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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

Good for Nothing but Die

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
08. November 1016
Ort
Ufer am großen See, Norden von Farynn
Tageszeit
16:00
#1
.


Schon seit gestern brachen kleine Wellen die glatte Oberfläche des großen Sees zu Ivars linken Seite. Nebel hatte sich über das Ufer gelegt, der Boden weich und matschig unter den Hufen von ’Pferd’, Ivars Pferd. Ein guter Geselle. War vielleicht morgens etwas schwer aus dem trägen Schritt zu bekommen, weil er auch nicht mehr der Jüngste war, aber zeigte sich bei den felsigen Wegen und den langen Strecken ziemlich unbeeindruckt. Sein Herr war monatelang nicht vorbeigekommen, um ihn abzuholen? Kein Problem, der Stallmeister hatte Ivar deutlich gemacht, dass er jeden Tag für das Durchfüttern seines Freundes hier halt doppelt so viel berechnete als anfangs vereinbart - und Ivar hatte auf die Bezahlung sogar noch ein blaues Auge und den Backenzahn des Stallmeisters oben drauf gesetzt. Genau das hielt er nämlich von Leuten, die er dabei erwischte, seinen wenigen Besitz zu verkaufen und sich dann damit rauszureden, dass der Stall in Westgate ja größer wäre.
Dem Söldner machte das nichts aus, im Freien zu übernachten, im Gegenteil. Er hatte es vermisst mit seinem alten Kumpel Pferd und ein paar Wölfen in den Bäumen allein zu sein, das Feuer vor sich knistern zu hören und sonst weit und breit keiner Menschenseele irgendeine Rechenschaft schuldig zu sein. Die Schönheit der Natur lag in ihrer Rauheit, in ihrem Dreck, der an Ivars Haut unter der Kleidung klebte, an kalten Nächten und feuchten Morgenden, die man für sich und nur für sich allein hatte. In den Bergen, wo man über nassen Kies lief und sein Pferd neben sich führte. In den Wäldern, dunkel und verwunschen im bewölkten Farynn auch im Tageslicht. Auf den weiten Ebenen und den Hügeln mit dem feuchten Gras, egal ob es am Vortag noch geregnet hatte oder nicht.
Kein Wunder, dass sich der Drache ausgerechnet das Herbstland ausgesucht hatte. Es musste einen heiden Spaß machen, im Nebel über den Köpfen derer zu fliegen, die in den letzten Jahrhunderten verlernt hatten, nach oben zu schauen.

