15-05-2026, 16:32
Das Feuer war längst heruntergebrannt. Nur hin und wieder knackte noch ein Stück Holz in der Glut und ließ das warme, sanfte Licht flackernd über die Steinwände ihrer Gemächer wandern. Draußen drückte der Wind immer noch gegen die Mauern Kenmaras... nun, er ließ das einfach nie. Es war hier immer stürmisch, rannte der Wind doch wie tausend Mann stürmisch übers Meer gegen die Klippen und erzeugte dort das rauschende Heulen und Stöhnen, dass Maebh schon immer an den Atem der Welt erinnert hatte. Für gewöhnlich fand sie Trost im Sturm. Doch heute machte er sie nur nervös. Heute fühlte es sich an, als würde derselbe Sturm auch von innen gegen ihre Brust drücken.
Sie stand bereits seit einigen Minuten am Fenster, obwohl sie da draußen gar nichts mehr erkennen konnte. Ihre Finger lagen ineinander verschränkt, so fest, dass ihre Knöchel hell hervortraten. Als er hereingekommen war, hatte sie ihm erklärt, dass er sich bitte hinsetzen sollte. Das sie reden musste. Er hatte ein paar besorgte Rückfragen gestellt, sich aber dann hingesetzt und wartete nun schweigend darauf, dass sie begann zu sprechen. Maebh rang sich ein tiefes Einatmen ab. Mehr als einmal hatte sie in den letzten Wochen überlegt, wie sie das angehen sollte. Mehr als einmal hatte sie die eigenen Worte im Kopf wieder verworfen, weil sie zu hart klangen. Oder nicht gut durchstrukturiert. Gesprochen hatte sie mit niemandem – außer mit Yue.
Sie wollte aber auch nicht klingen, als wollte sie sich rechtfertigen. Oder ihren Fehltritt legitimieren. Sie wollte einfach nur, dass sie wussten, woran sie waren. Sie wollte Ehrlichkeit in ihrer Beziehung. Und genau davor hatte sie jetzt fürchterliche Angst.
Langsam wandte sie sich schließlich zu Eanruig um. Allein ihn anzuschauen, wie er da saß, geduldig, schweigsam, ruhig... es zog ihr die Kehle zusammen und den Brustkorb enger. Es wäre so viel leichter gewesen, einfach zu schweigen. So, wie sie es bisher getan hatte. So zu tun, als gäbe es all diese Dinge nicht zwischen ihnen. Aber seit ihrem Gespräch fühlte sich das falsch an. Grausam, beinahe. Sie hatte sich und ihm Zeit gegeben, nachdem sie gesprochen hatten. Hatte die Nähe zwischen ihnen stärker aufblühen lassen. Aber je näher sie sich kamen, umso schmerzhaft schwerer wog die Wahrheit in ihrem Herzen.
Sie liebte ihn. Sie liebte ihn so sehr, dass sie ihm die Wahrheit nicht länger vorenthalten konnte und so schrieb sie lieber mit schwarzer Tinte auf die Reinheit ihrer Beziehung, weil sie glaubte, dass ein paar Flecken dunkler Farbe am Ende in der Gesamtheit nichts ausmachen konnten und maximal zu einem schönen Bild ausgearbeitet werden würden. Wenn er sie ließ. Wenn er sie noch liebte. Wenn er sie nicht verstieß.
«Ich muss mit dir über etwas sprechen», begann sie leise und ihre Stimme war ruhig und fest. Nur ihre Hände, die verrieten sie. Sie löste die Finger kurz voneinander, nur um sie wieder ineinander zu verschränken, als müsste sie sich selbst festhalten. «Und ich glaube, wenn ich es jetzt nicht sage, dann werde ich es nie tun. Und damit alles am Ende Sinn ergibt, bitte ich dich, mir von Anfang bis Ende zuzuhören. Denn ich werde am Anfang beginnen.»
Sie ließ zu, dass ihr Blick sich kurz in der glimmenden Glut im Kamin verfing. Gönnte sich diesen Augenblick Abstand. Nur für einen Herzschlag.
«Meine Mutter starb, als ich klein war. Ich erinnere mich kaum noch an sie. Aber daran, wie sie gerochen hat. Nach Lavendel, meistens. Und daran, dass sie immer kalte Hände hatte. Als Kind dachte ich, das sei normal. Feine Damen, die erwachsen wurden, hatten eben immer kalte Hände. Dann wurde sie krank. Recht plötzlich, laut meiner Erinnerung. Und ständig war meine Tante da. Kümmerte sich um sie. Um mich. Um meinen Vater. Sie war überall. Als Kind fand ich das völlig normal. Und meine Mutter starb einige Zeit später.»
