13-04-2024, 20:51 - Wörter:
Wozu setzte man eigentlich Kinder in die Welt? Nun, Alastair war sich des menschlichen Grundinstinktes, mithilfe der Reproduktion das Bestehen der eigenen Spezies zu gewährleisten, durchaus bewusst – wenn auch nicht in diesem Ausmaß und bei weitem nicht in dieser Formulierung. Kinder boten Sicherheit, zumindest in der Theorie. Eine Garantie dafür, dass die eigene Sippe wenigstens zwanzig weitere Jahre Bestand hatte, bevor die Nachfolgerschaft sich die metaphorische Kugel gab. Oder den Armbrustbolzen. Dass der geistige Verfall seiner Kinder allerdings schon so früh aus der Deckung des Alters kroch…
Er hielt sie bei weitem nicht für inkompetent. Jedenfalls nicht vollständig. Oh, jedes von ihnen hatte seine Talente, auch wenn Alastair die meisten davon beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Ging es allerdings um die wichtigen Dinge im Leben – und hier sollte erwähnt werden, dass der Fielding unter wichtig anderes verstand, als die meisten Leute – , so blieben seine Kinder nach wie vor eine Enttäuschung. Wenigstens plagte keines von ihnen eine missgebildete Gestalt – zukünftige, politisch womöglich günstige Partien wurden also wenigstens nicht gleich beim ersten Anblick in die Flucht geschlagen. Naja. Auch ein blindes Huhn fand bekanntlich mal ein Korn.
Nun war es sicherlich nicht so, dass Alastair für seine Kinder ein geringes Maß an Liebe empfand. Ihr Stand und Status verlangten nun mal keine übermäßige Zurschaustellung väterlicher Zuneigung. Immerhin, konnte der Fielding sich doch kaum an das letzte freundliche Wort erinnern, das sein Vater je an ihn gerichtet hatte.
Sein Vater. Der alte Mann gab im Alter ein wirklich klägliches Bild ab. Spätestens, als auch die letzte Schaufel Erde auf den Sarg des Patriarchen prasselte, hatte Alastair sich geschworen, nie so zu enden, wie sein Erzeuger. Eher rammte er sich eigenhändig ein Schwert in die Brust und erklärte Joshua zum Alleinerben.
Apropos Schwerter. Für den heutigen Abend war nicht ohne Grund eine Unterredung mit dem schwertschwingenden Exemplar seiner Sprösslingsschaft angedacht. Jasper hatte während der Belagerung seine Pflicht erfüllt. Die Pflicht eines Ritters. Nun war es an der Zeit, die Pflicht eines Sohnes zu priorisieren. Jede Mutter zahlte einen Blutzoll, um ein Kind in die Welt zu bringen – Emmas Einverständnis, sich dieser Tortur gleich fünf Mal zu unterziehen, erlangte nicht nur den Respekt, sondern auch die tiefe Anerkennung ihres Ehemannes. Nun labte sich kaum noch eine Made an den Überresten der einstigen Kaufmannstochter. Emma gehörte in die Vergangenheit. Emma war die Vergangenheit. Die ausstehende Rückzahlung des Zolls fiel nun in Alastairs Zuständigkeitsbereich. Und es war an der Zeit, dass er seine Kinder daran erinnerte.
In der Theorie war Alastair ein genügsamer Mann. Trotz den durchaus komfortablen Umständen seiner Kindheit und der noch weitaus komfortableren Jahre, die darauf folgten, hielt der Fielding den Protz und Prunk adliger Standesvertreter größtenteils für überflüssig. Natürlich, Alastair kleidete sich bei weitem nicht in Lumpen und auch Speis und Trank waren nicht von zweiter Klasse – aber es ging hierbei um Dinge, die Nutzen hatten. Wenn er in etwas in keiner Weise Nutzen sah, fand es keinen Platz in seinem Haus. Alastair gedachte, seinem Sohn unlängst dieser Tatsache bewusst zu machen.
Für das gemeinsame Essen hatte er die restlichen Familienmitglieder in den westlichen Teil der Burg verfrachtet – weit genug weg, damit Jasper keinem von ihnen auf seinem Weg zum Speisesaal begegnen würde. Denn Alastair, so sehr er sich auch um väterlichen Respekt bemühte, bezweifelte bis zu einem gewissen Grad, dass sein ältester Sohn tatsächlich zu einem Essen unter vier Augen erschien, wenn Alastair die Abwesenheit von fünf weiteren Augenpaaren im Voraus erwähnte. Man konnte nie vorsichtig genug sein. Und überhaupt, das hier war ein Gespräch unter Männern. So sehr er sich bemühen mochte, Jaspers jüngeren Bruder konnte man bei weitem noch nicht dieser Kategorie zuordnen.
