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We will always carry our chains.
12.10.1016 - 08:00
Festung Kenmaras

Herbstland
Cathal Fraser
Herbstland
Alter 25
Beruf Prinz von Kenmara
Wohnort Kenmara
Stand Verlobt
User Natsch
#1
Cathal hatte seine Bediensteten fortgeschickt, nachdem der dritte von ihnen an seinem Gewand gezupft und imaginäre Falten geglättet hatte, die selbst der blinde Fürstensohn von Kenmara nicht zu erspüren vermochte. Seine Nerven lagen blank, seine Laune hatte ihren tiefsten Punkt erreicht – und es lag nicht unmittelbar an seiner zukünftigen Gemahlin. Vielmehr war es der schlichte Umstand, dass diese Hochzeit nicht seinem Willen entsprang.
Er sollte sich einem Schicksal beugen, das er nie für sich vorgesehen hatte. Denn man verheiratete ihn nicht nur – mit einer Frau aus dem Herbstland, einer Verbindung, der er keinen Sinn abgewinnen konnte –, sondern raubte ihm auf lange Sicht auch den Status, den er sich über Jahre hinweg mühsam erkämpft hatte. Er wollte nicht wie ein Kind klingen, wollte sich nicht in Flüchen über die Ungerechtigkeit verlieren, und doch empfand er es genau so. Ungerecht. Ein bitteres Gefühl, das ihn nun vollends überkam. Wo er sonst kühle Distanz und unbeugsame Ablehnung zur Schau tragen konnte, wurde die Trauung an diesem Tag zur Krönung all dessen, was er als den Abschied von seinem eigentlichen Schicksal betrachtete – und das nur, weil er blind war. Weil sein Körper eine Fehlfunktion hatte. Weil er schwach war.

Seine rechte Hand fuhr sich über die Stirn – eine fahrige Geste, über die er sich sogleich ärgerte, da sie verriet, wie ihm die Souveränität entglitt. Unruhig schritt er in seinem Gemach auf und ab, als ließe sich auf diese Weise noch ein Ausweg aus seiner Lage finden. Er wusste, dass er alt genug war; dass es stets nur eine Frage der Zeit gewesen war, bis sein Vater diese Entscheidung treffen würde. Und ja – es lag eine gewisse Logik darin. Cathal konnte sie erkennen, so sehr es ihn auch nervte. Doch… Cathal schluckte und schüttelte den Kopf. Albern. Er war albern. Ohne Zweifel. Es war seine Pflicht, und er würde ihr nachkommen – eine weitere Prüfung, die er bestehen musste, so wie er es immer getan hatte.

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn in der Bewegung innehalten und riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Kopf fuhr in die Richtung des Geräuschs – ein Reflex, den die Natur ihm offenbar doch gelassen hatte, obwohl seine Augen nichts sahen. Cathal rechnete mit Moira, einem letzten, hitzigen Austausch über diese unerträgliche Situation. Ein angespanntes
„Komm herein“
entwich seinen Lippen, während er vergeblich versuchte, die Schultern zu lockern. Niemand aus seiner Familie sollte ihn so angespannt sehen, erst recht nicht seine Schwester, die ohnehin genug Sorgen trug.
Denn sie wusste es. Sie würde die Nächste sein. Und damit würde sie Kenmara den Rücken kehren – selbstverständlich würde sie zu ihrem zukünftigen Gemahl ziehen, nicht umgekehrt. Und in diesem unausweichlichen Schritt würde sie ihn verlieren. Denn so sehr es den Anschein haben mochte, dass er von ihr abhängig war, war es in Wahrheit sie, die von ihm abhängig war. Von seiner Nähe, seinem Rat, seiner stillen Stärke. Ohne ihn würde ein Teil von ihr verloren sein, so unverzichtbar, so unersetzlich, wie ein Schatten, der der Sonne folgt. Es war keine Arroganz, die ihm diese Gewissheit gab, sondern die Art, wie sie mit ihm sprach, und die Art, wie sie von seiner Aufmerksamkeit zehrte – so wie sie einst voneinander gezehrt hatten. Doch Cathal wusste ebenso, dass er sie, wenn es seine Pflicht war, eines Tages woanders hinverheiraten würde. Dass sie niemals dafür bestimmt waren, ein Leben lang Seite an Seite zu stehen oder Kenmara für sich allein zu beanspruchen. Dem Schicksal konnte man nicht den Rücken kehren. Er nicht dem seinen, und sie nicht dem ihren.

Als sich die Tür öffnete, spürte Cathal sofort, dass es nicht Moira war, die ihn aufsuchte. Automatisch legte sich eine steinerne Maske über seine Züge – doch es war keine Ablehnung. Nur Distanz. Ein Schutzwall, vielleicht, um den jahrelangen Schmerz in seiner Brust einzuschließen, ihn gefangen zu halten wie ein wildes Tier, das nicht für das Licht des Tages geboren war und sich nur der Dunkelheit anvertraute.
„Was kann ich für Euch tun?“
Seine Stimme klang mechanisch, beinahe fremd in den eigenen Ohren, während er sich abwandte und ein paar Schritte zurücktrat – ein instinktiver Rückzug, der ihn innerlich aufwühlte, weil er sich so vor sich selbst verriet. Er streckte die Hand aus, tastete das kalte, raue Gemäuer der Burg ab, suchte Halt in der Härte des Steins, als könnte er sich daran klammern, um den Sturm in seiner Brust zu bändigen. Erst dann wandte er sich wieder der Tür zu, als müsse er genau bestimmen, in welchem Winkel er stand, um nicht überrascht zu werden – nicht von der Welt, nicht von seinem Schicksal, und schon gar nicht von sich selbst.
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Herbstland
Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#2
Maebh hatte eine Weile mit sich gerungen. Hatte überlegt. Sich gequält. War sich unsicher gewesen. Aber die Unterhaltungen mit Eanruig hatten sie durchaus zum Nachdenken angeregt. Und sie fand, dass sie selbst tätig werden musste. Aber ihre Aufmerksamkeit heute galt keineswegs Moira. Das würde sie ohnehin nicht retten. Wahrscheinlicher wäre, beim Versuch eines Gespräches, dass sie Cathal den Tag einfach nur kaputt machte. Und selbst wenn ihr Stiefsohn diese Hochzeit nicht wollte, so hatte Maebh dennoch vor, ihm diesen Tag als eine seiner schönsten Erinnerungen zu schenken. Es war seine Hochzeit. Ein Tag, an dem es nur um ihn und seine Braut gehen sollte und alle anderen Dramen hatten dahinter anzustehen. Ja, selbst die Prinzessin des Hauses Fraser hatte dem hinten an zu stehen und vermutlich hätte Maebh ihr in diesem Moment sogar den Zugang zu ihrem Bruder verwehrt. Oder auch nicht. So ganz konnte sie sich selbst nicht einschätzen.
Nein. Nein, vermutlich hätte sie das nicht. Vermutlich, da musste sie realistisch sein, hätte sie sich viel mehr selbst zurückgenommen, um den Geschwistern den gemeinsamen Moment nicht zu verderben. Aber jetzt gerade war von Moira nichts zu sehen. Um diese Uhrzeit war es auch wahrscheinlicher, vermutlich, dass sie noch im Bett lag. Oder gerade erst das Frühstück einnahm. Maebh hingegen war bereits vor der Morgendämmerung der Bettwärme entflohen. Und hatte ein sehr ausführliches Gespräch mit einer der Priesterinnen gehabt. Ein gutes Gespräch, vermutlich. Egal.
Sie klopfte leise gegen Cathals Tür und wartete, bis er sie hereinbat. Vermutlich wusste er bereits, dass es sich um sie handelte, kaum dass sie eingetreten war, aber dennoch lächelte sie leicht, als sie sah, wie angespannt er wirkte. Er versuchte, es zu verstecken. Er wirkte distanziert. Abgeklärt. Fast so, als wäre nicht er derjenige, der heute heiratete.
«Zunächst einmal», stellte Maebh fest, «dir sagen lassen, dass du unglaublich gut aussiehst, Cathal.» Sie war schon immer ehrlich zu ihm gewesen. Und würde daran auch nichts ändern. «Ich wollte nochmal mit dir sprechen, bevor du heute die Stimmen unzähliger Menschen hören wirst und in dem Chaos vermutlich völlig überfordert sein wirst. Und ich hatte gehofft, wir könnten noch ein paar Minuten nur für uns haben.»
Sie war durch den Raum an seine Seite getreten. Und legte ihm eine Hand auf den Arm.
«Wie fühlst du dich?», wollte sie wissen. Sie hatte auch durchaus vor ihm zu erklären, dass er liebevoll mit Muirín umgehen sollte. Dass sie genauso verzweifelt war wie er. Sich einsam und verlassen fühlte. Dass sie eine Familie haben wollte. Dass das hier ihr neues zu Hause war. Sie sollte nicht das Gefühl bekommen, unwillkommen zu sein. Und sie wollte hören, wie es Cathal mit der Situation ging.
Natürlich wusste sie, dass Eanruig auch mit ihm sprechen wollte. Aber vielleicht war es besser, wenn sie diesmal nicht einfach alles den Männern überließ. Frau wusste auch, wie man Politik machte. Und wenn es dabei nur darum ging, die Kinder zu betreuen und sich darum zu kümmern, dass sie Dinge fürs Leben lernten. Allgemein war es vielleicht besser, wenn die Frauen begannen, die Söhne zu erziehen. Gemeinsam mit den Männern. Wenn man von beiden Seiten ein wenig was beisteuerte, wurden vielleicht voll funktionsfähige Erwachsene aus ihnen. Es musste immerhin einen Grund haben, dass die Natur entschieden hatte, dass es Mann und Frau brauchte, um überhaupt Nachwuchs zu zeugen.
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Herbstland
Cathal Fraser
Herbstland
Alter 25
Beruf Prinz von Kenmara
Wohnort Kenmara
Stand Verlobt
User Natsch
#3
Als er Maebhs Stimme hörte, spannte sich unerwartet etwas in seiner Brust an. Ein Gefühl, das verdächtig nah an Enttäuschung lag und an der verkrusteten Oberfläche einer Wunde kratzte, von der er nicht einmal gewusst hatte, dass er sie sich selbst zugefügt hatte – und für die er Maebh insgeheim verantwortlich machte.
Nach dem Tod seiner Mutter – einem Verlust, der ebenso widersprüchliche Gefühle in ihm hinterlassen hatte wie viele der Ereignisse der vergangenen Jahre und Monate – hatte Cathal die erneute Hochzeit seines Vaters akzeptieren können. Ein Teil von ihm hatte sich sogar für den Fürsten von Kenmara gefreut. Anfangs war es ihm leicht gefallen, sich für Maebh etwas zu erwärmen: nicht als Mutter, niemals das, aber doch als eine Art Vertraute.

