20-07-2026, 16:36
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 24-07-2026, 08:02 von Yue Bai.)
The Sky speaks more honestly
To those willing to Dive.
Vielleicht lag es auch an der Höhe, in der die Gemächer der Fürstenfamilie lagen. Wenn sie sich nur ein wenig gegen das Fenster lehnte, konnte sie unter sich die Wellen an den Felsen brechen sehen. Manchmal flog ein Vogel auf einer Höhe mit ihr vorbei und stürzte nach unten auf der Jagd nach Beute. Ob nun offensichtlich nach außen getragen oder nicht, es ließ ihr Herz doch jedes Mal ein bisschen höher schlagen.
Dabei bemühte sie sich so, heute einmal ein wenig normaler zu sein, nachdem sie die letzten zwei Tage schon so Schwierigkeiten gehabt hatte, zu ihrer Mitte zurückzufinden. Nicht, dass sie das Gespräch mit Maebh sonderlich mitgenommen hätte; wenn überhaupt, dann ließ es sie immer ein Stück geerdeter zurück, wenn sie in den Gesichtern anderer sehen konnte, dass sie geholfen hatte. Es war aber nunmal so, dass sie sich kaum an dieses Gespräch erinnerte. Leider. Auch auf den Stunden danach lag ein Nebel, nur durchschnitten von Neuigkeiten wie dem Absagen der Hochzeit, dem Klettern, um die heilige EIche von den Lampen und Laternen zu entfernen, oder dem Ritual im Gemach der Braut, um böse Geister zu vertreiben. ”Du gehst früher zurück”, hatte Erin ihr aufgetragen, als Yue ihr von dem Traum erzählt hatte, mit dem Drängen nach Wahrheit in ihren Augen und der Richtungslosigkeit, die nur einer beiwohnte, die drohte, vom Weg abzukommen. Dabei war es so klar gewesen. Yue wusste, dass dieses Gefühl in ihrer Brust echt war; sie wusste nur nicht, was ihre Göttin ihr damit sagen wollte.
Der Besuch bei Cathal war schon lange im Voraus geplant gewesen und genau deswegen hatte die gebürtige Nomadin ihren Aufbruch so lange heraus gezögert, dass sie ihn noch wahrnehmen konnte. Ihre wenigen Habseligkeiten waren bereits gepackt und warteten in ihrer Stube darauf, mitgenommen zu werden, irgendwo ein paar Stockwerke weiter unten in dem Flügel, der den Priesterinnen und Druiden vorbehalten war. Sie trug nur noch das erdfarbene Reisegewand mit den langen Trichterärmeln und der angenähten Kapuze, ihre Haare zu einem langen, praktischen Zopf geflochten und halb hochgesteckt.
Obwohl ihr Burgen nicht behagten, fand sie doch eine gewisse Vertrautheit in dem Flur, den sie zu Cathals Gemächern einschlug, einfach, weil sie ihn schon so oft gegangen war. Erst mit Erin oder der ansässigen Hohepriesterin, dann irgendwann alleine. Vier Jahre war es her, seit sie zum ersten Mal ihre Hände an seine Schläfen gelegt hatte. Wie unsicher damals gewesen war, dass sie sogar gezittert hatte. Wie unangenehm die Berührung eines Fremden, obwohl sie ihm nur hatte helfen wollen.
Damals hatten sie trotz aller Widrigkeiten Hoffnung in ein Paar Hände gelegt, um Cathal zu heilen. Heute, nach vier Jahren, blieb von jener Hoffnung nur noch Routine übrig.
Fast zumindest, denn wenn man Yue fragte, dann hatte jeder ihrer Besuche einen Sinn. Sie konnte sich nicht damit zufrieden geben, dass Cathal unheilbar blieb. Wenn jahrelange medizinische Behandlung nicht geholfen hatten, dann musste es ein geistiges Leiden sein, dessen Ursprung noch niemand gefunden hatte - das, oder die Göttin hatte eine Bestimmung für ihn vorgesehen, derer sich noch keiner bewusst war. Alleine diese Möglichkeit, und die Unfähigkeit, Dinge unvollendet liegen zu lassen, wenn sie doch wusste, dass es irgendetwas geben musste, führten Yue jedes Mal vor dieselbe Tür. Wie geduldig sie wartete, nachdem sie geklopft hatte, auf den dumpfen Laut seiner Stimme. Wie selbstverständlich sie in sein Gemach trat, wo sie die ersten Male doch mit dem Gedanken gespielt hatte, einfach wieder umzukehren. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, auch wenn sie wusste, dass er es nicht sehen konnte - aber hören.
“Euer Majest- äh, Euer Gnaden, ach, Cathal.”
Er hörte vermutlich das dumpfe Klatschen, auf dass ihre Stirn einen roten Abdruck von ihrer Handfläche zeichnete. Gefolgt von einem Rascheln ihres Gewands, als sie ihre Hände vor der Mitte faltete und eine kleine Verbeugung andeutete. Dann machte sie sich ganz schnell daran, aus ihren Schuhen zu schlüpfen und Barfuß zu ihm rüber zu laufen.Vor Cathal musste sie sich nicht mehr verstellen, was Stück für Stück und Begegnung für Begegnung dafür gesorgt hatte, dass sie in seiner Gegenwart einfach Yue war. Die, die lieber den kalten Stein unter ihren nackten Füßen spürte. Die, die auch tagsüber träumte und manchmal Gesprächsfetzen nicht mitbekam, als wäre ihr Geist an einem vollkommen anderen Ort. Aber auch die, die sich ehrlich um das Wohlbefinden des Fürstensohnes kümmerte und sich freute, ihn zu sehen. Sie hatten einen langen Weg gemeinsam zurückgelegt, bis sie zusammen in dieses Vertrauensgefühl gewachsen waren.
“Weißt du, ich habe heute etwas Verblüffendes gesehen. Wusstest du, dass Vögel minutenlang auf einer Stelle segeln können, ohne auch nur einmal mit dem Flügel zu schlagen? Als ich auf dem Weg zu dir war, hab ich einen Falken gesehen. Er ist quasi auf meiner Augenhöhe stehen geblieben und hat sich nicht vom Fleck bewegt. Als würde er auf der Stelle schweben.”