06-04-2024, 05:12 - Wörter:
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 01-09-2025, 15:47 von Naila Castellanos.)
Pick your Poison
Scorpion or Snake?

Selbst wenn die Häuser wieder als Häuser identifizierbar waren, dort, wo man die Straßen leergeräumt und die Stoffe wieder aufgehängt hatte, wo Wäsche aus den Fenstern hing und man sogar wieder angefangen hatte, die Gärten zu pflegen – selbst dort trug das Viertel nur eine Maske, um die innere Zerstörung zu verbergen. Es gab keine Marktschreier auf dem sonnigen, kahlen Platz um den Brunnen herum, hatte man in der Not doch alle Mühen darauf fokussiert, mehr Wasser zutage zu fördern. Männer in ihren Tunika blickten hier verstohlen, als würde ihnen doch jemand die Sicherheit des Reichtums nehmen und sie genauso auf ein Schiff in ein fremdes Land zwingen. Selten gab es hier einen Grund, das Haus zu verlassen, wenn doch an jeder Ecke ein verzweifelter Dieb lauern konnte, der alles dafür in Kauf nehmen würde, auch nur einen Laib trockenes Brot unter sich und den Straßenkindern aufzuteilen. Die Kunst darin war, sich das Leid mit ihnen zu teilen. In seinem Blick Verständnis auszudrücken und Wissen zu vermitteln, so wie sie wussten, dass man einer von ihnen war. Jemand, der genau wie sie auf der Straße gesessen und gehungert hatte. Jemand, der überlebt hatte. Jemand, der nun einen Namen trug, der nur von Schatten gesprochen werden konnte. Ein Amra zu sein bedeutete, die Sprache des Volkes zu sprechen, selbst, wenn man teure Gewänder trug.
Es bedeutete auch, seinen Blick vom Leid auf den Straßen abzuwenden und sich auf den Weg zu fokussieren, der vor einem lag. Devan beschritt seinen Weg mit dem breiten, sicheren Gang eines Reichen, seine Tunika in einem schlichten, aber edlen Rot gehalten, sein Bart gepflegt, die obere Hälfte der Haare glatt zurückgebunden, während die andere Hälfte auf seine Schulter fiel. Von der schwangeren Frau, die mit ihrem Kind an der Hand die Straße überquerte, erntete er keinen zweiten Blick, so mühelos schien er sich in das Bild dieses Viertels einzufügen. Das war gut so. Er wollte nicht auffallen. Sein Vorhaben sollte nicht auffallen. Es sollte normal sein, einen alten Bekannten zu besuchen und mit ihm bei Tee und Brot den frühen Abend zu verbringen. Es war auch normal, dass Devan an der Tür klopfte und lächelte, wie man einen Freund anlächelte, sobald man ihm aufmachte. „Hallo, Ilyas. Schön, dich unter den Lebenden zu sehen.“
