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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

down to the river to pray

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Charaktere
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
12. Oktober 1016
Ort
Maebhs Garten
Tageszeit
06:00
#11
Maebh verstand ehrlich gesagt kaum etwas von dem, was Yue ihr da erzählte. Nun, das war vielleicht nicht ganz richtig. Die einzelnen Worte verstand sie durchaus. Herzschläge. Wolken. Strömungen. Bilder. Aber zusammengesetzt ergaben sie für sie keinen wirklichen Sinn, zumindest keinen, den sie greifen oder logisch einordnen konnte, ohne dabei das Gefühl zu haben, dass ihr irgendwo ein entscheidendes Puzzlestück fehlte.
Je länger die Freundin allerdings sprach, desto mehr rückte dieser Umstand in den Hintergrund, weil etwas anderes wesentlich leichter zu verstehen war als alles, was Yue ihr über diese seltsamen Wahrnehmungen erzählte.
Die Angst.
Sie stand der Novizin deutlich ins Gesicht geschrieben und wirkte dort irgendwie fehl am Platz. Nicht, weil sie ihr nicht zustand oder weil Yue niemals Angst haben durfte, sondern weil Maebh sie bislang immer als diejenige erlebt hatte, die anderen Halt gab, die zuhörte, wenn niemand die richtigen Worte fand. Die Fragen stellte, auf die sonst keiner kam, und die selbst dann ruhig blieb, wenn andere längst die Orientierung verloren hatten.
Nun saß dieselbe Frau neben ihr auf dieser Bank und wirkte plötzlich so verloren, dass es ihr einen unangenehmen Stich versetzte. Suchend. Fast ein wenig hilflos. Als hätte man ihr etwas unter den Füßen weggezogen, von dem sie selbst vielleicht gar nicht gewusst hatte, wie sehr sie sich darauf verließ.
Fast automatisch legte Maebh ihre Hand auf die der Freundin und verschränkte ihre Finger locker mit ihren, nicht weil sie glaubte, damit irgendeines der Probleme lösen zu können. Das hätte sie ohnehin nicht gekonnt. Viel mehr, weil Yue dasselbe für sie getan hatte. Immer wieder sogar. Geduldig. Beständig. Ohne sie zu drängen. Ohne sie zu verurteilen.
Sie hatte zugehört, wenn Maebh sich in Sorgen verrannt hatte, hatte ihr geholfen, die eigenen Gedanken zu sortieren, und ihr Raum gegeben, wenn sie selbst nicht wusste, was sie eigentlich fühlte oder weshalb sie etwas so empfand, wie sie es empfand. Und nun saß Yue hier und blickte sie an, als würde sie ernsthaft befürchten, allein diese wenigen Worte könnten alles verändern.
Der Gedanke gefiel Maebh überhaupt nicht. Vielleicht, weil ihr erst in diesem Moment wirklich bewusst wurde, wie wichtig ihr die Freundschaft der Novizin mittlerweile geworden war und wie selbstverständlich sie sich inzwischen daran gewöhnt hatte, dass Yue einfach da war.