Die letzte Menschenseele, die Ivar begegnet war, war ein alter Priester gewesen auf den Weg zu seinem Bergtempel, vor zwei Tagen, als er ihm bestätigt hatte, dass eine der todesmutigen Gruppen vor wenigen Tagen seinen Weg gekreuzt hatte. Todesmutig, weil er zu alt war, Mythen zu jagen, natürlich; weil es eine gewisse Position von Wahnsinn brauchte, um sich auf die Suche nach einem Drachen zu machen. Oder, im Fall von Ivar, einfach nur ein Gespür von Gold, das sich anders in den Händen anfühlte, wenn man dafür waghalsig sein Leben aufs Spiel setzte. Letztendlich hatte er doch nur auf die Chance gewartet, sein Leben dumm herauszufordern - damit Heofaders Arsch sich auch ja nicht darauf ausruhte, sein Ausreißer-Schäfchen endlich in Sicherheit zu wissen.
Der See, der irgendwann am Ende des Horizontes ins Meer münden musste - war es dann überhaupt ein See? - erstreckte sich in einer spiegelglatten Oberfläche zu Ivars und Pferds Linken, seit er in den ersten Morgenstrahlen, die sachte durch die Nebeldecke fielen, sein Lager abgebrochen und das Feuer platt getreten hatte. Die Strahlen waren irgendwann über seinen Kopf gewandert, hatten aber nie die graue Wolkendecke durchbrochen. Es war ein miserabler Tag, und Ivar liebte miserable Tage. Er empfand eine merkwürdige Freude dabei, die langen Gesichter von anderen zu sehen, wenn sie ihre Überkleider enger um ihren Körper schlangen und sich weigern wollten, einen Fuß vor die Tür zu setzen.
Was Ivar auch äußerst amüsierte waren Menschen, die trotz des schlechten Wetters draußen waren und am liebsten jede Sekunde dafür verfluchten, dass sie existierte - so stellte er sich die Gestalt vor, die wenige Meter vor ihm knietief im Wasser stand und einer Beschäftigung nachging, die man im besten Fall als tollpatschiges Fischen bezeichnen konnte. Mit einem Messer in der Hand, das natürlich nicht viel helfen würde, wenn man nicht schnell genug war, einen Fisch aus dem Wasser zu schnappen. Ja, die Frau vor ihm musste ihren Tag auch verfluchen, und Heofader gleich mit dazu. Ob der Söldner der armen Frau zu Hilfe eilen wollte?
Klar, sicher nicht. Der Rücken seines Pferdes, das er nun zum Stehenbleiben anhielt, war viel wärmer als der Matsch unter ihm, und der Blick auf die Frau aus der Höhe gerade richtig, um das Spektakel vor sich gemütlich zu beobachten - bis sie ihn bemerkte oder, noch unwahrscheinlicher, es doch tatsächlich schaffte, so einen Fisch zu fangen.
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#2
Good for Nothing but Die
Ivar & Freyja | 08.11.1016 | Ufer am großen See, Norden von Farynn

Prustend griff sie ins Wasser und verfehlte das schuppige Tier nur um wenige Zentimeter, was jedoch völlig ausreichte, um die Hand leer wieder aus dem kühlen Nass zu ziehen. Verzweifelt hätte sie am liebsten mit dem Fuß auf den Boden gestampft, wollte jedoch nicht wie ein kleines Kind aussehen, das nicht besser wusste, wie man mit Frustration umging. Es war ja nicht so, dass Freyja nicht fischen konnte, doch die Materialien, die sie hier zu Verfügung hatte, machten das Fangen eines Fisches beinahe unmöglich. Früher, in ihrer Heimat in Norsteading, da hatte sie sogar unter dicken Eisschichten leckere Fische gefangen, doch da hatte sie auch eine Angel und einen Köder gehabt. Hier hatte sie nur ihre bloßen Hände, ein kleines Messer und einen Bogen mit Pfeilen. Sie hatte zwar gelernt, wie man Letzteres auf Distanz verwendete und traf mittlerweile zumindest in der Hälfte der Fälle ihr Ziel, war sich jedoch zu mehr als 100% sicher, dass sie damit keinen Fisch fangen würde. Und mittlerweile, nachdem einige Zeit ins Land gestrichen war, stieg auch die Sicherheit, dass es mit dem Messer in ihrer Hand ähnlich erfolgreich sein würde. Nämlich gar nicht. Frustriert ließ sie die Arme sinken, ehe sie plötzlich bemerkte, wie kalt ihr eigentlich geworden war. Knietief stand sie in dem kleinen Bachlauf und durch das viele spritzende Wasser waren nun auch ihre Haare, ihre Arme und ihr Oberkörper ganz schön nass geworden. Bibbernd schlang sie die Arme um ihren zarten Oberkörper, nachdem sie das Messer in seiner Lederscheide sicher verstaut hatte.

