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Im Auge des Sturms

FACING
THE
STORM

Tritt ein in eine düstere Welt aus Macht, Verrat und alten Schwüren.

Thema

The Door between Worlds

Baumstrukturmodus
Szeneninformationen
Szeneneinstellung
feste Postreihenfolge
Datum
02. November 1016
Ort
Rabias Haus im Labyrinth der Hauptstadt
Tageszeit
18:00
#1
Change is Scary, but Change is also
Growth

Obwohl das Haus sich direkt in die Gasse hinter einem der zahlreichen Basare der Hauptstadt einreihte, störte der Lärm kaum die ruhigen, schattigen Räumlichkeiten, in denen sich die Insassen überwiegend aufhielten. Ein Streit zwischen Mutter und Kind wehte über den Innenhof, der dank des Baldachins in ein rotbraunes Licht getaucht war. Manchmal schien es fast so, als würde Zeit und Momentum hier stehen bleiben; als würde sich dieses eine, einfache Lehmhaus in den Wirren des Lebens nicht bewegen und um die Belange der Welt kümmern. In einem einfallenden Sonnenstrahl durch das ladenlose Fenster schwebte der Staub schwerelos durch die Luft, fast in völligem Stillstand, wenn es keinen Anlass gab, sich zu bewegen. Denn Staub war immer noch Staub, auch wenn die Welt um ihn herum an Chaos zerbrach. Staub würde immer Staub sein, schwerelos, um jeden Wind wirbelnd ungeachtet des Zustandes seines Umfeldes. Eine Konstante, ein Bestandteil ihres Lebens so unbedeutend, dass er nie genug sein würde, um das Gleichgewicht der Welt zu beeinflussen wie die, die den Wind verursachten. Es reichte ihm, zu existieren und sich in den Haaren der Menschen festzusetzen, die unbedingt etwas bewegen wollten.
“Ich will dich nicht länger beanspruchen.” Die sanft geschwungenen Lippen der Frau bewegten sich in einem Kontinuum, das die Stille des Hauses nicht durchbrach, sondern mit ihr schwamm. Gedrückt durch die schwere, warme Luft ihres Landes erreichten die Worte ihn langsam, träge, und doch unmissverständlich in ihrer Absicht. “Ruh dich aus. Du hast noch viel Arbeit vor dir, und wir brauchen dich in bester Gesundheit.” Er kannte sie. Er wusste, dass ihre Worte stets so gewählt waren, dass sie sanfte Versprechen trugen und einen Mann einem Tuch hinterherjagen ließen, das sie hinter sich herzog. Heute klang ihre Stimme heiterer, stolz fast, während über den offenen Innenhof ein Marktsprecher die Worte an eine verstummte Bevölkerung richtete. Deswegen wusste er auch, dass Safiyas Augen nie so ruhten, wie ihre Stimme es versprach. Obwohl sie ihm Ruhe versprach, schnitt ihr Glanz unruhig und wild, wagemutig, verzweifelt durch den Raum und wirbelte den Staub auf, der durch einen schmalen Sonnenstrahl zwischen ihnen fiel. Devan kannte niemanden, dessen Münze zwischen Wohlwollen und Rachegelüsten so schmal geschnitten war wie der ihre. Wenn er sich ihr entgegen lehnte, würde sie dann kippen?
Doch sie schenkte ihm nur ein warmes Lächeln und richtete sich neben seiner Liege, die mit Schafwolle gepolstert war, auf, richtete ihr Tuch, das ihr dickes Haar halb verdeckte, und verließ den Raum. Im Türrahmen hielt sie noch einmal inne, die Hand an dem glatt geriebenen Lehm. “Merkwürdig, oder…? Zariyah ist nur wenige Jahre jünger als ich, und doch bin ich so stolz auf sie, als wäre sie meine Tochter.” Safiyya drehte sich zu ihm und in der Schwere ihres Lächelns steckte eine Wärme, die er nie hatte nachvollziehen können; denn sie kam von etwas Tiefem, Inneren, wozu ihm der Zugang verwehrt war. “Du kannst auch stolz auf sie sein. Sie hat dein Leben gerettet.”

Und das war er, vermutlich. In den zwei Tagen, die er mehr in Trance als wach verbracht hatte, irgendwo zwischen tiefem, heilendem Schlaf und den vereinzelten, ausnahmslos einseitigen Gesprächen mit Besuchern, hatte er für sich festgestellt, dass er Dankbarkeit empfand. Die unausgesprochene, blinde Zusammenarbeit zwischen Assassinen, die dasselbe Ziel anvisierten, hatte ihn stärker gemacht, als er eigentlich war. Ohne Batuhan, mit dem er seine Wurzeln teilte, und Zariyah, die seine Lehren verwirklicht hatte, hätte er vermutlich keinen Fuß mehr aus dem Palast gesetzt, geschweige denn ihr Ziel in die Tat umgesetzt. Devan war nicht so verblendet, um sich nicht einzugestehen, dass er alleine Ridvan nicht hätte ermorden können. Es war genauso seine Arbeit wie ihre Arbeit, und dafür war er dankbar. Es war ein Gefühl, das ihn in seinem Zimmer beschäftigte, während er das Fieber in der ersten Nacht bekämpfte und schließlich merkte, wie sein Körper langsam heilte. Ein Gefühl, das sich erst durch Träume zog und dann klarer in Gedanken zu fassen war, wenn er wach und alleine war. Etwas, das nicht verschwand, wenn er im sicheren Schatten seines Zuhauses den aufgebrachten Stimmen auf der Straße lauschte, die über den Machtumschwung spekulierten und den Namen des Königs in den Dreck zogen; auch nicht, als Rabia Neuigkeiten mit ihm teilte, die ihn nachdenklich werden ließen.

Devan bekam relativ viel Besuch dafür, dass er eigentlich das Krankenbett hüten sollte. Erst war es nur Rabia, die in der ersten Nacht an seinem Bett wachte und ihm den fiebrigen Schweiß von seiner Stirn trocknete, dann hin und wieder ohne Klopfen ins Zimmer trat und mit ihren ruppigen Händen seine Verbände wechselte. Abu war am nächsten Morgen vor der Türschwelle aufgetaucht, hatte Devan, seinem ehemaligen Schüler, einen kräftigen Klapser auf die gesunde Schulter verpasst und seitdem hörte man sein lautes Stampfen regelmäßig vom Treppenhaus oder seine polternde Stimme im Innenhof, während er eine Partie Go gegen Rabia verlor. Neben Safiyya, die als Einzige der Amra Alzili sein Zuhause kannte und ihn am Morgen des zweiten Tages besucht hatte, um ihn über die aktuellen Umstände und Pläne aufzuklären, war es vor allem Ilias, sein Schüler, der immer irgendwelche kleinen Ausreden suchte, um ihn zu besuchen. Mit seinem Stock in der Hand, um das Gewicht von seinem verletzten Bein zu nehmen, hörte Devan ihn schon zwei Stockwerke entfernt, bevor er mit Ziegenmilch und Datteln an die Zimmertür seines Mentors klopfte und ihm als Einziger tatsächliche, echte Worte entlockte. Denn Devan war still geworden. Mit einem Körper, der auf die Heilung fokussiert war, merkte er auch, dass sein Geist sich nicht ganz im Gleichgewicht befand und die Stille brauchte, in die er sich zurückzog. Denn mit einem toten König hatte sich sein Umfeld verschoben; er merkte es in der Haltung der Menschen, die ihm gegenüber traten. In den Stimmen von den Straßen, aufgeregt und unsicher. In der Ungewissheit, die über ihrer aller Köpfe schwebte: War es wirklich so, dass der Tod eines Einzelnen der Grund des Leidens vieler war? Oder hatten sie einen Stein ins Rollen gebracht, der viele unter ihm begraben würde, und wenn ja - waren sie überhaupt noch in der Lage, ihn zu stoppen?