«Ich werde niemandem etwas erzählen», sagte sie schließlich ruhig. «Yue, ich würde dich niemals verraten.»
Ihre Finger schlossen sich ein klein wenig fester um die der Freundin, während sie das Gesicht der Novizin aufmerksam musterte und sich dabei fragte, wie lange sie wohl schon mit dieser Unsicherheit herumlief, ohne dass irgendjemand es bemerkt hatte.
«Ich verstehe nicht, was genau passiert ist. Ich glaube nicht einmal, dass ich annähernd begreife, was du da wahrgenommen hast. Aber das muss ich vielleicht auch gar nicht.» Kurz schwieg sie und ließ den Blick über Yues Gesicht wandern. «Ich sehe doch, dass es dich beschäftigt. Und ich sehe auch, dass es dir Angst macht.»
Ein schwaches, beinahe trauriges Lächeln huschte über ihre Lippen.
«Und vielleicht irre ich mich, aber ich glaube nicht, dass du gerade jemanden brauchst, der dir erklärt, was das alles bedeutet. Ich glaube eher, dass du jemanden brauchst, der dir sagt, dass deshalb nichts mit dir nicht stimmt.» Langsam schüttelte sie den Kopf. «Du bist einer der freundlichsten Menschen, die ich kenne, Yue. Du kümmerst dich um andere Menschen, als wäre das das Natürlichste auf der Welt. Du hörst zu, wenn andere längst aufgehört haben zuzuhören, und du nimmst Sorgen ernst, die viele Menschen vermutlich einfach übergehen würden. Und wenn du mir jetzt erzählst, dass du Dinge wahrnimmst, die ich nicht verstehe, dann macht mir das keine Angst. Mehr sorge ich mich darum, dass dir das solch eine Angst macht, dass du glaubst, ich könnte so einen sträflichen Verrat an unserer Freundschaft begehen.»
Einen Moment hielt sie inne und strich mit dem Daumen gedankenverloren über Yues Handrücken.
«Was auch immer das gewesen ist, du wirkst nicht wie jemand, der den Verstand verliert. Du wirkst vielmehr wie jemand, der verzweifelt versucht, etwas zu verstehen, für das ihm bislang niemand eine Antwort geben konnte, obwohl er vermutlich schon viel zu lange danach sucht.» Wieder drückte sie Yues Hand leicht. «Und bis du diese Antwort gefunden hast, musst du das nicht alleine tragen. Du warst für mich da, als ich jemanden gebraucht habe. Also lass mich jetzt dasselbe für dich tun.»
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#12
’Ich werde niemandem etwas erzählen.’ Worte, die Yue sofort so annahm und innerlich ihre Schultern sacken ließen. Vertrauen hatte viel mit den eigenen Erfahrungen zutun und sie musste zugeben, dass ihr Glaube in das Gute im Menschen bereits das ein oder andere Mal ausgenutzt worden war. Aber nie von Maebh. Der Fürstin war leicht zu glauben, wenn sie ihre Worte so aufrichtig und ungeschmückt aufsagte und ihre Augen sich fest in die von Yue bohrten. Keine Unsicherheit, obwohl sie offensichtlich nicht verstand, was die Novizin gesagt hatte - sie verstand es ja selbst kaum. Wie konnte sie Maebh überhaupt die Wahrheit aufbürden, wenn sie es sich doch selbst nicht erklären konnte? Wahrheit oder Traum? Realität oder Fantasmus? Das Gesehene ließ sie so in ihren Grundfesten erschüttert zurück, dass sie sich immer noch nicht sicher war, ob das hier echt war und es nicht nur träumte. Ohne die warme Hand um die ihre, ein Anker, schwebte sie nun vielleicht immer noch in den Wolken, das Gefühl von Zeit und Raum völlig verloren.
Das war nichts Neues für sie, ehrlich gesagt, auch wenn sie es selten so intensiv erlebt hatte. Es war aber auch nichts, was sie mit Maebh teilen wollte, nicht jetzt und nicht hier, wo die Fürstin mehr Dinge beschäftigten als ein lausiger Tagtraum. Was hatte sie denn schon für eine Ahnung, welchen täglichen Pflichten sich Maebh stellen musste? All ihre Probleme wirkten von so gewaltiger Natur, dass Yue sich kaum traute, ihr herzensnahe Ratschläge zu geben. Sollte dich ein Traum heimsuchen, hast du dich bei einer Hohepriesterin zu melden. Sie wird dir helfen. Und genau das würde sie tun; in einer stillen Minute, wenn die Feierlichkeiten ihren Lauf nahmen und niemand in Frage stellen würde, wenn zwei Priesterinnen sich zurück zogen.
Ein zaghaftes, aber ehrliches Lächeln erfüllte Yues Gesicht mit einer Wärme, die sie engen Freundinnen gerne entgegen brachte, in ihren dunklen Augen nur noch der leichte Schimmer von Wolken und Wind, während sie sich Maebhs Worte zu Gemüte führte. Sie unterbrach nicht, auch wenn es ihr unangenehm war, mit so viel aufrichtiger Fürsorge beschenkt zu werden. Immerhin schien es Maebh viel zu bedeuten, ebenso für ihre Freundin da zu sein, wie Yue stets für sie dagewesen war. Es gab keine Worte, die ihre Dankbarkeit adäquat ausdrücken konnten, und doch lag ihr nur ein Wort auf den Lippen, als sie Maebh in die Augen schaute.
“Danke.”
Auch Yue drückte ihre Hand leicht und legte ihre andere Hand in einer schützenden, warmen Geste über die andere. Sie meinte es so und verweilte noch einen Augenblick, ehe sie einmal tief Luft holte und ihren Blick über die groben Steinmauern streifen ließ.
“Ich habe keine Angst, dass du mich verrätst. Ich vertraue dir”
, erklärte sie ehrlich. “Und es ist auch weniger die Angst, mehr… es ist schwierig, etwas zu verstehen, das niemand außer dir sonst erlebt.” Ihre Stimme klang so dünn, als würde der Wind sie selbst davon tragen.
“Und wie sollen andere es verstehen. Es ist ein Geschenk der Göttin, aber die wenigsten wissen, was das bedeutet und wie man damit umgehen muss…”
Yue selbst eingeschlossen. Doch sie genoss die direkte Nähe zur Göttin im Hain, eine Ausbildung unter weisen Frauen, die sich bemühten, die Bilder zu deuten, die sie sah. Andere hatten nicht das Privileg, ein Geschenk auch als solches zu deuten, hatte man ihr nahe gelegt. Und wenn man sie nicht gleich als Verrückte, geistig Eingeschränkte einordnete, dann würde man einen Weg finden, ihre Visionen für einen anderen Zweck zu nutzen.
Das Lächeln vertiefte sich ein wenig, als würde Yue sich damit auf den Boden der Tatsachen zurückholen.
“Aber das ist jetzt nicht wichtig. Ich werde später zu Rhiannon gehen und sie um Hilfe bitten”
, besänftigte sie sich selbst, aber auch ihre Freundin, ihre eigene Unsicherheit dabei wieder in den Hintergrund drängend.
“Heute ist ein wichtiger Tag, Maebh. Bei der großen Mutter, es gibt noch so viel zu tun, wie spät haben wir?...”
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