Bis zu jenem Moment, in dem sie einen Sohn gebar. Einen Sohn, der ihm vorgezogen wurde – nicht durch Tat oder Verdienst, sondern allein dadurch, dass er sehen konnte. Er hatte sich distanziert, eine Mauer errichtet und weder Tür noch Fenster darin gelassen, durch die sie hätte blicken können. Cathal war ungnädig gewesen, sich selbst gegenüber, als hätte er stets gewusst, dass Nähe nichts war, was er mit Menschen teilen durfte, die nicht seine Schwestern waren. Und vielleicht glaubte er tief in sich, dass er es verdiente. Dass dies nur eine weitere Prüfung war, auferlegt, um ihn zu brechen oder zu läutern – und dass er sie zu bestehen hatte, um sich seinen eigenen Wert erst wieder zu verdienen.

Maebhs Worte über seine Erscheinung hätten es beinahe geschafft, ein vages Lächeln um seine Mundwinkel zu locken.
„Ich muss es dir wohl glauben…“
In seiner Stimme lag keine Abwehr, vielmehr jener selbstironische, trockene Humor, den er schon immer sein Eigen genannt hatte.
„Ich könnte aussehen wie ein Höhlentroll und würde es nicht einmal merken.“
Er setzte zu einem schiefen Zug um die Lippen an – und verbot ihn sich im nächsten Moment wieder.

