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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

Only a Monster can kill a Monster

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Charaktere
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
12. November 1016
Ort
Wald im Norden von Farynn
Tageszeit
17:00
#11
Das erste Leben auf dem Gewissen. Das erste fremde Blut an den Händen. Das Gefühl, Sehnen und Haut mit seiner Klinge zu durchtrennen und zu spüren, wie das Leben die Beute verließ. Es sollte ein Gefühl sein, das sich in die eigenen Erinnerungen brannte, etwas, das man nicht so schnell vergaß; und doch wusste Ivar nicht mehr, wie seine erste Jagd gewesen war. Wie viel Angst er gehabt und das Jagdmesser in seiner Hand gezittert haben musste; vielleicht, weil es in seiner Familie für Angst nie einen Raum gegeben hatte. Seine Mutter war Jägerin gewesen, ihre Hand so kalt und unnachgiebig wie der Winter selbst, und er? Nicht mehr als ein kleiner Wicht musste er gewesen sein, als sie ihn mitgenommen hatte. Der Wind hatte sich durch Mark und Knochen gefressen, während sie stundenlang durch den Schnee gestapft waren und ausgeharrt hatten, starr wie Felsenklippen. Diese Erinnerung war klar und scharf. Den Respekt, den er damals für die Natur gehabt hatte. Der Unwille und das Unverständnis, zu töten. Die Bürde der Erwartungen, die er zu erfüllen hatte, und die Leere, als er die Hasen vom Gürtel seiner Mutter baumeln sah. Das dunkle Rot an seinen Lederhandschuhen und der metallische Geruch, der davon ausging. Aber nicht an die Tötung selbst.
Ivar wusste nicht, wann Gewalt zu einem Teil seines Lebens geworden war und er es als normal angesehen hatte, anderen Lebewesen im Zuge des Überlebens - aber auch der reinen Freude - wehzutun. Seit er denken konnte, war er davon begleitet worden, bis er sich irgendwann daran angepasst hatte. Verflucht sei sein Vater, zurecht lag er nun irgendwo vergessen unter dem Schnee, aber er hatte ihm eine wichtige Lektion beigebracht: Wenn du nicht am untersten Ende der Nahrungskette stehen willst, hast du zu kämpfen. Es war die banalste Lektion, die einen auch die Natur beibrachte, wenn man lernte, sich in ihr zu bewegen.

Maria hier durchlebte all das zum ersten Mal und der Söldner konnte nicht umhin, die zitternden Hände etwas länger mit einem Blick zu bedenken, als er sollte. Er hatte kein Mitleid mit ihr, wo waren wir denn, und sicher würde er das Gefühl, das sich ganz flach über seine Brust ausbreitete, nicht als Stolz beschreiben. Überhaupt kannte er das Mädchen gar nicht. Dass er nun derjenige war, der ihr die wichtigste Lektion der Natur beibrachte? Keiner Erwähnung wert.
Und trotzdem hielt ihn etwas zurück, den Moment zu zerstören. Obwohl der Schnitt alles andere als sauber war, griff er nicht ein, sondern ließ sie machen, ließ das Quieken des Keilers an sich vorbeirauschen, während Rot den Boden tränkte. Fest hielt er den Kopf, bis das Zucken verklang und die Augen des Tieres glasig wurden.
Mit dem Leben des Keilers wich auch das Adrenalin, bis nur noch die Stille des Waldes zurückblieb. Das, und der unregelmäßige Atem des Mädchens neben ihm. Wieder bedachte Ivar sie mit einem Blick, diesmal, weil sie ihn ansprach, und nur, um schließlich mit den Schultern zu zucken und wieder ganz Er zu sein. Natürlich nahm er die Situation nicht ernst - was sollte schon ihr erster Tötungsakt bedeuten, wenn sie in Zukunft noch ganz viele davon hinter sich bringen würde.
“Hab nichts gegen Zuschauen, aber wenn du Hilfe brauchst, Miriam”
, antwortete er in typischer, spöttischer Manier und legte eine Hand auf die ihre, um sie bestimmend wegzuschieben. Ohne Zögern winkelte er seinen eigenen Dolch an und nahm die Arbeit auf, die sie angefangen hatte. Mit präzisen, geübten Schnitten ließ er das Tier ausbluten, wälzte den leblosen Körper dann auf den Rücken und zog zwei Lederschnüre aus seiner Gürteltasche, womit er die Hufe zusammenband. Er hatte genug davon, Sachen zu erklären, und irgendwie sagte ihm sein Bauchgefühl auch, dass Marie für heute genug gelernt hatte.