Die Worte hingen schwer zwischen ihnen. Denn diese Dinge hatte sie noch nie jemandem erzählt. Er hatte sie gar nicht sehen können. Hatte nicht verstehen können, wie es ihr ging. Sie hatte ihm nie gesagt, was sie durchgemacht hatte. Ihr Herz schlug schneller, härter, gegen die eigene Brust, so als wollte es den Takt ihres Atems vorgeben, doch sie zwang sich dazu, ruhig zu bleiben.
«Mittlerweile glaube ich, dass das kein Zufall war. Eanruig, ich glaube, dass meine Stiefmutter das... irgendwie eingefädelt hat. Und ich weiß», hob sie die Hände, «dass das harte Anschuldigungen sind. Wir werden nichts davon beweisen können. Vielleicht irre ich mich auch? Oder suche nur einen Grund, wie ich diesen so schlimmen Verlust irgendwie verarbeiten kann... das ist alles möglich. Aber ich ... ich traue meinem Bauchgefühl. Und meinen Beobachtungen. Denn kurze Zeit später heiratete sie meinen Vater. Und am Anfang dachte ich noch...» Maebh brach ab und schüttelte kaum merklich den Kopf. «Ich weiß auch nicht. Ich dachte, dass sie mich genauso liebte wie meine Mutter das getan hat? Mutter war ganz wundervoll. Du hättest sie sehr gerne gemocht, glaube ich», stellte sie noch fest. «Aber meine Tante liebt mich nicht. Und sie wollte mir auch nie helfen.»
Maebh begann im Raum auf und ab zu laufen. Ihre Nervosität ließ gar nicht zu, dass sie auch nur einen Moment lang still stand und ihn ruhig anschaute. Der Stress musste irgendwie abgebaut werden und ihr Körper reagierte ganz instinktiv mit Bewegung.
«Am Anfang war sie freundlich. Also... sie war nicht besonders warm oder liebevoll, aber aufmerksam eben. Kämmte mir die Haare, brachte mir Sachen bei. Sagte mir, wie ich mich zu verhalten hätte. Ich dachte wirklich, dass das vielleicht einfach anders war. Und sie eben nicht so sanft wie Mutter. Menschen sind unterschiedlich», sie schlang die Arme fest um den eigenen Körper, fast so, als würde sie frieren. «Aber irgendwann verstand ich, dass es nie um Fürsorge gegangen war. Sie wollte mich erziehen. Ich durfte nicht mehr lachen. Nicht mehr barfuß durch den Garten laufen. Mich nicht schmutzig machen oder überhaupt laut reden. Zu still sein war nicht in Ordnung. Widersprechen schon gar nicht. Und irgendwann begann ich ständig darüber nachzudenken, ob ich irgendwas falsch mache. Selbst dann, wenn gar nichts passiert war.»
Maebh löste sich aus der Selbst-Umarmung und strich sich das dunkle Haar zurück, ehe sie den Mantel enger um ihren schlanken Körper zog.
«Mein Vater stand immer hinter mir. Aber er konnte nicht alles von mir fernhalten und die Situation ist wirklich verfahren, weil er sich nicht traut, sich von ihr zu trennen. Meine Kindheit war nicht schön, Eanruig. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine stehe. Aber diese Situationen zwischen mir und meiner Stiefmutter, die haben etwas mit mir gemacht, verstehst du? Und dann bekam ich ein besseres Verhältnis zu meinem Vater, er band mich ein, ließ mich Dinge erledigen. Buchhaltung, die Pferde... ich hatte eine Aufgabe und dann, ganz plötzlich, sehe ich mich mit dir konfrontiert. Einem Mann, der fast doppelt so alt ist wie ich. Der Kinder hat, die eher in meinem Alter sind und für die ich nun... was genau sein soll?»
Maebh zwang sich nun doch zur Ruhe und ging zum Tisch, um sich ihm gegenüber zu setzen und die Unterarme au dem Tisch abzulegen, während sie ihn mit ungewohnt ernsten Augen ansah. Bis jetzt hatte er sie nicht unterbrochen, auch wenn all diese Dinge für ihn vielleicht noch keinen Sinn ergeben würden.
