23-03-2024, 10:20 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 04-07-2024, 16:28 von Ivar Lorenson.)
Nett hier
Aber warst du schonmal im Lager unten?

Namenlos zu sein hatte aber auch seine Vorteile; zum Beispiel konnte niemand ihm den Mann mit der gebrochenen Nase anhängen, der jetzt um seinen Beutel hart erarbeiteter Münzen erleichtert war. Was man Ivar antat, das tat er halt einem anderen an; war ja nicht sein Bier, wer unter ihm am anderen Ende der Nahrungskette verzweifelte. Es war auch das Mindeste, was seine Laune an diesem Tag um einen Millimeter hob, denn mit dem Beutel, der in regelmäßigen Abständen in die Luft flog und wieder in seiner Hand landete, bahnte er sich einen Weg durch die provisorischen Zelte mit einem Ziel im Auge. Ungestört pfiff er eine Melodie durch seine Zähne, die er irgendwo auf der anderen Seite des Lagers aufgeschnappt hatte, während die Sonne die braunen Planen langsam in rötliches Licht tauchte. Selbst ohne Schwerter auf dem Rücken machte kein Mensch Anstalten, sich ihm zu nähern, und das war auch gut so. Auch als Namenloser ging ihm mittlerweile innerhalb des Lagers ein Ruf voraus, der schon die ein oder anderen blutigen Knöchel zur Folge gehabt hatte. Wer ihn herausforderte, merkte schnell, dass er nicht mit fairen Mitteln spielte und dafür sorgen würde, dass man die eigenen Narben zur Schau stellen konnte, noch bevor der Krieg überhaupt erst begonnen hatte.
Nicht ganz so frische Narben glänzten auch auf dem nackten Rücken des Söldners, als er den Stoff zum Eingang eines der vielen Zelte zur Seite schob und ohne zu fragen einfach eintrat. Sicher war es nicht sein Zelt, so einen Luxus erlaubte man der namenlosen Masse nicht. Seinem Geschmack nach hing auch zu viel Rauch in der Luft von den Räucherstäbchen, die vielleicht irgendeine Art von Entspannung verbreiten oder doch zumindest den Gestank von Exkrementen verdecken sollte, aber deren Gebrauch hatte er ja noch nie wirklich verstanden. Fast augenblicklich rümpfte er seine Nase, als wäre er nicht gerade eben an Pferde- und Menschenkot vorbeigelaufen. „Nett hier, aber warst du schonmal im Lager unten?“ Sein Blick galt nicht der Gestalt, deren Privatsphäre er soeben mir nichts, dir nichts störte, sondern wanderte über die Inneneinrichtung des Zeltes. „Gar nicht so schlecht für eine Hure, die 40 Kupfer pro Stunde verdient.“ Vor dem Verwechslungsvorfall hätte Ivar zehn von ihrem Kaliber gleichzeitig bezahlen können, jetzt musste er leider zugeben, dass er ein bisschen knapp bei Kasse war. Das schien ihn aber zumindest heute nicht zu stören, so, wie er den Beutel schon wieder in die Luft schmiss und die Münzen klimpern ließ. In aller Seelenruhe schlenderte er vom Eingang in Richtung einer kleinen Truhe und ließ sich auf deren Kante fallen, die Beine ausgestreckt und die Knöchel übereinander geschlagen. Endlich schenkte er auch Rana Beachtung. Es machte ihm Spaß, sie anzusehen. Sie hatte immer irgendetwas Wütendes, Trotziges im Blick, wenn sie sich mit ihm abgab, ein bisschen wie ein Kind, dem man ein Spielzeug weggenommen hatte. Ob Khaled ihr Spielzeug war? Er ließ auf jeden Fall herrlich mit sich spielen und manchmal fragte Ivar sich, ob er nicht doch besser als Hund geboren wäre, um mit seinem Schwanz zu wedeln, wann immer Rana ihm ihre Aufmerksamkeit schenkte. Und wie amüsant Khaleds Gesichtsausdruck erst sein musste, wenn er erfuhr, dass Ivar ihr einen Besuch abgestattet hatte. Einen ganz persönlichen Besuch.
