26-08-2024, 16:27 - Wörter:

Qar war der Erste, die über den Tisch nach einem der Papiere griff, als würde er ihren Worten nicht so recht Glauben schenken, auch wenn sie noch gar nicht zu Ende gesprochen hatte - vielleicht war er auch einfach ausgesprochen gut im Multitasking. Man sah ihm an, wie seine tatsächlich etwas müden Augen rasch über das Papier flogen und sich eine kaum erkennbare Falte zwischen seinen Augenbrauen bildete. Die Frage, rhetorisch oder nicht, wurde hingegen von Keeran beantwortet. “Weil sie sich Profit erhoffen. Sie alle erhoffen sich Profit von unserem Land.” In Männern, Rohstoffen, Gold, Menschenleben; Profit war vielseitig in seinen Augen. Er sprach es aus wie eine Wahrheit, die er selbst lebte und die deswegen allgemeingültig war. Für einen Moment floh Devans Aufmerksamkeit zu der Münze, die Rashit auf den Tisch hatte fallen lassen und zwar schnell wieder auffing, aber dennoch eine Unruhe in den Raum brachte, die durch die Worte von Safiyya nur unterstrichen wurden.
Politische Unruhen in der Hauptstadt, also anders ausgedrückt… “Also geht es um uns”, schloss Qar aus dem Brief und sprach damit vermutlich das an, was jeder Einzelne von ihnen bereits dachte. Sicher hatten sie alle zur Genüge miterlebt, wie man hierzulande mit unorganisierten Aufständen umging, Wehrlose nieder prügelte und in jeder Ecke des Palastes nach den Gespenstern suchte, die nur halb von Ridvan ausgedacht waren. Aber Fremde im eigenen Land? Bisher hatte sich das Festland nie sonderlich um die politischen Unruhen im Sommerland gekümmert, solange die Handelsgüter flossen. Gut für ihre kleine, unharmonische Gruppe, sonst hätten sie sich schon früher mit der doch sehr eminenten Gefahr auseinandersetzen müssen.
“Kommen sie aus eigenem Antrieb oder hat man sie gebeten, zu kommen?”, fragte Keeran in die Runde, schaute dabei aber Safiyya an, aus erwartenden, hellen Augen. Als hätte Qar sie nicht gehört, schloss er direkt darauf an mit seinem überlegenden, kalkulierenden Gesichtsausdruck, dessen Schatten sich in Devans Zügen widerspiegelte - der Jüngste von ihnen war schon immer mit einer Vielzahl von Masken gesegnet, aber wenn er eine von ihnen trug, dann konnte er die zugrunde liegenden Gefühle dahinter nur selten verschleiern. “Die Frage ist doch, wie lange sie zu uns brauchen.” Und wie Devans Gesicht im Halbschatten, verdunkelten sich auch die Züge von Qar. “Wir hätten Naila niemals nach Castandor gehen lassen sollen. Das haben wir davon, dass wir auf Ilyas und seine Pläne hören: Einen Haufen Ritter in glänzenden Rüstungen.” Der Sommerländer sprach es wie eine Beleidigung aus in der Hoffnung, dass sein Gift die Rüstungen verätzte, und Devan wusste, dass er aus dem Herzen sprach. Das Letzte, was sie jetzt brauchen konnten, waren Ritter in schillernden Rüstungen, dem war sich selbst eine zusammengewürfelte Gruppe wie diese vermutlich einig.