Es war eine Frage, die er sich auch persönlich stellte, als er sich am frühen Abend des zweiten Tages erhob und mit angespannter Anstrengung einen leichten Mantel mit weiten Ärmeln über seinen nackten Oberkörper warf. Die Verbände waren sauber, fest und doch zog der Schmerz ruckartig durch die Nervenbahnen seines geschwächten Körpers, als er sein Gewicht auf den verletzten Oberschenkel verlagerte. Er bewegte sich langsam durch den dritten Stock an den schmalen Sonnenstrahlen vorbei, die durch die offenen Fenster fielen. Als er die schmale Treppe nach oben nahm und sich an der Wand festhielt, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, strich ein weiches Fellbündel an seinem Knöchel vorbei und wartete am Ende der Stufen darauf, dass er durch die offene Dachluke trat.
Die untergehende Sonne brannte rot über die Dächer von Dharan al-Bahr und ließ die Luft warm über den staubigen, sandigen Straßen schimmern. Es war ein Wirrwarr aus Stoffen, Sandstein, Lehm und Holz, chaotisch durcheinander gewürfelt hier unten in den bürgerlichen Vierteln, wo man nach dem Erdbeben schnell Dächer über dem Kopf hatte errichten müssen, dass man sich nicht darum kümmerte, wie sie mit den Gebäuden der Nachbarn harmonierten. In gewissem Sinne verkörperte es das Leben, in dem sie alle steckten: Chaotisch, Gegenwarts-getrieben und doch nicht bereit, aufzugeben. Devan hatte keinen derartigen Blick für Ästhetik, aber der Anblick war ihm vertraut genug, dass er sich angekommen fühlte.
Am Rand des flachen Daches waren drei Teppiche quer übereinander gelegt mit Kissen, weniger drapiert als einfach so hingeworfen, wie es gerade eben passte. Daneben lag noch eine Schale mit gerösteten Kernen, halb gegessen, halb vergessen in den letzten Tagen, die ihnen allen viel abverlangt hatten. Maeaza, die getigerte Katze, lief voraus und strich um das Bein der sitzenden Frau, ehe sie der kleinen Schale mit dem Wasser an der Ecke des Daches näherte.
Devan machte sich keine Mühe, leise zu sein, doch die Geschmeidigkeit einer Raubkatze ruhte immer noch in seinen Knochen. Etwas aus dem Gleichgewicht, doch immer noch leichtfüßig ließ er sich neben seine Schülerin auf die Teppiche fallen und kreuzte ein Bein in einem halben Schneidersitz, während er das verletzte Bein ausgestreckt ließ. Er ließ wie immer das Schweigen sprechen und wartete, bis sie ihr Wort an ihn richtete. Ohne Erwartung. Ohne Wertung. Mit dem Wissen, dass sie wusste, dass er über ihr Geheimnis Bescheid wusste, aber noch nicht bereit war, eine Entscheidung zu treffen. Seine Hand glitt in die Schale mit den Kernen und das Knacken durchbrach die Stille, als er zwischen seinen Zähnen Kern von Hülle spaltete.
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#2
Sie hatte zwei Tage vor sich hin gedämmert, gelebt in einem Körper, der sich fremd angefühlt hatte, als gehöre er nur noch bedingt ihr. Rabias Haus roch nach heißem Lehm, Bitterkräutern und kaltem Rauch. Schon in der ersten Nacht war die alte Frau über ihr gestanden wie ein unbarmherziger Schatten, Hände rau wie Stein, mit einer Stimme scharf wie geschliffenes Glas. Zariyah war kaum über die Schwelle des Versteckes gekrochen, da hatte Rabia sie schon zurechtgerückt, grob, effizient, ohne ein Fünkchen Sentimentalität. Die Wunde an ihrer Flanke war gereinigt, genäht, verbunden worden, und mit jeder Berührung hatte Rabia getadelt, gezischt, unterdrückt geschimpft. Unvorsichtig. Dumm. Stolz statt Vernunft. An diese Worte in unzähligen Kombinationen konnte sie sich vage erinnern. Zariyah hatte es über sich ergehen lassen. Sie hatte gelernt, dass Rabias Härte eine eigene Form von Sorge war, eine, die niemals einer weichen Decke glich, aber immer zuverlässig um sie geschlungen blieb wie eine. In ihren wilden Träumen in der Nacht nach dem Anschlag  hatte sie den Palast erneut gesehen, gehört, gespürt: das Flackern der Feuerschalen, die Schreie von Stahl auf Stahl, den Schlag, der sie beinahe auseinandergerissen hatte. Sie hatte geglaubt, noch immer den metallischen Geschmack des Blutes im Mund zu spüren, das des Wachmanns auf ihrer Haut zu spüren.

Rabia hatte sie nicht aus den Augen gelassen, ohne sanftes Betätscheln, kein leises Mitgefühl in der Stimme, stattdessen kühle Umsicht, scharfe Befehle, bittere Kräuter und Verbände, die so fest saßen, dass jeder Atemzug sie an ihre Verletzlichkeit erinnerte. „Du hast überlebt, also jammere nicht“, hatte Rabia einmal gemurmelt, als Zariyah vor Schmerz die Zähne zusammengebissen hatte. Und doch hatte sie in derselben Nacht länger als nötig an ihrem Bett gesessen, schweigend, wachsam, wie ein Raubtier, das über eine verwundete Gefährtin wachte.

Am zweiten Tag war das Fieber zurückgewichen. Der Schmerz war zwar geblieben, dumpf und schwer, aber beherrschbar. Zariyah hatte sich langsam durch das Haus bewegt, jeden Schritt vorsichtig gesetzt, als könnte der Boden unter ihr nachgeben. Sie hatte Stimmen gehört – Abu polternd im Hof, Rabias kreative Schimpftirade aus einem Fenster zu ihm hinunter, Safiyyas leise, kontrollierte Worte irgendwo im Haus. Und doch hatte sie Devan nicht gesehen. Sie traf keinen Schatten in den Fluren, sah kein vertrautes Profil im Türrahmen, hörte kein leises Gleiten seiner Schritte über die Stufen. Das Fehlen seiner Gegenwart war lauter als jeder Tumult in diesen vier Wänden, die einem Zuhause näher kamen, als Zariyah es jemals erlebt hatte.