«Ich hatte Angst vor dir», gestand sie. «Also... nicht vor dir als Person. Aber du warst groß, verschlossen, älter... und ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich dir gegenüber verhalten sollte. Mein ganzes Leben lang», nun traten Tränen in die großen dunklen Augen der jungen Fürstin, «habe ich immer versucht, Ärger zu vermeiden. Habe gelernt, wie man sich so verhält, dass niemand wütend wird. Und plötzlich war ich hier in einer fremden Burg. Mit einem Mann verheiratet, von dem ich nicht mal wusste, was er dachte. Und du warst für mich so... unglaublich schwer zu lesen.»
Ihre Stimme zitterte. Mittlerweile weinte sie. Aber sie würde nun weitersprechen. Es brachte nichts, wenn sie damit aufhörte. Sie musst es zu Ende bringen. «Und du hattest Kinder. Kinder, die trauerten. Ihre Mutter vermissten. Und mich schon aufgrunddessen ablehnten.»
Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Wange, um eine Träne aufzufangen.
«Und ich wollte... ich wollte so sehr», sie biss sich auf die Unterlippe, verdrehte die Augen und sah kurz zur Decke, ehe sie sich wieder auf ihn fokussierte, «dass du mich magst.»
Das klang schon fast beschämt. Bedürftig. Als dürfte sie das eigentlich gar nicht zugeben.
«Ich wollte nicht einfach nur respektiert oder akzeptiert werde. Ich wollte, dass du froh bist, dass ich da bin und dass du mir vielleicht sogar irgendwann sagen kannst, dass du mich liebst. Du hättest mein Ritter sein können. Denn ich habe viel zu spät begriffen, dass er mich zu dir geschickt hat, damit ich endlich meine Stiefmutter los bin.»
Sie gönnte sich eine Pause. Sich und ihm. Nahm einen Schluck von dem süßen Wein, der in einer Karaffe auf dem Tisch stand und füllte die Wärme in dem Raum mit der Stille ihrer Gedanken. Sie waren frei, schwirrten zwischen ihnen umher, ohne das sie zu greifen gewesen wären.
«Aber wir haben einfach nebeneinander hergelebt. Und ich glaube nicht einmal, dass wir das absichtlich getan haben. Wir waren beide vermutlich einfach nur vorsichtig?», sie sah ihn fragend an, wartete aber keine Antwort ab, sondern sprach weiter. «Du hattest deine eigene Trauer und ich wusste nicht, wie ich Bedürfnisse äußern soll, ohne mich schuldig zu fühlen.»
Sie holte tief Luft. Es fiel ihr schwer, was sie zusagen hatte, auszusprechen.
«Und ich war einsam, Eanruig. Ich war so einsam, dass ich es fast nicht mehr ertragen habe. Ich vemisste alles. Mein zu Hause. Meine Mutter. Meinen Vater. Meine gewohnte Umgebung. Liebe und Nähe. Deine Kinder wollten verständlicherweise Abstand zu mir und ich wusste nicht, wie ich sie erreichen sollte, ohne mich unnötig aufzudrängen. Und gleichzeitig hatte ich ständig das Gefühl, dass ich versagt habe. Obwohl ja niemand sagte, dass das der Fall war. Oder ich die Möglichkeit gehabt hätte, es besser zu machen.»
Das war das schlimmste gewesen. Die Stille. Der Schwebezustand. Diese Stasis.
«Ich glaube, dass ich damals selbst gar nicht mehr wusste, wer ich eigentlich war. Und dann kam... er. Ich möchte keinen Namen sagen, Eanruig. Bitte zwing mich nicht dazu. Es war nur einmal und wir... ich habe mich für einen kurzen Moment wichtig und geliebt gefühlt.»
Mittlerweile weinte sie richtig, ihre Stimme brach immer wieder und sie schaffte es nicht mehr, ihm in die Augen zu sehen.
«Und ich hasse mich so sehr dafür», weinte sie. «Und ich verstehe, wenn du wütend bist. Aber mir ist so wichtig, dass wir ehrlich sind. Jetzt, wo wir einander sehen. Und für die Zukunft. Und nach unserem Gespräch und der Nähe die wir aufbauen», ihre Stimme klang verzweifelt, zerrissen, «kann ich es nicht mehr für mich behalten. Ich will keine Lügen zwischen uns. Ich liebe dich so sehr. So sehr, dass mir die Wahrheit wichtiger ist als der Fakt, dass du mich vielleicht wegschickst. Oder mich hasst.»