Als sie durch den Raum auf ihn zukam und ihre Hand auf seinen Arm legte, während ihre Worte wie immer von Rücksicht getragen waren, loderten Zorn und Widerstand in ihm auf. Diese vertraute, hässliche Wut, die ihn jedes Mal ergriff, wenn sie zu gut war, zu milde, zu selbstverständlich in ihrer Güte. Er wusste, wie irrational dieses Empfinden war – und doch klammerte sich sein Verstand an den Gedanken, ihrer Freundlichkeit müsse Berechnung zugrunde liegen. Denn niemand konnte so sein. Niemand durfte so sein.
So war es nicht verwunderlich, dass sein Verstand aus ihren Worten einen Angriff auf seine Fähigkeit, sich in einer Menschenmasse zurechtzufinden, machte, statt sie als das anzunehmen, was sie vermutlich waren: Sorge, der stille Versuch, ihm zu zeigen, dass er gesehen wurde. Doch Cathal war nicht nur zu sich selbst ungnädig – er war es auch zu allen anderen.
„Und wofür?“
Seine Stimme klang harsch, und er entzog sich ihrem Griff an seinem Arm. Ein Teil von ihm wusste, dass dieser Ton unangebracht war, doch Cathal hatte selten auf Konventionen geachtet oder eine Konfrontation gescheut.
„Wolltest du mir meine Unzulänglichkeiten noch einmal ins Bewusstsein rufen?“
fragte er unterkühlt, während sich seine Kiefermuskulatur anspannte.
Er selbst sprach längst nicht mehr schlecht über seine Behinderung. Er hatte sie akzeptiert, angenommen – zumindest redete er sich das ein. Vielleicht auch nur so lange, wie er noch der offizielle Erbe Kenmaras war. Doch in diesem Moment spielte das keine Rolle. Ihre zweite Frage ließ ihn schnauben, und er fuhr sich unbewusst über den Oberarm – eine Geste, die sein Unwohlsein verriet.
„Ich heirate eine Frau, die mich ebenso wenig heiraten will, wie ich sie.“
Ironie lag in seinen Worten, während sich seine Augenbrauen zusammenzogen. Er trat einen Schritt zur Seite – und stieß gegen die kleine Anrichte, deren Platzierung er wohl für den Moment vergessen hatte. Ein kleiner Schmerz, aber nicht minder ärgerlich, denn er erinnerte ihn erneut daran, wie schwach er war.
„Und mir ist durchaus bewusst, dass dieser Tag kommen musste. Und mir ist ebenso bewusst, dass die Wahl nicht bei mir liegt. Ich werde diese Pflicht erfüllen, wie ich alles erfüllt habe, was in diesen Mauern über meinen Kopf entschieden wurde“
, fuhr er fort und bemühte sich um einen kontrollierten Tonfall.
„Aber frag nicht so heuchlerisch, wie ich mich dabei fühle – denn meine Gefühle zählen dabei nicht. Ebenso wenig wie in dem Moment, als du deinen Sohn so offensichtlich positioniert hast, dass mir mein angeborenes Recht genommen wird. Ein Recht, das mir nicht nur deswegen zusteht, sondern weil ich hart dafür gearbeitet habe, weil ich mich nicht in ein Schneckenhaus zurückgezogen habe, während andere faule Fürstensöhne sich darauf berufen.“
Er machte eine wegwerfende Handbewegung, als könnte er damit den ganzen Zorn aus seinem Körper schleudern. Doch es gelang ihm nicht. Vielleicht war es das erste Mal, dass die Enttäuschung wirklich aus ihm herausbrach – wie bei einem Kind, das gelernt hatte, seinen Eltern niemals gerecht werden zu können.
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Herbstland
Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#4
Ihre Augenbrauen wanderten ein wenig amüsiert nach oben. «Wie ein Höhlentroll? Wohl kaum, Cathal. Davon bist du schon im Normalzustand sehr weit entfernt. Unsere Optik richtet sich ohnehin nicht rein nach dem, was die Augen sehen. Auch das, was wir ausstrahlen, verändert, wie wir auf andere wirken können.» Und seine Ausstrahlung veränderte sich gerade sehr. War da eben noch ein leichtes Lächeln in seinen Mundwinkeln gewesen, so verschwand es nun. Und machte einer Distanz Raum, die sie schon die letzten Jahre zwischen sich und ihm verspürt hatte. Maebh war nicht davon ausgegangen, dass es etwas mit ihr direkt zu tun gehabt hätte. Viel mehr war sie dem Glauben erlegen, dass vermutlich Moira entsprechen Einfluss auf ihn genommen hatte. Sie hatte das nicht hinterfragt. Und hatte auch nicht versucht, sich zwischen die beiden Kinder zu drängen. Ohnehin war sie nur wenige Jahre älter als Cathal und hatte es ausgesprochen seltsam gefunden, einem Zwanzigjährigen zu erklären, was er vom Leben zu halten hatte. Sie war ihm stattdessen offen begegnet. Mit Liebe und Verständnis und ohne sich all zu groß um seine Situation zu scheren oder sie ihm immer wieder aufs Brot zu schmieren. Umso mehr irritierte sie nun die offene Feindseligkeit.
Er musste sie nicht abschütteln. Maebh zog die Hand bereits zurück, als die Feindseligkeit in seiner Stimme neue Höhen gewann. Überrascht blinzelnd sog sie kaum hörbar die Luft ein. Kaum hörbar für normale Menschen. Für Cathal kam das Geräusch vermutlich einem rauschenden Sturm gleich.
«Ich fürchte, ich kann dir nicht ganz folgen, Cathal. Wann habe ich dir jemals deine Unzulänglichkeiten ins Bewusstsein gerufen? Ich kann mich eher daran erinnern, dass ich dir bei jeder sich bietenden Gelegenheit gesagt habe, dass du sehr wohl alles tun kannst, was du tun möchtest. Mir ist bewusst, dass blind zu sein kein vergänglicher Zustand ist. Und mit Einschränkungen einhergeht. Aber ich empfinde es nicht als etwas abstoßendes oder als etwas, das dir zum Nachteil angereicht werden sollte.»
Was war nur in ihn gefahren? Hatte es etwas mit dem zu tun, dass Eanruig schon angesprochen hatte? Dass es einen Konflikt zwischen ihr und den Kindern gab? Cathal hatte sie mit freundlicher Distanz behandelt. Aber das hier war offene Feindseligkeit. Er suchte den Konflikt. Und Maebh war damit im ersten Moment völlig überfordert. Doch wie auch bei ihrem Mann ließ sie Cathal sprechen. Und begegnete ihm mit Geduld, Ruhe und Verständnis.
Und dann... platzte die Bombe. Es war, als hätte Cathal sie mit eiskaltem Wasser überschüttet und für einen kurzen Moment spürte Maebh, wie ihr eiskalt wurde. Und dann begannen ihre Ohren zu rauschen.
«Cathal Fraser! Du setzt dich jetzt hin und hörst mir ganz genau zu!», platzte es aus ihr raus, bevor sie überhaupt darüber nachdenken konnte. Mit überaschend fester Hand zog sie ihren Stiefsohn auf den nächsten Sitzplatz und sorgte dafür, dass er sich hinsetzte.
«Ich habe nichts entschieden! Ich habe überhaupt nicht das Recht irgendwas zu entscheiden! Hätte ich das, dann wäre die Welt ein besserer Ort, verstehst du das? Du müsstest nicht heiraten, wenn du es nicht willst. Deine Schwester müsste ihr zu Hause nicht irgendwann verlassen. Alle Kinder erhielten den gleichen Anteil am Erbe und euer Vater müsste sich nicht permanent den Kopf darüber zerbrechen, wie er es richtig angeht. Ich habe nichts entschieden! Ich habe einfach nur zugehört und deinem Vater erklärt, dass er schon die richtige Entscheidung treffen wird.»
Sie war lauter geworden. Was ungewöhnlich für sie war. Doch der Vorwurf, sie hätte ihre Stiefkinder einfach zurückgelassen, um das eigene Kind nach oben zu schieben, war schlichtweg unfair. Und nicht wahr.
«Ich wollte auch nicht heiraten, Cathal! Ich war so unglücklich! Glaubst du, ich verstehe das nicht? Glaubst du wirklich, eine Mutter wünscht sich für ihr Kind, dass es am Tag seiner Hochzeit so unglücklich ist, wie du es gerade bist? Du solltest dich freuen. Aufgeregt sein. Es sollte dich emotional aufwühlen. Glücklich machen!»
Sie sprach nie von ihm als ihr Stiefsohn. Für Maebh waren die Kinder ihres Mannes ihre Kinder. Sie wusste nicht einmal, ob sie das jemals so klar ausformuliert hatte. Ob sie es jemals gehört hatte. Es war nie dazu gekommen, dass sie darüber sprachen.
«Wir alle spielen die Rollen, die man uns zugedacht hat, Cathal. Ich weiß, dass dir das hier nicht gefällt. Ich wünschte, ich könnte es für dich verändern. Aber diese Macht ist mir nicht gegeben. Warum begegnest du mir also mit so viel Groll?»
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Herbstland
Cathal Fraser
Herbstland
Alter 25
Beruf Prinz von Kenmara
Wohnort Kenmara
Stand Verlobt
User Natsch
#5
Cathal hörte den kleinen Atemzug, dieses winzige Geräusch, das sich durch seinen Gehörgang fraß, in seinen Verstand drang und ihm deutlich machte, dass er sie völlig unvorbereitet getroffen hatte. Und da hätte Genugtuung sein sollen – unverhohlen und verbittert ehrlich. Doch es war keine Genugtuung da. Stattdessen regte sich etwas anderes in ihm, etwas, das er nicht benennen wollte. Nicht jetzt. Vielleicht nie.

Ihre Worte veränderten diesen Zustand nicht; auch wenn sie an seinen gesunden Verstand appellierten – den er stets für makellos gehalten hatte – und an die Tatsache, dass Maebh seinen Zorn weder jetzt noch je in irgendeiner Form verdient hatte. Es störte ihn, dass ihm das bewusst war, denn es bewies, wie fehlbar sein Handeln war – und dass es noch immer Bereiche seines Wesens gab, die er vor ihr nicht abgeschottet hatte.

Und es wäre sicher leicht gewesen, sich zu entschuldigen – zuzugeben, dass der Stress über diese Veränderung sein Urteilsvermögen getrübt hatte, dass seine Launen unberechenbar waren. Doch Cathal weigerte sich. Er brauchte einen Schuldigen. Jetzt. Irgendeine Projektion für all das, was in seinem Leben schiefgelaufen war, einen Sündenbock, der seine eigene Unzulänglichkeit kaschierte. Dass Maebh nun dieser Sündenbock wurde, war ungerecht – und doch erschien es ihm die einzig logische Schlussfolgerung. Ein Teil von ihm klammerte sich verzweifelt an den Gedanken, dass sie schuld sei, weil er sich selbst nicht die Schuld eingestehen konnte, nicht für seine Schwäche, nicht für die Einsamkeit, die er in seinem Innern kultiviert hatte.