Vor dem Essen hatte Alastair für einen Moment seine neue Garderobe bewundert, sich dann jedoch daran erinnert, mit wem er eigentlich speisen würde. Er hatte Jaspers verschrumpeltem Gesicht dabei zugesehen, wie es Rotz und Galle spuckte. Er hatte dabei zugesehen, wie kindliche Frustration es in eine verzerrte Fratze der Wut verwandelte. Alastair sinnierte eine Zeit lang über die elterliche Überlegenheit in ebenjenen Situationen und entschied sich dann für eine seiner älteren Roben. Es war ein Abendessen mit seinem Sohn. Kein Bankett des Königs.
Dementsprechend mau fiel auch die Auswahl an aufgetischten Speisen aus – wenngleich ein Bettler bei Alastairs Definition von mau vermutlich in Tränen ausgebrochen wäre. Gemüse, ein Schwein, etwas Suppe und anschließend ein kleines Dessert, auf dessen exquisite Honigfüllung Alastair sich ganz besonders freute. Kurzum: der Abend würde zumindest in einer Sache nicht in einer Katastrophe enden. Man(n) war immerhin nun Fürst. Man(n) konnte sich gute Köche leisten.
Jasper ließ auf sich warten. Während Alastair bereits in Betracht zog, die – ebenfalls mit Honig glasierten – Kartoffeln ganz für sich zu beanspruchen, wurde schließlich die Tür des Speisesaals aufgeschoben und offenbarte eine Gestalt, an deren Anblick der Fielding sich immer noch nicht gewöhnen konnte. Jasper war so… groß. Grün hinter den Ohren, den Kopf voll mit Irrsinn, aber er war groß. Älter. Erwachsener.
Ein Räuspern brachte Alastairs Gedanken zu einem Stillstand, bevor der Fürst in einer fließenden Handbewegung auf einen Platz an der Tafel wies. „Bitte, setz dich.“ Die Mundwinkel des Fieldings hoben sich, was einzig von seinem Bart verborgen wurde, als er hinzufügte: „Und heute sind wir unter uns. Es gibt Wichtiges zu besprechen. Wichtiges, das ich nur ungern in dem weibischen Gezänk deiner Schwestern untergehen lassen würde.“ War nur die halbe Wahrheit, aber vorerst begnügte Alastair sich mit dieser Erklärung. „Also.“ Er griff nach einer Traube. „Wie gefällt es dir in unserem neuen Domizil?“
Er hielt sie bei weitem nicht für inkompetent. Jedenfalls nicht vollständig. Oh, jedes von ihnen hatte seine Talente, auch wenn Alastair die meisten davon beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte. Ging es allerdings um die wichtigen Dinge im Leben – und hier sollte erwähnt werden, dass der Fielding unter wichtig anderes verstand, als die meisten Leute – , so blieben seine Kinder nach wie vor eine Enttäuschung. Wenigstens plagte keines von ihnen eine missgebildete Gestalt – zukünftige, politisch womöglich günstige Partien wurden also wenigstens nicht gleich beim ersten Anblick in die Flucht geschlagen. Naja. Auch ein blindes Huhn fand bekanntlich mal ein Korn.
Nun war es sicherlich nicht so, dass Alastair für seine Kinder ein geringes Maß an Liebe empfand. Ihr Stand und Status verlangten nun mal keine übermäßige Zurschaustellung väterlicher Zuneigung. Immerhin, konnte der Fielding sich doch kaum an das letzte freundliche Wort erinnern, das sein Vater je an ihn gerichtet hatte.
Sein Vater. Der alte Mann gab im Alter ein wirklich klägliches Bild ab. Spätestens, als auch die letzte Schaufel Erde auf den Sarg des Patriarchen prasselte, hatte Alastair sich geschworen, nie so zu enden, wie sein Erzeuger. Eher rammte er sich eigenhändig ein Schwert in die Brust und erklärte Joshua zum Alleinerben.