Sie verstummte, die zitternden Hände um den Weinkelch geschlungen, den Blick auf den Kamin gerichtet, weil sie seine Augen gerade nicht ertrug.
Sie stand bereits seit einigen Minuten am Fenster, obwohl sie da draußen gar nichts mehr erkennen konnte. Ihre Finger lagen ineinander verschränkt, so fest, dass ihre Knöchel hell hervortraten. Als er hereingekommen war, hatte sie ihm erklärt, dass er sich bitte hinsetzen sollte. Das sie reden musste. Er hatte ein paar besorgte Rückfragen gestellt, sich aber dann hingesetzt und wartete nun schweigend darauf, dass sie begann zu sprechen. Maebh rang sich ein tiefes Einatmen ab. Mehr als einmal hatte sie in den letzten Wochen überlegt, wie sie das angehen sollte. Mehr als einmal hatte sie die eigenen Worte im Kopf wieder verworfen, weil sie zu hart klangen. Oder nicht gut durchstrukturiert. Gesprochen hatte sie mit niemandem – außer mit Yue.
Sie wollte aber auch nicht klingen, als wollte sie sich rechtfertigen. Oder ihren Fehltritt legitimieren. Sie wollte einfach nur, dass sie wussten, woran sie waren. Sie wollte Ehrlichkeit in ihrer Beziehung. Und genau davor hatte sie jetzt fürchterliche Angst.
Langsam wandte sie sich schließlich zu Eanruig um. Allein ihn anzuschauen, wie er da saß, geduldig, schweigsam, ruhig... es zog ihr die Kehle zusammen und den Brustkorb enger. Es wäre so viel leichter gewesen, einfach zu schweigen. So, wie sie es bisher getan hatte. So zu tun, als gäbe es all diese Dinge nicht zwischen ihnen. Aber seit ihrem Gespräch fühlte sich das falsch an. Grausam, beinahe. Sie hatte sich und ihm Zeit gegeben, nachdem sie gesprochen hatten. Hatte die Nähe zwischen ihnen stärker aufblühen lassen. Aber je näher sie sich kamen, umso schmerzhaft schwerer wog die Wahrheit in ihrem Herzen.
Sie liebte ihn. Sie liebte ihn so sehr, dass sie ihm die Wahrheit nicht länger vorenthalten konnte und so schrieb sie lieber mit schwarzer Tinte auf die Reinheit ihrer Beziehung, weil sie glaubte, dass ein paar Flecken dunkler Farbe am Ende in der Gesamtheit nichts ausmachen konnten und maximal zu einem schönen Bild ausgearbeitet werden würden. Wenn er sie ließ. Wenn er sie noch liebte. Wenn er sie nicht verstieß.
«Ich muss mit dir über etwas sprechen», begann sie leise und ihre Stimme war ruhig und fest. Nur ihre Hände, die verrieten sie. Sie löste die Finger kurz voneinander, nur um sie wieder ineinander zu verschränken, als müsste sie sich selbst festhalten. «Und ich glaube, wenn ich es jetzt nicht sage, dann werde ich es nie tun. Und damit alles am Ende Sinn ergibt, bitte ich dich, mir von Anfang bis Ende zuzuhören. Denn ich werde am Anfang beginnen.»
Sie ließ zu, dass ihr Blick sich kurz in der glimmenden Glut im Kamin verfing. Gönnte sich diesen Augenblick Abstand. Nur für einen Herzschlag.
«Meine Mutter starb, als ich klein war. Ich erinnere mich kaum noch an sie. Aber daran, wie sie gerochen hat. Nach Lavendel, meistens. Und daran, dass sie immer kalte Hände hatte. Als Kind dachte ich, das sei normal. Feine Damen, die erwachsen wurden, hatten eben immer kalte Hände. Dann wurde sie krank. Recht plötzlich, laut meiner Erinnerung. Und ständig war meine Tante da. Kümmerte sich um sie. Um mich. Um meinen Vater. Sie war überall. Als Kind fand ich das völlig normal. Und meine Mutter starb einige Zeit später.»