In dem Moment, als sie sich umdrehte, um sich selbst aus dem Wasser zu manövrieren, wäre sie beinahe vor Schreck nach hinten umgekippt und dann auch noch längs im Wasser gelandet, wenn sie nicht im letzten Moment eine dicke Wurzel zum Festhalten geschnappt hätte. Auf einer kleinen Anhöhe standen nämlich ein Mann und sein Pferd und beobachteten Freyja mit einem unangenehmen Lächeln auf den Lippen. "
Was tut Ihr hier?
", rief sie ihm direkt beinahe etwas pöbelnd entgegen und tastete erneut nach dem Messer, dessen Griff sogar noch warm war. Sie umklammerte den Griff und war bereit es zu ziehen - sie war sich nur nicht sicher, ob sie auch bereit war zuzustechen. "
Ihr hoffe Ihr hattet hier eine schöne Show
", murmelte sie nun noch peinlich berührt und verdrehte die Augen. Wenn er nicht hier war um sie anzugreifen, dann hätte er ihr ruhig helfen können! Naja, und WENN er hier war, um sie anzugreifen, dann rechnete sie sich gerade ähnlich schlechte Chancen aus diesen Kampf zu gewinnen, wie einen Fisch zu fangen. Fieberhaft überlegte sie, ob die Anderen sie hören würde, wenn sie schreien würde. Ein Versuch wäre es auf jeden Fall wert, doch das leise Rauschen des Flusses würde viel Lautstärke verschlucken... Daher würde sie im Zweifel wohl eher die Beine in die Hand nehmen und laufen. Ja, das war ein guter Plan. Also: nicht zustechen und nicht schreien, sondern sofort laufen, wenn er Anstalten machte, ihr näher zu kommen.
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#3
Am unbezahlbarsten war immer der Moment, in dem jemand merkte, dass seine peinlichen Versuche nicht unbemerkt blieben, auch wenn Ivar zugeben musste, dass er in der Wildnis selten auf jemanden traf, der sich wirklich so ungeschickt anstellte. Das ließ ihn schnell auf eine Sache schließen: Die Frau war es nicht gewohnt, allein unterwegs zu sein. Ihre unbeholfenen Bewegungen und den Plansch-Spaß, den sie hier veranstaltete, hatten etwas von einem Kleinkind, das gerade lernte, zu laufen - na ja, würde sie nicht so vehement dabei fluchen. Als sie bei seinem Anblick auch noch das Gleichgewicht verlor und sich fast längst in den kleinen Flusslauf gelegt hätte, hob sich Ivars rechter Mundwinkel ganz von alleine. Schadenfreude, seine liebste Freude.
Der Söldner machte weder Anstalten, von seinem Pferd zu steigen, noch sich sonst irgendwie zu regen. Seine zwei Kreuzschwerter waren versteckt unter seinem Reisemantel, genauso wie die zwei Dolche an seinen Oberschenkeln. Er könnte die Frau, wenn er denn wollte, ein bisschen einschüchtern, einfach weil er ihr in jeder Hinsicht überlegen war. Tat er aber nicht, was war er doch heute gnädig.
“Die Vorführung genießen”
, rief er ihr stattdessen auf die Distanz zu, während Pferd unter ihm den Hals reckte, um an das frische Gras zu kommen. Ivars Augenbrauen schossen in die Höhe - auch wenn er nicht den ganzen Satz verstand, er konnte sich doch etwa ausmalen, was sie gesagt hatte. Ihm selbst lagen Sprüche auf der Zunge, die er ihr in jeder anderen Situation wohl gerne zugeworfen hätte. Dass sie es vielleicht mal versuchen sollte, die Fische mit ihren Kurven abzulenken, die durch die nassen Klamotten wirklich gut zur Geltung kamen. Oder dass sie ihre Klamotten lieber ausziehen sollte, um später wenigstens in trockene Kleidung schlüpfen zu können. Dass er sie gerne in einer anderen Situation fluchen hören würde. Und in jeder anderen Situation hätte Ivar das wohl auch gemacht, einfach um sich an ihrer empörten Reaktion zu amüsieren. Aber bevor er das tat, wollte er wenigstens noch etwas von ihr wissen.
“Ich suche eine Gruppe von Leuten, Abenteurer. Ein Mann mit einer Narbe auf dem Nasenrücken ist dabei. Hast du welche vorbeikommen gesehen?”
Seine Stimme gehoben, um über dem Rauschen des Baches gut verständlich zu sein, hatte er sich etwas auf dem Pferderücken aufgerichtet. So unterhaltsam er die Situation auch fand und ihr gerne noch ein bisschen länger dabei zugeschaut hätte, wie sie sich blamierte, wollte er eigentlich schnell weiter, um die sogenannten Drachenjäger noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Ob sie sich wirklich Jäger nennen könnten, davon würde er sich dann selbst überzeugen. Den Erzählungen der Bürger nach war auch die ein oder andere Frau dabei, was Ivar eigentlich nicht so ganz glauben konnte - oder wollte. Welche Frau außer ne Wanderheilerin gab schon gerne den Luxus eines Bettes auf, um in feuchtem Geäst zu schlafen und von einem Drachen - wenn es denn einer war - als Mitternachtssnack gesehen zu werden.
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#4
Good for Nothing but Die
Ivar & Freyja | 08.11.1016 | Ufer am großen See, Norden von Farynn

