| Winter's Breed |
| Ivar Lorenson |
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| Alter |
28 |
| Beruf |
Söldner |
| Wohnort |
Überall |
| Stand |
Ledig |
| User |
Letha |
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27-01-2025, 08:42 - Wörter:
 Jeder Markt hatte seine ganz eigene Note, egal, wo auf der Welt man sich befand. In Norsteading hatten die Märkte oft nur in den Mittagsstunden geöffnet, die wenigen Sonnenstunden ausnutzend, weil kleine Bauern oft einen langen Weg zurücklegen mussten, um an eine kleine Ortschaft zu kommen. Auf großen Märkten kam es schonmal zu Auseinandersetzungen, die mit blutigen Fäusten endeten, wenn ein Käufer das Produkt des Metzgers in Frage stellte. Farynns Märkte waren ähnlich klein, aber sehr viel schmuddeliger und friedlicher, mit vereinzelt sommerländischen Gewürznoten und erstaunlich vielen Ständen, die Badekräuter und Holzarbeit verkauften. Wer sich in Matariyya durch die engen Gassen trieb, der wusste, dass Märkte der Hauptschauplatz der Gesellschaft waren, mit Frauengruppen, die auf dem Boden saßen, Kindern, die Murmeln spielten, zahlreichen Dieben und der obligatorischen Stadtwache, die nur noch dastand, um den Anschein von Sicherheit zu vermitteln. Es war dreckig, bunt und wunderbar voll von Leben; ähnlich wie die Märkte in Castandor mit dem Chaos und der Lautstärke von zahlreichen Wetteiferern, die der Devise folgten ’Wer lauter schreit, der hat mehr Kundschaft’. Natürlich hatte Walleydor die geordnetsten und sichersten Märkte von allen. In der Hauptstadt gab es Wochenpläne für bestimmte Produktgruppen, Wachmänner patrouillierten die Straßen, und doch herrschte auch hier das meiste Leben, gerade die richtige Menge von Unordnung, die den großen, gepflasterten Marktplatz von Spring’s Court zum Leuchten brachte. Ivar mochte den Menschen der Länder nicht viel Positives abgewinnen, aber Märkte waren doch zu einem Ort geworden, dessen Schönheit er durch sein Reisen zu schätzen gelernt hatte.
Lange wollte er nicht in Spring’s Court verweilen. Die Stadt an sich war nicht einmal das Problem, fand er die vielen Blumenkästen doch nur ein wenig dick aufgetragen. Obwohl er für seine Verhältnisse bereits sehr lange in Walleydor ausgeharrt hatte und ihm diese aufgesetzte Freundlichkeit der Menschen langsam zuwider wurde, hatte er nichts dagegen gehabt, umgeben von grünen Hügeln aufzuwachen, seiner Arbeit nachzugehen und am frühen Abend positiv ausgelaugt wieder ins Bett zu gehen. Das Schlagen von Eisen auf Eisen, der Schweiß zwischen den arbeitenden Schulterblättern, angeheizt durch den Schmiedeofen, waren zu einer Routine geworden und er verstand durchaus, warum sich Menschen an einem Ort niederließen und diese Routine freiwillig jeden Tag durchlebten. Aber die Routine war es auch, die ihm schlussendlich Zeit zum Nachdenken gegeben hatte - viel Zeit, die er sich auch in den Arsch hätte stecken können, denn was kam dabei herum? Nur dumme Zweifel. Vielleicht hatte er die Gesellschaft von Zara und Khaled zu sehr genossen, sie als selbstverständlich angenommen. Er hatte sich an den Zickereien von Zara und den liebestollen Blick von Khaled gewöhnt, hatte sich zwischen sie gedrängt und ihnen aufgezwungen, nur um - ja, was? Am Ende doch wieder alleine dazustehen und sich eingestehen zu müssen, dass aus ihnen doch irgendwie eine Gemeinschaft geworden war, die er nun vermisste.
Verdammt, er vermisste auch seine andere Gemeinschaft. Eneas und Tyra waren irgendwo da draußen und erlebten Dinge, während er als Schmiedegehilfe in einem kleinen Ort versauerte und sich Gedanken darüber machte, was er mit seinem Leben eigentlich anstellte. Um ihn herum lebten Ehepaare mit Kindern zusammen, es gab ein junges Mädchen, das sich heimlich mit einem Jungen aus dem Nachbarsdorf traf, und er? Weit und breit keine Huren. Nichts, das ihn von der Einsamkeit ablenkte, und das Schlimmste: Er hatte nichtmal Interesse an den ledigen Weibern. Wenn sie ihn fragten, ob er aus dem Krieg käme wegen der zahlreichen Narben an seinen Armen, dann schnaufte er nur und ließ das zischende Eisen im Wasser das Gespräch beenden. Die Aufmerksamkeit und Neugierde der Menschen war ihm nicht mehr egal, sie störte ihn. Dieses Dorf machte aus ihm doch tatsächlich einen Menschen, einen normalen Menschen mit einer Vergangenheit, die er sonst immer gern in Alkohol ertränkte.
Zugegeben hatte Ivar nie vorgehabt, lange zu bleiben. Er hatte zwar auch keinen alternativen Plan gehabt - außer, dass er Castandor und Matariyya vorerst meiden würde - weshalb ihm das Gerücht aus Farynn ziemlich gelegen kam. Erst war es nur ein Gerücht aus dem Mund eines fahrenden Händlers, das in dem kleinen Dorf aber natürlich wie Lauffeuer die Runde machte. Bestätigt wurde das Gerücht von einem zweiten Händler, und seitdem wusste Ivar, wohin seine nächste Reise gehen würde. In Bell Port wartete sowieso noch ein Gaul, der seine Fratze zu lange nicht mehr gesehen hatte.
