15-05-2025, 10:00 - Wörter:
Tyra starrte ihn an, als hätte er eben den dümmsten Satz des Jahrhunderts gesagt. Und vielleicht hatte er das auch. Ihr Name auf seinen Lippen hallte in ihr nach wie ein alter Fluch – etwas, das nicht ausgesprochen werden sollte, weil es sonst zu viel mit sich brachte. Sie konnte nicht sagen, was sie mehr störte: dass er sie erkannt hatte oder dass sie nicht schnell genug war, es zu verhindern. Ihr Blick verfinsterte sich, ein kaum sichtbares Muskelzucken zog über ihre Wange, als sie sah, wie sich seine Züge veränderten. Es war, als würde er die ganze Situation langsam zu begreifen beginnen, als hätte er tatsächlich geglaubt, diese Begegnung würde mit einem geselligen Plausch und einem feuchten Händedruck enden. Tyra trat einen weiteren Schritt zurück, als müsse sie sich vor der Flutwelle an Erinnerungen in Sicherheit bringen, die unaufhaltsam auf sie zurollte.
»Halt’ die Klappe«, knurrte sie, die Stimme rau, kratzig, als hätte sie sich daran verbrannt. Sie ballte die Hand um ihren Dolch fester, obwohl sie längst wusste, dass sie ihn nicht mehr einsetzen würde – zumindest nicht auf die Art, wie sie es ursprünglich geplant hatte. »Sprich nicht in diesem Ton. Nicht mit diesem Blick. Und schon gar nicht mit diesem … wehleidigen Scheiß in deiner Stimme.« Sie lachte trocken, bissig, eine Klinge aus Spott. »Guter Meister … wenn du meinst. Was ich gelernt habe, hab ich gelernt, weil mir keiner den Arsch gepudert hat. Weil niemand da war, der mir ein weiches Bett aufgeschüttelt oder meine Wunden versorgt hat. Ich musste lernen, schnell, weil ich sonst verreckt wäre. Und du –« Ihre Stimme schnitt durch die Luft, schärfer als jede ihrer Klingen. »Du hast dir offenbar dein edles Hofleben zu Kopf steigen lassen, was? Denn ich sehe hier keinen Mann vor mir, Helias. Ich seh einen verdammten Idioten, der zu arrogant ist, ein Seil auf dem Boden zu erkennen und dann auch noch glaubt, mit so einem lahmen Spruch durchzukommen.« Ihre Augen flackerten für einen Moment, als sie seinen Blick auffing. Ein Funke, vielleicht. Oder ein alter Riss in seiner jovialen Fassade, den sie vergessen hatte. Sein Gesicht war gezeichnet, reifer, härter, aber nicht weniger vertraut. Und das war das Schlimmste daran. Es war nicht wie bei all den anderen, die sie in ihrem bewegten Leben bereits zurückgelassen hatte – seine Züge blieben hängen. Festgenagelt in einer Erinnerung, die sie nie gewollt, aber nie ganz losgelassen hatte.
Ohne ein weiteres Wort trat sie an ihm vorbei, wie um ihm endgültig den Rücken zu kehren, nur um sich dann plötzlich wieder zu ihm zu wenden. Mit einem knappen Schritt war sie vor ihm, packte ihn am Kragen seines Mantels und zog ihn ein Stück näher an sich heran – nicht grob, aber bestimmt. Ihre Miene war unlesbar, die eisblauen Gletschertiefen jedoch brannten. »Du willst wissen, ob ich mich oft von Männern verfolgt fühle? Nein. Nur von Geistern. Und du bist einer davon. Einer, den ich unter der Erde geglaubt hab oder wenigstens weit genug weg, dass er mir nicht mehr mit seinem blasierten Arsch vor die Füße stolpert.« Sie ließ ihn abrupt los, so als wäre ihr seine bloße Nähe zuwider. Doch da war keine Wut in der Bewegung – nur Erschöpfung. Und etwas anderes, das sie nicht benennen wollte. Tyra wandte sich ab, ging ein paar Schritte, steckte den Dolch wieder in die Lederscheide an ihrer Hüfte und ließ die Hand dann in ihrem Gürtel ruhen, angestrengt darauf achtend, nicht an diesem zu nesteln. »Ich geb’ dir einen Tipp, Hofheld: Wenn du dich wieder in den Wald wagst, zieh etwas an, das nicht laut Wohlstand schreit und schleiche nicht wie ein räudiger Köter durch die Büsche. Sonst bin beim nächsten Mal vielleicht nicht ich es, die dich vom Baum holt. Und dann wirst du dir meinen gnädigen Dolch zurückwünschen.« Sie sah nicht zu ihm zurück. Nicht sofort.
Erst als sie wieder die Pferde hörte, wie sie ungeduldig den Boden scharrten, hob sie das Kinn und drehte sich halb zu ihm, eine lichtblonde Braue misstrauisch gehoben. »Was tust du überhaupt hier draußen? Hast du das höfische Getue endlich satt?« Noch ehe er antworten konnte – oder sich versah – trat sie wieder näher, fast als würde sie etwas an ihm prüfen. Ihr Blick wanderte an seinem Körper entlang. Nicht lüstern. Eher analytisch. Seine Statur war kräftiger geworden, mehr Masse, mehr Muskeln, weniger der dürre Bursche, der ihr gerade einmal bis zur Schulter gereicht hatte, als sie gemeinsam die Vorratskammer der alten Vettel aufgebrochen hatten, um im Anschluss die Prügel ihres Lebens zu erhalten. Ihre Augen verengten sich. »Du bist ja tatsächlich letztendlich noch gewachsen. Aber ich frage mich –« Ihre Stimme senkte sich, fast zu einem Raunen – »ob das auch dort drinnen der Fall ist.« Sie rammte ihm einen spitzen Zeigefinger in die harte Brust, und dann – als wäre sie erschrocken über ihre eigenen Worte – wandte sie sich brüsk ab, zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Statt weiterzusprechen, trat sie zu ihrem Pferd, schnappte sich die Zügel und prüfte kurz die Satteltaschen. Alles in Ordnung. Alles unter Kontrolle. Nur nicht das hier. Nicht er.