Als die Sonne begann, sich dem Horizont zu neigen, war sie schließlich aufs Dach gestiegen. Das hier war ihr Ort. Die Wärme des Abends hatte sich über die Dächer Dharan al-Bahrs gelegt wie ein schweres Tuch. Die Stadt glühte in rotem Licht, Staub tanzte über Lehm und Ziegel, und irgendwo unten hatte ein Marktschreier noch immer nicht genug davon, vom Tod des Königs zu berichten. Vom Fall der Ben Sahids. Zariyah hatte sich auf die Teppiche sinken lassen, vorsichtig, um ihre Flanke nicht zu reizen. Die Katze, die niemandem gehörte, und doch einen Namen besaß, war sofort zu ihr gekommen, hatte sich an ihr Bein geschmiegt, als wisse sie genau, dass Zariyah etwas brauchte, das vielleicht Trost sein konnte, wenn sie es sich gestatten würde, länger darüber nachzudenken. Die Schale mit den gerösteten Kernen, die sie praktisch überall mit hinnahm, war bereits halb geleert und lange nachzudenken hatte sie schon erneut hineingegriffen. Der Geschmack war erdig, leicht salzig und seit einiger Zeit überwältigend notwendig.

Sie hatte gegessen, gierig beinahe, sich der Hüllen geschickt entledigt, die Kerne hastig gekaut, als würde ihr Körper nach etwas rufen, das sie selbst nicht benennen konnte. Ein Hunger, der tiefer ging als Schmerz oder Erschöpfung. Ein Ziehen im Bauch, das sie irritiert und zugleich beunruhigt hatte. Ihre Gedanken waren unweigerlich zu ihm zurückgekehrt. Zu dem Mann, von dem sie sich verabschiedet hatte. Im Angesicht des Todes war dennoch da gewesen, und auch jetzt, in ihren so selten gegönnten Tagträumen, stand seine hünenhafte Gestalt scharf gezeichnet im Abendlicht, als stünde er vor ihr auf den Dächern, mit diesem halben Lächeln, bei dem sie sich einbildete, dass es ihr allein gehörte.

Und mit dem Krieger waren auch die Gedanken an den Anschlag zurückgekehrt: das Gewicht der Nacht, das Blut, der Sturz des Königs, Batuhans ruhige Hand, die schrillen Schreie der Leibmagd. Sie hatte gespürt, wie sich etwas in ihr zusammenzog – nicht nur Schuld, schon gar kein Triumph, sondern eine tiefe, unauflösliche Veränderung, als sei sie nach dieser Nacht nicht mehr ganz dieselbe. Dann hatte sie an Devan gedacht. An sein Gesicht, bleich vor Schmerz. An den Pfeilstumpf in seiner Schulter, an das Blut an seinem Bein, an den Moment, in dem sie gesehen hatte, wie er beinahe zusammengebrochen war. Seit sie in Rabias Haus angekommen waren, hatte sie ihn nicht gesehen. Nicht ein einziges Mal. Und dieser Umstand machte sie rastlos.

Tief in Gedanken versunken hatte sie die Kerne langsamer gekaut, den Blick über die Dächer schweifen lassen, als die Dachluke sich öffnete. Sein Schritt war vertraut, trotz Verletzung, trotz Schwäche. Maeaza hatte ihn zuerst bemerkt, war um seine Beine gestrichen, begrüßte einen alten Freund. Zariyah jedoch hatte nicht sofort aufgesehen. Sie hatte das leise Rascheln der Teppiche vernommen, als er sich neben sie setzte, das Knacken der Kerne. Ihr Herz hatte einen Schlag ausgesetzt. Vor Freude? Vor Angst? Eher vor etwas Unaussprechlichem, das sie nicht einordnen konnte. Sie begnügte sich damit, ihn aus dem Augenwinkel heraus zu betrachten: der Verband an seiner Schulter, das ausgestreckte Bein, die Spuren der letzten Tage in seinem Gesicht. Und doch war er da, ruhig, unverrückbar, als sei er trotz allem immer noch der gleiche Schatten, der sie einst aus der Gosse geholt hatte.

Ihr Blick blieb am Horizont hängen, wo die Sonne sich endgültig neigte, als würde sie kurz davorstehen, von selbigem zu fallen. In diesem goldenen Rand zwischen Licht und Dunkelheit dachte sie an vieles. An Blut auf Marmor. Rauch über Palastmauern. An eine Höhle aus Sand und Stille. An eine Hand auf ihrem Bauch. Der Gedanke kam leise, wie ein sanfter Atemzug, der sich festgesetzt hatte: Sie war nicht mehr allein. Und dieses Wissen war ebenso beunruhigend wie unaufhaltsam. Ihre Schulter senkte sich minimal. Schließlich löste sie eine weitere Kernhülle zwischen den Zähnen, ließ sie in die Schale zurückfallen und hob den Blick zum Himmel, als suche sie dort eine Antwort, die nicht existierte. Erst dann sprach sie — kaum mehr als ein Hauch, ohne ihn anzusehen: “Sieh an, wen es von seinem Lager getrieben hat.“
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#3
Die Welt war laut, von Kräften getrieben, die kein Mensch wirklich nachvollziehen konnte, doch hier oben kam nie etwas davon an. Man hörte den Marktschreier entfernt und Stimmen von Kindern, die spielten, Frauen, die um ihre Lebensmittel warben. Die streitende Waschfrau mit der Schwiegermutter am anderen Ende der Gasse. Eine Bewegung im Augenwinkel von Laken, die abgehängt wurden auf dem Flachdach zwei Ecken weiter. Maulende Katzen, die ihr Revier verteidigten. Ein schreiendes Baby.
Doch all der Lärm spielte hier oben keine Rolle. Getragen und verdünnt von warmer Luft blieb nur ein Schleier übrig, durch den die Welt losgelöst wirkte, als würde man sie von einem Aussichtspunkt betrachten und überlegen, ob es wert war, ein Teil von ihr zu sein. Welche Kräfte auch immer die Welt bewegten, sie hatten hier keine Bedeutung. Eine Rückzugsmöglichkeit. Ein Zuhause.
Hätte Devan diesen Ruhepol nicht, wer weiß, ob er seine Berufung lange hätte ausüben können, ohne irgendwann aus dem inneren Gleichgewicht zu kommen.

Ebenso wollte er, dass seine Schüler an diesem Ort eine Ruhe fanden, die in dem Chaos der Hauptstadt längst keine Selbstverständlichkeit war. Auf den Straßen, laut und bunt, ging es um das nackte Überleben. Schwächere - Kinder ohne ein Auffangnetz - wurden unter den Teppich gekehrt und mussten zusehen, wie sie über den nächsten Tag kamen. Es war eine bittere Realität, die er selbst nicht überlebt hatte in Jahren, die so weit zurück lagen, dass sie sich anfühlten wie ein anderes Leben. Eine Realität, die seinen Schülern bewusst war, weil sie einen Teil von sich selbst auf den Straßen gelassen hatten. Weil sie ständig aufs Neue hindurch schritten und sich immer wieder damit konfrontieren mussten, dass Armut - selbst durchlebt oder nur am Rande des peripheren Sichtfeldes - ein Teil ihres Lebens war. Weil sie teilweise selbst dafür verantwortlich waren, wenn sie Aufträge annahmen und sich bildeten in Techniken, die das Töten verienfachten; und weil sie mit dem Tod des Königs vielleicht etwas bewegt hatten, was die Münze auf der Straße ausbalancieren würde.
Dass Zariyah sich dieser Ruhe bediente, erfüllte Devan mit einer ruhigen Zufriedenheit, die er nur jemandem gegenüber empfand, dessen Leben er in seine Verantwortung zählte. Er wusste nicht, woher das kam. Als er das Mädchen zu seiner Schülerin gemacht hatte, dann nur, weil er etwas in ihr gesehen hatte, das ihn an sich selbst erinnert hatte. Der Schatten, der sie verfolgte, war der Gleiche gewesen, in den er auf der Straße geschlüpft war, ohne zu wissen, wie man ihn wieder ablegte. Vielleicht, weil er so viel von dem Jungen in ihr gesehen hatte, der sich damals ohne Angst an die Fersen von Rabia geheftet hatte, hatte er ihr beibringen wollen, wie man den Schatten nutzte. Und nun, wo er sie mehr als das gelehrt hatte, merkte er, dass sie ein Teil von seinem Schatten geworden war.