Ihre dunklen Rehaugen verengten sich und sahen (hoffentlich) nicht mehr ganz so liebreizend aus, wie es sonst normalerweise der Fall war. Es war durchaus in der Vergangenheit vorgekommen, dass sich erwachsene Männer über die junge Frau amüsiert haben, wenn sie wütend geworden ist, weil sie dabei noch immer so herzlich ausgesehen hatte. Sie erinnerte sich nur zu gut an die Scham und Hilflosigkeit, die in einer solchen Situation über sie hereingebrochen waren und hatte wenig Interesse daran, das heute zu wiederholen. Nur weil sie eine Frau war, hieß das noch lange nicht, dass man sie behandeln konnte, wie man gerade Lust dazu hatte! Man sollte ihr nicht ihre Gefühle absprechen, nur weil sie hübsch und nett anzusehen war. Es war Fluch und Segen zu gleich dazu auch noch immer auszusehen, als wäre sie beinahe noch ein Kind. Sie wusste, dass ihre Gesichtszüge recht jugendlich wirkten und störte sich schon seit jeher daran, dass sie eher als Mädchen, als als Frau wahrgenommen wurde. In ihren Augen war sie mit 19 Jahren auf jeden Fall schon erwachsen und sie wusste von anderen Frauen in ihrem Alter, die schon weitaus... erwachsener aussahen (und vielleicht auch auftraten, das konnte sie selbst wohl nur schwerlich beurteilen).

Und genauso war es auch jetzt. Dieser Mann hatte offenbar nichts Besseres zu tun, als am Ufer zu sehen und sich über sie lustig zu machen. Zum Glück war sie zu weit von ihm entfernt um in seinen Augen zu lesen, was er sonst noch für schelmische Gedanken hatte. SO wollte sie dann auch wieder nicht als Frau wahrgenommen werden. Ein wenig empört strich sie sich über die nassen Klamotten, als würde das jetzt noch irgendetwas retten. Und einen Fisch hatte sie auch immer noch nicht gefangen, also würde sie heute vermutlich hungrig zu Bett gehen. Doch sich weiter zu blamieren, während ihr jemand auf die Finger sah, das kam nun mal auch nicht infrage, daher stapfte die Brünette nun aus dem Wasser und kletterte die kleine Böschung hoch, die das Ufer vom Bachlauf trennte. Frustriert steckte sie den Dolch wieder in die dafür vorgesehene Scheide, ließ eine Hand jedoch noch immer auf dem Knauf ruhen.

