10-04-2024, 05:34 - Wörter:

Doch es waren seine Worte, die sie fingen. Hatte ihre Aufmerksamkeit sich ohnehin schon auf Orpheus zugespitzt, um die wenigen Minuten auszukosten und zu nutzen, die er ihr schenkte, ließ sie sich schnell von der beschriebenen Farbenpracht mitziehen. Naila selbst hatte Farynn einmal aus diplomatischen Zwecken bereist vor Jahren, als ihr Vater die Palastmauern noch verlassen und ausländische Beziehungen gepflegt hatte. Als seine Begleitung hatte man sie freundlich in Bellport empfangen und sie durch die Gärten geführt, deren Wiesen aufgrund des hiesigen Regens mit einem satten Grün bespickt gewesen waren. Aber es war nie in ihrem Bereich des Möglichen gewesen, die Ländereien außerhalb der Stadt zu bewundern und sich mit den Farben zu umgeben, die Orpheus so lebendig beschrieb. Die Prinzessin hatte nicht das Gefühl, er bauschte die Erinnerungen für sie auf, damit sie es einfacher hatte, sich in die Hügel Kenmaras hineinzudenken. Es kam von innen heraus, die Worte aus seinem Herzen gesprochen, fast als waren sie nur für seine Ohren bestimmt. Orpheus war ein Dichter. Er sprach das, was er fühlte, wenn man ihn ließ, verpackt in Worte, die Bilder schaffen konnten wie der Pinselstrich eines Künstlers auf einer unbefleckten Leinwand. Naila musste sich nicht einmal Mühe geben, ihm zuzuhören, sie tat es ganz automatisch und erwischte sich erst dabei, dass sie starrte, da war es auch schon vorbei.
Bei Heofader, sie hatte gestarrt. Beinahe synchron zu ihrem Gegenüber senkte sich rasch der Blick der Prinzessin, die Lippen fast einen Deut zu streng aufeinander gepresst, ehe sie sich selbst zu einem schmalen Lächeln überzeugte. Hier fasste wieder das Spiel mit all seinen Regeln, das sie zu spielen perfektioniert hatte. „Ich bitte Euch, die Langeweile liegt mir nicht ferner“, konterte sie gleich mit sanfter Bestimmtheit. Es war nicht einmal eine Floskel. So, wie Orpheus eben aus seinem Herzen gesprochen hatte, fiel es ihr leicht, in Wahrheit zu sprechen.
Nailas Blick folgte den Worten hin zu den Drillingsblumen und ihr Lächeln vertiefte sich. „Eine hervorragende Idee, Eure Majestät. Mir ist ein ähnliches Arrangement in den Sinn gekommen, zusammen mit den Stoffen für Tische und Vorhänge. Neben der Bedeutung für unsere Familien stimmen die Farben sich auch gut auf den Fliederstoff ab.“ Naila gestikulierte zurück zu ihrer Rechten, Orpheus Linken, wo die Stoffe aufgebahrt lagen. Sie war keine Künstlerin, so wie er, hatte sich aber beraten lassen und war zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Es war nur eine kleine Entscheidung, mit der sich ein Prinz sicher nicht unbedingt befassen wollte, aber es stimmte sie zufrieden, dass er sich dennoch auf ihre Ausführungen einließ und sich mit so weibischer Thematik auseinandersetzte. Es stimmte sie gütig. Sie würde ihn gehen lassen. „Ich danke Euch für Eure Meinung und für die Zeit, die ihr Euch genommen habt. Eure Beschreibung von Kenmara war so lebhaft, ich wäre gerne einmal dort gewesen, um diese Schönheit mit eigenen Augen zu sehen“, antwortete sie ehrlich und warm. Verdrängt, aber nicht vergessen war das Kribbeln in ihren Fingern, das darauf pochte, dem Prinzen die Locken aus der Stirn zu streichen. „Wenn Ihr ein wenig Zeit erübrigen könntet, würde ich mich sehr darüber freuen, mehr von Euren Geschichten zu hören. So kann ich mir meine eigenen Pinselstriche zu Kenmara erdenken.“ Oder zumindest einen Bruchteil von dem verstehen, was Orpheus ausmachte. Titel und Rang waren nicht alles, was den Prinzen stellte, und Naila hatte das schon gewusst, bevor sie um seine Anwesenheit gebeten hatte. Es war hingegen der Drang, in ihm nicht mehr nur den Prinzen zu sehen, den sie heiraten würde, der sie vorantrieb und mit solchen Angeboten gleichzeitig auch eine Bitte stellte. Irgendwie musste sie die Mauer zwischen ihnen brechen, wenn sie denn wollte, dass ihre Verbindung Früchte trug – nicht nur zu Gunsten ihrer beider Zukunft, sondern auch für ihre Familie.