Ruhig lag sein Blick auf ihrer Silhouette, nachdem sie das Schweigen gebrochen hatte mit einem trockenen Kommentar, der ihn nach all den Jahren weder überraschte noch unvorbereitet traf. Genauso wenig lachte er darüber. Dünne Falten zeichneten die Partie um seine Augenwinkel, als sich das Licht der untergehenden Sonne in seinen Augen fing und seine Haut in dunkles Gold tauchte. Die Kernschale für einen Moment zwischen zwei Fingern reibend, ließ er sie schließlich zurück in die Schale fallen und wandte seinen Blick ab, über die Dächer zum Horizont, den die Sonne rot färbte.
“Das Wetter ist gut.”
Sie fragte nicht, er antwortete nicht. Es war eine einfache Feststellung, so vom Alltäglichen getrieben, dass man sich wundern konnte, ob hier oben wirklich die Assassinen saßen, die einen König auf dem Gewissen hatten. Gleichzeitig sprach es den Heilungsprozess von Devan an; heute war er erholt genug, um aufs Dach zu gehen und sich von den letzten Sonnenstrahlen wärmen zu lassen.
“Wie geht es deinen Wunden?”
, fragte er schließlich, ohne sie erneut anzusehen. Er gab den Worten keine extra Bedeutung, ließ stattdessen die Routine nach einem gewöhnlichen Auftrag sprechen - auch wenn er sich nach mehr erkundigte als nur ihren körperlichen Wunden.
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#4
Devans Stimme legte sich zwischen sie wie ein weiterer Teil dieser angenehmen Stille, die sie beide so mühelos teilten. Nicht störend oder fordernd, sondern einfach da. Wie der Wind und der Staub. Deswegen antwortete Zariyah nicht sofort, stattdessen glitten ihre Finger weiterhin beinahe meditativ durch die Schale, suchten nach einem weiteren Kern, obwohl sie längst aufgehört hatte, auf den sättigenden Effekt zu achten. Das Knacken zwischen ihren Zähnen wurde langsamer, gleichmäßiger, bis es schließlich ganz verstummte. Sie ließ die Schale in ihrem Schoß ruhen, die Finger still, als hätte selbst diese kleine Bewegung plötzlich an Bedeutung verloren.

Seine Frage hing in der Luft. Und sie war zu groß, um sie einfach so zu beantworten. Nicht, weil sie nicht wusste, wie es ihr ging, sondern weil sie genau wusste, was er eigentlich fragte. Ihre Gedanken wanderten kontrolliert, in klar gezogenen Linien, wie sie es gelernt hatte, zurück in die ersten Stunden nach dem Anschlag. Zu dem Moment, in dem Rabia nicht nur ihre Flanke versorgt hatte. Die alte Frau hatte nichts gesagt, als das Blut nicht nur aus der Wunde an ihrer Seite gekommen war. Keine Fragen, kein Mitleid, nur ein kurzer, prüfender Blick, dann die gleiche Härte, die gleiche Effizienz, für die sie bekannt war. Eingeflößte Kräuter, die nicht nur Schmerzen nahmen. Es war ein bitterer Sud gewesen, der den Körper zwang, loszulassen, was er nicht mehr halten konnte. Schwielige Hände, die fest genug waren, um ihren krampfenden Leib zu stabilisieren, und gleichzeitig unerbittlich genug, um keinen Raum für Schwäche zu lassen. Rabia hatte sie gehalten, als es nötig gewesen war. Nicht tröstend, sondern funktional. Wie man ein Gefäß hält, das nicht zerbrechen darf.

Und Zariyah hatte es geschehen lassen. Ohne Widerstand. Ohne Gedanken, die sie daran banden. Es war vorbei gewesen, noch bevor es wirklich begonnen hatte. Kein dramatischer Verlust, kein Aufschrei, kein pathetisches Festhalten. Nur ein Moment, in dem der Körper etwas losließ, und sein Geist es akzeptierte, als wäre es nie anders vorgesehen gewesen. Man hatte ihr schließlich nie beigebracht, etwas zu behalten, sondern nur, es loszulassen. Unbewusst legte sich ihre linke Hand für einen flüchtigen Moment gegen ihren Bauch. Keine bewusste Geste, eher eine Art Nachspüren. Nur ein Reflex, der ins Leere griff, und genau dort blieb. Da war nichts mehr, und in dieser Leere lag keine Trauer, nur Klarheit. Ein leises, beinahe nüchternes Verständnis: Es hatte keinen Platz gehabt in dem Leben, das sie führte. Und nun war es fort. So, wie alles fortging, was nicht bestehen konnte.

Ihr Atem blieb ruhig. Gleichmäßig, unverändert. Sie hob den Blick nicht, sah ihn nicht an. Als sie schließlich sprach, war ihre Stimme ruhig, frei von jeglicher Emotion, die hätte verraten können, dass da mehr gewesen war als eine Wunde aus Fleisch. „Sie heilen.“ Keine Klage, keine Details, und schon gar kein Raum für Nachfragen. Es war die Wahrheit, so wie sie sie brauchte. Für ihn und für sich selbst. Ihre Finger griffen wieder nach einem Kern, lösten die Schale, als hätten sie nie innegehalten. Doch ihr Blick hatte sich leicht verschoben, lag nun nicht mehr am Horizont, sondern irgendwo dazwischen. Dort, wo ihre Gedanken nun zu sein hatten.  Der Anschlag und die Nachwehen. Ein Schatten zog durch ihre Gedanken, nicht wegen des Verlusts, sondern wegen dem, was noch kommen würde.