Als er fertig war, war kaum noch etwas von dem Licht am Himmel übrig. Von den Bäumen waren nur noch dunkle Silhouetten übrig, was ihn etwas unzufrieden die Nase hochziehen ließ, weil sie jetzt Schwierigkeiten haben würden, den Weg zurück zum Lager zu finden. Mit einem Ruck stand er auf und schwang den Keiler über seine Schulter.
“Du bist doch so eine schlaue Füchsin. Dann hast du dir bestimmt den Weg zum Lager gemerkt.”
In seiner typischen Manier ließ er es natürlich so klingen, als würde er sie herausfordern, ihr Können zu zeigen, während er natürlich die beste Ahnung vom Weg hatte. Musste sie doch nicht wissen, dass er eigentlich keinen blassen Schimmer hatte. Alles kam darauf an, wie man sich und seine Fähigkeiten verkaufte.
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#12
Mira ließ die Hand ohne Widerstand von seiner fortschieben. Das Blut an ihren Fingern war bereits dabei zu trocknen, klebrig zwischen den Gelenken, während sie ihm dabei zusah, wie er die Arbeit übernahm, die sie begonnen hatte. Seine Bewegungen wirkten beinahe mühelos. Sicher. Schnell. Jeder Schnitt saß dort, wo er sitzen sollte, als hätte sein Körper längst vergessen, dass man solche Dinge irgendwann einmal lernen musste. Mira beobachtete genau. Nicht nur aus Interesse, sondern aus diesem alten Instinkt heraus, alles mitzunehmen, was irgendwann nützlich werden könnte. Die Art, wie er die Klinge hielt. Wie wenig Kraft er verschwendete. Wie selbstverständlich er den Körper des Tieres bewegte, als wäre das alles nichts weiter als Routine. Vielleicht war es das für ihn auch. Seine Worte davor hallten trotzdem noch leicht nach. Nicht der Spott selbst. Den kannte sie inzwischen. Menschen wie er warfen solche Sätze herum wie andere Kieselsteine in einen Fluss, auf die Reaktion des sonst so stillen Wassers wartend. Sondern dieses kurze, kaum greifbare Dazwischen, als hätte er für einen Moment tatsächlich gewartet, ob sie es schaffte. Mira wusste nicht, was sie damit anfangen sollte, also tat sie das, was sie immer tat. Sie sortierte es irgendwo in ihrem Hinterkopf ein und tat so, als wäre es bedeutungslos. Langsam richtete sie sich auf. Ihre Knie protestierten sofort gegen die Kälte und die lange Anspannung, und für einen Moment musste sie die Finger öffnen und wieder schließen, um das dumpfe Zittern daraus zu vertreiben. Der metallische Geruch hing schwer in ihrer Kleidung und auf ihrer Haut. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn morgen noch wahrnehmen würde oder ob man sich an so etwas gewöhnte. Der Gedanke gefiel ihr nicht besonders. Während Ivar den Keiler zusammenband, zog Mira wortlos ein Stück Stoff aus ihrer Tasche und begann, die Hände daran abzuwischen. Es half kaum. Das Blut verschmierte eher, zog dunkle Spuren über ihre Fingerknöchel und Handflächen, kroch in die feinen Linien ihrer Haut. Sie betrachtete es einen Moment zu lange, bevor sie den Stoff wieder wegsteckte. Nicht jetzt darüber nachdenken. Der Wald war inzwischen fast vollständig in Dunkelheit gefallen. Nur irgendwo zwischen den Ästen hing noch ein Rest von fahlem Licht, gerade genug, um Umrisse voneinander zu unterscheiden. Die Geräusche hatten sich verändert. Weniger Vogelstimmen. Mehr Rascheln irgendwo tiefer zwischen den Bäumen. Mira hob automatisch den Blick, prüfte die Umgebung, als würde sie erwarten, dass jederzeit etwas zwischen den Schatten auftauchte. Als Ivar den Keiler über die Schulter hob, sah sie kurz zu ihm hinüber. Der Anblick passte zu ihm. Schweres Gewicht, getragen wie etwas Alltägliches. Seine Stimme riss sie schließlich aus ihren Gedanken, und trotz der Dunkelheit glaubte sie dieses herausfordernde Grinsen beinahe hören zu können. Mira hob leicht eine Augenbraue.
„Wenn wir im Kreis laufen, schiebe ich die Schuld trotzdem dir zu.“
