01-06-2025, 16:18 - Wörter:
Der Moment, in dem sich Devans Hände auf ihre lädierte Schulter legten, war wie das erste Knistern eines Gewitters in der Ferne – kaum hörbar, kaum greifbar, aber voller Bedeutung. Zariyah blieb reglos. Ihre Lippen blass, die Atmung flach, der Blick auf einen Punkt am Horizont gerichtet, der nichts mit diesem Ort zu tun hatte. Und doch nahm sie alles wahr: die vorsichtige Spannung in seinen Fingern, die fast beiläufige Präzision seiner Bewegungen, das behutsame Tasten entlang ihrer Knochen. Er hatte das schon unzählige Male getan. An sich selbst. An anderen. Nie an ihr.
Der Schmerz war da – ein pochender Puls unter ihrer Haut, so heftig, dass sich feine Schweißperlen entlang ihrer Wirbelsäule und ihrer Schläfen bildeten. Zariyah biss die Zähne aufeinander, der Druck in ihrem Kiefer übertrumpfte fast den in ihrer Schulter. Aber sie wollte den Moment halten. Ihn konservieren, einfrieren. Seine Nähe war nicht neu – sie hatte Seite an Seite mit ihm gekämpft, war ihm gefolgt durch Nächte ohne Mond, Tage voller Entbehrungen. Und doch war etwas an dieser Berührung anders. Nicht vertraut oder Intim, nur auf eine wortlose, schmerzlich sachliche Weise fast zärtlich.
Der Moment zersprang, als das Gelenk mit einem widerwärtig sauberen Knack zurück in die Pfanne glitt. Zariyah riss kurz die Augen auf, ihre Pupillen weiteten sich, nicht vor Schock, sondern vor dem Echo des Schmerzes, der durch ihren Körper fegte, als wollte er jeden Nerv aufbäumen lassen. Dann … nichts. Nur noch ein dumpfes, vibrierendes Pochen. Ein mattes Brennen. Sie holte bebend Luft. Spürte, wie ihr Herz noch immer gegen ihre Rippen schlug, als wolle es heraus aus diesem Körper, der so viel aushielt, zu viel vielleicht. Langsam, mit einer Kontrolle, die ihr kaum gehörte, hob sie den Arm leicht an. Die Beweglichkeit war zurück – eingeschränkt, ja, aber brauchbar. Der Schmerz? Noch da. Aber auf eine Weise, die sie kannte. Wie ein Schatten, der bei jeder Bewegung mitschwang, aber keinen Anspruch mehr erhob.
Sie senkte den Blick, sah die Finger ihrer rechten Hand zuckend über der versehrten Schulter ruhen. Dann spürte sie Bewegung. Wie ein Schatten tauchte Devan vor ihr auf, knotete mit ruhigen Fingern sein Staubtuch zu einer improvisierten Schlinge. Zariyah beobachtete es ohne ein Wort. Ihr Blick fiel auf den Stoff, erkannte die feinen Körner Sand, die sich in die Fasern gesetzt hatten. Der Gedanke, ihn darauf hinzuweisen, blitzte auf – Staub war gefährlich, schlich sich in jede Wunde, jede Pore, in die Lunge. Doch sie sagte nichts. Weil sie wusste, dass er es tun musste. Für sie. Für sich. Für das, was unausgesprochen zwischen ihnen bestand und nicht benannt werden musste. Sein Geruch umhüllte sie, als er den Stoff über ihre Schulter legte: Leder. Sand. Getrocknete Kräuter, vielleicht. Und diese nüchterne Wärme, die aus jeder Pore seines Seins sickerte. Wie Feuer ohne Flamme. Wie der Moment vor einem Kampf – wach, klar, ehrlich.
Beinahe sofort griff Zariyah in ihre Gürteltasche, holte ein kleines Stück der zähen Varnas-Wurzel hervor – eine Pflanze, deren bitterer Geschmack den Verstand dämpfte und den Körper weich machte, als würde man ihn von innen her lösen. Sie kaute langsam. Die erste Wirkung war kaum spürbar – ein feines Flirren an den Schläfen, als ob dort jemand Fäden zog. Dann sickerte Wärme durch ihren Magen, rollte in ihren Gliedern wie schwerer Nebel. Die Härte in ihrem Blick blieb, aber ihre Schultern sanken ein wenig. Nur ein wenig.
Es war Zeit.
Mit vorsichtigen Bewegungen – ein Arm schließlich festgebunden und ruhiggestellt – richtete sich Zariyah auf. Ihre Beine fühlten sich fremd an, weich unter dem pochenden Rhythmus der Wurzel, aber sie vertraute ihnen. Musste es. Jeder Schritt über die breite Steinplattform war bewusst gesetzt. Die Oberfläche war unregelmäßig, durchzogen von feinen Spalten, als hätte sich der Monolith gegen den Himmel selbst aufgebäumt und sei in der Bewegung erstarrt. Ihr Ziel war klar: Der Sengende Dorn. Eine Pflanze, so tödlich wie schön. Flach am Boden wachsend, mit spitz zulaufenden Blättern, deren Unterseiten von einem kaum sichtbaren Flaum aus mikroskopisch kleinen Härchen bedeckt waren. Eine Berührung – bloß eine – reichte, um unerträgliche Schmerzen zu verursachen, und einen gesunden Körper innerhalb von Stunden zu lähmen, die Atemwege zu schließen. Und doch war sie für Zariyahs Pläne unerlässlich. Keine Alternative. Kein Ersatz.
