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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

Where we left ourselfs

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
25. November 1016
Ort
Zwischen den Städten
Tageszeit
21:55
#11
Es gab viele Dinge im Lager, an die sich Leif gewöhnen musste. Dass Zeltwände dünn waren und über Geheimnisse besser geschwiegen wurde, wenn man nicht wollte, dass sie ein Dahergelaufener aufschnappte. Dass es wenig Rückzugsort gab und jeder zu aller erdenklicher Stunde etwas von einem wollte. Dass seit heute Morgen auch noch verdammte Wachen vor seinem Zelt standen, als wär er ein unfähiger Sesselpupser, der sich nicht selbst verteidigen konnte. Wer war eigentlich auf die Idee gekommen? Dass sich welche vor dem Zelt positionierten, wenn sich seine Hauptmänner hier versammelten oder Charles selbst zu Besuch war, ja, oder in der Nacht, auch wenn sein Schlaf leicht war, seinetwegen (wenn es denn unbedingt sein musste). Aber rund um die Uhr jemanden vor seinem Zelt stehen zu haben, das… kränkte seine winterländische Würde doch irgendwie. Jorin musste sich auch nicht mit Wachen abfinden.
Noch entwürdigender als die reine Präsenz der Wachen allerdings empfand Leif, dass man ihn jetzt schon gar nicht mehr persönlich um Einlass in sein Zelt bat, sondern die Wachen mit dieser Entscheidung betrauten. Dieses über seinen Kopf entscheiden war heute schonmal passiert, als er dabei gewesen war, seinen Bart zu stutzen und sich die Klinge so abgelenkt fast ins Fleisch gerammt hätte. Und wenn er beim Stuhlgang war, hm?? Wollten die Wachen dann auch jeden reinlassen?

Zu seinem - und ihrem - Glück hatte Leif vor zehn Minuten sein Bad beendet. Wasserdampf kringelte sich an der Stoffplane nach oben und setzte sich in feinen Perlen unter den feuchten Locken auf seinem Nacken ab. Er hatte sich gerade erst das Hemd über den Kopf gestülpt, da hörte er Veiths Stimme vor dem Zelteingang. Lasst sie eintreten. Ja. Als wär er ein ausgestelltes Dekoobjekt, das man jederzeit aufsuchen und bestaunen konnte. Es war nicht unbedingt Veiths Schuld, dass er sich der neuen Situation anpasste, aber Leif hatte langsam die Nase voll.
“Ich bin auch noch hier, weißt du. ICH entscheide, wenn jemand in mein Zelt treten darf”
, polterte seine Stimme laut genug, dass man sie draußen deutlich hören konnte, auch wenn die Zeltplane nicht schon geöffnet worden wäre. Ein kühler, angenehmer Luftzug streifte seinen Nacken, bevor er sich umdrehte, um herauszufinden, wer da überhaupt mit ihm sprechen wollte.