 Das leichte Gepäck eines Wanderers geschultert, mit neuen Stiefeln, einem Überwurf aus dünnem Pelz und lederverstärkten Unterarmschienen, gab er gerade das Bündel Waffen ab, welches er als letzten Auftrag aus dem Dorf mitgenommen hatte. Dunkelblonde, schulterlange Strähnen waren zu einem halben Zopf nach hinten gebunden, seinen Bart trug er derzeit auf etwa fünf Tage. Auf seinem unteren Rücken ruhte das beruhigende Gewicht von zwei selbst geschmiedeten Zwillingsschwertern, verdeckt durch den Umhang, während zwei Dolche offensichtlicher seinen Gürtel schmückten und den Anwesenden suggerierte, dass er Erfahrung mit dessen Umgang hatte. Man merkte ihm nicht unbedingt an, dass er wachsam war ob möglicher Diebe, aber seine rechte Hand hing immer irgendwo zwischen Dolchgriff und Geldbeutel. “Wie viel für das Brot?”, fragte er eine Händlersfrau, als ein kleines Kind mit dunklen Locken an ihm vorbei watschelte, mit einer Blume im Haar. “Mama, können wir das Tante Tyra geben?”, deutete sie auf ein viereckiges Gebäck, das vermutlich mit Honig gefüllt war. Kurz betrachtete Ivar das Mädchen von der Seite, länger als er sollte, weil das Echo des Namens Erkenntnis weckte. Er machte sich aber nicht die Mühe, auch die Mutter ausfindig zu machen. “Fünf Kupfer.” Ohne Umschweife griff er nach seinem Geldbeutel und ließ das verlangte Geld in seine Hand fallen, um sie gegen das Brot zu tauschen.
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| Winterland |
| Sanna Lorenson |
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| Alter |
22 |
| Beruf |
Jägerin |
| Wohnort |
Rabenrast |
| Stand |
Ledig |
| User |
Natsch |
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28-01-2025, 11:56 - Wörter:
Die Tage im Frühlingsland fühlten sich an wie aus einer anderen Welt. Die Farben waren satter, die Luft wärmer, und die Menschen begegneten ihr mit einer Freundlichkeit, die sie fast misstrauisch machte. Es war, als wollte man ihr ständig etwas beweisen. Sanna war sich nicht sicher, ob sie sich in Springs Court jemals wirklich heimisch fühlen würde.
Ihre Gedanken trugen sie immer wieder zurück zu ihrer Heimat: die raue Frische der Wälder, das vertraute Knistern der Blätter unter ihren Stiefeln, der Bogen in ihrer Hand und die Jagd, die nicht nur Überleben, sondern ein Teil ihrer selbst war. Hier jedoch schien man sie anders zu sehen. Nicht als Kämpferin, nicht als Jägerin. Sondern als zarte Lotusblüte – ein Bild, das sie mehr amüsierte als alles andere, doch zugleich auch eine leise Frustration in ihr weckte.
Sanna seufzte leise. Das Frühlingsland hatte seine Reize, das konnte sie nicht leugnen. Aber manchmal fragte sie sich, ob sie bei ihrer Entscheidung, hier zu bleiben, nicht einen Teil von sich selbst zurückgelassen hatte – und ob sie diesen Teil jemals wiederfinden würde.
Sannas Blick glitt zu Valda, die mit strahlenden Augen und einem Lachen, das die Luft erfüllte, einer Blumenhändlerin gegenüberstand. Geschickte Hände flochten gerade eine leuchtende Blüte in das Haar des Mädchens, als sei sie selbst Teil des Frühlings geworden. Es war ein Moment voller Unbeschwertheit und Schönheit – und dennoch spürte Sanna, wie ihr Herz schwerer wurde.
Hier, in diesen sonnendurchfluteten Straßen, fühlte sich der Spagat zwischen dem Muttersein und dem Verlust ihrer eigenen Identität überwältigender an als jemals zuvor. Im Winterland hatte sie nie gezweifelt. Die klare, raue Luft hatte sie stark gemacht, und die Anforderungen des Lebens hatten ihr stets Sinn gegeben. Doch hier… hier wuchs die Last mit jedem Schritt, den sie in dieser fremden Welt tat.
Während Valda aufblühte und strahlte wie die Blumen, die überall die Stadt schmückten, fühlte Sanna sich, als würde sie allmählich verkümmern. Ein Baum, entwurzelt und an einen zu hellen, zu fremden Ort verpflanzt. Die Wärme, die Valda so sehr zu genießen schien, brannte Sanna nur aus.
Sie atmete tief durch und sah dabei zu, wie ihre Tochter die Stände bewunderte, ohne von der leisen Zerrissenheit in Sannas Innerem zu wissen. Ein bittersüßer Anblick – das Wissen, dass sie hier Valda zuliebe bleiben musste, und zugleich die wachsende Angst, dabei sich selbst zu verlieren.
“Mama, können wir das Tante Tyra geben?”