Der Satz kam ruhig, trocken genug, um seinen Tonfall aufzugreifen, ohne ihn wirklich zu kopieren. Vielleicht hatte sich auch eine Spur Humor reingemischt, denn ob es ihr gefiel oder nicht: Sie fing an Ivar zu mögen. Dann drehte sie sich langsam um und ließ den Blick durch den Wald gleiten. Sie erinnerte sich tatsächlich an mehr, als sie erwartet hatte. Einen gespaltenen Stamm. Die flachen Steine am kleinen Hang. Die Stelle mit dem umgestürzten Baum, dessen Wurzeln wie Knochen aus der Erde ragten. Sie hatte sich den Weg nicht absichtlich eingeprägt. Ihr Kopf tat so etwas einfach.
„Man gewöhnt sich daran, Wege zu behalten“
, sagte sie nach einem kurzen Moment, den Blick noch immer zwischen den dunklen Bäumen.
„Wenn man oft nachts unterwegs ist und lieber nicht gefunden werden will.“
Mehr erklärte sie nicht. Kein Name. Kein Ort. Nur dieser kleine Satz, der irgendwo zwischen Gleichgültigkeit und Wahrheit hängen blieb. Trotzdem blieb dieses unangenehme Gefühl in ihrer Brust. Dieses Wissen, dass Dunkelheit Wege anders aussehen ließ. Dass Wälder nachts größer wirkten. Fremder. Sie ging trotzdem los. Langsamer diesmal, darauf bedacht, wohin sie trat, während ihre Augen unaufhörlich zwischen Boden, Schatten und den wenigen vertrauten Punkten wanderten, die sie wiedererkannte. Das Zittern in ihren Händen war inzwischen fast verschwunden, aber sie spürte es noch irgendwo unter der Haut sitzen, zusammen mit dem dumpfen Gewicht dessen, was gerade passiert war. Ihr erstes Leben. Der Gedanke kam leise, beinahe zufällig. Und sie wusste noch nicht, ob sie erleichtert darüber war, dass es vorbei war oder beunruhigt darüber, dass die Welt sich trotzdem einfach weiterdrehte.
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#13
“Wenn es dein Gewissen beruhigt, Mylady”
, reagierte Ivar mehr auf den Humor in ihrer Stimme als das, was sie gesagt hatte. Weil er halt immer irgendwas erwidern musste, wenn er herausgefordert wurde, obwohl er genau wusste, dass es ihm und der Situation, in die er sich katapultierte, nicht immer gut tat. Als Älterer müsste er das eigentlich kindisch finden, oder ihr die Aufgabe, nach dem Weg zu suchen, einfach ganz abnehmen. Tat er aber nicht. Warum? Weil er sich um nichts weniger scherte als darum, für so ein Mädchen auch noch die Erziehungsarbeit zu übernehmen. Gut, wahrscheinlich auch, weil er sich selbst nicht die Mühe machen wollte, nach dem Weg zu suchen; Aufgabenteilung und so, wenn er schon die schwere Last ihres Abendessens auf den Schultern trug.
Genauso wenig hatte er eigentlich danach gefragt, was Mira dazu bewegte, sich einen Weg in der Dunkelheit einzuprägen, und in einer anderen Situation hätte er ihr das vermutlich auch um die Ohren geworfen und sie richtig, richtig klein dafür gemacht, dass sie meinte zu glauben, ihn würde sowas interessieren. Was hatte sie doch für ein unverschämtes Glück, dass Ivar mit guter Laune hinter ihr herstapfte. Es war der kleine Sieg über den Hauer, das Hochgefühl, mit etwas Handfestem zum Lager zurückzukehren, während die brünette Frau sich vermutlich immer noch von Forellen besiegen ließ und daran verzweifelte, ordentlich ein Messer zu halten. Ivar würde schon noch dazu kommen, ihr das Jagen beizubringen und dabei ein, zwei Blicke auf ihren Arsch zu stehlen, so als Bezahlung für seine kostenlosen (!) Dienste. Was das rothaarige Mädchen vor ihm anging, na ja, zumindest schien sie langsam eine gewisse Art von Selbstbewusstsein zu entwickeln - genug, dass Ivar irgendwann nicht mehr darauf achtete, in welche Richtung sie gingen und ihr die Verantwortung überließ. Er war lieber laut. Nicht aus Gewohnheit heraus, sondern ganz absichtlich - wer extra durch Büsche lief und seine Schritte etwas schwerer setzte als beabsichtigt, wurde von der Natur nicht als Opfer, sondern als Jäger wahrgenommen.
“Scheinst ja doch mehr Ahnung von dem zu haben, was du tust”
, kommentierte er mit seiner üblichen, trockenen Belustigung in der Stimme, als würde er nichts und niemanden ernst nehmen. Er fragte natürlich nicht nach. Eigentlich wollte er auch gar nicht mehr wissen; im schlimmsten Fall entpuppte sie sich noch als jemand, der dann die Worte aus dem Mund sprudelten, nur um mitzuteilen, was für eine traurige Vergangenheit sie doch gehabt hatte. Ja, buhu, zum heulen, klar.