Als der Mann erneut die Stimme erhob, sah sie ihn erneut aus zusammengekniffenen Augen an. Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie ihn einfach in die völlig falsche Richtung schicken sollte. Einfach aus Rache. Und aus Prinzip! Sie hatte keine Lust, dass er sich ihrer kleinen Gruppe anschloss! Er war ihr direkt unsympathisch, auch wenn er bislang glücklicherweise noch immer keine Anstalten gemacht hatte, sie tatsächlich anzugreifen. Freyja entschied sich für einen Mittelweg. "
Ich habe die Gruppe, von der ihr sprecht, nicht gesehen, nein
", entgegnete sie achselzuckend und verschränkte nun doch die Arme vor der Brust. Es sollte ihm symbolisieren, dass sie keine Lust auf eine weitere Unterhaltung mit ihm hatte. Sollte er doch vom Drachen gefressen werden! "
Da müsst ihr wohl weiter alleine suchen
", entgegnete sie konnte nicht verhindern, dass ihr Blick einmal in die Richtung flackerte, in der auch die Gruppe ihr Lager aufgeschlagen hatte. Naja, vielleicht war er zu weit weg, um das überhaupt zu bemerken. Oder er stempelte es einfach als Nervosität ab. Oder weiß der Geier, was er sich denken würde. Er sah schließlich auch nicht aus wie jemand, der oft nachdachte. Mehr wie jemand, der einfach machte.


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#5
Wäre Ivar eine Frau, er hätte sich selbst wohl auch nicht vertraut. Es sprach nur von einem intakten Überlebensinstinkt, dass sie ihn mit Feindseligkeit in der Stimme und reservierter Haltung auf Abstand hielt, auch wenn ihre anderen bewiesenen Fähigkeiten deutlich zeigten, dass sie zu allem fähig war, aber sicher nicht zum überleben. Mit einer Hand am Knauf ihres Dolches machte sie deutlich, dass sie bereit war, sich selbst zu verteidigen, was er sich eigentlich gerne ansehen würde. Ein anderes Mal vielleicht - oder nie, wenn er ihren Worten Glauben schenkte und sich ohne einen Tipp die Suche nach der Abenteurergruppe fortsetzte.
Zu ihrem Leidwesen kaufte er ihr nicht ab, dass sie niemanden gesehen hatte. Man nenne es einen gesunden Zweifel an menschlicher Aufrichtigkeit, dass Ivar grundsätzlich immer alles in Frage stellte, was man ihm verkaufen wollte. Er selbst war ja nicht anders; wenn überhaupt, dann kam aus seinem Mund vielleicht fünf Prozent Inhalt und fünfundneunzig Prozent pure Provokation. Was hatte sie doch für ein Glück, dass er was von ihr wollte und sich deswegen bemühte, bei den fünf Prozent zu bleiben.
Ivars Stirn warf Falten, was die Frau aus der Distanz wahrscheinlich nur vage wahrnehmen konnte, so wie er ihre Augen sicher immer noch als ausgesprochen groß bezeichnen würde. Schließlich schob sich seine Unterlippe vor und er zuckte mit den Schultern.
“Schade. Ich hab gehört, dass sie den Drachen finden wollen. Witzig, weil ich erst neulich auf große Klauenspuren gestoßen bin und sie warnen wollte.”
Den Blick von der Frau auf den kleinen Bachlauf abgewendet, klang seine Stimme nebensächlich genug, dass er genauso gut vom Wetter hätte reden können.
“Nicht, dass sie überrascht werden. Die Reise von unerfahrenen Abenteurern ist in der Regel ziemlich kurz, das hast du sicher auch schon miterlebt”
, sprach er sie direkt an, allerdings ohne Nachdruck in der Stimme. Wenn sie hier in der Nähe lebte, war sie sicher schon Abenteurern begegnet, jung und alt, erfahren und naseweis, zu ihrem Pech eventuell mit leeren Augen am Wegrand, weil sie den Wald mit dessen Tücken unterschätzt oder einem Bettler zu viel Vertrauen geschenkt hatten. Da sie selbst eben ihre nicht vorhandenen Überlebenskünste zur Schau gestellt hatte, vermutete er allerdings, dass seine Worte mit ihr anders resonierten. Er bot ihr soeben seine Hilfe an. Einen Deal, wenn man so wollte; Informationen, die ihr sicher entgangen waren, weil sie nicht wusste, nach welchen Zeichen man in der Natur suchen musste, um ein Monster von einem einfachen Wolf zu unterscheiden. Ob sie den Deal annahm, lag allerdings bei ihr, denn Ivar würde sich sicher nicht aufdrängen, wenn er allein vermutlich bessere Chancen hatte, diese Abenteurergruppe zu finden.
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#6
Good for Nothing but Die
Ivar & Freyja | 08.11.1016 | Ufer am großen See, Norden von Farynn