Ihre Antwort auf seine Worte ließ ihn erkennen, dass es – zumindest offenkundig – nicht ihre Absicht war, ihn zu bevormunden oder an seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Doch es widersprach dem Bild, das sich in seinem Kopf von ihren Motiven geformt hatte, und den Gedanken, von denen er glaubte, dass sie sie seinem Vater in den Kopf gesetzt hatte. Dass sein Vater diese Entscheidung womöglich für sich selbst getroffen haben könnte, war Cathal nie in den Sinn gekommen – und er wusste nicht, was diese Erkenntnis mit ihm anstellen würde.

Gerade wollte Cathal ansetzen, zurückzufeuern und seinem Zorn freien Lauf lassen, da erhob Maebh plötzlich strenger ihre Stimme – und etwas ließ den 25-Jährigen unwillkürlich zurückzucken. Ihr Griff war überraschend fest, ein Druck, der mehr forderte, als er gewohnt war, und obwohl es ihm widerstrebte, ihrer Aufforderung zu folgen, ließ er sich auf einen der Stühle in seinem Gemach ziehen.
Der Kontakt mit ihr war ungewohnt, irritierend – ein Erinnern daran, dass Nähe für ihn nie leicht war. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, während sie auf seinen Oberschenkeln ruhten, sein Kiefer mahlte, und das Gold seiner Augen funkelte widersetzlich, halb wütend, halb unwillig beeindruckt. Jeder Muskel seines Körpers spannte sich gegen die Nähe, die er instinktiv abwehrte, doch gleichzeitig wusste er, dass er sich dem nicht völlig entziehen konnte.

Er ließ sie aussprechen – zum einen, weil er nicht sofort wusste, was er antworten sollte, zum anderen, um ihre Worte zu prüfen, jede Nuance zu erspüren, jede kleine Veränderung in Tonfall oder Atem, die eine Lüge hätte verraten können. Ihre Ansicht lag so weit entfernt von seiner eigenen Wahrnehmung der Realität, dass ihm ein leises, zynisches Schnauben entfuhr.
„Und glaubst du, dass er die richtige Entscheidung getroffen hat?“
Seine Stimme war kontrolliert, doch unter der Oberfläche grollte es in seiner Brust wie ferne Donner. Es war ein Prüfstein, den er ihr in den Weg warf.
Cathal lehnte sich leicht zurück, die Beine angespannt, als wolle er Raum zwischen sich und Maebh schaffen. Jeder Muskel in seinem Körper war auf Alarm: die Schultern gespannt, die Hände halb geballt, die Finger krallten sich leicht in den Stoff seiner Hose. Gleichzeitig konnte er sich nicht vollständig entziehen – der Kontakt, ihre Nähe, ließ ihn widerwillig aufmerken, wachsam und unruhig, wie ein Tier, das sich verteidigen will, obwohl es gefesselt ist.
„Nur weil dir das Recht nicht verliehen wurde, heißt das nicht, dass du keine Entscheidung treffen kannst. Es ist allgemein bekannt, dass Frauen unterschwellig mehr Macht besitzen, als ihre Männer ihnen zugestehen wollen – und manchmal sogar mehr, als sie selbst zu erkennen wagen.“
In diesem Moment musste er an Moira denken – an ihren scharfen Verstand, den er über Jahre hinweg geformt hatte, nicht, um sie zu einer bloßen Begleiterin irgendeines Fürsten zu machen, sondern damit sie niemals nur eine willenlose Figur neben der Macht eines Mannes sein würde. Er spürte den Stolz, der wie ein leises, warmes Feuer in seiner Brust brannte, gemischt mit dem Wissen, dass diese leise Macht – unterschwellig, unsichtbar und doch unerschütterlich – mehr bewirken konnte, als rohe Stärke jemals vermöchte. Er unterschätzte Frauen nicht.

Maebhs Geständnis über die Hochzeit ließ ihn kurz innehalten – mehr noch die Tatsache, dass sie ihn quasi in den Kreis ihrer Kinder einschloss. Für Cathal hatte sich das immer falsch angefühlt, weil sie nur wenige Jahre trennten.
„Diese Welt ist nicht dafür gemacht, dass wir glücklich sind, Maebh.“
Seine Stimme klang rau, doch nicht so scharf wie zuvor. Damit wollte er weder ihr Unglück relativieren, noch sein eigenes. Er wollte es nüchtern betrachten, so wie er alles betrachtete.
Dass sie, ebenso wie er, keine Wahl gehabt hatte, war ihm nicht in den Sinn gekommen – auch wenn es offensichtlich war. Er sah nur den Vorteil, den diese Hochzeit ihr gebracht hatte – und den Nachteil, den sie ihm bescherte. Vielleicht war genau das das Kaputte an seiner Denkweise: Für ihn musste alles eine Optimierung seines Selbst sein. Einfach zu leben, ohne zu kalkulieren, war ihm unmöglich.