Die Worte hingen schwer zwischen ihnen. Denn diese Dinge hatte sie noch nie jemandem erzählt. Er hatte sie gar nicht sehen können. Hatte nicht verstehen können, wie es ihr ging. Sie hatte ihm nie gesagt, was sie durchgemacht hatte. Ihr Herz schlug schneller, härter, gegen die eigene Brust, so als wollte es den Takt ihres Atems vorgeben, doch sie zwang sich dazu, ruhig zu bleiben.
«Mittlerweile glaube ich, dass das kein Zufall war. Eanruig, ich glaube, dass meine Stiefmutter das... irgendwie eingefädelt hat. Und ich weiß», hob sie die Hände, «dass das harte Anschuldigungen sind. Wir werden nichts davon beweisen können. Vielleicht irre ich mich auch? Oder suche nur einen Grund, wie ich diesen so schlimmen Verlust irgendwie verarbeiten kann... das ist alles möglich. Aber ich ... ich traue meinem Bauchgefühl. Und meinen Beobachtungen. Denn kurze Zeit später heiratete sie meinen Vater. Und am Anfang dachte ich noch...» Maebh brach ab und schüttelte kaum merklich den Kopf. «Ich weiß auch nicht. Ich dachte, dass sie mich genauso liebte wie meine Mutter das getan hat? Mutter war ganz wundervoll. Du hättest sie sehr gerne gemocht, glaube ich», stellte sie noch fest. «Aber meine Tante liebt mich nicht. Und sie wollte mir auch nie helfen.»
Maebh begann im Raum auf und ab zu laufen. Ihre Nervosität ließ gar nicht zu, dass sie auch nur einen Moment lang still stand und ihn ruhig anschaute. Der Stress musste irgendwie abgebaut werden und ihr Körper reagierte ganz instinktiv mit Bewegung.
«Am Anfang war sie freundlich. Also... sie war nicht besonders warm oder liebevoll, aber aufmerksam eben. Kämmte mir die Haare, brachte mir Sachen bei. Sagte mir, wie ich mich zu verhalten hätte. Ich dachte wirklich, dass das vielleicht einfach anders war. Und sie eben nicht so sanft wie Mutter. Menschen sind unterschiedlich», sie schlang die Arme fest um den eigenen Körper, fast so, als würde sie frieren. «Aber irgendwann verstand ich, dass es nie um Fürsorge gegangen war. Sie wollte mich erziehen. Ich durfte nicht mehr lachen. Nicht mehr barfuß durch den Garten laufen. Mich nicht schmutzig machen oder überhaupt laut reden. Zu still sein war nicht in Ordnung. Widersprechen schon gar nicht. Und irgendwann begann ich ständig darüber nachzudenken, ob ich irgendwas falsch mache. Selbst dann, wenn gar nichts passiert war.»
Maebh löste sich aus der Selbst-Umarmung und strich sich das dunkle Haar zurück, ehe sie den Mantel enger um ihren schlanken Körper zog.
«Mein Vater stand immer hinter mir. Aber er konnte nicht alles von mir fernhalten und die Situation ist wirklich verfahren, weil er sich nicht traut, sich von ihr zu trennen. Meine Kindheit war nicht schön, Eanruig. Ich weiß, dass ich damit nicht alleine stehe. Aber diese Situationen zwischen mir und meiner Stiefmutter, die haben etwas mit mir gemacht, verstehst du? Und dann bekam ich ein besseres Verhältnis zu meinem Vater, er band mich ein, ließ mich Dinge erledigen. Buchhaltung, die Pferde... ich hatte eine Aufgabe und dann, ganz plötzlich, sehe ich mich mit dir konfrontiert. Einem Mann, der fast doppelt so alt ist wie ich. Der Kinder hat, die eher in meinem Alter sind und für die ich nun... was genau sein soll?»
Maebh zwang sich nun doch zur Ruhe und ging zum Tisch, um sich ihm gegenüber zu setzen und die Unterarme au dem Tisch abzulegen, während sie ihn mit ungewohnt ernsten Augen ansah. Bis jetzt hatte er sie nicht unterbrochen, auch wenn all diese Dinge für ihn vielleicht noch keinen Sinn ergeben würden.