Sanna neigte den Kopf leicht zur Seite, ein leises Schmunzeln auf den Lippen, als sie sich erneut fragte, woher Valda diesmal das Gebäckstück hatte. Es war, als hätte das Mädchen eine Gabe, Essen aus dem Nichts aufzutreiben. "Wenn Sie uns das nächste Mal besucht, ist es vermutlich verdorben", bemerkte sie mit einem Hauch von Bedauern und schüttelte dabei den Kopf.
Aus dem Augenwinkel bemerkte sie einen Mann. Sein Erscheinungsbild ließ keinen Zweifel daran, dass er ein Winterländer war. Die kräftigen Schultern, die vernarbte Haut, die ruhige Entschlossenheit in seiner Haltung – all das trug die vertraute Härte ihrer Heimat in sich. Vielleicht war seine Haut nur etwas zu wettergegerbt. Vermutliche in Söldner.
Es überraschte Sanna, wie sehr allein dieser Anblick sie erdete. Für einen Moment schien die Schwere, die das Frühlingsland auf ihr Herz legte, nachzulassen. Es war wie eine Erinnerung an klare Winde, dunkle Wälder und den Winterhimmel, der so unendlich weit schien.
Doch noch etwas anderes ließ ihren Blick an ihm haften, hielt sie fest wie unsichtbare Fäden. Es war mehr als nur das Gefühl von Vertrautheit – es war ein Erkennen. Ein Stich der Erinnerung, der sie durchfuhr, als sie sein Gesicht genauer betrachtete. Ihre Augen schmälerten sich, suchten die letzten Zweifel aus seinem Antlitz zu tilgen. "Ivar?" Ihre Stimme brach die Umgebungsgeräusche, wie ein Stein, der ins ruhige Wasser geworfen wurde. Es war keine bloße Überraschung, die in den zwei Silben mitschwang. Nein, da war mehr. Eine Schärfe, ein leises Zittern, das Wut und Enttäuschung verriet – alt und tief.
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| Winter's Breed |
| Ivar Lorenson |
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| Alter |
28 |
| Beruf |
Söldner |
| Wohnort |
Überall |
| Stand |
Ledig |
| User |
Letha |
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02-02-2025, 04:35 - Wörter:
Es gab erstaunlich viele Varianten, einen Namen auszusprechen, und Ivar hatte sie alle bereits gehört. Da war die Respektlosigkeit und Selbstverständlichkeit der Oberschicht, in deren Welt Namen Macht hatten, weswegen sie die Namen der Unterschicht nebensächlich in den Dreck warfen und mehrmals drauf traten. Dann gab es die Sorte, die enttäuscht von ihm waren, sich aus irgendwelchen Gründen von ihm verraten fühlten, wütend auf ihn waren. Menschen, die seinen Namen wie eine bittere Knolle ausspuckten und hofften, ihre Zunge mit anschließenden Flüchen zu reinigen. Am liebsten hatte Ivar die, die seinen Namen stöhnten - oder die liebliche Stimme von Zara, die seinem Namen immer eine ganz besondere Schärfe verliehen hatte. Er hätte auch nichts dagegen, ihn lachend aus Eneas oder Tyras Mund zu hören.
Dass er nun aber auf dem Markt in Spring’s Court von einer Fremden erkannt wurde, machte ihn misstrauisch. Es war nicht das erste Mal, dass man ihn ansprach, sicher auch nicht das erste Mal, dass man ihn als gesuchten Winterländer identifizierte, auch wenn die unangenehmen Situationen mit den Jahren abgenommen hatten. Mittlerweile hatte er sich abgewöhnt, auf seinen Namen großartig zu reagieren und sich damit zu verraten, weshalb er der Frau neben sich nur einen abschätzigen Blick über die Schulter zuwarf. Das Kind neben ihr guckte ihn nun auch mit großen Augen an. Na großartig. Eine Winterländerin, die ihn offensichtlich mit seiner Vergangenheit in Verbindung brachte und mit ihrem Balg unterwegs war. Das machte es schwieriger, sich ihr in der Gasse zu entledigen, wenn sie ihm folgte. Genau das hatte er ja grad noch gebraucht, oder? Eine Frau, die sich vermutlich bereits ein Vermögen ausrechnete, was sie mit seinem Kopfgeld alles anstellen könnte.
Laut stieß Ivar Luft durch seine Nase und ließ den Blick beiläufig über den Markt schweifen auf der Suche nach anderen winterländischen Gesichtern, die zu ihr gehören könnten. “Willst du das echt hier mitten auf dem Markt machen, neben dem Mädchen?” Wieder ruhte sein Blick auf der Frau mit dem blonden Haar, das so typisch für seine Heimatsregion war. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er fast sagen, sie wirkte verletzt; enttäuscht? Da konnte sie sich aber hinten anstellen. “Ich schlage vor, wir tun so, als hättest du mich nie angesprochen”, antwortete er nonchalant, der Stimmung des Marktes angepasst, um kein Aufsehen zu erregen. In Spring’s Court gab es viele Wachen, die ihm lästig werden konnten, wenn die Falschen sie informierten, und die Bäckerin schaute sie bereits so an, als wäre sie sich nicht sicher, wie sie die Situation deuten sollte. Ivar machte sich daran, das Brot in seinem Beutel zu verstauen und wandte sich von dem Stand ab, dass die Bäckerin ihn nicht mehr verstehen konnte. Denn er war noch nicht fertig mit der Fremden. Beim Gehen rempelte er absichtlich ihre Schulter an und schenkte ihr eine letzte Warnung, die sie hoffentlich zögern ließ und ihm die Möglichkeit gab, unterzutauchen. “Will ein Kind ungern mutterlos machen.”