Ihre Entschlossenheit kam ins Wanken, als die nächsten Worte des Mannes durch den Wald zu ihr hallten. Das hoffentlich unauffällige Zucken ihrer Nasenflügel war für den Moment die einzige Reaktion, die er von ihr bekam. Fieberhafte überlegte sie, wie sie nun reagieren sollte, während ihre dunklen Augen noch vermeintlich ruhig auf seiner Gestalt lagen. Ihr Herz donnerte mit seinem lauten Rhythmus in ihren Ohren und sie nahm das Rauschen des Baches hinter ihr als völlig übertrieben wahr, so als wolle die Natur selbst dafür Sorge tragen, dass sie sich nicht richtig konzentrieren konnte. Konnte es sein, dass er wirklich auf Klauenspuren gestoßen war? Hatten sie bei ihrer Suche vielleicht etwas übersehen? Oder sie waren einfach noch nicht bis zum Terrain vorgedrungen, in dem die ersten Spuren zu finden waren. Das musste es sicher sein. Oder aber er flunkerte ihr etwas vor.

Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie den Mann vor sich. Sie beobachtete jede Gefühlsregung, als könnte seine Körpersprache ihr Dinge verraten, die sie noch nicht wusste. Als könnte sie so etwas lesen, selbst wenn es ihr direkt ins Auge springen würde... Dezent verzweifelt rümpfte sie nun deutlich offensichtlicher die Nase und atmete schwer ein und wieder aus. "
Natürlich bist du auf Klauenspuren gestoßen...
", murmelte sie mehr zu sich selbst, als zu ihm und verdrehte die Augen. Wollte sie ein Märchen schreiben, hätte sie genau diese Worte gewählt, um den Bösewicht unverzichtbar erscheinen zu lassen. "
Wo waren diese Spuren denn? Vielleicht treffe ich ja doch noch zufällig auf die Abenteurer, dann kann ich sie warnen
", bot sie fadenscheinig an und versuchte sich an einem entschuldigenden Lächeln. Selbst ihr war bewusst, wie doof sich das anhörte. "
Vielleicht sind die Abenteurer ja gar nicht so unerfahren, wie du denkst
", schnaubte sie entnervt und hob die Hände zum Himmel. "
Woher weiß ich, dass ich dir trauen kann?
", fragte sie und legte den Kopf fragend schief, als würde sie ihre Beute mustern. Doof nur, dass es vermutlich eher anders herum war...