Apropos Schwerter. Für den heutigen Abend war nicht ohne Grund eine Unterredung mit dem schwertschwingenden Exemplar seiner Sprösslingsschaft angedacht. Jasper hatte während der Belagerung seine Pflicht erfüllt. Die Pflicht eines Ritters. Nun war es an der Zeit, die Pflicht eines Sohnes zu priorisieren. Jede Mutter zahlte einen Blutzoll, um ein Kind in die Welt zu bringen – Emmas Einverständnis, sich dieser Tortur gleich fünf Mal zu unterziehen, erlangte nicht nur den Respekt, sondern auch die tiefe Anerkennung ihres Ehemannes. Nun labte sich kaum noch eine Made an den Überresten der einstigen Kaufmannstochter. Emma gehörte in die Vergangenheit. Emma war die Vergangenheit. Die ausstehende Rückzahlung des Zolls fiel nun in Alastairs Zuständigkeitsbereich. Und es war an der Zeit, dass er seine Kinder daran erinnerte.
In der Theorie war Alastair ein genügsamer Mann. Trotz den durchaus komfortablen Umständen seiner Kindheit und der noch weitaus komfortableren Jahre, die darauf folgten, hielt der Fielding den Protz und Prunk adliger Standesvertreter größtenteils für überflüssig. Natürlich, Alastair kleidete sich bei weitem nicht in Lumpen und auch Speis und Trank waren nicht von zweiter Klasse – aber es ging hierbei um Dinge, die Nutzen hatten. Wenn er in etwas in keiner Weise Nutzen sah, fand es keinen Platz in seinem Haus. Alastair gedachte, seinem Sohn unlängst dieser Tatsache bewusst zu machen.
Für das gemeinsame Essen hatte er die restlichen Familienmitglieder in den westlichen Teil der Burg verfrachtet – weit genug weg, damit Jasper keinem von ihnen auf seinem Weg zum Speisesaal begegnen würde. Denn Alastair, so sehr er sich auch um väterlichen Respekt bemühte, bezweifelte bis zu einem gewissen Grad, dass sein ältester Sohn tatsächlich zu einem Essen unter vier Augen erschien, wenn Alastair die Abwesenheit von fünf weiteren Augenpaaren im Voraus erwähnte. Man konnte nie vorsichtig genug sein. Und überhaupt, das hier war ein Gespräch unter Männern. So sehr er sich bemühen mochte, Jaspers jüngeren Bruder konnte man bei weitem noch nicht dieser Kategorie zuordnen.
Vor dem Essen hatte Alastair für einen Moment seine neue Garderobe bewundert, sich dann jedoch daran erinnert, mit wem er eigentlich speisen würde. Er hatte Jaspers verschrumpeltem Gesicht dabei zugesehen, wie es Rotz und Galle spuckte. Er hatte dabei zugesehen, wie kindliche Frustration es in eine verzerrte Fratze der Wut verwandelte. Alastair sinnierte eine Zeit lang über die elterliche Überlegenheit in ebenjenen Situationen und entschied sich dann für eine seiner älteren Roben. Es war ein Abendessen mit seinem Sohn. Kein Bankett des Königs.
Dementsprechend mau fiel auch die Auswahl an aufgetischten Speisen aus – wenngleich ein Bettler bei Alastairs Definition von mau vermutlich in Tränen ausgebrochen wäre. Gemüse, ein Schwein, etwas Suppe und anschließend ein kleines Dessert, auf dessen exquisite Honigfüllung Alastair sich ganz besonders freute. Kurzum: der Abend würde zumindest in einer Sache nicht in einer Katastrophe enden. Man(n) war immerhin nun Fürst. Man(n) konnte sich gute Köche leisten.
Jasper ließ auf sich warten. Während Alastair bereits in Betracht zog, die – ebenfalls mit Honig glasierten – Kartoffeln ganz für sich zu beanspruchen, wurde schließlich die Tür des Speisesaals aufgeschoben und offenbarte eine Gestalt, an deren Anblick der Fielding sich immer noch nicht gewöhnen konnte. Jasper war so… groß. Grün hinter den Ohren, den Kopf voll mit Irrsinn, aber er war groß. Älter. Erwachsener.
Ein Räuspern brachte Alastairs Gedanken zu einem Stillstand, bevor der Fürst in einer fließenden Handbewegung auf einen Platz an der Tafel wies. „Bitte, setz dich.“ Die Mundwinkel des Fieldings hoben sich, was einzig von seinem Bart verborgen wurde, als er hinzufügte: „Und heute sind wir unter uns. Es gibt Wichtiges zu besprechen. Wichtiges, das ich nur ungern in dem weibischen Gezänk deiner Schwestern untergehen lassen würde.“ War nur die halbe Wahrheit, aber vorerst begnügte Alastair sich mit dieser Erklärung. „Also.“ Er griff nach einer Traube. „Wie gefällt es dir in unserem neuen Domizil?“