Zu ihrer beider Glück konnte man zwischen den Bäumen langsam einen kleinen, flackernden Lichtkegel ausmachen. Ein leises Wiehern begrüßte Ivar, um dessen Augen sich zufriedene Lachfalten legten, vielleicht auch, weil er versuchte, die bekannten Gestalten in der Distanz auszumachen.
“Ah, die haben auf uns gewartet”
, merkte er an, nicht überrascht, dass kein Geruch nach gebratenem Fisch seine Nasenflügel erreichte.
“Gute Arbeit, Mädchen.”
Obwohl es ironisch klang, meinte er es halb ernst; sein Blick ihr gegenüber hatte für eine Sekunde ein wenig mehr Tiefe als sonst. Mit diesem Impuls zog er sein Tempo an und stapfte an ihr vorbei, in den Lichtkegel des Lagerfeuers, wo man auf sie wartete. Als man sie fragte, wie sie zu dem Fang gekommen waren, zuckte Ivar nur die Schultern und meinte schließlich:
“Sie hat ihn gefunden, ich hab ihn erlegt.”
Für ihn war es selbstverständliche Normalität, für sie hingegen… keine Ahnung, vielleicht holte sie sich ja einen darauf runter, wenn andere sie für ihre Talente anerkannten. Konnte nicht schaden, in dem Alter für etwas gelobt zu werden, was man gut machte - mit Ivar hatte das schließlich niemand getan.


Ende

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