30-03-2024, 21:01 - Wörter:

Allerdings konnte Orpheus sich nicht ewig vor dem Unvermeidlichen verstecken und so stand sich das zukünftige Ehepaar schließlich doch gegenüber und unterhielt sich über so unschuldige Dinge wie Stoffe und Blumengestecke. Und zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass sie überrascht war über seine Antwort. In den wenigen Augenblicken, die sie miteinander verbracht hatten, schien sie jederzeit die absolute Kontrolle über alles zu behalten. Nun wirkte sie zumindest für einige Minuten so, als hätte sie mit dieser Antwort nicht unbedingt gerechnet. Ob das jetzt gut oder schlecht war, konnte Orpheus allerdings aus ihrer Reaktion nicht unbedingt herauslesen.
Nur kurz währte die Überraschung, dann schien die Prinzessin wieder Herrin der Lage zu sein, plauderte über die diversen Blumen und umrundete dabei den Tisch mit den Gestecken, um ihm gegenüber zum Stehen zu kommen. Aus ihren Worten wurde Orpheus nicht so richtig schlau, hatte er doch gedacht, sie hätte ihn rufen lassen, damit er eine Entscheidung traf. Doch Jasmin schien nicht die richtige Antwort gewesen zu sein. Er wollte eben einen weiteren Vorschlag machen, und zwar, dass man die Drillingsblumen seiner Heimat und den Jasmin aus Nailas Heimat zusammen in ein Gesteck fassen könnte, um beiden Familien gerecht zu werden, als die Prinzessin ein weiteres Gesteck in die Hände nahm.
Die Überraschung war nun auf seiner Seite, als Naila seine Reisen ins Herbstland ansprach. Geschickt erwähnte sie die farbenprächtige Flora auf den Hügeln von Kenmara, so als wäre sie selbst dabei gewesen. Und die Prinzessin schaffte es tatsächlich damit, den zurückhaltenden Orpheus aus seiner Reserve zu locken. Die grün-braunen Augen des jungen Prinzen begannen zu leuchten, als Naila ihm das Blumengesteck hinhielt. Versonnen fuhr er mit den Fingerspitzen leicht über die zarten Blüten.
„Oh ja, die Gegend ist wirklich außergewöhnlich. Die Farbenpracht dieser Hügel und Täler haben mein Herz auf eine ungewohnte Art und Weise berührt. Wie gerne hätte ich sie eingefangen und mit nach Hause genommen. Die Wiesen sind von einem so faszinierenden Grün, als hätte die Natur selbst mit einem Pinsel nachgeholfen. Und die Blumen leuchten in den warmen Herbstfarben wie flackernde Kerzen in der Dämmerung."
Fast hatte Orpheus vergessen, wo er sich befand und wer ihm zuhörte, so sehr verlor er sich in seinen Erinnerungen an die faszinierenden Landschaften des Herbstlandes. Hier sprach der Künstler aus ihm, der Dichter, der Feingeist, welcher einen Blick für die Schönheit der Welt hatte, und der lieber eine Staffelei auspackte, um grüne Hügel auf einem Gemälde oder in blumigen Zeilen auf einem Stück Papier einzufangen, als seine Zeit mit Wein und Weib zu vertreiben. Verträumt hatte er die Fuchsien angesehen, als wäre er tatsächlich wieder in Kenmara. „Es ist, als würde die Natur selbst eine Symphonie aus Farben und Düften komponieren, die die Sinne belebt und das Herz zum Singen bringt."
Der junge Prinz räusperte sich verlegen, als ihm gewahr wurde, dass er immer noch in einem überfüllten Saal stand, im Angesicht seiner zukünftigen Braut und ihren Begleiterinnen, die ihre Ohren zu spitzen schienen, kaum dass Orpheus angefangen hatte zu sprechen. Er spürte ihren Blick auf sich, ihn neugierig musternd, und er wusste nicht, ob er sich zum Narren machte oder nicht. Wahrscheinlich tuschelten sie hinter seinem Rücken über ihn, wie seltsam er doch war.
„Verzeiht, Prinzessin. Ich wollte euch nicht langweilen.“ Dunkle Locken fielen ihm ins Gesicht und verdeckten seine Augen, als Orpheus sich wieder den Gestecken widmete. Dann deutete er auf die von Naila angesprochenen Drillingsblumen und das Gesteck mit dem Jasmin. „Ihr habt natürlich vollkommen recht, es ist angemessen, unsere Familien zu ehren, indem wir den Saal mit den Blumen aus unseren beiden Heimaten schmücken. Somit würde ich eine Kombination aus Drillingsblumen und Jasmin vorschlagen, welche die Verbindung unserer Familien symbolisiert.“ Ohne Naila direkt anzusehen, wartete er auf ihre Erwiderung.
