Cruel is the night that covers up your fears
Tender is the one
That wipes away your tears

Die Bürste glitt durch das lange Haar der jungen Frau, während sie sich im Spiegel begutachtete. Vermutlich verbrachte sie schockierend viel Zeit damit sich selbst zu betrachten, ihre Kleider heraus zu suchen und sich etwas rotes Pulver auf die Wangen zu tätscheln. Bevor nicht alles perfekt aussah würed Muirín Henaghen nicht das Anwesen ihrer Familie verlassen, so viel stand fest. Manchmal tauschte sie ihre Kleider sogar mehrmals am Tag, je nach Laune. Ihre Zofe ließ sich nichts anmerken, doch auch wenn die Rothaarige vielleicht nicht mit der Intelligenz einer Gelehrten gesegnet worden ist, so war sie trotzdem eine aufmerksame Beobachterin. Einen tiefen Atemzug hier und einen Seufzer da waren die kleinen Zeichen, die auf ein anstrengendes Leben der Frau hindeuteten, deren einzige Aufgabe es war Muirín unter die Arme zu greifen. Dass die Rothaarige keinen Deut an Mitleid empfand überraschte sie selbst nicht, schließlich war das eben der Lauf der Dinge. Oder? Ehrlich gesagt hatte sie sich da bisher noch gar nicht allzu viele Gedanken drüber gemacht. Oft wurde sie ablenkt - entweder von ihrem eigenen Spiegelbild oder von irgendetwas anderem. Einem Vogel zum Beispiel. Oder einem Schmetterling. Wobei sich nur wenige Tiere bis in die Gebirgsstadt verirrten, denn hier wuchsen nicht besonders viele Pflanzen oder Bäume. Der hohe Salzanteil im Boden und die viele Gesteinsformationen machten es der Flora nicht besonders einfach zu gedeihen.
So schnell war die Zofe mit ihrem vermeintlich anstrengenden Leben schon wieder vergessen.
Mit einem Lächeln auf den Lippen wendete sie sich nun endlich ihrem Spiegelbild ab, strich sich die nicht vorhandenen Falten aus dem Kleid und verließ ihr Gemach. Es war erst mittags, die Sonne stand hoch am Himmel und schien erbarmungslos auf das Anwesen. Es war sehr warm und stickig, weshalb sie sich dazu entschied ins Freie zu gehen. Vielleicht würde sie eine Runde durch das Gelände drehen. Ein Spaziergang wäre jetzt genau das richtige. Außerdem zeugten die weit entfernten Stimmen davon, dass die heißen Quellen jetzt schon einige Besucher hatten. Vielleicht war da ja jemand dabei, dem sie heute Abend, wenn die Sonne längst hinter dem Horizont verschwunden war, 'zufällig' über den Weg laufen konnte.
Schon völlig in Gedanken vertieft streifte sie wie eine Raubkatze durch das Haus und bemerkte dabei gar nicht, dass sie wider Erwarten Gesellschaft hatte.