sich um ihre letzte Dattel mit fliegenden Fäusten zankten. An Frauen, die ihre letzten wertvollen Habseligkeiten gegen einen halben Sack Getreide eintauschten. An Männer, die ihre geschwächten Körper für einen Sold verkauften, der nicht einmal im Ansatz ihre Familien ernährte. An das Bordell, an die Straßen. An den Geruch von Hunger und Tod, den sie niemals vergessen würde.
Und über all dem hatten Ridvan und Yasirah geherrscht. Vielleicht hatte die Königin nie selbst ein Schwert geführt, hatte nie eigenhändig jemanden getötet, doch sie hatte zugesehen. Jahr um Jahr. Sie hatte den Wahnsinn ihres Ehemannes mitgetragen, hatte sich hinter Mauern aus Gold und Mauer verborgen, während draußen ein ganzes Volk langsam verhungerte. Während Kinder verkauft wurden, Menschen spurlos verschwanden. Tatenlosigkeit konnte ebenso grausam sein wie jede Klinge.
Zariyahs Finger schlossen sich unmerklich fester um die hölzerne Schale, bis das Material leise knackte. Als sie sprach, blieb ihre Stimme fast erschreckend ruhig. „Ich wünsche ihr keinen schnellen Tod.“ Sie nahm den Blick nicht vom Horizont. „Ich wünsche ihr, dass sie jedes einzelne Leid kennenlernt, das sie so viele Jahre übersehen hat.“ Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust. „Hunger. Angst. Hilflosigkeit.“ Die Worte kamen langsam und bedächtig. „Ich wünsche ihr, dass sie lange genug lebt, um zu begreifen, was sie ihrem Volk genommen hat.“
Erst jetzt drehte sie den Kopf ein kleines Stück in Devans Richtung. Nicht weit genug, um ihn anzusehen, aber weit genug, dass ihre Stimme ihn unmittelbar erreichte. „Und wenn sie dann endlich verstanden hat…“ Für einen kurzen Moment sah sie nicht mehr die Dächer Dharan al-Bahrs. Sie sah ihren Vater, seine fiebrigen Augen, roch den faulenden Gestank seines dahinsiechenden Leibes. Den Augenblick, in dem sie ihm das genommen hatte, was er anderen Zeit seines Lebens genommen hatte. Damals hatte sie geglaubt, Rache würde etwas heilen, heute wusste sie es besser. Und trotzdem: „…dann wünsche ich ihr einen langsamen Tod.“ Ein kaum wahrnehmbares Ausatmen löste die Spannung in ihren Schultern wieder. „Einen Tod, bei dem sie jede einzelne Sekunde erlebt.“ Ihre Finger lockerten sich wieder um die Schale. Der Hass verschwand nicht, aber sie drängte ihn zurück dorthin, wo er hingehörte. Tief unter den Sand, dort, wo auch sie selbst gelernt hatte zu leben. „Vielleicht“, sagte sie nach einem langen Moment der Stille leiser, „ist das der einzige Wunsch, den ich mir niemals abgewöhnen will.“