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| Winterland |
| Sanna Lorenson |
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| Alter |
22 |
| Beruf |
Jägerin |
| Wohnort |
Rabenrast |
| Stand |
Ledig |
| User |
Natsch |
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25-04-2025, 14:32 - Wörter:
Der Blick ihres Bruders ließ das winterländische Blut in Sannas Adern aufkochen. Seine dämlichen Worte waren das Letzte, was sie jetzt brauchte – und machten es ihr nicht gerade leichter, ruhig zu bleiben. Sie stemmte die Fäuste in die Hüften, der Ausdruck in ihren Augen wurde scharf, beinahe schneidend. In solchen Momenten, das wusste sie, sah sie ihrer Mutter erschreckend ähnlich. Keine Ähnlichkeit, auf die sie stolz war. Und ganz sicher keine, die sie je angestrebt hatte.
"Und ich schlage vor, du schmeißt mal deine drei verbliebenen Gehirnzellen an und überlegst dir gut, wie du mit mir sprichst." Vielleicht war da irgendwo auch Verletzung in ihrer Stimme – aber weit darüber lag etwas anderes: Wut. Nicht auf seine Worte ihr gegenüber, sondern auf die Selbstverständlichkeit, mit der er eine Drohung aussprach. Gegen ihre Mutter. Eine Mutter, die ein kleines Kind neben sich stehen hatte. Und das war etwas, das Sanna nicht einfach so stehen ließ.
Valda beobachtete die Situation mit gespannter Miene. Ihre Finger fanden wie instinktiv Sannas Hand – ein stiller Reflex, der vermutlich das Einzige war, was Ivar davor bewahrte, sich für seine dreisten Worte sofort eine zu fangen.
Sanna zuckte spürbar, doch der Druck von Valdas Hand hielt sie zurück – gerade so.
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| Winter's Breed |
| Ivar Lorenson |
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| Alter |
28 |
| Beruf |
Söldner |
| Wohnort |
Überall |
| Stand |
Ledig |
| User |
Letha |
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11-05-2025, 15:55 - Wörter:
Wollte Ivar sich mit einer wütenden Mutter beschäftigen? Nein. Wollte er als Kopfgeld enden? Nein. Wollte er ein Kind zum Weinen bringen? Bei Heofaders Eiern, bewahre dieses nervige Geschrei. Wenn es nach ihm ging, dann könnten sie eben genau jetzt einen Strich ziehen, so von wegen Du gehst deinen Weg, ich meinen, und er hätte keine Entscheidungen treffen müssen, die er auf die ein oder andere Art sicher bereuen würde. Ivar wollte diese Winterländerin nicht weiter ansehen, weil sie etwas in ihm wach rüttelte, was lange geschlafen hatte; dieses eklige Gefühl von Abhängigkeit. Hilflosigkeit. Beißende Kälte und eine strenge, unnachgiebige Stimme, von der Kälte der Wälder spitz geschliffen, dass es das Herz eines kleinen Jungen brach. Immer und immer wieder.
Er hasste das Winterland und seine Bewohner.
Er hasste es, mit ihnen konfrontiert zu werden.
Er hasste es, an eine Vergangenheit erinnert zu werden, die er längst begraben hatte.
Und doch brauchte es nur die Stimme und diesen einen, schneidenden Ton, von dem sich seine Nackenhaare aufstellten.
Ivar blieb stehen, der Frau den Rücken zugewandt, die sich so verdächtig nach Marta Lorenson anhörte. Wie schwach und lächerlich, dass er Angst hatte, sich umzudrehen und mit dem Schatten seiner Vergangenheit zu konfrontieren - er, der Gefahren und dem Tod selbst ins Gesicht lachte. Für einen langen Moment war er unentschlossen, was er tun sollte. Seine Hände ballte sich zur Faust, entballte sich wieder, seine Schultern waren angespannt. Er war sich dem Treiben um ihn herum kaum noch bewusst und die Sonne hinterließ keine Wärme auf seiner Haut. Was er spürte, waren die Gefühle eines Jungen, der gerade alt genug war, um das Blut seiner Familie an den Händen kleben zu haben, vor dem Gericht zu fliehen und die Seele zurückzulassen, die er zu beschützen geschworen hatte.
Als wäre er an Ort und Stelle gefroren, drehte Ivars Körper sich schwerfällig um die eigene Achse, halb der Gestalt und dem Kind zugewandt, halb bereit, auszureißen. Was sollte er fühlen, wenn er sich nun genau der kleinen Seele gegenüber sah, seiner kleinen Schwester, die ihn wiedererkannte und ihn für all die Wut verantwortlich machte, die über ihr Gesicht zuckte? Er hatte seine Vergangenheit in Eis und Schnee gelassen und alles dafür getan, nicht mehr der Junge zu sein, der von Schatten zerfressen nur Rot gesehen hatte.
“Sanna”, sprach er schließlich, die Stimme bebend unter der Anspannung, unter Wut, Trauer, dem ekligen Beigeschmack von Schwäche. Denn vor ihr war er nur der große Bruder, der das Unsagbare getan und sich von ihr abgewandt hatte.