»Halt’ die Klappe«, knurrte sie, die Stimme rau, kratzig, als hätte sie sich daran verbrannt. Sie ballte die Hand um ihren Dolch fester, obwohl sie längst wusste, dass sie ihn nicht mehr einsetzen würde – zumindest nicht auf die Art, wie sie es ursprünglich geplant hatte. »Sprich nicht in diesem Ton. Nicht mit diesem Blick. Und schon gar nicht mit diesem … wehleidigen Scheiß in deiner Stimme.« Sie lachte trocken, bissig, eine Klinge aus Spott. »Guter Meister … wenn du meinst. Was ich gelernt habe, hab ich gelernt, weil mir keiner den Arsch gepudert hat. Weil niemand da war, der mir ein weiches Bett aufgeschüttelt oder meine Wunden versorgt hat. Ich musste lernen, schnell, weil ich sonst verreckt wäre. Und du –« Ihre Stimme schnitt durch die Luft, schärfer als jede ihrer Klingen. »Du hast dir offenbar dein edles Hofleben zu Kopf steigen lassen, was? Denn ich sehe hier keinen Mann vor mir, Helias. Ich seh einen verdammten Idioten, der zu arrogant ist, ein Seil auf dem Boden zu erkennen und dann auch noch glaubt, mit so einem lahmen Spruch durchzukommen.« Ihre Augen flackerten für einen Moment, als sie seinen Blick auffing. Ein Funke, vielleicht. Oder ein alter Riss in seiner jovialen Fassade, den sie vergessen hatte. Sein Gesicht war gezeichnet, reifer, härter, aber nicht weniger vertraut. Und das war das Schlimmste daran. Es war nicht wie bei all den anderen, die sie in ihrem bewegten Leben bereits zurückgelassen hatte – seine Züge blieben hängen. Festgenagelt in einer Erinnerung, die sie nie gewollt, aber nie ganz losgelassen hatte.
Ohne ein weiteres Wort trat sie an ihm vorbei, wie um ihm endgültig den Rücken zu kehren, nur um sich dann plötzlich wieder zu ihm zu wenden. Mit einem knappen Schritt war sie vor ihm, packte ihn am Kragen seines Mantels und zog ihn ein Stück näher an sich heran – nicht grob, aber bestimmt. Ihre Miene war unlesbar, die eisblauen Gletschertiefen jedoch brannten. »Du willst wissen, ob ich mich oft von Männern verfolgt fühle? Nein. Nur von Geistern. Und du bist einer davon. Einer, den ich unter der Erde geglaubt hab oder wenigstens weit genug weg, dass er mir nicht mehr mit seinem blasierten Arsch vor die Füße stolpert.« Sie ließ ihn abrupt los, so als wäre ihr seine bloße Nähe zuwider. Doch da war keine Wut in der Bewegung – nur Erschöpfung. Und etwas anderes, das sie nicht benennen wollte. Tyra wandte sich ab, ging ein paar Schritte, steckte den Dolch wieder in die Lederscheide an ihrer Hüfte und ließ die Hand dann in ihrem Gürtel ruhen, angestrengt darauf achtend, nicht an diesem zu nesteln. »Ich geb’ dir einen Tipp, Hofheld: Wenn du dich wieder in den Wald wagst, zieh etwas an, das nicht laut Wohlstand schreit und schleiche nicht wie ein räudiger Köter durch die Büsche. Sonst bin beim nächsten Mal vielleicht nicht ich es, die dich vom Baum holt. Und dann wirst du dir meinen gnädigen Dolch zurückwünschen.« Sie sah nicht zu ihm zurück. Nicht sofort.
Erst als sie wieder die Pferde hörte, wie sie ungeduldig den Boden scharrten, hob sie das Kinn und drehte sich halb zu ihm, eine lichtblonde Braue misstrauisch gehoben. »Was tust du überhaupt hier draußen? Hast du das höfische Getue endlich satt?« Noch ehe er antworten konnte – oder sich versah – trat sie wieder näher, fast als würde sie etwas an ihm prüfen. Ihr Blick wanderte an seinem Körper entlang. Nicht lüstern. Eher analytisch. Seine Statur war kräftiger geworden, mehr Masse, mehr Muskeln, weniger der dürre Bursche, der ihr gerade einmal bis zur Schulter gereicht hatte, als sie gemeinsam die Vorratskammer der alten Vettel aufgebrochen hatten, um im Anschluss die Prügel ihres Lebens zu erhalten. Ihre Augen verengten sich. »Du bist ja tatsächlich letztendlich noch gewachsen. Aber ich frage mich –« Ihre Stimme senkte sich, fast zu einem Raunen – »ob das auch dort drinnen der Fall ist.« Sie rammte ihm einen spitzen Zeigefinger in die harte Brust, und dann – als wäre sie erschrocken über ihre eigenen Worte – wandte sie sich brüsk ab, zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. Statt weiterzusprechen, trat sie zu ihrem Pferd, schnappte sich die Zügel und prüfte kurz die Satteltaschen. Alles in Ordnung. Alles unter Kontrolle. Nur nicht das hier. Nicht er.