Langsam drehte sie den Kopf ein Stück in seine Richtung, gerade genug, um ihn aus dem Augenwinkel wahrzunehmen. Seine Präsenz war unverändert. Fest. Verlässlich. Ein Anker, den sie weder suchte noch ablehnte. Dann sprach sie erneut. Leiser diesmal, sachlicher. „Was ist mit den anderen?“ Eine Pause, ein Atemzug. „Wie viele haben wir verloren?“ Keine Emotion lag in der Frage. Kein Zittern oder Zögern. Nur die Notwendigkeit der Erkenntnis.
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#5
Es definierte die Beziehung zwischen ihnen, wie sie sich jeweils gegenseitig den Raum gaben, den sie brauchten, um Antworten zu suchen und zu finden. Auch dieses Gleichgewicht hatten sie für sich beansprucht. Während Devan viel verlangte, hohe Ansprüche in das Training seiner Schüler steckte und kein Ausweichen, kein Biegen und stromliniges Formen seiner Disziplin duldete, hielt er es mit allem, was darüber hinausging, genau gegensätzlich. Sobald der Körper seiner Schüler stark genug war, musste es ihre Individualität sein, die Ruhe in den Geist brachte.
Wenn Zariyah also ihre Zeit brauchte, um eine Antwort zu finden, dann ließ er es geschehen. Devan war niemand, der in großen und hektischen Bewegungen die Umgebung störte. Er passte sich der Luft an und wurde zu einem Teil des Daches, das in der Abendsonne gelassene Wärme ausdrückte. Trotz seiner Wunden, die seine Bewegungen bedachter und langsamer machten, fiel sein Zurücklehnen kaum als sonderbar auf, während er sich mit den Händen abstützte und… wartete. Auch er musste noch verarbeiten. Er wusste, dass mit die Verarbeitung Heilung versprach, sie aber nicht schneller oder langsamer herbeiführte. Wie alles in der Welt verlangten Körper und Geist Zeit, um sich um die Veränderungen zu formen und Wunden zu schließen - stets mit der Möglichkeit im Hinterkopf, dass man danach nicht mehr die gleiche Person war.

Dass Zariyah aus dem Attentat als eine andere Frau herausgetreten war, sah man ihr an. Nicht in ihren offensichtlichen Verletzungen und den Bandagen, sondern darin, wie sie die Kerne aß. Wie sie sich aufrecht hielt. Wie ihr Blick den Horizont suchte und sich doch verschob. Wie ihre Hand auf einer Wunde ruhte, für andere Augen unsichtbar, die keinen Blick für ein verrücktes Gleichgewicht hatten. Die Schönheit in dem Moment bestand darin, wie sie den Raum nutzte, sich auszudrücken, ohne ihrem Schmerz den Vorrang zu lassen, während Devan sich aus dem Raum zurückzog und ihr den Platz gab, den sie brauchte. Er machte sich nichts vor, etwas von den Prozessen zu verstehen, die in ihr vorgingen, und deswegen sprach er es auch nicht an. Von ihm kam kein Mitleid. Keine Entschuldigung für etwas, das nicht in seinen Händen lag. Keine Schuldzuschreibung, weil in ihren Wunden eine Eigenverantwortung lag. Und was, wenn sie nicht ihren Wunsch ausgedrückt hätte, die Assassinierung mit auszuführen? Was, wenn sie das zweite Leben in sich akzeptiert hätte, statt Tod zu bringen - was, wenn er in ihre Entscheidung eingegriffen hätte, wenn er davon gewusst hätte? Die Welt fand merkwürdige, fantastische Wege, Gleichgewicht wiederherzustellen, wo es verloren gegangen war. Jeder von ihnen zahlte dafür, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
“Gut”
, kommentierte er, ohne dem Gespräch ein Ende zu setzen. Wenn Zariyah reden wollte, dann durfte sie das tun; wenn sie schweigen wollte, würde er sie lassen. Als sie schließlich den Fokus auf das Geschehene richtete, merkte man Devan an, wie auch er wieder mehr Raum für sich einnahm, die Augen etwas fester zusammen gekniffen, dass die Falten präsenter hervortraten.
“Sameed und Jamel sind tot. Duba hat viele Wunden davongetragen, aber das Schlimmste scheint er hinter sich zu haben.”
Auch in seiner Stimme lag keine Emotion. Er war sich bewusst, dass es Hafiz sicher anders ergehen musste, der sein Herz doch auf der Zunge und in seinen Fäusten trug und den Verlust zwei seiner Schläger tiefer spürte, als Devan je in der Lage wäre. Auch, wenn statt Sameed nun Zariyah begraben unter der Erde liegen würde?
Der Blick des Assassinen kroch über den Horizont, bis er auf dem Profil seiner Schülerin lag. Ein Hauch von Prüfung, Abschätzung, sein Atem ruhig und gleichmäßig.
“Ridvan und Fayyad sind tot. Yasirah lebt und wird von Safiyya in der Kanalisation festgehalten.”
Mehr sagte er nicht. Er wollte wissen, wie sie auf diese Information reagierte, fast schon aus eigener, persönlicher Neugierde; schließlich machte der Umstand um das Leben der Königin nichts mit ihm. Als Safiyya ihn heute allerdings besucht hatte, hatte er den verräterischen Glanz in ihren Augen gesehen, den Schmerz, der danach schrie, endlich Genugtuung darin zu finden, die Königin leiden zu sehen, wie sie die Bevölkerung hatte leiden lassen. Vielleicht war Zariyah ihr ähnlicher, als sie sich selbst eingestand.
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#6
Die Namen der Gefallenen ließen etwas in ihr nachhallen. Es war keine Trauer, eher diese schwere, nüchterne Erkenntnis, dass weitere Leben ihren Platz in der Wüste gefunden hatten. Sameed. Jamel. Namen, die nun zu Geschichten geworden waren, die man sich irgendwann am Feuer erzählen würde. Vielleicht würden ihre Gesichter verblassen, vielleicht würden die Einzelheiten ihrer Leben verloren gehen, doch ihre Taten würden bleiben. Zariyah senkte den Blick auf die Kerne in ihrer Hand. Für einen Moment verharrten ihre Finger reglos über der Schale, während Devans Worte in ihr absanken wie Steine in stilles Wasser. Sie hatte die Männer nicht gekannt. Nicht so, wie man einen Menschen wirklich kannte. Sie wusste nichts über ihre Kindheit, nichts über ihre Träume, nichts über die Stimmen ihrer Mütter, die womöglich ob des Verlustes brachen. Aber sie wusste, dass sie freiwillig dem Ruf nach Veränderung gefolgt waren. Sie hatten gewusst, was sie erwartete. Hatten gewusst, dass sie möglicherweise nicht zurückkehren würden. Und dennoch waren sie gegangen.

Das genügte.

Langsam schlossen sich ihre Finger um einen weiteren Kern. „Möge der Sand ihre Spuren bewahren, bis die Sterne ihre Namen vergessen.“ Die Worte waren kaum mehr als ein leiser Atemzug. Kein Gebet, schon gar keine Bitte an höhere Mächte. Lediglich die Anerkennung eines Opfers, das sie verstand. Denn mehr blieb einem Assassinen selten zurück als ein Name, eine Tat und die Hoffnung, dass beides noch eine Weile überdauerte, nachdem die eigene Spur längst vom Wind verweht worden war. Für einen flüchtigen Moment dachte sie daran, wie schmal die Grenze gewesen war. Wie wenig gefehlt hatte und ihr eigener Name nun neben denen der tapferen Männer genannt worden wäre. Ein weiterer Körper unter den Dünen, eine weitere Geschichte. Ein weiterer Preis für ein Ziel, das größer gewesen war als jeder Einzelne von ihnen.

Seltsamerweise empfand sie dabei nichts. Die Leere in ihrem Inneren war inzwischen so selbstverständlich geworden wie ihr eigener Atem. Der Verlust, durch den ihr Körper vor zwei Tagen gegangen war, lag bereits weit hinter ihr. Verblasst. Er war klein geworden, fast bedeutungslos angesichts dessen, was sie erreicht hatten. Ein einzelnes, noch ungeborenes Leben gegen das Schicksal eines ganzen Königreichs. Die Rechnung war einfach, denn dies sollte ihr Opfer an das große Ganze gewesen sein. Sie hatte nie gelernt, anders zu denken. Als Devan schließlich die weitersprach, glitten ihre Gedanken unwillkürlich zurück zu jener Nacht.