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| Winterland |
| Sanna Lorenson |
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| Alter |
22 |
| Beruf |
Jägerin |
| Wohnort |
Rabenrast |
| Stand |
Ledig |
| User |
Natsch |
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12-05-2025, 10:49 - Wörter:
Es war ein seltener, fast bitterer Moment der Genugtuung, der Sanna durchfuhr, als sie die Erkenntnis in Ivars Gesicht aufblitzen sah – dieses stumme, unübersehbare Erkennen, das ihn für einen Herzschlag lang entwaffnete.
Ja, sie war wütend.
Ja, sie war enttäuscht – zutiefst.
Aber zwischen diesen beiden Gefühlen, die wie rostige Klingen in ihr arbeiteten, lag noch etwas anderes. Etwas, das sie nicht erwartet hatte. Erleichterung. Freude.
Ihr Bruder lebte.
Er stand vor ihr – nicht als Kind von einst, sondern als Mann, gezeichnet vom Leben, aber aufrecht. Nicht gebrochen. Und obwohl sie sich zwang, nicht zu lange auf die Narben zu starren, die sie an Hals und Armen erspähen konnte, sprach ihr Blick Bände. Narben, die Geschichten trugen, von denen sie keine einzige gehört hatte.
Er hatte sich verändert. Hatte sich gemacht – körperlich, zumindest. Aber der Schatten in seinen Augen, die Härte in seiner Haltung… all das verriet ihr mehr, als er je in Worte fassen würde. Und in ihrem Inneren regte sich leise, schmerzlich klar, die Gewissheit: Er war einer von ihnen geworden. Ein Söldner. Ein Kind des Schmerzes, das gelernt hatte, zurückzuschlagen.
"Das hat aber lang gedauert …" Ihre Stimme war leiser als beabsichtigt, ein rauer Hauch, der den Versuch, stark zu klingen, kaum verbergen konnte. Der Satz sollte spitz sein, eine Klinge – doch er schnitt mehr in sie selbst als in ihn. Denn in dem Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, war sie nicht mehr die Frau, die gelernt hatte, allein zu bestehen.
Sie war wieder das Mädchen, das am Rand des Weges stand, die Fäuste geballt, Tränen im Gesicht, während Ivar davonging – und nie wieder zurückkam.
Der Moment war wie ein Riss in der Zeit. Ein Herzschlag, in dem all die Jahre schrumpften und das Alte, Ungesagte, Unverheilte wieder aufstieg wie Rauch aus kalter Asche. Was blieb, war die Leere, die er hinterlassen hatte.
Die Wut, die sie lange fest umklammert hielt, als sei sie ein Schild. Und die Angst – die stille, nagende Angst – dass er längst tot war, dass sie nie erfahren würde, warum.
Nun stand er vor ihr.
Und obwohl ihr Herz schrie, ihn zu umarmen, zu schlagen, ihn zu fragen, ob es ihm je leidgetan hatte – blieb sie stehen. Weil man nicht einfach zurückkehrt in eine Lücke, die man selbst gerissen hat.
Sannas Hand griff fast instinktiv nach Valdas kleiner Hand, zog das Mädchen behutsam näher an sich, als wolle sie sie zugleich schützen und verankern. Valda gehorchte ohne Zögern, doch ihre Augen wanderten neugierig zu dem Fremden, der so seltsam vertraut wirkte.
Der Mann mit dem Schatten in den Augen. Der nicht sprach. Der Sanna ansah, als hätte er etwas verloren – und gerade erst wiedergefunden.
"Wer ist das, Mama?", fragte Valda. Ihre Stimme, hell wie ein Windspiel im Frühling, durchschnitt die gespannte Luft mit kindlicher Unbefangenheit. Sanna blinzelte, und für einen Moment flackerte etwas in ihrem Blick – Schmerz, Erinnerung, etwas, das sie nicht benennen wollte. Dann sprach sie leise, aber mit fester Stimme:
"Das ist dein Onkel. Ivar." Das Wort schwebte für einen Augenblick zwischen ihnen, als müsste es sich erst seinen Platz in der Welt zurückerobern. Valda sah zu ihm hoch, den Kopf leicht schräg gelegt – voller Fragen, die sie noch nicht stellen konnte.
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| Winter's Breed |
| Ivar Lorenson |
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| Alter |
28 |
| Beruf |
Söldner |
| Wohnort |
Überall |
| Stand |
Ledig |
| User |
Letha |
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31-05-2025, 09:23 - Wörter:
Hatte Ivar seiner Schwester überhaupt etwas zu sagen? Er wusste, dass er sie enttäuscht hatte; das sah er in ihrem Blick, in dem unvergossene Tränen brannten. Sanna versuchte so vehement, stark zu sein, aber für ihren älteren Bruder wirkte sie genauso trotzig und verletzt wie vor einem Jahrzehnt, als er sie mit Martha allein gelassen hatte und nie wieder zurückgekehrt war. Beinahe war es, als wäre die Zeit stehen geblieben und sie hätten sich überhaupt nicht verändert. Er nur mit den Narben, die er von seinem Vater hatte. Mit kurzen, blonden Haaren und wütenden Augen. Er, der das Leben ernst nahm und nie ein stärkeres Gefühl verspürt hatte wie die Rachegelüste gegenüber dem Mann, der kein Recht hatte, seiner Familie solche Schmerzen zuzufügen.