Es war, als hätte ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Ein Luftzug mit der Kraft einer gepanzerten Faust, die ihn einen Moment vergessen ließ, wie man atmete, während ihm sein Gesicht entgleiste. Eben noch der Königssohn und Krieger, Stolz und Kraft in jeder Faser seines Körpers auch in einfacher Kleidung, mit einem ungeschnürten Hemd und feuchten Locken, blieb in diesem Moment nicht mehr von ihm übrig als der junge Mann, der sie damals ohne Konsequenz und Zukunftsgedanken in die Scheune gezogen hatte.
Er regte sich nicht. Vor ihm stand die Frau, die ihn nächtelang seines Schlafes beraubt hatte, seit sie geflohen war. Die in ihrer Abwesenheit mehr Schaden angerichtet hatte als mit ihrer Anwesenheit, und doch - er hatte nur Augen für sie. Sanna lebte, und sie stand vor ihm, und mit diesem einen Luftzug erschlug ihn der Sturm, den er nur langsam lernte, zu akzeptieren. Schuld. Wut. Verzweiflung. Verantwortung. Erleichterung. Gefühle.
In einem Atemzug hatte er die Distanz zu ihr überbrückt. Seine Hand griff nach ihr, irgendetwas, zog sie an sich und erst, als er sie fest in seinen Armen hielt, löste sich etwas in ihm, das er lange vergraben hatte. Ein Zittern ging durch seinen Atem, kaum merklich in seiner Statur, die sich beschützend und dankbar um sie legte. Die Hand auf ihrem Hinterkopf, fühlte er, dass das echt war - und es bedeutete ihm die Welt.
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#12
Sanna spürte dieses feine Zittern unterhalb ihres Herzens, als Veith auf ihr Gesuch nach einem Gespräch reagierte. Es war anders mit ihm. Anders, weil es eine Möglichkeit gab. Eine leise, kaum greifbare Möglichkeit auf eine Zukunft - auch wenn sie mit der Wahrheit über Valdas Vater vielleicht genau diese Möglichkeit selbst zerschlagen hatte.
Ein Teil von ihr, der zur Selbstsabotage neigte und sich stets eingeredet hatte, sie käme ohnehin besser ohne einen Mann zurecht, hoffte beinahe, dass es nun vorbei war. Dass sich alles erledigt hatte. Es würde bestätigen, was sie über Beziehungen zu wissen glaubte: dass sie nicht blieben, dass sie brüchig waren, dass man sich besser nicht zu sehr darauf verließ. Es war der vertraute Weg. Der sichere. Der mit dem geringeren Widerstand.
Doch da war noch dieser andere Teil. Leiser. Kleiner. Naiver vielleicht. Und hoffnungsvoll. Er wagte es tatsächlich, sich eine Zukunft mit Veith vorzustellen - trotz der Welten zwischen ihnen, trotz der Wahrheit, trotz des Krieges, der unmittelbar vor ihren Türen stand. Und genau dieser Teil machte ihr am meisten Angst.
„Wehe, ich muss dich lange suchen“
, sagte sie, taffer klingend, als sie sich fühlte, während ihre Fingerspitzen über seinen Handrücken glitten, der neben ihrem mitschwankte.

Dass er nach der Schlacht, auf der Rückreise, vorbeisehen würde, löste etwas in Sanna aus, das sie kaum wahrhaben wollte. Als würde er ihr ein leises Versprechen geben - und sie glaubte es. Ein halbes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, doch sie sagte nichts mehr, denn Leifs Zelt ragte vor ihnen auf, und eine seltsame Anspannung packte sie.
Sie hatte Leif zuletzt im Sommer gesehen - wobei „Sommer“ im Winterland ein dehnbarer Begriff war. Sie hatten sich getroffen, waren jagen gegangen, hatten sich geliebt, als gäbe es keine unsichtbare Grenze zwischen ihnen. Sie wusste nicht was sie erwartete, sie wusste nur was sie gefühlt hatte. Wut - auf sich selbst, auf ihn, auf seinen Rang, seinen Status, auf die simple Tatsache, dass er kein einfacher Bauer war, der zu ihr hätte stehen können. Trauer - weil sie Norsteading verlassen hatte und damit einen großen Teil dessen verlor, was sie liebte und was sie ausmachte. Schuld. Eine irrationale, beißende Schuld, weil sie einen Mann in ihr Leben gelassen hatte und es sich ein bisschen wie Betrug anfühlte, obwohl Leif und sie sich nie etwas versprochen hatten. Und doch war da auch Liebe. Liebe für einen Mann, der wohl immer ein Teil ihres Herzens bleiben würde, weil sie ihn nicht einfach aus sich herausschneiden konnte. War das fair? Veith gegenüber nicht.