Und da war es wieder: dieses Verständnis. Ihr unerträglicher Wunsch, sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu gestalten. Er wollte nicht, dass sie so etwas aussprach, denn Maebh war einer der wenigen Menschen, deren wahre Absichten er nicht aus ihrer Stimme herauslesen konnte – oder vielmehr: deren Absichten er nicht von den eigenen Projektionen unterscheiden konnte.
Ihre Frage war berechtigt, doch die Antwort schmeckte ihm bitter, denn sie spiegelte seine eigene Angst.
„Seit du da bist, zweifelt mein Vater an mir.“
Es war ein reines Empfinden, das ihn zugleich erschütterte und noch härter zu sich selbst werden ließ. Ein Gedanke, der seinen Verstand um das Urteilsvermögen beraubte, ihn wie ein kalter Wind von innen durchzog. Ein Vorwurf, der ungerechtfertigt war – und zugleich eine Lüge, die nur er sich selbst erzählte, denn die Zweifel stammten nicht von ihr, sondern aus seinem eigenen Herzen, genährt von Stolz, Einsamkeit und der steten Angst, nie genug zu sein.
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Herbstland
Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#6
Offenkundig hatte sie ihn damit überrumpelt. Der Umstand, dass sie ihn so spielend leicht auf den Stuhl bugsieren konnte, ohne dass er sich wehrte, sprach dafür. Noch nie hatte sie so harsch mit ihm gesprochen. Sie war für gewöhnlich sanft. Zart wie das Gras, das auf den Koppeln der Pferde wuchs und an dem sie sich satt fressen konnten. Weich wie die gräsernen Wogen, die auf den Klippen zu sehen waren. Maebh war kein harter Mensch. Aber sie hatte ihre Grenzen. Und Cathal hatte eine davon überschritten.
«Nein!», hielt sie dagegen. «Das glaube ich nicht. Ich halte überhaupt nichts von dieser Entscheidung und ich finde, dass er dir damit Verantwortung nimmt. Und die Möglichkeit, an dir selbst zu wachsen. Bei allen Göttern, die es irgendwo gibt, Cathal... ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass du mit deinen Aufgaben überfordert wärst. Dein Kopf funktioniert. Du kannst eben nicht sehen. Es ist ein Makel. Aber alle Menschen haben Makel. Und deiner ist wenigstens nur körperlich aber dein Charakter ist doch eigentlich gut! Dieser Zorn steht dir wirklich nicht zu Gesicht», maßregelte sie ihn nun mit ruhiger aber fester Stimme.
Sie nahm wahr, dass seine Finger sich in den Stoff seiner Hose krallten, aber sie sagte nichts dazu. Sie verbot ihm sicher nicht, sich irgendwie zu regulieren. Und sie fand zudem auch, dass dieser Moment nun nicht abgebrochen werden sollte. Er brauchte Raum für seine Gefühle. Seine Gedanken. Wie wichtig dieses Gespräch gerade war, wusste vermutlich keiner von ihnen.
«Du glaubst also, dass es mir zusagt, deinen Vater zu manipulieren?», wollte sie völlig verdattert wissen. «Cathal, was sagst du denn da?»
Maebh war von Grund auf schockiert von den Worten, die er an sie richtete. Immer wieder schüttelte sie den Kopf und versuchte sich einen Reim darauf zu machen, wie das nun zustande kam. Einerseits warf er ihr genau diesen Umstand vor. Andererseits warf er ihr vor, genau diese Manipulation nicht anzuwenden. Dann seufzte sie leise.
«Stopp. Warte. Ich glaube, du missverstehst hier eine Sache gravierend. Und die möchte ich ein für alle mal klar machen, Cathal. Ich bin hier, weil ich verheiratet wurde. Das war nicht meine Entscheidung. Und es war auch nicht die deines Vaters. Wir waren beide nicht glücklich und dein Vater ist ein... trauriger Mensch. Er lässt sich das nicht anmerken, weil er für euch stark sein möchte. Aber er glaubt immer, er handelt genau richtig und in eurem Interesse. Wir sind uns erst seit kurzem halbwegs nah, Cathal. Wir... wir haben auch Schwierigkeiten uns mit der Situation zu arrangieren. Und er leidet sehr darunter. Genau wir ihr unter dem Verlust eurer Mutter gelitten habt. Aber ich bin nicht hier, um ihn in eine bestimmte Richtung zu manipulieren.»
Sie seufzte leise und suchte merklich nach Worten. Die Stille war angespannt, signalisierte, dass sie noch nicht fertig war mit sprechen.
«Ich habe mit diesen Gedanken gespielt. Und ich kann mir vorstellen, dass du dich verraten und hintergangen fühlst. Deine schlimmsten Selbstzweifel haben sich bestätigt und es war nie mein Ziel, dass das geschieht, Cathal. Ich habe so viel Vertrauen in dich und deine Fähigkeiten.»
Sie biss sich auf die Unterlippe, als er ihr erklärte, dass sie nicht dafür gemacht waren, glücklich zu sein. Er würde hören können, dass sie den Kopf schüttelte. Und als er weitersprach, fasste sie nach seinen Händen und ging vor ihm auf die Knie. Er würde es spüren können. Sie begab sich mit Absicht in diese Position. Sah zu ihm auf, seine Hände zu ihrem Gesicht hebend, damit er es spüren konnte. Auch die Tränen, die seine Worte über ihr Gesicht laufen ließen. Aber das war gleich.
«Ich weiß», gab sie zurück. «Und du bist zurecht wütend. Aber ich bin nicht die Person, bei der du das adressieren solltest. Cathal, er hat Angst um dich. So sehr, dass er nicht zulässt, dass du erwachsen wirst. Auf eigenen Füßen stehst. Er würde alles tun, um dich zu beschützen. Du wirst so sehr geliebt, Cathal... aber er kann das nicht sagen, weißt du? Genau wie du gefangen bist, ist auch er gefangen. Und ich weiß nicht, was ich tun soll, um euch zu befreien. Ich möchte einfach nur für euch da sein. Jeder Mensch hat ein wenig Glück verdient.»
Sie selbst schloss sich da aus. Ihre Aufgabe war es einfach, das jetzt in den Griff zu bekommen. Cathal hatte einen schönen Tag verdient. Einen Moment, in dem man ihn vor allem beschützte, das von außen kam. Und möglichst auch vor seinem dunklen Innern.
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Herbstland
Cathal Fraser
Herbstland
Alter 25
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Wohnort Kenmara
Stand Verlobt
User Natsch
#7
Ihre Maßregelung hätte im Grunde an Granit abprallen können, doch zu Cathals eigener Überraschung tat sie es nicht. Vielleicht, weil er hören wollte, was sie sagte. Vielleicht, weil das Kind in ihm, das in einer dunklen Ecke seines Inneren zusammengekauert saß, es hören wollte. Und Maebh hatte recht – schon wieder –, denn der Zorn stand ihm nicht.
Es war derselbe Zorn wie am Esstisch, als Muirín sich im Ton vergriffen hatte und etwas in ihm unkontrolliert hervorgesprungen war, um zu schützen, was in seinem Herzen noch immer einen festen Platz hatte. Auch wenn er sich nach außen stolz und erhaben gab, als könne er davon niemals abhängig sein – es war seine Familie. Und dieser Zorn war neu – oder vielmehr die beunruhigende Erkenntnis, wie mühelos er sich nun seinen Weg bahnte und an die Oberfläche brach, wie eine Wurzel, die den Boden sprengte, weil in der Erde kein Raum mehr für sie war.

Das Gold seiner Iriden verschwamm um eine Nuance, als er den Blick kurz senkte, als wolle er ihrem Blick ausweichen. Ein Blinzeln, ein Atemzug – dann fand er seine Härte wieder.
„Dieser Zorn ist ein Produkt“
, schnaubte er.
„Ich habe ihn lange genug zurückgehalten.“
Er holte tief Luft und stieß sie geräuschvoll wieder aus.
„Sollte stimmen, was du sagst, dann hat mein Vater kein Vertrauen in mich“
Cathal bemühte sich um einen ruhigeren Tonfall, auch wenn der Zorn noch immer in seiner Stimme vibrierte.
Er hörte das feine Rascheln des Stoffes, als Maebh den Kopf schüttelte, immer wieder. Ihre Antwort auf seinen Vorwurf klang irritiert, und für einen Moment fragte er sich, ob er die Gemahlin seines Vaters ernsthaft gekränkt hatte.
„Eine Täuschung von dir wäre leichter zu ertragen als seine Ablehnung“
, gestand er schließlich und fuhr sich mit der Hand über das frisch rasierte Kinn. Die Worte waren ehrlich – und sie ließen ihn ungewohnt verletzlich zurück.
Er glaubte zu spüren, dass Maebh sich ähnlich fühlte. Dass sie nach Worten suchte. Das tiefe Seufzen, das ihrer Brust entwich, und die Stille danach verrieten ihm, dass sie noch nicht geendet hatte. Wer hatte je behauptet, Glück sei für jeden bestimmt? Ihre Worte bewiesen, dass es zumindest nicht in ihren Reihen zu finden war. Es gab Wichtigeres als Glück. Macht, zum Beispiel.
Dass sein Vater gelitten hatte – vielleicht noch immer litt –, war für Cathal schwer vorstellbar und gewiss kein Ziel, das er je verfolgt hätte. Vielleicht hatte er durch den steten Fokus auf sich selbst und die selbstgewählte Isolation jenen empathischen Impuls verloren, der ihm den Blick dafür hätte öffnen können. Doch es fehlte ihm in diesem Moment die Fähigkeit, diesen Umstand zu bedauern. Die Enttäuschung glättete nichts; sie schärfte nur die Kanten seiner Sicht.
„Ihr habt eure Schwierigkeiten gut vor uns verborgen“
, sagte er schließlich ruhiger, nachdenklicher.
„Aber vielleicht sollte er einmal mit seinen Kindern sprechen, um ihre Interessen zu kennen.“
Der Satz klang wie ein Urteil. Endgültig. Und doch wusste Cathal nicht, ob er wirklich wollte, dass es gesprochen wurde.