Dann Sanna, die kaum aus ihren Kinderschuhen herausgewachsen war und nur aus der Sicht eines Kindes verstand, warum er ihr Bruder sie zurück. Die nicht wusste, dass Martha die Tür vor ihrem Sohn zugeschlagen hatte und sich vermutlich verraten fühlte. Sie, die Ivars Handgelenk umklammert und ihn angebettelt hatte, mitgenommen zu werden. Es war die gleiche Hand, die nun die des Kindes umklammert hielt und damit der größte Beweis, was für eine Zeit tatsächlich zwischen den Geschwistern vergangen war.
Ivar starrte auf das kleine Bündel, dessen Kopf zu groß für seinen Körper war. Auf den ersten Blick konnte er nicht ganz ausmachen, ob es nun Junge oder Mädchen war, was die Hand seiner Schwester drückte und mit großen, aber nicht ängstlichen Augen zu ihm hochsah. Mit leicht gerunzelten Augenbrauen erwiderte er den Blick und schnaufte schließlich. “Wen hast du gefickt, dass es braune Haare hat.” Beachtlich, wenn die letzten drei Generationen der Lorenson allesamt blond gewesen waren. War es die einzige Frage, die er an Sanna hatte? Nein, aber dann wiederum war sie diejenige gewesen, die ihn damit überrumpelt hatte, dass er scheinbar Onkel war. In bester Ivar-Manier ging er natürlich nicht ernst mit dem Wiedersehen um, denn alles, was ihn in seiner Mir-ist-alles-egal-Einstellung blockierte, wurde in erster Linie erstmal ignoriert oder ins Lächerliche gezogen. Nachdem er sein Zuhause und seine Heimat hinter sich gelassen hatte, hatte er daran festgehalten, dass es nichts gab, wohin er zurückkehren konnte, und nichts, was über ihn trauern würde, wenn er sich zu tief in die Scheiße ritt. Eine Schwester änderte daran nichts, denn sicher würde sie bald feststellen, dass ihr Leben ohne ihn besser verlaufen war als mit ihm - und dass sie besser daran tat, ihn wieder hinter sich zu lassen, bevor er sie mit in die Scheiße ritt.
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| Winterland |
| Sanna Lorenson |
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| Alter |
22 |
| Beruf |
Jägerin |
| Wohnort |
Rabenrast |
| Stand |
Ledig |
| User |
Natsch |
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31-05-2025, 16:26 - Wörter:
“Wen hast du gefickt, dass es braune Haare hat.”
Sannas Augen weiteten sich. Für einen flüchtigen Moment wünschte sie, sie wäre einfach weitergegangen. Dass sie ihn nicht erkannt, ihn gar nicht erst gesehen hätte. Aber es war zu spät. Ein Reflex, roh und ungebremst löste sich in ihrem Körper. Zorn flackerte in ihrem Blick auf – scharf, lautlos, plötzlich. Ihre Hand schnellte vor, und im nächsten Augenblick klatschte eine Ohrfeige gegen die Wange ihres Bruders. Ein dumpfer Schmerz breitete sich auf Sannas Handfläche aus, brannte bis in den Arm hinauf. Mit der anderen Hand umfasste sie instinktiv die kleine, warme Faust ihrer Tochter – ein wenig fester als nötig. Vielleicht hätten Ivars Worte sie nicht so tief getroffen, wenn die Umstände andere gewesen wären. Wenn Leif nicht der Vater ihres Kindes wäre – sondern ein Mann, den sie vorher geheiratet hätte.
"Niemanden." Natürlich war das eine Lüge. Und unlogisch. Natürlich hatte sie Leif gefickt. Und er sie. Aber es war leichter, ihn als Niemanden zu bezeichnen, als seinen Namen auszusprechen. Zumal es ohnehin unklug wäre, laut zu sagen, wer Valdas Vater war. Es war ihr Geheimnis. Ein gut gehütetes, stilles Stück Wahrheit. Etwas, das ihr gehörte. Nur ihr. Etwas von Leif – das sie nicht teilen musste. Mit niemandem.
Valda spürte die angespannte Stimmung zwischen den Erwachsenen und trat kurzerhand Ivar gegen das Schienbein. Während Sanna mühsam die Tränen des Zorns zurückhielt, die sich ihren Weg bahnen wollten, konnte sie nicht anders, als plötzlich zu lachen. Zuerst leise, zaghaft – und dann immer klarer. "Weißt du...", begann sie, während sie sich mit dem Ärmel – alles andere als ladylike – die tränenfeuchten Wangen abwischte. "... unter allen Fragen, die ich mir vorstellen konnte, die du mir stellen würdest, wenn wir uns jemals wiedersehen..." Ein weiteres Lachen brach aus ihr heraus – kurz, gepresst, beinahe atemlos. "... kommt ausgerechnet diese." Sie schüttelte den Kopf, halb ungläubig, halb belustigt. "Das ist wirklich ein neuer Tiefpunkt. Noch einer, in dieser ganzen absurden Kette der letzten Monate." Ihre Worte hätten vorwurfsvoll klingen können – hätten es vermutlich auch, wenn sie dabei nicht gelacht hätte.
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| Winter's Breed |
| Ivar Lorenson |
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| Alter |
28 |
| Beruf |
Söldner |
| Wohnort |
Überall |
| Stand |
Ledig |
| User |
Letha |
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07-06-2025, 07:19 - Wörter:
Sicher hatte Ivar es irgendwie kommen sehen. Wenn man sich wie der größte Arsch auf dem Kontinent benahm, dann kam es nunmal zwangsläufig dazu, dass eine Hand in seinem Gesicht landete - von einer Hure zum Beispiel, nachdem er sie auswechselbar genannt hatte. Von einer Bäuerin, die den Klaps auf den Hintern ihrer Tochter nicht geduldet hatte. Oder von dem jungen Kartenspieler, der sich nicht getraut hatte, seine Faust zu benutzen, ganz unterschiedlich, wirklich. Eine Sache hatten diese Hände aber gemeinsam: Sie klatschten mehr, als dass sie wirklich weh taten.
