11-01-2025, 15:07 - Wörter:

Manchmal war das so mit Freundinnen. Die eine fröhlich und beständig, die andere wechselseitiger und unbeständiger. Auch wenn die Wirtstochter gerne im Mittelpunkt stand, mussten ihr Leben und die damit verbundenen Entscheidungen doch nicht unbedingt immer auf die Waagschale gestellt werden, als befände sie sich im Zentrum eines Gerichtshofes. Zugegeben, von Anfang a war sie nicht unbedingt gut gelaunt in das Treffen gekommen und sie war es auch gewesen, die sich ihre Sorgen von der Seele hatte reden müssen, aber genug war genug. Umso aufmerksamer hörte sie Skadi zu, während sie über den heißen Stein auf die Schatten spendenden Bäume zuliefen. Durchaus registrierte sie, dass Skadi nicht wirklich von sich sprach, aber die Königsfamilie war immer genug Zündstoff für kurzfristigen Spaß, der ausnahmsweise nichts mit den eigenen Problemen zutun hatte. „Also wenn du mich fragst, sind beide Prinzen ansehnlich. Kommt wohl eher drauf a was du willst.“ Den Becher in der rechten Hand, hob sie ihre Linke, um eine Waage anzudeuten. „Mond, oder Sonne?“ Ihre Hände hielten sich auf gleicher Höhe. „Traubensaft oder Wein?“ Die rechte Hand mit dem Becher rutschte etwas tiefer. „Missionar oder von hinten?“ In ihren Blick trat ein verschmitztes Leuchten, während ihre linke Hand auf Kopfhöhe hielt. „Klein oder groß?“ Erwartungsvoll sah sie zu Skadi rüber, als könnte sie ihr eine Antwort auf ihre Frage geben — vielleicht auch, weil sie erwartete, den Kopf gewaschen zu bekommen. Jetzt, wo es nicht mehr um sie ging, fand sie langsam wieder ihre Lebendigkeit, die sich in einem zielsicheren Stritt, federnden Locken und dem Schelm in ihren Augen ausdrückte. „Am Hafen ist komplettes Chaos, weil die Prinzessin bald eintreffen soll. Alles kopflose Hühner, sogar die Wachen. Und seit Tagen gibt es kein anderes Thema mehr bei uns.“ Es war nicht unbedingt förderlich für eine junge, ledige Frau, ständig von Naila ben Sahids göttergleichen Schönheit zu hören (die übertrieben doch alle, pf), aber Aurelia hatte längst ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen. „Die reden alle davon, was sie tun würden, wenn sie an der Stelle von Orpheus wären, aber ich sag dir. Wenn ich ihr nur einen Tropfen von dieser adeligen Prüde nehmen könnte.“ Aurelia malte einen imaginären Regenbogen mit ihren Händen in die Luft und ließ sich anstupsen, dabei nur etwas von Skadi wegtänzelnd, ehe sie wieder gegen ihre Schulter stieß. „Na hör mal, als ob ich mir die Feier entgehen lasse. Und wehe ich seh dich nicht beim Feuer!“ Getrieben von neuer Energie wirbelte sie auf die Bank nieder, überschlug ihre Beine unter dem Rock und stützte sich mit den Händen hinten ab. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während sie Skadi von der Seite betrachtete, die doch tatsächlich ein wenig rot um die Nase glänzte. Ups. „Du kommst schon raus. Und wenn nicht, dann machen wir’s auf meine Art und ich werf dir ein Seil das Fenster hoch.“ Das war eben ganz Aurelia. Wenn man ihr einen Weg versperrte, dann suchte sie einen anderen, und es war vollkommen selbstverständlich, dass sie ihren Freunden den gleichen Weg anbot — gefährlich, rücksichtslos oder dumm, alles schon erlebt. Mit einem tiefen Atemzug füllte sie ihre Brust mit frischer, angenehm kühler Luft und legte ihren Kopf in den Nacken, die Augen für einen Moment geschlossen und das gedämpfte Treiben um sich genießend. Beschwerden, Flüche und unfaires Leben hin oder her, King‘s Portal würde sie immer ihr Zuhause nennen. Auch wenn es sie in die Ferne zog, in diesem verdammten Loch waren ihre Freunde, mit denen sie lachte, ihre Familie, die sie liebte, und — wie Skadi richtig erwähnte — zahlreiche Kerle, die noch erobert werden wollten. „Und welchen Kerl wünscht du dir am Feuer?“, fragte sie mit geschlossenen Augen und gab sich dem Wunsch hin, für einen Moment mit ihrer Freundin zu tagträumen. Denn wofür war solch ein freier Nachmittag gemacht, wenn nicht für ein wenig Realitätsferne zweier Frauen, die mehr redeten und wussten, als gesund für sie war.
