01-04-2024, 17:16 - Wörter:
I'm shy. Until you get to know me.
Leif Stelhammer würde gern die alte Familie seiner Ehefrau näher kennenlernen. Dazu zählt natürlich auch Lester, doch dieser geht dem eigentlich eindrucksvollem Mann bisher nur schüchtern aus dem Weg. Nun hat Freda das Zepter für ihren zurückhaltenden Sohn einfach selbst in die Hand genommen und eine Verabredung zwischen den beiden Kronprinzen organisiert, denn eigentlich kann Lester gerade sogar einen starken Mann für die Überraschung seines Papas (Spoilerwarnung an Charles) gut brauchen. Sonderlich erfreut ist der Zehnjährige aber dennoch nicht.

Genau dort saß mittlerweile auch der Grund, aus dem Lester es heute gar nicht mal leichtgefallen war, zu entspannen, sich hinzulegen oder sogar etwas zu schlafen. Am Ende hatte Freda es zwar geschafft, dass Lester etwas die Augen schließen konnte, aber die Gedanken über die Zeit nach der Mittagsruhe waren gefühlt dennoch vorherrschend gewesen. Ganz anders ging es dabei dem kleinen Edgar, der all das, worauf Lester bei dem Besuch aus Norsteading mit Vorsicht und Schüchternheit reagierte, bloß abenteuerlich und spannend fand, was diesen mit seinem Auftreten für den Fünfjährigen als den perfekten Spielpartner erscheinen ließ. Zwar sollte der kleine Mann sich auch ausruhen, doch war das einfach nicht mehr länger möglich gewesen, so sehr gespannt war er auf den Riesen aus dem Norden gewesen.
So kam es auch, dass Edgar es gar nicht mitbekommen hatte, wie Lester zunächst still in der Tür gestanden und die beiden beobachtet hatte. Und er hatte auch nicht bemerkt, wie sein geliebter großer Vetter mittlerweile schon vorsichtig den eigentlich vertrauten Raum durchquert und dicht neben Freda auf dem königlichen Sofa platzgenommen hatte, nachdem er von seiner Mutter bestärkend herein gewunken wurde.
Ruhig dasitzend sah Lester den beiden noch etwas zu und begann sich tatsächlich gerade langsam wohler zu fühlen, denn gemeinsam mit seiner Mama, die sanft ihren Arm auf seine Hände gelegt hatte, fühlte man sich auf dem großen Möbelstück noch ein Stückchen weiter weg vom Geschehen, als man eigentlich war. Freda durfte auch sehr gern noch bleiben, denn sie hatte Schuld an dieser Situation. Schon beim Mittagessen hatte Lester kein Wort gegenüber dem Hünen herausbringen wollen. Er war eigentlich ein sehr gemütlicher Esser, doch hatte er heute so gegessen, dass jedes Mal, wenn er Gefahr lief, angesprochen zu werden, natürlich nur ganz zufällig, gerade kauen musste. Dabei wusste Freda, dass ihr Sohn eigentlich Interesse an dem Besucher hatte und es außerdem eine gute Möglichkeit für ihn war, aus seinem Schneckenhaus herauszukommen. Gut, dass Lester genau jetzt jemanden mit so einem Körper brauchen konnte. Also machte sie einfach unter diesem Vorwand die Verabredung für Lester, der dafür übrigens in diesem Moment nur wenig dankbar war, selbst aus.
So richtig, konnte der Kronprinz es noch nicht nachvollziehen, wie Edgar es schaffte, so ausgelassen zu kichern und zu lachen, doch hatte er dafür zumindest eine Theorie: Wie er an sich selbst und umso besser bei Erwachsenen feststellen konnte, waren Größenwuchs und Alter keineswegs Proportional. Was aber scheinbar im gleichen Verhältnis anstieg, das war die Größe und Breite eines Mannes, sowie dessen Tendenz zu barbarischem Aussehen, gemeinsam mit der Neigung, sich auch tatsächlich barbarisch zu verhalten und dies auch von seinem Gegenüber so zu erwarten. Die einzige Ausnahme hiervon waren anscheinend Personen, die von jenen als besonders Schützenswert angesehen wurden, also größtenteils Frauen und Kinder, um diese sie sich dann sogar besonders fürsorglich kümmern wollten. Unter diese beiden Kategorien fielen hier Freda, Edgar und schlussendlich auch Lester. Soweit war das gut, aber es gab dabei ein Problem, das ihm zugleich half, die Freude seines Neffen nachzuvollziehen: Seine Theorie beinhaltete des Weiteren, dass die Grenze zwischen dem, was als Schützenwert galt – und was eben wiederum nicht, sich bei Jungen als sehr diffizil herausgestellt hatte und er nicht einschätzen konnte, wie der Hüne, der in diesem Moment noch fürsorglich zu seinem Vetter war, diese Grenze bei ihm selbst zog. Aber ein Barbar war Lester sicher nicht.
In einem seiner Bücher würde es wohl so stehen: „Das barbarische Erscheinungsbild eines Mannes ist genau dann annährend proportional zu dessen barbarischem Auftreten und seiner Erwartungshaltung auf Erwiderung eben dieser Eigenschaften, wenn das Gegenüber nicht als besonders Schützenswert, also im Allgemeinen Frauen und Kinder, wobei die Grenze bei Knaben als ungewiss zu betrachten ist, gilt.“
Viel länger als den Moment, den er brauchte, um sich dieses kurze Theorem und seine damit verbundene Einstellung zu seinem Gast noch einmal vor Augen zu führen, hatte er dann jedoch gar nicht Zeit, um weiter aus sicherer Ferne die Situation zu beobachten. „Lester!“, freute sich Edgar, als er seinen Vetter erblickte und gesellte sich zu deisem, während Freda ihrem Sohn im Zuge dessen ruhigen Beobachtungen gerade seine Handschuhe, die ihn davon abhielten, sich seine empfindsame Haut, die noch immer etwas darunter litt, dass die letzten Wochen anstrengend waren, immer aufs neue aufzukratzen, auszog.
Da war er nun: Leif Stelhammer, der Kronprinz des verbündeten Königreichs Norsteading. Überrascht von der plötzlichen Aufmerksamkeit seines Vetters und Schüchtern von dem Anblick des gewaltigen Mannes vor ihm, sah Lester nun nach einem sich bei Freda rückversichernden Blick zu seiner Verabredung.