Als Sannas Hand also im Gesicht des Söldners landete, dachte er nicht an die Wucht, die seinen Kiefer zur Seite fegte. Es überraschte ihn nicht einmal. Wenn sie ihn in Heofaders Arschritze stecken wollte, dann musste sie sich hinten anstellen. Mit seiner Art brachte er nunmal nicht nur seine Schwester zur Weißglut, man konnte sogar fast meinen, dass er es drauf anlegte.
Eine gelöste Strähne im Gesicht, tastete Ivar nach der brennenden Stelle und stellte mit bitterer Freude fest, dass seine Schwester ziemlich zielsicher war für ihr Alter. Aus Erfahrung musste er sich um die jungen Frauen eigentlich keine Sorgen machen, sondern um die Mütter, um die, die hart anpackten und ihren Kindern schon auch mal eine Ohrfeige verpassten. Das Brennen in seinem Gesicht erinnerte ihn an die Hand, die Martha schon gegen ihn erhoben hatte, da hatte er sich noch nicht wehren können. Wie es Sanna nach seinem Aufbruch ergangen war?
Aber natürlich fragte er sie das nicht. Wenn überhaupt, dann fand er eigentlich, dass mit der Ohrfeige alles gesagt war - mehr, als ihre Worte je hätten sagen können. Er war halt ein respektloser Arsch und sie bestrafte ihn dafür; mehr noch mit den Tränen, die ihre Stimme belegten und sie schniefen ließen, was Ivar schließlich dazu veranlasste, sie wieder anzusehen. Schonmal Frauen heulen lassen? Wenn es eine Sache gab, die Ivar eigentlich vermeiden wollte, dann genau sowas Dummes, denn Fäuste, ja, Wut, ja, aber was sollte er mit Tränen anfangen. Die Interessierten des Bäckerstandes schienen auch langsam genug davon zu haben, den Streit von zwei Fremden zu ignorieren (dabei war das Frühlingsland besonders gut darin, ihre hohe Nase nicht in Belange zu stecken, die sie nichts angingen), und warfen ihnen verstohlene Blicke zu. Ivar wollte das alles doch gar nicht. Er wollte einen Laib Brot für seine Reisen kaufen und sich dann aus dem Staub machen. Was war so schwer daran, vor seiner Vergangenheit davon zu laufen?
“Ach, und meine letzten Monate waren nicht der letzte Dreck oder was? Glaubst du ich kann jetzt noch… ne heulende Schwester gebrauchen, glaubst du ich hab danach gefragt?” Im selben Moment stieß irgendwas gegen sein Bein, und bevor er davon ausging, dass irgendein Schoßhund keine Orientierung hatte und mit dem Kopf gegen ihn gelaufen war, sah er das Kind sein Bein zurückziehen. Unglauben mischte sich mit einer Wut, die eigentlich gar nicht gegen irgendjemanden gerichtet war, und er konnte sich ein “Ah, mann, du Fickwa-!” nicht verkneifen, als er sein Bein wegzog und Sanna zu allem Überfluss auch noch begann zu lachen. Unter dicken, fetten Tränen war das erstickte, helle Glucksen das Schönste, was Ivar heute gehört hatte, und damit wusste er nun wirklich gar nichts mehr anzufangen. “Es tut mir leid, okay?!” , war auch wirklich nicht das, was er eigentlich sagen wollte, denn es hing zu nah an der Wahrheit, die sich nicht aussprechen ließ. Dass er sie nicht hatte zurücklassen wollen. Dass ihr tränenüberströmtes Gesicht damals im Schnee die Manifestation seines Scheiterns als großer Bruder war - als Mensch, und er danach kein mensch mehr sein wollte. Was war aus dem Plan geworden, Sanna von sich zu stoßen und einfach seiner Wege zu gehen, so wie er es immer tat - allein, einsam in den Rachen der Welt springend, bis sie es Leid hatte, ihn auszuspucken.
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| Winterland |
| Sanna Lorenson |
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| Alter |
22 |
| Beruf |
Jägerin |
| Wohnort |
Rabenrast |
| Stand |
Ledig |
| User |
Natsch |
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09-06-2025, 08:37 - Wörter:
Sanna betrachtete das Gesicht ihres Bruders, sah, wie sich die Röte ihrer Hand auf seiner Wange abzeichnete. Es war ein seltsames Bild – vertraut und gleichzeitig fremd. Seine Finger berührten die Stelle. Sie hatte sich dieses Wiedersehen anders vorgestellt. Wärmer. Näher. Sie hatte geglaubt, dass das Band zwischen ihnen stark genug gewesen wäre, um die Jahre zu überbrücken. Dass sie sich noch immer blind verstehen würden. Aber jetzt, wo sie ihm gegenüberstand, wurde ihr schmerzhaft klar, wie viel Zeit vergangen war. Wie viele Worte ungesagt geblieben waren. Wie sehr sie sich verändert hatten – jeder auf seine Weise, in Welten, die sich nicht mehr berührten.