Und trotzdem huschte ein schwaches, amüsiertes Lächeln über Sannas Lippen, als sie Leifs Stimme hörte, der sich offenbar darüber mokierte, dass einfach über seinen Kopf hinweg entschieden worden war. Dieses kleine Stück Vertrautheit nahm ihr die Nervosität vor dem Gespräch - denn er war immer noch er.
Ihr Blick glitt über seine große Gestalt. Sie bemerkte die feuchten Locken, den leicht gestutzten Bart - und er sah so gut aus wie immer. Vielleicht ein wenig angespannter als bei ihrer letzten Begegnung, ein wenig Älter, aber das schrieb sie dem Krieg und seinem Trotz zu. Und dann sah er sie einfach nur an. Und sie ihn. Sanna erwartete die vertraute Wut, die Enttäuschung — doch sie kam nicht. Weder Wut über seinen Stand, noch über die Unmöglichkeit ihrer Beziehung. Es war, als hätte sich alles davongemacht, wie der Wasserdampf, der schwer aus dem Zelt waberte. Was blieb, war ein leises Ziehen in ihrer Brust und eine Zuneigung, die wohl ein Jahrhundert überdauern würde. Sie liebte ihn noch immer - und doch hatte sie sich zu gleichen Teilen von ihm gelöst, hatte Raum geschaffen, als hätte die Akzeptanz sie endlich zur Vernunft gebracht. All das, was geschehen war - die Flucht, der Angriff - hatte ihr gezeigt, dass ihre Welten zu weit voneinander entfernt waren, als dass der andere wirklich in der eigenen hätte existieren können. Und das war... in Ordnung, auch wenn es leise schmerzte.
Sie ließ sich von Leif in seine Arme ziehen, spürte den Puls unter seiner Haut, hörte seinen Herzschlag, als ihr Kopf an seiner Brust zur Ruhe kam, und fühlte das Zittern, das durch seine große Gestalt lief, als sich sein Körper um ihren legte. Ihre Arme glitten um seinen Rücken, die Hände griffen in das Leinen, das leicht feucht war — anscheinend hatte er sich nur unzureichend abgetrocknet.
„Wir sollten rein gehen...“
, raunte sie an seine Brust und lehnte sich sanft gegen ihn, um ihn zur Bewegung zu bringen.
Veiths Präsenz brannte in ihren Rücken, und erneut traf sie das Gefühl der Schuld - doch diesmal fühlte es sich anders an, nicht vertraut, nicht gewohnt. Ein leiser, fremder Stich in der Brust, der ihr zeigte, dass sich etwas verschoben hatte.
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#13
Die Gewissheit, dass Valda Leifs Tochter war, ließ einen Gedanken in ihm Wurzeln schlagen, der ihn von nun an nicht mehr loslassen würde. Das Mädchen musste geschützt werden. Koste es, was es wolle. Sollte Leif fallen oder schlimmer noch, sollte auch Jorin den Krieg nicht überstehen hing die Zukunft Norsteadings an Luitwin, der jedoch gerade erst einmal elf Jahre alt war. Nicht ohne Grund setzten Herrscher alles daran, möglichst viele Nachkommen zu hinterlassen. Das Leben war unberechenbar. Krankheiten, Unfälle oder Kriege forderten ihren Tribut, und die Kindersterblichkeit war hoch genug, um selbst eine große Familie binnen weniger Jahre auszulöschen. Ein Reich brauchte Erben, nicht nur für den Thron, sondern als Hoffnung auf Kontinuität. Vielleicht zeichnete es ihn aus, dass sein Verstand sich ausgerechnet jetzt an dieser nüchternen Wahrheit festklammerte. Es war einfacher, über Thronfolgen, Bündnisse und die Zukunft Norsteadings nachzudenken, als sich einzugestehen, wie tief ihn die Erkenntnis traf, dass Sannas Herz noch immer an Leif hing. Die Politik verlangte klare Gedanken. Gefühle hingegen machten einen Mann blind und Veith wusste nur zu gut, welchen Preis Unachtsamkeit in den kommenden Tagen kosten konnte.

Dennoch ließ sich sein Herz nicht so leicht zum Schweigen bringen. Es schlug gegen jede Vernunft an, zog schmerzhaft an ihm, als wolle es sich gegen den Panzer wehren, den sein Verstand darum errichtet hatte. Er hatte sich lange eingeredet, zwischen ihm und Sanna stünde lediglich eine flüchtige Anziehung, geboren aus jener Nacht in Helvis Haus. Doch mit jedem Schritt wurde deutlicher, dass er sich selbst belogen hatte. Was er für sie empfand, war längst tiefer geworden. Selbst jetzt, als er sie durch das Lager bis zu Leifs Zelt begleitete, fand er keinen Frieden. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu ihren Worten zurück. Zu der Art, wie sie ihn angesehen hatte. Zu dem Zittern in ihrer Stimme, das sie so tapfer zu verbergen versuchte und zu der schmerzhaften Gewissheit, dass er sie gleich zurücklassen musste, ausgerechnet bei dem Mann, gegen den er niemals würde antreten dürfen. Nicht, weil er ihn fürchtete, sondern weil Loyalität manchmal bedeutete, schweigend zurückzutreten, obwohl das eigene Herz lautstark das Gegenteil verlangte.

