21-07-2024, 10:33 - Wörter:
We’re no thieves
We’re just really good at acquiring things that aren’t ours.

Hier saß sie also auf dem Marktplatz in der Nähe der Kathedrale, den Kopfschmerzen zum Trotz, die sie weniger wie sanfte Wellen und mehr wie die Holzräder eines Viehwagens an einen lustigen, chaotischen, desaströsen Abend erinnerten. Während sie ihre dunklen, heute etwas tiefer eingesunkenen Augen über die große Fläche schweifen ließ, konnte sie wenigstens mittlerweile behaupten, dass sie die Nacht nicht mehr bereute — nur den Morgen danach und den bitteren Beigeschmack, vermutlich einem Ehebruch beigesteuert zu haben. Natürlich hatte sie nicht nachgefragt und Händler Markus, an dessen Namen sie sich sogar wieder erinnern konnte, ließ sich besser nicht mehr in der Taverne sehen. Aurelias Blick blieb am Horizont kleben, den man von hier aus ganz wunderbar beobachten konnte. Sie saß auf der weiten, weißen Treppe und vorhin noch hatte sie sich für die 400 Stufen verflucht, die sie hatte nehmen müssen, um zu. Treffpunkt zu kommen, aber jetzt war sie ganz froh drum. Trotz der Mittagshitze wehte eine frische Meeresbrise über den Platz und machte die Sonne angenehm auf der nackten Haut ihrer Schultern. Nachdem sie zu Hause beim Fertigmachen fast wieder eingeschlafen war, hatte sie sich entschieden, nur das Minimum an Haarpflege zu betreiben und die schweren Locken mit einer Klammer dürfte nach oben zu stecken, dass ihr jetzt schon einige Strähnen in den Nacken fielen, aber das war in Ordnung. In der Taverne war es merkwürdig, aber nicht ungewöhnlich still gewesen, nachdem sie gestern alle Hände voll zutun gehabt hatten mit dem ganzen Zulauf, den King‘s Portal in den letzten Tagen hatte erfahren dürfen. Und wofür? Für die Hochzeit einer sommerländischen, stinkreichen Prinzessin mit dem Jüngeren der zwei Königssöhne. Für den Krieg. Für die Gerüchte, die sich um Drachensichtungen und Seegespenster drehten. Nur für die Kranken schien sich keiner zu interessieren, während sie die Straßenporen vollsiechten, war ja mal wieder typisch.
Dass Aurelia sich von ihren eigenen Gedanken hatte ablenken lassen, würde sie stark abstreiten, aber es ließ sie leider nicht leugnen, dass sie ihre Verabredung erst bemerkte, als diese sich neben sie setzte. Ein kurzer Blick in Richtung der Bewegung schien sie nichtmal zu registrieren, dafür zuckte sie umso heftiger zusammen, als die Information endlich bis zu ihrem Gehirn durchdrang. „Heofader, musst du dich immer so anschleichen??“, legte sie ihre Hand ergriffen über ihr Herz. Auch wenn Aurelia heute nicht die Aufmerksamste war, Skadi hatte irgendwas an sich, das sie in der Menge verschwinden ließ — wenn sie denn wollte. Dass ihre Freundin heute wieder aussah, als hätte sie in Heiliger Milch gebadet, während Aurelia frisch aus einem Pferdeheuhaufen gekrochen kam, ließ sie kurz missmutig mit der Nase wackeln. Dann übernahm doch die Vorfreude Überhand, sie heute überhaupt zu sehen, und auf Aurelias Lippen breitete sich ein Lächeln aus. „Morgen.“ Genau genommen war es Mittag, aber in Tavernen-Zeitrechnung war es eigentlich gerade erst Zeit zum Aufstehen. Das konnte man wunderbar mit einem ersten Kaffee feiern, den Aurelia sich vorher frisch am Marktplatz hatte aufgießen lassen und den dampfenden Tonbecher jetzt zufrieden in der Hand hielt. „Willst du auch? Ich kann’s echt kaum glauben, dass Matariyya so lange an diesen verdammten Zauberbohnen festgehalten hat. Fantastische Magie ist das. Besser als Wein, und definitiv besser als Sex.“