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#7
Lügen gehörte definitiv nicht zu den Stärken der jungen Frau, was Ivar lustig fand, weil er sich nicht einmal sonderlich anstrengte. Als würde er irgendeinen großen Plan hier verfolgen; er tat das hier alles völlig spontan. Scheinbar reichte es schon, mit einer Intention ins Gespräch zu gehen und damit zu spielen, um Wände einzureißen, die eben noch so vehement aufrechterhalten wurden.
“Eine halbe Tagesreise von hier, die Hügel runter”
, antwortete er entspannt und deutete hinter seine Schulter in die Richtung, aus der er eben gekommen war. Natürlich log er. Allerdings war er um Welten besser darin als sie, während sie versuchte, ihre Neugierde unter Misstrauen zu verstecken.
Sicher war die Gruppe von Abenteurern nicht unerfahren, und Ivar war eigentlich der Erbe einer alten, vergessenen Königslinie. Er musste sich wirklich sein dreckiges Grinsen verkneifen, wobei er darauf zählen konnte, dass die Frau aus der Entfernung nicht das belustigte Leuchten in seinen Augen sehen konnte.
“Du kannst nie einem Fremden trauen. Dann müsstest du dich wohl selbst überzeugen gehen, aber es wird bald dunkel und glaub mir, ein Reisender mit Pferd ist bei weitem nicht die größte Gefahr, die dir nachts begegnen kann.”
Wölfe, Bären, selbst der Boden, der Tücken aufweisen konnte, wenn man nicht mehr sah, wo man hintrat. Schade, dass sie nur ein einfaches, armes Mädchen war, das keiner Gruppe von Abenteurern angehörte mit einem warmen Lagerfeuer am Wegrand.
“Zwei Bronze und ich begleite dich nach Hause, wenn du willst. Sieht nicht so aus, als würdest du es zu Fuß noch rechtzeitig schaffen.”
Tatsächlich befand sich weit und breit keine Ortschaft in Sichtweite, wie Ivar wusste. Keine Häuser, in denen Herde brannten, keine Schornsteine, aus denen Rauch entwich. Dass sie darüber log, wer sie war, war ihm schon lange klar. Er war nur neugierig, ob sie diese Lüge noch weiter aufrecht halten wollte oder sich doch endlich dazu entschied, ehrlich mit ihm zu sein. Auch wenn er sicher mehr Lügen erzählte, mit weitaus mehr Selbstverständlichkeit als sie je könnte.
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#8
Good for Nothing but Die
Ivar & Freyja | 08.11.1016 | Ufer am großen See, Norden von Farynn


Vielleicht war Freyja unerfahren und blutjung, hatte keinen blassen Schimmer davon, wie man Fische fängt oder sich im Wald ein Versteckt baute, doch was sie wusste, war, dass Fremde immer ihre ganz eigenen Pläne verfolgten. Und was sie ebenfalls wusste: seinem Bauchgefühl sollte man trauen, wenn es einen warnt. Die Arbeit in der Taverne in Three Rivers war vielleicht weder besonders hoch angesehen, noch wirklich anstrengend oder kognitiv fordernd gewesen, aber sie hat ihr Erfahrung im Umgang mit Menschen beschert. Mit welchen, die der Oberschicht angehören, mit welchen, die nur auf der Durchreise sind und auch mit welchen, die sich nirgends zugehörig fühlen und immer auf der Suche nach etwas sind, das sie niemals finden werden. Die Hauptkundschaft bestand aus alkoholisierten Männern, die der Meinung waren, dass sich die ganze Welt nur um sie drehte. Und Freyja spürte so eine Attitüde mittlerweile auf zehn Meilen gegen den Wind, sodass sie bei diesem Fremden ganz sicher war, dass er keine große Bereicherung für ihre kleine Gruppe sein würde. Mag ja sein, dass er ihr in vielerlei Dingen voraus war, dass er mehr Ahnung und Wissen besaß und naja, ganz offensichtlich auch mehr Muskeln und ein Pferd, das ihn von A nach B brachte, aber mit ihrem Bauchgefühl war trotzdem nicht gut Kirschen essen!

"
Danke, aber ich kann gut auf mich selbst aufpassen
", schleuderte sie ihm pampiger entgegen, als sie beabsichtigt hatte. Okay, okay, jetzt hatte sie es selbst auch gehört. Sie hörte sich an wie ein kleines Kind. Und das nervte sie selber. Die guten und schlagfertigen Antworten fielen ihr immer erst ein, wenn das Gespräch schon lange zu Ende war! "
Du spielst dich ganz schön auf, dafür, dass du selbst offenbar gar keinen Plan hast, wo du hin willst
", antwortete sie nun und zuckte wie beiläufig mit den Achseln. Nichts in diesem Gespräch passierte beiläufig für Freyja. Sie war hochkonzentriert, hatte immer noch die Sorge, dass er sie angreifen oder ausrauben (oder noch Schlimmeres!) konnte und versuchte nur irgendwie unbeschadet aus dieser Situation raus zu kommen. "
Also
", sie hob zum Gruße die Hand und ging schon ein paar Schritte. Sie suchte sich die Richtung aus, die am weitesten von ihm weg war, was glücklicherweise auch in etwa mit der Richtung überein stimmte, in die sie musste, um zu ihrer Gruppe zurück zu finden. Mittlerweile machte sie sich etwas Sorgen, dass gleich jemand nach ihr suchen käme und wenn das Rhia oder Mira waren, dann... hätten sie ein Problem. "
Mach's gut und sprich nicht mit fremden Leuten
", rief sie ihm noch scherzhaft hinterher und machte sich langsam auf den Weg weg von ihm.