Ridvan tot. Sein Thronfolger ebenfalls. Zwei verfluchte Namen, die noch vor wenigen Tagen wie ein Joch über einem ganzen Volk gestanden hatten und nun nur noch Erinnerungen waren. Ihr Blick hob sich wieder zum Horizont, wo die Sonne langsam hinter den Dächern Dharan al-Bahrs versank und den Himmel in blutrotes Gold tauchte. Sie erinnerte sich nur bruchstückhaft an die letzten Augenblicke im königlichen Gemach. An den Geschmack von Blut, an den gleißenden Schmerz in ihrer Flanke, die letzten Atemzüge des riesigen Silbergardisten. Und irgendwo dazwischen an den König, der auf den Balkon schwankte. Danach wurde alles undeutlich.

Doch die Geschichten hatten längst begonnen. Sie hatte sie gehört, in den Gassen, auf den Märkten. Geschichten über den irren König, der dem Tod entgegengetreten war wie der Feigling, der er gewesen war. Über seinen Sturz, über den Aufprall seines Körpers auf den Steinen weit unterhalb des Balkons. Legenden entstanden schnell in Dharan al-Bahr, meistens sogar schneller als die Wahrheit, doch dieses Mal störte sie das nicht. In ihren Gedanken sah sie ihn fallen, sah seine Knochen brechen. Sah die Dynastie der Ben Sahids mit seinem Leib zusammen zerschellen. Tief in ihrem Inneren regte sich dabei etwas, das verdächtig nach Genugtuung schmeckte. Nicht die überschwängliche Freude eines errungenen Sieges und nicht einmal Triumph. Eher die kalte Gewissheit, dass eine Rechnung beglichen worden war. Eine von vielen vielleicht, aber eine, die längst überfällig gewesen war.

Erst Devans letzten Worte ließen tatsächlich eine Regung durch ihre Züge huschen. Die Königin lebte. Und Safiyya hielt sie gefangen. Unmerklich spannten sich ihre Finger um die Schale in ihrem Schoß. Zum ersten Mal seit Beginn ihres Gesprächs veränderte sich etwas in ihrem Blick. Etwas Dunkles, Altes verdrängte das warme Nichts in den braunen Iriden: Hass. Weder laut, noch wild. Keine unkontrollierte Wut eines Kindes, das niemals Kind hatte sein dürfen. Es war der präzise, sorgsam konservierte Hass einer Frau, die nie vergessen hatte, was die Herrschaft der Ben Sahids ihrem Volk genommen hatte.

Yasirah. Ein Name, verbunden mit Hunger, Leid und Blut. Und nun befand sie sich ausgerechnet in Safiyyas Händen. Bei dem Gedanken daran regte sich neben dem Hass noch etwas anderes in ihr. Etwas, das sie weit seltener zuließ. Es war Stolz. Still, tief, beinahe ehrfürchtig. Safiyya hatte sie einst gesehen, als niemand sonst hingesehen hatte. Hatte einem verängstigten Mädchen einen Weg eröffnet, wo zuvor nur Sackgassen gewesen waren. Über Jahre hinweg war sie zu einer Gestalt geworden, zu der Zariyah aufgesehen hatte, selbst wenn sie es niemals laut ausgesprochen hatte.

Wenn jemand über die gefallene Königin richten durfte, dann sie. Lange schwieg sie. Lauschte dem Wind, der über die Dächer strich, den fernen Stimmen der Stadt, die bereits begonnen hatte, sich an eine Welt ohne Ridvan ben Sahid zu gewöhnen. Erst dann wandte sie den Kopf leicht in Devans Richtung. „Welches Schicksal haben die Amra für Yasirah vorgesehen?“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch hinter der Frage lag Gewicht.
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#7
Welchen Grund sollte der Sand haben, Spuren zu wahren, hatten sie doch nichts mehr gemein mit den Menschen, die sie hinterlassen hatten? Teil der Lebenden oder Toten, waren Fußabdrücke endlich - manche tiefer als andere, doch nie für die Ewigkeit gemacht. Die Wüste wusste das am besten. Während Männeregos sich in den Sternen sahen und glaubten, die Zukunft zu formen, dass Geschichten ihre Bildnisse noch lange über die Dünen tragen würden, wusste die Wüste, wann es Zeit war, zu vergessen und zu verschlucken. Jede Geschichte hatte ihr Ende. Und jede Geschichte hatte ihren Anfang.
Devan wusste nicht, welchem Teil seiner Geschichte er näher stand.
Der Leere in Zariyahs Worten Gehör schenkend, lag sein Blick auf dem Horizont, wo mittlerweile kein Sonnenkegel mehr zu sehen war. Nur der Himmel blutete noch, prächtig und Gold wie die Krone dessen Mannes, dem die Bürde zufallen würde, sie zu tragen. Wenn man genau hinsah, konnte man durch die staubige Atmosphäre einzelne Punkte ausmachen; die kräftigsten Sterne, deren Licht die Wanderer und Nomaden in der Wüste von Sonnenuntergang bis in die frühen Morgenstunden leitete. Ihr Licht unendlich, ihre Weisheit als Navigation für die dienend, die nach einem Weg suchend. Ein Zelt aus Karten und Wegweisern, wenn man nur wusste, wie man sie deutete. Auch in jener Nacht hatten sie geschienen, wachsam, ihr Licht gedimmt durch das Feuer und den Fackelschein des Palastes.

Zariyahs Gesicht durchzog eine kleine Note von Gefühlen, ganz im Kontrast zu dem Leuchtfeuer, das vor vielen Jahren noch ihren Körper beherrscht hatte. Sie wandelt wirklich in den Schatten, kam es Devan. Durch ihn hatte sie den Sturm verloren, der sie blendete vor den wahren Lehren des Lebens. War man mit sich selbst so im Ungleichgewicht und ließ man sich derart von den Wogen eigener Gefühle bestimmen, hatte man keinen Blick für das große Ganze. Es war ein Fehlen der Menschen, dem sich Bekannte in seinem Umfeld hingaben. Safiyya und Hafiz, die sich von Rache treiben ließen. Ilyas und Rashid, die sich an ihrer Vorstellung von Gerechtigkeit festbissen. Tariq und Keeran, deren Schatten sich durch ihre Gesichter fraßen. Sie alle glaubten, im Recht zu handeln, aber hatten sie überhaupt eine Ahnung, was Recht bedeutete? Was das Blut an ihren Händen für eine Auswirkung auf das Gleichgewicht ihres Umfeldes hatte? Und sie, die Leben für ihr täglich Brot nahmen, wussten sie die Balance zu halten, die sie mit ihren eigenen Händen jeden Tag ein Stück in eine Richtung kippen ließen?
So hatte Zariyah also gelernt. Durch viele Jahre unter Devan war ihr Feuer verblasst und unterdrückt von dem Schleier, der sich Gleichgültigkeit nannte. Sie hatte ihre eigenen Opfer gebracht, um nun hier zu sitzen, die Information der lebenden Königin über sich ergehen zu lassen und nicht weiter zu reagieren, als mit dem Schatten über ihrem Gesicht. Auch ihre Stimme klang unterdrückt, als sie schließlich fragte. Ob die Amra Alzili ein Schicksal für die Königin vorgesehen hätten?