Als sich ihre warmen, zierlichen Finger um seine Hände schlossen, zog sich etwas in Cathals Brust zusammen – fein und beinahe lautlos. Er spürte, wie sich ihre Position veränderte, eine leichte Berührung an seinem Knie, die ihm neben den leisen Geräuschen verriet, dass die Gemahlin seines Vaters vor ihm niedergekniet war. Cathal schluckte. Ein leiser Widerwille regte sich in ihm, nicht, weil er sie fortschicken wollte, sondern weil er nicht wollte, dass sie kniete. Doch er sagte nichts. Sein Kopf neigte sich leicht nach vorn, während er seine Hände an ihr Gesicht führen ließ.
Zunächst war es befremdlich. Er hatte Maebh noch nie auf diese Weise berührt. Sie war ihm eine große Unbekannte – in Gestalt und Mimik. Er kannte ihre Stimme, ihren Geruch, den Rhythmus ihrer Schritte, doch wie sie aussah, hatte er sich nie vorgestellt. Und er hatte sich auch nie die Mühe gemacht, es herauszufinden.
Seine Daumen strichen über ihre hohen Wangenknochen, tasteten den feuchten Schleier, der auf ihrer Haut lag und ihm verriet, dass sie weinte. Am liebsten hätte er sich selbst hart getadelt und er konnte nicht verhindern, dass es etwas mit ihm machte. Diese Tränen waren es, die den Zorn in ihm widerwillig, zischend zu ersticken drohten. Er hatte sie wirklich getroffen. Wirklich. Seine Lippen zogen sich leicht nach unten, die Augenbrauen schoben sich kritisch zusammen, als würde ihm erst jetzt bewusst, dass es Worte waren, die tiefer schneiden konnten als jede Klinge.
„Ich weiß…“
, sagte er ruhig, weil ihm bewusst war, dass nicht sie es war, die diesen Zorn verdiente. Vielleicht hatte ihn niemand wirklich verdient – auch wenn er ihn irgendwo abladen musste. Dass sein Vater ihn hatte schützen wollen und ihn damit zugleich in seinem Leben beschnitt, hätte Cathal womöglich verstanden, wäre er selbst Vater gewesen. Doch er war es nicht. Er sah nur seine gescheiterten Versuche, Ansprüchen gerecht zu werden, die vor allem seine eigenen waren.
„Die Liebe meiner Mutter hat immer gedroht, mich zu ersticken… Seine ist der ihren ähnlich, wenn nicht sogar schlimmer.“
, brach es schließlich leise aus ihm heraus. Mit der Erinnerung kam auch jene Erleichterung zurück, die sich einst unter die Trauer gemischt hatte. Eine Erleichterung, für die er sich geschämt hatte.
Er hätte weiter über seinen Vater sprechen können, über Verantwortung, über Erwartungen, über all das Ungesagte zwischen ihnen. Doch es waren ihre letzten Worte, die seine Aufmerksamkeit an sich zogen.
„Es ist nicht deine Aufgabe, uns zu befreien“
, sagte er leiser, ernster.
„Ich fürchte, wir würden nicht einmal wissen, wohin wir dann gehen sollten.“
, diesmal zupfte ein vages Schmunzeln an seinen Lippen, während er noch einmal über ihre Wangen strich um die Tränen zu trocknen.
„Und meine sollte es nicht sein, dich zum Weinen zu bringen“
, seufzte er leise. Der Ton war ungewohnt gedämpft, beinahe kleinlaut, und verriet mehr über seinen Ärger auf sich selbst als über die Situation. Seine Unbeherrschtheit lag ihm schwer im Magen. Natürlich konnte es sein, dass sie all das spielte, dass jede Regung Teil einer Rolle war, die sie perfektioniert hatte. Doch in diesem Moment wollte Cathal das nicht glauben. Vielleicht, weil es einfacher war. Vielleicht, weil es schmerzhafter gewesen wäre, ihr nach ihren Worten die Echtheit abzusprechen.
„Es tut mir leid, Maebh. Wie ich mit dir gesprochen habe.“
Seine Daumen lösten sich langsam von ihren Wangenknochen und glitten tastend der klaren Linie ihres Kiefers entlang, vorsichtig, als müsse er jeden Zentimeter neu verhandeln. Die Berührung war sanft, fast prüfend, und er verweilte nicht lange genug, um sie zu etwas zu machen, das zu viel hätte sein können. Ihr Gesicht fühlte sich fein geschnitten an unter seinen Händen, ruhig in seiner Struktur. Es lag etwas Selbstverständliches darin, etwas Aristokratisches, das ihm vertraut vorkam, ohne dass er wusste warum. Vielleicht, weil es ihn an seine Schwestern erinnerte. Vielleicht, weil Schönheit in diesen Mauern immer eine bestimmte Sprache gesprochen hatte – eine, die er kannte, auch ohne sie je gesehen zu haben.
„Ich werde mit ihm sprechen. Aber mach unser Unglück nicht zu deinem – du bist nicht verantwortlich für den schweren emotionalen Seegang dieser Familie.“
Und wenn dies ein unverstellter Blick auf ihr wahres Wesen gewesen war, dann fragte er sich unwillkürlich ob sie tatsächlich zu gut für diese Familie war.
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Herbstland
Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#8
«Nein, Cathal. Dieser Zorn ist kein Produkt. Er wurde nicht erschaffen. Du hast ihn nur gepflegt. Und ich verstehe das»
, fuhr sie fort.
«Ich kenne ihn so gut und auch ich halte ihn zurück. Oder viel mehr... verarbeite ich ihn? Nichts auf dieser Welt ist es wert, mit Zorn bedacht zu werden, Cathal. Weder die Menschen um dich herum noch du selbst hast dieses Gefühl für dich verdient. Und erneut stellst du keine Fragen», maßregelte sie ihn. «Du wirfst deinem Vater vor, nur sich selbst zu sehen. Aber machst du es gerade besser?»
Es brachte natürlich nichts, ihn fragend anzuschauen, also ließ sie es. Naja, fast. Natürlich gehörte die Geste in ihre Mimik. Sie war da, wenn sie sprach. Das hatte rein gar nichts mit ihm zu tun. Sie konnte spüren, wie der Körper ihres Stiefssohnes unter der Mühe vibrierte. Mühe, die er aufbrachte, um nicht hochzufahren. Es war immer das Gleiche. Die Fraser-Männer waren unterm Strich einfach kleine Zündhölzer. Bewahrte man sie nicht richtig auf und bewachte man sie nicht, dann gingen sie in Flammen auf und brannten alles um sich herum nieder. Inklusive sich selbst. Zurück blieb nur verdorrtes, totes Land. Und ein vernarbter Körper, verzweifelt, allein und frierend. Gefangen in dieser schier endlosen Einöde aus Trauer, Zorn und Hilflosigkeit.
«Du kannst nicht wissen, ob er kein Vertrauen in dich hat. Oft treffen wir Entscheidungen nicht, weil wir wirklich andere Menschen schützen wollen. Oft betreffen diese Entscheidungen uns. Weil wir Bewusstsein haben und es in unserer Natur liegt, das zu tun, was wir für richtig halten, Cathal. So, wie du es für richtig gehalten hast, deine zukünftige Ehefrau zu behandeln wie die nächste Dirne an der Straßenecke – was übrigens überhaupt nichts Schlimmes ist! – und dein Vater entschieden hat, dass er dir die Erbfolge aberkennt. Es war eine Möglichkeit von vielen. Er wollte dich entlasten. Schützen. Er hat nicht mit dir darüber gesprochen. Das sind... alte Strukturen.»
Als er erneut sprach, lächelte sie traurig. Verstand, warum es sich für ihn so anfühlen musste. Doch diesen Schmerz konnte sie ihm nicht nehmen. Er gehörte zu ihm. Zu jedem Schritt, den er tat. Jedem Atemzug, jedem Herzschlag.
«Ich weiß»
, gab sie also zurück. «Und ich verstehe das. Denn käme es von mir, könntest du es von dir fernhalten. Unsere Emotionen sind ein tückisches Ding. Und dein Vater steht dir nun einmal näher als ich.»
Seine nächste Aussage allerdings sorgte dafür, dass sie leise schnaubte. Und den Kopf schüttelte.
«Damit man etwas zeigen kann, Cathal, muss man selbst erst einmal wissen, dass es da ist. Ich für meinen Teil wollte nie mehr, als ... für euch da sein. Und nur für’s Protokoll... genau das habe ich eurem Vater auch gesagt.»