Vielleicht war es naiv gewesen, zu glauben, dass das Blut allein reichte. Dass eine gemeinsame Kindheit, Erinnerungen ewig gültig machte. Sie fühlte eine schmerzende Leere in ihrer Brust, wo sie sich Trost erhofft hatte. Dieses Wiedersehen war kein Ankommen. Kein Heimkommen. Es war ein Aufeinandertreffen zweier Fremder mit derselben Geschichte – aber mit verschiedenen Versionen davon. Und während sie ihn ansah, wurde ihr klar, dass manches nicht mehr zu heilen war. Nicht jede Distanz ließ sich überbrücken. Manchmal blieb nur die Erkenntnis, dass das, was einmal war, nicht zurückkehren würde. Und das war okay. Und vielleicht war das nicht nur in dieser Beziehung so.
“Ach, und meine letzten Monate waren nicht der letzte Dreck oder was? Glaubst du ich kann jetzt noch… ne heulende Schwester gebrauchen, glaubst du ich hab danach gefragt?”
Sanna spürte, wie in ihr etwas hochkochte, das sie eigentlich hatte unterdrücken wollen. Sie hatte nicht vorgehabt, einen Wettstreit darüber zu beginnen, wessen Leben zuletzt beschissener gewesen war – und doch standen sie nun genau da. "Leb damit", knurrte sie, "ich hab auch nicht danach gefragt, meinem herzallerliebsten Bruder über die Füße zu laufen, der mich als Erstes fragt, wen ich gef–..." Ihre Kiefer knallten aufeinander. Nicht, weil sie es nicht hätte aussprechen können – sie hätte es laut schreien können –, sondern weil sie bei Heofader wirklich nicht in die Situation kommen wollte, ihrer zweijährigen Tochter zu erklären, was es mit Ficken auf sich hatte. Es reichte schon, dass sie regelmäßig Tyras Flüche entschärfen musste, wenn die Kleine alles aufschnappte, was nicht bei drei auf den Bäumen war.
Dennoch perlte ein Lachen von ihren Lippen – ehrlich und warm –, ausgelöst von Valdas Mut, ihrer kindlichen Empörung und diesem instinktiven Drang, das Einzige zu schützen, das sie in ihrem kurzen Leben wirklich kannte: ihre Mutter. Ivars halb verschluckter Fluch – der so verdammt nach Tyra klang – versickerte in Wortfetzen, bevor er gefährlich werden konnte. Unter anderen Umständen hätte sie ihm vermutlich einen weiteren scharfen Blick zugeworfen, aber stattdessen blieb ihr nur ein amüsiertes Zucken in den Mundwinkeln. Vielleicht... war sie doch ein bisschen wie Helvi. Ein Gedanke, der sie gleichzeitig erschreckte und fast schon erheiterte.
“Es tut mir leid, okay?!”
Etwas in Ivars Ton ließ Sanna erstarren. Das Lachen, das eben noch aus ihr herausgebrochen war, verstummte sofort – wie abgeschnitten. Doch die Tränen versiegten nicht. Sie wischte sich hastig mit dem Ärmel über das Gesicht, als könnte sie damit auch die letzten Jahre von sich abreiben. Doch die Nässe kehrte immer wieder zurück, als wären ihre Augen nicht bereit, den Schmerz loszulassen.
"Du bist ein Idiot, Ivar...", murmelte sie, und obwohl ihre Stimme fest klang, zitterte eine leise Nuance darin. Etwas, das verriet, wie tief es ging. Ihre Schultern blieben aufrecht, doch sie bebten – kaum sichtbar, aber unübersehbar für jeden, der genau hinsah. "Und ich hab dich vermisst. Jahrelang." Die Worte fielen schwer, beinahe wie ein Eingeständnis, das sie sich selbst nicht erlauben wollte. "Ich hab mir Sorgen gemacht." Nie hatte sie wirklich damit aufgehört. Und irgendwo tief in ihr – lächerlich und trotzig – lebte der Wunsch noch immer, er hätte sie damals einfach mitgenommen. Vielleicht wäre sie dann heute genauso geworden wie er. Laut, wütend, voller Trotz. Vielleicht hätte sie gelernt, wie man schreit statt schweigt. Vielleicht hätte sie gelernt, nicht nur für andere stark zu sein, sondern auch für sich selbst. Und wer weiß – vielleicht wäre sie jetzt auch irgendwo unterwegs, an der Seite ihres Bruders, um dem nächsten Idioten eine zu verpassen. "…also tu gefälligst einfach nur für fünf verdammte Minuten so, als wären wir noch Ivar und Sanna. Nicht zwei Fremde, die sich zufällig auf dem Markt über den Weg laufen und nicht wissen, ob sie sich anschweigen oder anschreien sollen." Ihre Stimme brach nicht – aber sie war dicht davor. "Umarme mich einfach. Bevor wir uns wieder verlieren. Bevor wir wieder gehen, als wäre nichts gewesen. Und wir nie wieder die Chance bekommen, es richtig zu machen." Für einen Moment – kaum mehr als ein Atemzug – fiel der harte Schleier von ihrem Gesicht. Und da war sie. Das kleine Mädchen, das sich zu groß gab für seine Angst. Das so lange stark gewesen war, weil es musste. Weil es keiner sonst war. Das kleine Mädchen aus diesem verdammten Nest nahe Wolfsmark, das viel zu früh gelernt hatte, wie man Mauern baut – und jetzt nicht wusste, wie man sie wieder einreißt.
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