Waren es die Amra Alzili, die über ein Schicksal entschieden? Devan sah wieder geradeaus, den Horizont fixiert, seine Brust in ruhigen, friedlichen Atemzügen auf und ab sinkend. Er wusste, wie Safiyya gerne über Yasirahs Schicksal entscheiden würde. Das hatte er in ihren Augen gesehen. Wie er Hafiz kannte, würde es ihm ähnlich gehen; nach dem Verlust seiner Kollegen würde es ihm nichts ausmachen, seine Pranken um den Hals der Königin zu legen und ihr dabei zuzusehen, wie das Licht aus ihren Augen verschwand. Wenn Yasirahs Geschichte heute zu Ende erzählt werden würde, dann waren sie hingegen nur die Exekutive einer Macht, die größer war als sie alle zusammen; dann war es wohl tatsächlich Schicksal, dass sie heute in ihrem Verließ sterben würde.
Devan aber hatte das Gefühl, dass es heute nicht zu Ende war. Von so viel Blutvergießen in einer Nacht hatte sich die Welt zu erholen und aufzuatmen. Seine Antwort war also nicht eindeutig, aber in Einklang gesprochen mit seinem Umfeld, wie er sie wahrnahm.
“Das weiß ich nicht. Und ich denke auch nicht, dass die anderen es wissen.”
Hätte man bereits eine Entscheidung getroffen, so wäre Yasirah nicht in der Kanalisation gefangen. So wie die Sonne ihr Ende am Horizont kundtat, hätte Yasirahs Ende sich ebenfalls bekannt gemacht. Still und leise, wie das Verenden einer Ratte. Oder laut und dramatisch, wie das Einstürzen eines Berges.
“Welches Schicksal würdest du dir für Yasirah wünschen?”
, fragte er einfach, Zariyah den Raum gebend, den Schatten ihrer Gefühle auszubreiten und für sich zu entscheiden, in welche Richtung sie gehen wollte. Manchmal war es in Ordnung, noch das Mädchen von früher zu sein, das sich von Gefühlen hatte treiben lassen; solange der Prozess sie letztendlich wieder in ihr Zentrum zurückführen würde. Dort, wo sie wieder ganz der Niemand sein konnte, der täglich über Leben und Tod entschied.
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#8
Seine Antwort ließ sie unbefriedigt zurück. Nicht, weil sie sie für falsch hielt, sondern weil sie so sehr nach Devan klang. Sie kannte ihren alten Mentor lange genug, um zwischen seinen Worten zu lesen. Andere mochten darin Unwissenheit hören, vielleicht sogar Gleichgültigkeit, Zariyah hörte jedoch etwas ganz anderes: Geduld. Es war dieses beharrliche Warten auf den Augenblick, in dem eine Entscheidung nicht mehr erzwungen werden musste, sondern sich von selbst ergab. Er hatte sie genau so ausgebildet. Hatte ihr beigebracht, dass übereilte Handlungen selten Gleichgewicht schufen und dass selbst der Tod seinen richtigen Zeitpunkt besaß. Und dennoch regte sich ein leiser Anflug von Unzufriedenheit in ihr. Nicht mit ihm, vielmehr mit der Tatsache, dass Yasirah noch atmete.

Sie ließ den Blick wieder über die Dächer gleiten. Die letzten Reste des Sonnenlichts waren verschwunden und machten den ersten Sternen Platz. Für einen Augenblick fragte sie sich, ob irgendwo dort oben jene ruhten, die sie in den vergangenen Jahren selbst dorthin geschickt hatte. Ob Sameed bereits seinen Platz gefunden hatte. Ob Jamel schon dem Wind zwischen den ewigen Dünen lauschen durfte.

Der Gedanke war flüchtig, verwehte ebenso schnell, wie er gekommen war. Zu vieles verlangte ihre Aufmerksamkeit, als dass sie sich an einzelnen Schicksalen festhalten konnte. Das galt für die Gefallenen ebenso wie für das kleine Leben, das ihr eigener Körper vor zwei Tagen still losgelassen hatte. Es war fort, so endgültig wie jeder Mensch, dessen letzte Augenblicke sie selbst begleitet hatte. Die Wunde würde heilen, womöglich eine Narbe zurücklassen, vielleicht nicht einmal sichtbar. Und irgendwann würde selbst diese Erinnerung vom Sand verschluckt werden. So sollte es sein. So musste es sein.

Erst Devans Gegenfrage ließ etwas in ihr aufsteigen, das sie seit langer Zeit nicht mehr in dieser Intensität gespürt hatte. Es war keine Trauer, auch kein Schmerz. Es war Hass. Er kam langsam, beinahe lautlos, wie Feuer, das unter einer dicken Sandschicht verborgen gelegen hatte und nun doch einen Weg an die Oberfläche fand. Die vergangenen Tage dämpften ihn noch immer, hielten ihn davon ab, sich ungezügelt auszubreiten. Vielleicht war es die Erschöpfung, oder der Blutverlust. Vielleicht auch dieses Gefühl der Leere, die jede andere Regung zunächst verschluckte. Doch er war da. Schwelend. Schwarz. Ungewöhnlich lebendig.

Sie dachte an all die ausgemergelte Kinder in den Gassen Dharan al-Bahrs, die sich um ihre letzte Dattel mit fliegenden Fäusten zankten. An Frauen, die ihre letzten wertvollen Habseligkeiten gegen einen halben Sack Getreide eintauschten. An Männer, die ihre geschwächten Körper für einen Sold verkauften, der nicht einmal im Ansatz ihre Familien ernährte. An das Bordell, an die Straßen. An den Geruch von Hunger und Tod, den sie niemals vergessen würde.

Und über all dem hatten Ridvan und Yasirah geherrscht. Vielleicht hatte die Königin nie selbst ein Schwert geführt, hatte nie eigenhändig jemanden getötet, doch sie hatte zugesehen. Jahr um Jahr. Sie hatte den Wahnsinn ihres Ehemannes mitgetragen, hatte sich hinter Mauern aus Gold und Mauer verborgen, während draußen ein ganzes Volk langsam verhungerte. Während Kinder verkauft wurden, Menschen spurlos verschwanden. Tatenlosigkeit konnte ebenso grausam sein wie jede Klinge.