Es war das erste Mal, dass sie einander überhaupt so berührten. Sie ließ zu, dass seine Finger über ihre Wangen glitten. Ihre Konturen erkundete. Für ihn musste es sein, als legte er sich eine Karte von ihrem Gesicht an. Sie genoss einen Moment die warmen Fingerspitzen, dann fasste sie seine Handgelenke und schob seine Hände nach unten, hielt sie in den ihren. Und schwieg. Das war für den Moment besser. Sie hatte sich das sehr fest vorgenommen. Doch er sprach weiter. Und Maebh schüttelte heftig den Kopf.
«Ich weine nicht, weil du mich verletzt hast»
, erklärte sie und drückte kurz seine Finger.
«Sondern weil ich es einfach anders sehe. Dein Leid schmerzt mich, Cathal. Ich wünschte, ich könnte all das einfach von dir nehmen. Ich wünschte, es gäbe einen Weg, dir die Welt zu zeigen, wie ich sie sehe. Ich wünschte, ich könnte etwas von dem Glück in mir einfach in dein Herz schicken, sodass du ein schöneres Leben hast.»
Sie kam auf die Füße und strich ihm sanft übers Gesicht, ehe sie ihm einen Kuss auf die Stirn setzte, die Lippen dort für einen Moment verharren ließ. Und ihm dann das Haar zurückstrich.
«Doch. Das ist meine Aufgabe. Mich zwingt nur niemand dazu. Ich tue es, weil es mich glücklich macht. Ich mag es, wenn Menschen die mir wichtig sind, Glück empfinden. Und du bist da keine Ausnahme, Cathal. Ich weiß, dass ich nicht deine Mutter bin. Aber ich kann dir eine Freundin und eine Ratgeberin sein, wenn du es wünscht. Ich fände das sehr schön. Wenn wir uns näher kommen.»
Vielleicht würde das auch dafür sorgen, dass Moira ihr Herz ein wenig für sie erwärmen konnte.
Dann allerdings seufzte sie. Und hob ein wenig die Schultern. Etwas, das er eher hören als spüren würde.
«Das ist mir bewusst. Aber ihr seid auch nicht für meinen verantwortlich. Aber so funktioniert das in einer Familie. Man fängt sich auf, ist füreinander da. So hat mir meine Mutter es beigebracht und genau wie deine starb sie viel zu früh. Aber ihre Liebe war nie drückend. Sie war befreiend. Anders als das, was meine Stiefmutter mir angetan hat. Und so möchte ich einfach nicht sein, Cathal. Gibst du mir diese Chance? Lässt du zu, dass ich es besser mache?»
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Herbstland
Cathal Fraser
Herbstland
Alter 25
Beruf Prinz von Kenmara
Wohnort Kenmara
Stand Verlobt
User Natsch
#9
Cathal hörte Maebh aufmerksam zu. Sein Gesicht blieb ruhig, der konzentrierte Blick ins Leere gerichtet, doch die Anspannung lag weiterhin spürbar in seinem Körper. Es grenzte beinahe an ein Ärgernis, dass sie dem Feuer seines Zorns kein weiteres Zündholz reichte, sondern stattdessen beruhigend auf seinen Verstand einwirkte – mit ihren Worten, mit ihren Berührungen, mit der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich ihm stellte, obwohl sie es nicht hätte tun müssen.
Sie hätte gehen können. Einfach gehen. Doch sie tat es nicht. Sie blieb. Obwohl er sich ihr gegenüber unmöglich benahm. Und so egoistisch dieser Gedanke auch war – der Prinz von Kenmara rechnete es ihr an. Dass sie nicht auswich. Dass sie die Konfrontation hielt. Dass sie sich weder kleinmachen ließ noch vor ihm zurückzuckte. Es war, als gäbe es um sie einen unsichtbaren Schutzwall, an dem die Flammen seiner Wut wirkungslos abglitten – wie Feuer an Drachenhaut, das keinen Halt fand.

Ihre Frage ließ seine Lippen zu einem schiefen, selbstironischen Lächeln zucken, doch es erreichte seine Augen nicht. Er schüttelte leicht den Kopf. Nein. Er war egoistisch. Durch und durch. Natürlich sah er zuerst sich selbst. Seine Kränkung. Seinen Anspruch. Seine Enttäuschung. Alles musste sich an ihm messen lassen, als wäre er der Mittelpunkt eines Gefüges, das sich doch nie nach ihm gerichtet hatte.
Ob dieses Verhalten aus dem Gefühl geboren war, übergangen zu werden, übersehen, nicht genug zu sein – oder ob es schlicht Bequemlichkeit war, wusste er nicht. Vielleicht redete er es sich nur schön. Vielleicht war es einfacher, die Welt für hart zu erklären, als sich einzugestehen, dass er selbst härter war, als er es sein wollte. Und vielleicht war er gar kein Opfer der Umstände. Vielleicht war er einfach so.
„Und wie verarbeitest du deinen Zorn?“
, fragte er stattdessen. Sein Kopf neigte sich leicht zur Seite, eine fast prüfende Geste, als wolle er der Frage zusätzliches Gewicht verleihen. In seiner Stimme lag keine Provokation mehr – eher ein ernsthaftes Interesse. Vielleicht sogar der vorsichtige Versuch, etwas zu verstehen, das ihm selbst entglitt.

Als sie Muirín erneut ins Spiel brachte und auf seine Reaktion bei dem ersten gemeinsamen Essen anspielte, legte sich ein widerwilliger Zug um seine Lippen.
„Mir missfiel, wie sie mit dir gesprochen hat“
, schnaubte er, als müsse das genügen. Als sei es Rechtfertigung genug.
„Auch wenn das in offenem Widerspruch dazu steht, wie ich selbst mit dir umgehe.“
Seine Stimme senkte sich zu einem rauen Unterton, der weniger Zorn als Selbstkritik trug. Er nannte Maebh nicht Mutter – und würde es wohl niemals tun. Doch sie gehörte zu seiner Familie. Zu diesem kleinen, eng umrissenen Kreis von Menschen, für die er sich verantwortlich fühlte, ob er wollte oder nicht.
„Falls es dich beruhigt – ich habe mich danach bei ihr entschuldigt.“
Und sie sich bei ihm. Ob Muirín auch Maebh gegenüber Abbitte geleistet hatte, wusste er nicht. Es spielte in diesem Moment keine Rolle.
„Diese alten Strukturen sind das eigentliche Problem“
, fuhr er fort.
„Aber sie bestehen fort, weil niemand den Mut hat, sich gegen sie zu stellen. Und weil sie funktionieren.“
Er atmete tief ein und ließ den Kopf für einen Moment in den Nacken sinken – eine Geste zwischen Erschöpfung und stiller Resignation.