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#9
“Ich weiß genau, wo ich hin will”
, korrigierte Ivar, unbeeindruckt von der Beleidigung und Schein-Schlagfertigkeit des Mädchens. Genau genommen hatte sie eigentlich recht; er wusste eher, zu wem er wollte als wohin. Nicht, dass eins nicht mit dem anderen zusammenhing, andere brachen auf alleine mit dem Wissen, wie lange sie unterwegs sein wollten. Oder ihr Ziel war einfach, so schnell von einem Ort zu verschwinden wie möglich, egal in welche Richtung, mit wem, Hauptsache nicht mehr zurück dahin, wo sie hergekommen waren.
Was ihn allerdings doch wurmte war der Dickkopf der jungen Frau. Sicher, er besaß genug Eigenreflexion, dass er wusste, er sah jetzt nicht grad aus wie ein harmloser Pilger oder ehrenwerter Ritter mit einer Rose im Haar. Söldner waren nie nett anzusehen. Aber er hatte sich doch bemüht, oder nicht? Er war extra auf Distanz geblieben, hatte seine Absichten klar gemacht, hatte sich sogar mit Kommentaren zurückgehalten, ihr quasi seine provokative und unangenehme Natur vorenthalten. Nur, weil er ihr vor Augen geführt hatte, wie schlecht sie doch im Jagen war, hatte sie alles an ihm gefressen. Mädchen, hätte er ihr gerne an den Kopf geworfen. Du bist dumm, wenn du meine Hilfe nicht annimmst. Tu dir und deiner Gruppe einen Gefallen und lass. Mich. Helfen. Er verlangte ja nichtmal, bezahlt zu werden.
Hatte aber keinen Sinn, das sah selbst Ivar ein. Also tat er das, was er am besten konnte (Lüge, eigentlich war er sagenhaft schlecht darin): Nachgeben. Es war leichter für ihn, weil er genau wusste, dass er sie jetzt vielleicht gehen ließ, aber ihr dann eben unauffällig folgen würde. Wenn sie unbedingt einen Creep an ihren Versen haben wollte: Ivar war fantastisch darin, Frauen sich unwohl fühlen zu lassen. Nur weil sie nicht bereit war zu kooperieren, würde er seine Suche nach der Gruppe Volltrottel jetzt sicher nicht aufgeben. Aus Berichten wusste er, dass auch Männer ein Teil der Gruppe waren, die sicher rationaler mit sich reden ließen und einsahen, den Söldner eine Weile lang mit sich zu nehmen. War ja nicht so, als hätte er den ganzen Weg auf sich genommen, nur um junge Frauen zu belästigen, pf.

“Gleichfalls. Fall nicht ins Wasser”
, rief er ihr noch nach und zog die Zügel von Pferd in die Richtung, die er ursprünglich eingeschlagen hatte. Trotz Nebel und untergehender Sonne war er sich bewusst, dass die junge Frau sich ein paar Mal umdrehen und vergewissern würde, dass er ihr nicht folgen würde. Er ließ ihr so lange Zeit, bis ihre Silhouette im Nebeldunst verschwand, ehe er Pferd zum Stehen bewegte und abstieg. Behände führte er das Tier über den kleinen Bachlauf, wo die Frau eben noch an den Fischen gescheitert war, und nahm im verschwindenden Licht gemütlich die Verfolgung auf.

ENDE
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