Zariyahs Finger schlossen sich unmerklich fester um die hölzerne Schale, bis das Material leise knackte. Als sie sprach, blieb ihre Stimme fast erschreckend ruhig. „Ich wünsche ihr keinen schnellen Tod.“ Sie nahm den Blick nicht vom Horizont. „Ich wünsche ihr, dass sie jedes einzelne Leid kennenlernt, das sie so viele Jahre übersehen hat.“ Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust. „Hunger. Angst. Hilflosigkeit.“ Die Worte kamen langsam und bedächtig. „Ich wünsche ihr, dass sie lange genug lebt, um zu begreifen, was sie ihrem Volk genommen hat.“

Erst jetzt drehte sie den Kopf ein kleines Stück in Devans Richtung. Nicht weit genug, um ihn anzusehen, aber weit genug, dass ihre Stimme ihn unmittelbar erreichte. „Und wenn sie dann endlich verstanden hat…“ Für einen kurzen Moment sah sie nicht mehr die Dächer Dharan al-Bahrs. Sie sah ihren Vater, seine fiebrigen Augen, roch den faulenden Gestank seines dahinsiechenden Leibes. Den Augenblick, in dem sie ihm das genommen hatte, was er anderen Zeit seines Lebens genommen hatte. Damals hatte sie geglaubt, Rache würde etwas heilen, heute wusste sie es besser. Und trotzdem: „…dann wünsche ich ihr einen langsamen Tod.“ Ein kaum wahrnehmbares Ausatmen löste die Spannung in ihren Schultern wieder. „Einen Tod, bei dem sie jede einzelne Sekunde erlebt.“ Ihre Finger lockerten sich wieder um die Schale. Der Hass verschwand nicht, aber sie drängte ihn zurück dorthin, wo er hingehörte. Tief unter den Sand, dort, wo auch sie selbst gelernt hatte zu leben. „Vielleicht“, sagte sie nach einem langen Moment der Stille leiser, „ist das der einzige Wunsch, den ich mir niemals abgewöhnen will.“
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#9
Als Devan die Frage an seine Schülerin stellte, hegte er keine Erwartungen. Er tat es auch nicht aus Hilfsbereitschaft heraus, als ginge er davon aus, er würde sie damit zurück in ihre Mitte lenken, wo sie seine Lehren hatten hin begleiten sollen. Eine einfache Frage, ohne Vergangenheit oder Zukunft damit zu ändern - sie flirrte zwischen ihnen wie ein Staubpartikel, den man greifen und zerdrücken oder einfach sein lassen konnte.
Erst griff Zariyah die Frage nicht auf, nicht verbal zumindest. Devan merkte, wie sich etwas in ihr bewegte. Auch wenn er sie nicht direkt bedachte, registrierte er, wie seine Schülerin sich zurückzog. Sie war reglos, aber sie regte sich. Von dunklem Treibsand ließ sie sich verschlucken und in Gefilde ziehen, in die der Assassine ihr nicht folgen konnte.
Vielleicht hätte er nicht fragen sollen, sein Angebot nur ein Stück von der Leere, das ihre Zukunft ausmachen würde. Denn egal, wie sie entschied, zu antworten, es würde nichts an der Zukunft ändern und den Schicksalen, die andere Mächte in den Händen hielten. Ihre Antwort würde versiegen zwischen ihnen und sich einreihen in das Schweigen zwischen Meister und Schülerin. Und doch zog er sich nicht zurück, sondern blieb. Vielleicht, weil ein kleiner Teil sich damals gewünscht hätte, mit der Frage konfrontiert zu werden. Vielleicht, weil er selbst allein vor seinem Schatten gestanden hatte, dessen Fratze ihn zwei Leben lang begleitet hatte, die scharfe Verlängerung seines Armes auf einmal unsicher, geführt zu werden. Vielleicht, weil er sich die Frage selbst nie gestellt hatte, bis es zu spät war; die Augen eines toten Jungen wild und lebendig auf Qaid, dem Mörder seiner Familie, dem Bettler in den Gassen, der leeren Hülle, in die sich ein kranker Geist eingenistet hatte. Was sich der Junge für ein Schicksal für diesen Mann gewünscht hatte? Er hatte es nie laut ausgesprochen und nur mit sich herumgetragen wie einen schweren Sack voll Sand auf seiner Schulter. Wenn ihn seine Meisterin damals gefragt hätte, was er dem Mörder seiner Familie für eine Zukunft wünschte, hätte er das Schicksal dieses Mannes überhaupt erst angerührt?

Devan und Zariyah hatten sich in ihrem Schweigen schon immer mehr angenähert als mit Worten, in der Stille zwischen ihnen ein Band, das sie knüpften, ohne über eine Grenze zu treten. Für Devan war es eine angenehme Art, zu kommunizieren, weil er sich dann nicht entscheiden musste, ob er streng sein, Entscheidungen treffen oder Verständnis zeigen musste. Denn dann war er wieder ganz in seiner Rolle als Beobachter, der seine Umgebung wahrnahm und ungefiltert auf sich wirken ließ. Emotionen, die er nicht fühlen konnte, ließen sich ertasten und nachleben, als würde er seinen Kopf in Wasser tauchen und für einen Moment nachvollziehen, was Zariyah ausmachte. Was sie bewegte. Dass ein dunkles Gefühl von ihr Besitz ergriffen hatte und in ihr schwelte, bis sich leise Worte zwischen sie drängte. Statt dem Inhalt Beachtung zu schenken, war Devan in den Wortlaut vertieft und das schwarze Gift, das sich durch die Pausen schlängelte. Er hörte zu. Hörte den rasselnden Atem einer Schlange und den spitzen Stachel des Skorpions. Er fühlte. Fühlte den heißen Sand, der durch ihre Finger rann und ihre Nerven entfachte. Er sah. Sah den Schmerz eines Volkes, der sich zu einem Pfeil formte und auf eine Person richtete. Und er fragte sich: War das Hass?
Obwohl er entspannt auf dem Teppich saß, das verletzte Bein ausgestreckt und seinen Oberkörper hinten auf due Hände gestützt, spürte er, wie sich seine Muskelfasern anspannten. Den Kopf leicht in den Nacken gelegt, schlichen schwarze Ränder in seinen Blick und verdunkelten die Sicht auf die immer deutlicheren Sterne, während ein letzter Rest Sonnenlicht hinter dem Horizont verschwand.
Er wusste nicht, wie lange er hier oben saß, das Gefühl in sich aufsaugend, auch wenn die Worte längst verklungen waren. Es war keine bewusste Entscheidung von ihm, sich loszureißen, auch wenn ein Teil von ihm wusste, dass es sich nicht um seine eigenen Gefühle handelte. Zähflüssig sickerte das Schwarz zurück in den Boden und hinterließ ein dumpfes Kribbeln in seinem Kopf. Den ersten tiefen Atemzug nahm er, als sich sein Blick so weit geklärt hatte, dass keine dunklen Bilder mehr seine Sicht verklärten, aber statt sich Zariyah zuzuwenden, starrte er nur auf seine Hand. Sie zitterte.

Zwischen ihnen fiel kein weiteres Wort mehr, kein gesprochenes zumindest. Devan blieb solange sitzen, bis das Himmelszelt über ihnen sich vollständig dunkel gefärbt hatte, dann verlagerte er sein Gewicht und stand mit der Geschmeidigkeit einer schwanzlosen Katze auf; das Gleichgewicht nur für diejenigen offensichtlich gestört, die wussten, auf welche Zeichen sie achten mussten.
Cleo, die getigerte Katze, erhob sich von ihrem Platz und folgte ihm mit einem Miauen, ihren Kopf gegen sein Bein stoßend, während er sich langsam und gemächlich zu der Dachöffnung bewegte. Wenige Momente später war es, als wäre er nie hier oben gewesen - seine Präsenz nur eine flüchtige Fata Morgana, ein Trugbild von einem Mann mit einer eigenen Existenz. Doch die, die ihn kannten, wussten es besser. Devan war genauso Mensch, wie Zariyah die schwarze Klinge ihres Volkes.
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