«Ich hatte Angst vor dir», gestand sie. «Also... nicht vor dir als Person. Aber du warst groß, verschlossen, älter... und ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich dir gegenüber verhalten sollte. Mein ganzes Leben lang», nun traten Tränen in die großen dunklen Augen der jungen Fürstin, «habe ich immer versucht, Ärger zu vermeiden. Habe gelernt, wie man sich so verhält, dass niemand wütend wird. Und plötzlich war ich hier in einer fremden Burg. Mit einem Mann verheiratet, von dem ich nicht mal wusste, was er dachte. Und du warst für mich so... unglaublich schwer zu lesen.»
Ihre Stimme zitterte. Mittlerweile weinte sie. Aber sie würde nun weitersprechen. Es brachte nichts, wenn sie damit aufhörte. Sie musst es zu Ende bringen. «Und du hattest Kinder. Kinder, die trauerten. Ihre Mutter vermissten. Und mich schon aufgrunddessen ablehnten.»
Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Wange, um eine Träne aufzufangen.
«Und ich wollte... ich wollte so sehr», sie biss sich auf die Unterlippe, verdrehte die Augen und sah kurz zur Decke, ehe sie sich wieder auf ihn fokussierte, «dass du mich magst.»
Das klang schon fast beschämt. Bedürftig. Als dürfte sie das eigentlich gar nicht zugeben.
«Ich wollte nicht einfach nur respektiert oder akzeptiert werde. Ich wollte, dass du froh bist, dass ich da bin und dass du mir vielleicht sogar irgendwann sagen kannst, dass du mich liebst. Du hättest mein Ritter sein können. Denn ich habe viel zu spät begriffen, dass er mich zu dir geschickt hat, damit ich endlich meine Stiefmutter los bin.»
Sie gönnte sich eine Pause. Sich und ihm. Nahm einen Schluck von dem süßen Wein, der in einer Karaffe auf dem Tisch stand und füllte die Wärme in dem Raum mit der Stille ihrer Gedanken. Sie waren frei, schwirrten zwischen ihnen umher, ohne das sie zu greifen gewesen wären.
«Aber wir haben einfach nebeneinander hergelebt. Und ich glaube nicht einmal, dass wir das absichtlich getan haben. Wir waren beide vermutlich einfach nur vorsichtig?», sie sah ihn fragend an, wartete aber keine Antwort ab, sondern sprach weiter. «Du hattest deine eigene Trauer und ich wusste nicht, wie ich Bedürfnisse äußern soll, ohne mich schuldig zu fühlen.»
Sie holte tief Luft. Es fiel ihr schwer, was sie zusagen hatte, auszusprechen.
«Und ich war einsam, Eanruig. Ich war so einsam, dass ich es fast nicht mehr ertragen habe. Ich vemisste alles. Mein zu Hause. Meine Mutter. Meinen Vater. Meine gewohnte Umgebung. Liebe und Nähe. Deine Kinder wollten verständlicherweise Abstand zu mir und ich wusste nicht, wie ich sie erreichen sollte, ohne mich unnötig aufzudrängen. Und gleichzeitig hatte ich ständig das Gefühl, dass ich versagt habe. Obwohl ja niemand sagte, dass das der Fall war. Oder ich die Möglichkeit gehabt hätte, es besser zu machen.»
Das war das schlimmste gewesen. Die Stille. Der Schwebezustand. Diese Stasis.
«Ich glaube, dass ich damals selbst gar nicht mehr wusste, wer ich eigentlich war. Und dann kam... er. Ich möchte keinen Namen sagen, Eanruig. Bitte zwing mich nicht dazu. Es war nur einmal und wir... ich habe mich für einen kurzen Moment wichtig und geliebt gefühlt.»
Mittlerweile weinte sie richtig, ihre Stimme brach immer wieder und sie schaffte es nicht mehr, ihm in die Augen zu sehen.
«Und ich hasse mich so sehr dafür», weinte sie. «Und ich verstehe, wenn du wütend bist. Aber mir ist so wichtig, dass wir ehrlich sind. Jetzt, wo wir einander sehen. Und für die Zukunft. Und nach unserem Gespräch und der Nähe die wir aufbauen», ihre Stimme klang verzweifelt, zerrissen, «kann ich es nicht mehr für mich behalten. Ich will keine Lügen zwischen uns. Ich liebe dich so sehr. So sehr, dass mir die Wahrheit wichtiger ist als der Fakt, dass du mich vielleicht wegschickst. Oder mich hasst.»
Sie verstummte, die zitternden Hände um den Weinkelch geschlungen, den Blick auf den Kamin gerichtet, weil sie seine Augen gerade nicht ertrug.