Es waren nicht seine Worte, die sie verletzten – sondern der Umstand, dass er selbst insgeheim unter den Umständen litt. Das irritierte den 25-Jährigen mehr, als er zugeben wollte. Er glaubte nicht, dass es gesund war, so empathisch zu sein. Für ihn bedeutete Fürsorge etwas anderes: kein eigenes Leid aufzuladen, es fernzuhalten oder dafür zu sorgen, dass der andere sein Leid selbst in Schach halten konnte. Vielleicht lag das an seinem Geschlecht, vielleicht an der Erziehung – wer wusste das schon.
Zwar sprach er mit Moira über ihre Gefühle, doch seine eigenen definierte er über Gedanken, über ein taktisches Kalkül, das ihn gelegentlich ärgerte, das er aber niemals laut aussprach. Offenkundige Zugeständnisse an Schmerz machten einen verletzlich. Und Verletzlichkeit war etwas, das Cathal sich nicht leisten konnte.
„Du kannst mir bei Gelegenheit erklären, wie du die Welt siehst. Vielleicht lerne ich dabei ja noch etwas…“
, erwiderte er auf ihren Wunsch, merklich besänftigt im Vergleich zu zuvor. Seine Augen schlossen sich einen Atemzug zu lang, während er ihre Finger und Lippen spürte und den Moment aufnahm.
„Und vielleicht werden wir mit der Zeit ja… Vertraute.“
Er kam ihr entgegen und stand nun ebenfalls auf. Mehr konnte er ihr gerade nicht geben – nicht im Moment. Und doch glaubte er, dass das genug war.
„Man vergisst leicht, wenn man nirgendwo fremd in seinem Leben war, wie schwer es für andere sein muss, die es einmal sind“
, fuhr er fort. Am Anfang hatte Maebh vermutlich niemanden hier gehabt, dem sie sich anvertrauen konnte. Ob sie mit ihren Dienerinnen wie mit Freundinnen sprach, wusste er nicht. Ähnlich musste es seiner zukünftigen Gemahlin ergehen.
„Ich schulde dir mehr, als diese Chance.“
Schließlich nickte der Fürstensohn und fuhr sich über den Stoff seiner Kleidung.
„Mich würde interessieren, was deine Stiefmutter dir angetan hat – ich weiß nur nicht, wie förderlich dieses Wissen vor dem gemeinsamen Essen ist. Darum entschuldige, wenn ich später in einem ruhigeren Moment darauf zurückkomme…“
Er spürte das vertraute Kribbeln in seiner Brust, die Unruhe, die immer dann aufstieg, wenn es um den Schutz seiner Familie ging. Der Impuls, alles selbst zu regeln, jeden Schaden abzuwehren, pochte gegen seinen Verstand an. Heute jedoch wollte er ihn zügeln, den Zorn zurückhalten, den Drang, sofort einzugreifen. Heute wollte er sich von seiner besseren Seite zeigen – zumindest so gut es ging. Ein schmaler Grat zwischen Selbstbeherrschung und Ehrlichkeit, auf dem er vorsichtig balancierte. Und je länger er darüber nachdachte, desto deutlicher spürte er, dass diese kleine Entscheidung, sich zurückzunehmen, mehr Mut erforderte, als jedes schnelle Handeln je gekostet hätte.
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Herbstland
Maebh Fraser
Herbstland - Admin
Alter 31
Beruf Ehefrau
Wohnort Kenmara
Stand Verheiratet
User Cat
#10
Die Frage war gut. Wie verarbeitete sie ihren Zorn? Wie ging sie damit um, dass sie wütend wurde? Das war schwierig zu beantworten, denn in den meisten Fällen schluckte sie ihn einfach herunter. Aber in diesem Fall..
«Nun, in manchen Fällen streite ich mit deinem Vater darüber, dass ich finde, dass er dich zu sehr behütet und nur daran denkt, wie er sich mit was fühlt. In anderen Fällen stelle ich Rowan zur Rede, der mir erklärt, dass ich seine Position nicht verstehen kann. Ich denke, Cathal, dass es wichtig ist, dass wir uns selbst reflektieren. Dass wird darüber nachdenken, warum wir zornig sind. In ganz vielen Situationen sind gar nicht die anderen Menschen um uns herum das Problem. Sondern unsere eigenen Ansprüche an uns selbst.»
Ein Lächeln, für ihn freilich unsichtbar aber hörbar, als sie weitersprach, glitt über ihr Gesicht.
«Und manchmal rede ich einfach mit jemandem darüber. So wie nun mit dir. Ich liebe euch, Cathal. Ihr seid meine Familie und ich liebe euch genauso sehr, wie ich meinen leiblichen Sohn liebe. Es gibt für mich keinen Unterschied. Aber ich habe nicht das Recht, das auch von euch zu fordern. Das ist allein eure Entscheidung, ob und wieviel Liebe ihr mir zurückgeben wollt.»
Das Thema rund um seine zukünftige Ehefrau hatte sie auch mit aufgegriffen. Und ehrliche Erleichterung machte sich in ihr breit, während sie seinen Worten lauschte.
«Das finde ich sehr gut. Ich habe mich gestern mit ihr unterhalten», stellte Maebh fest. «Sie ist eine sehr liebenswerte junge Frau aber ich denke, dass sie Angst hat, Cathal. Mach ihr die Zeit hier nicht ganz so zur Hölle. Ich weiß, dass du diese Heirat nicht möchtest. Ich kann verstehen, dass du dir was anderes wünscht. Aber vielleicht ist sie es ja, was du brauchst? Vielleicht bereichert sie dein Leben auf eine Art und Weise, wie es sonst niemand tut.»
Aber er hatte Recht. Die Strukturen waren schuld an der Misere. Und der Umstand, dass sie funktionierten. Etwas ähnliches hatte sie vor ein paar Tagen immerhin auch Rowan gesagt. Und etwas ähnliches musste nun vermutlich auch ihr Stiefsohn hören, wenngleich die Ansprache hier deutlich sanfter vonstatten gehen musste.

«Ich glaube, dass wir voneinander lernen sollten, Cathal. Es gibt nicht den einen richtigen Weg», erklärte Maebh nach einem Moment der Stille und lächelte ein wenig schief. Als er davon sprach, dass sie mit der Zeit Vertraute werden könnten, verspürte sie erneut eine jähe Woge der Zuneigung für den jungen Mann, der ihr gegenübersaß.
«Das wäre sehr schön», stimmte sie ihm zu. «Ich wäre gerne vertrauter mit dir.»
Sie ließ ihm Freiraum, damit er aufstehen konnte und musste daher unweigerlich den Kopf in den Nacken legen um zu ihm aufzuschauen. Ein leichtes Kopfschütteln, ehe das «Nein» sich in Form eines Wortes für ihn in Kontext rückte. «Nein. Du schuldest mir nichts. Denn ich habe nicht das Recht, Erwartungen an dich zu stellen. Lass uns den neu gefundenen Frieden nicht mit einer Rechnung beginnen. Sagen wir einfach, es ist ein Neuanfang und wir lernen uns besser kennen.»
Das gefiel ihr besser. Sie wollte nicht, dass ein neues Verhältnis sich auf Schulden begründete. Das war, ihrer Ansicht nach, keine gute Grundlage. Und als er nun nach ihrer Stiefmutter fragte, spannte Maebh sich unwillkürlich an.
«Sie ist keine besonders nette Person, Cathal. Ich schätze, dass ich schlussendlich heiraten musste lag daran, dass mein Vater mich aus ihrem Einflussbereich herausholen wollte. Sie ist kalt, unbarmherzig und sie hat nicht ein gutes Wort an mir gelassen. Du darfst dir dein eigenes Bild machen. Nur weil ich Probleme mit ihr habe heißt das nicht, dass du eines haben musst, Cathal.»
Sie trat an seine Seite und musterte ihn noch einmal eindringlich, hatte gerade weitersprechen wollen, als es an der Tür klopfte. Überrascht wandte Maebh sich um. «Herein?»
«Herrin, die Braut schickt mich», stellte die Zofe fest, die kurz darauf durch die Tür trat. «Ich fürchte, sie ist krank. Oder wird krank. Es ist schwer zu sagen.»
«Ich sehe gleich nach ihr», gab die Fürstin zurück und ihre Stimme hatte die alt gewohnte Ruhe und Freundlichkeit wieder gewonnen. «Vielen Dank.»
Ihre Finger fuhren sanft über Cathals Arme. «Entschuldigst du mich?», wollte sie wissen. «Ich möchte gerne nach Muirìn schauen. Kommst du hier zurecht?»
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