„Du weißt jetzt, wo du mich findest“, erwiderte er auf ihre Worte, die spielerischer klangen, als sie vermutlich beabsichtigt hatte. Für einen flüchtigen Moment glaubte Veith sogar, dass sie ihm diesen Abschied erleichtern wollte. Er konnte es ihr nicht verübeln. Also zwang auch er sich zu einem ruhigen Ausdruck, ließ sich nichts anmerken und bot weder ihr noch den Wachen vor dem Zelt auch nur den kleinsten Hinweis darauf, wie es in seinem Inneren aussah. Tief unter seiner gefassten Miene regte sich etwas, das er bisher kaum gekannt hatte. Es war kein Zorn. Auch kein Groll. Es war Eifersucht. Ein Gefühl, das sich kalt und unerbittlich in seiner Brust ausbreitete und ihn gleichzeitig mit Scham erfüllte.
Leif war sein Freund. Sein Prinz. Ein Mann, dem seine Loyalität seit Jahren gehörte und Sanna hatte nichts getan, wofür sie diese stummen Vorwürfe verdient hätte. Sie war ihm nie ein Versprechen schuldig gewesen. Alles, was zwischen ihnen entstanden war, hatte sich in den Zwischenräumen ihrer Blicke und Berührungen abgespielt, ohne jemals ausgesprochen zu werden. Sie konnte nichts brechen, was nie ausgesprochen worden war. Der Schmerz gehörte allein ihm. Also verdrängte Veith jede Regung und nickte den Wachen knapp zu. „Lasst sie eintreten.“ Kaum waren die Worte gefallen, erklang Leifs Stimme aus dem Inneren. Veiths Mundwinkel hoben sich unwillkürlich um den Hauch eines Lächelns. „Macht der Gewohnheit“, erwiderte er trocken. Er trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf Sanna vollständig frei. „Verzeih mir.“

Mit vielem hatte Veith gerechnet. Mit einer knappen Begrüßung. Mit Leifs üblicher Gelassenheit, vielleicht sogar mit einem Scherz. Nicht jedoch damit. Kaum fiel Leifs Blick auf Sanna, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Die sonst so selbstverständliche Souveränität wich einem ungläubigen Aufleuchten. Für einen winzigen Moment schien er schlicht vergessen zu haben, wo er war. Dann überwand er den Abstand zwischen ihnen mit wenigen entschlossenen Schritten und schloss sie fest in seine Arme. Veith blieb reglos stehen. Sein Blick ruhte auf den beiden, ruhig, beinahe ausdruckslos. Nur wer ihn sehr gut kannte, hätte bemerkt, wie sich sein Kiefer unmerklich anspannte. Etwas in seiner Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Er hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde. Er hatte sich eingeredet, darauf vorbereitet zu sein. Doch die Wirklichkeit traf ihn härter, als er erwartet hatte. Zu sehen, wie selbstverständlich Sanna in Leifs Armen verschwand, ließ all die mühsam errichteten Mauern in seinem Inneren erzittern. Einen flüchtigen, beschämenden Herzschlag lang fragte er sich, wie es sich angefühlt hätte, sie selbst noch einmal so festzuhalten. Den Gedanken erstickte er im selben Moment. Er stand ihm nicht zu. Nicht mehr. Leise ließ Veith den Atem entweichen. Er hatte getan, weshalb er gekommen war. Alles Weitere ging ihn nichts an. Ohne ein weiteres Wort trat er einen Schritt zurück. Das flackernde Licht der Fackeln fiel nur noch halb auf sein Gesicht, ehe er sich abwandte. Seine Schritte waren ruhig, gleichmäßig und verrieten nichts von dem Aufruhr, den er unter jeder kontrollierten Bewegung verbarg. Hinter ihm ließ er das Zelt, die Stimmen und den Anblick zurück, der sich unausweichlich in sein Gedächtnis eingebrannt hatte.
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