Sie bewegte sich langsam, den Blick wachsam auf die Ritzen des Steins gerichtet, während die Wirkung der Varnas-Wurzel ihre Sinne dämpfte, aber nicht betäubte. Gedanken zogen träge durch ihren Geist. Sie wusste, was sie hier suchte. Und sie wusste, warum sie es tat. Die anstehenden Aufgaben würden mehr verlangen, als sie bereit war zu geben. Und genau darum würde sie geben, was nötig war. Alles.
Ein Riss im Fels, kaum zwei Finger breit, zog sich quer über die Plattform. Und dort… da war sie. Die Pflanze lag flach zwischen den Schatten, grün mit feinen, rötlich schimmernden Spitzen. Zariyah kniete sich nieder, biss die Zähne zusammen, als der Arm in der Schlinge zu pochen begann. Sie schob den Stoff beiseite, griff mit der linken Hand nach einem Holzspatel aus ihrer Tasche. Vorsichtig, fast ehrfürchtig, schob sie die Blätter zur Seite, löste den Stängel am Ansatz. Keine Berührung. Keine Bewegung zu viel. Als sie sich wieder aufrichtete, hielt sie den Sengenden Dorn in einem mit Harz versiegelten Behälter. Ihre Miene war unbewegt. Nur die Augen zeugten von der Konzentration. Und vielleicht auch vom Triumph.
Sie trat an den Rand der Plattform, den Blick in die Richtung gerichtet, aus der sie gekommen waren. Hinter ihr lag nur Stein und Wind. Neben ihr Devan – irgendwo im Schatten, schweigend wie immer. Zariyah sagte nichts. Nicht sofort. Dann, leise, ohne ihn anzusehen, fast wie eine Feststellung: »Du hättest nicht mitkommen müssen.« Der Satz war keine Anklage. Kein Vorwurf. Nur eine Wahrheit. Eine dieser bitteren Wahrheiten, die sich nicht verbergen lassen, selbst wenn man schweigt. Doch sie wusste, dass er es trotzdem getan hatte. Wie immer. Weil sie nie darum bat – und er nie fragte. »Aber du warst da.« Und das, so sehr es sie vielleicht auch ärgerte, bedeutete ihr mehr, als sie je zugeben würde.
Der Schmerz war da – ein pochender Puls unter ihrer Haut, so heftig, dass sich feine Schweißperlen entlang ihrer Wirbelsäule und ihrer Schläfen bildeten. Zariyah biss die Zähne aufeinander, der Druck in ihrem Kiefer übertrumpfte fast den in ihrer Schulter. Aber sie wollte den Moment halten. Ihn konservieren, einfrieren. Seine Nähe war nicht neu – sie hatte Seite an Seite mit ihm gekämpft, war ihm gefolgt durch Nächte ohne Mond, Tage voller Entbehrungen. Und doch war etwas an dieser Berührung anders. Nicht vertraut oder Intim, nur auf eine wortlose, schmerzlich sachliche Weise fast zärtlich.
Der Moment zersprang, als das Gelenk mit einem widerwärtig sauberen Knack zurück in die Pfanne glitt. Zariyah riss kurz die Augen auf, ihre Pupillen weiteten sich, nicht vor Schock, sondern vor dem Echo des Schmerzes, der durch ihren Körper fegte, als wollte er jeden Nerv aufbäumen lassen. Dann … nichts. Nur noch ein dumpfes, vibrierendes Pochen. Ein mattes Brennen. Sie holte bebend Luft. Spürte, wie ihr Herz noch immer gegen ihre Rippen schlug, als wolle es heraus aus diesem Körper, der so viel aushielt, zu viel vielleicht. Langsam, mit einer Kontrolle, die ihr kaum gehörte, hob sie den Arm leicht an. Die Beweglichkeit war zurück – eingeschränkt, ja, aber brauchbar. Der Schmerz? Noch da. Aber auf eine Weise, die sie kannte. Wie ein Schatten, der bei jeder Bewegung mitschwang, aber keinen Anspruch mehr erhob.
Sie senkte den Blick, sah die Finger ihrer rechten Hand zuckend über der versehrten Schulter ruhen. Dann spürte sie Bewegung. Wie ein Schatten tauchte Devan vor ihr auf, knotete mit ruhigen Fingern sein Staubtuch zu einer improvisierten Schlinge. Zariyah beobachtete es ohne ein Wort. Ihr Blick fiel auf den Stoff, erkannte die feinen Körner Sand, die sich in die Fasern gesetzt hatten. Der Gedanke, ihn darauf hinzuweisen, blitzte auf – Staub war gefährlich, schlich sich in jede Wunde, jede Pore, in die Lunge. Doch sie sagte nichts. Weil sie wusste, dass er es tun musste. Für sie. Für sich. Für das, was unausgesprochen zwischen ihnen bestand und nicht benannt werden musste. Sein Geruch umhüllte sie, als er den Stoff über ihre Schulter legte: Leder. Sand. Getrocknete Kräuter, vielleicht. Und diese nüchterne Wärme, die aus jeder Pore seines Seins sickerte. Wie Feuer ohne Flamme. Wie der Moment vor einem Kampf – wach, klar, ehrlich.
Beinahe sofort griff Zariyah in ihre Gürteltasche, holte ein kleines Stück der zähen Varnas-Wurzel hervor – eine Pflanze, deren bitterer Geschmack den Verstand dämpfte und den Körper weich machte, als würde man ihn von innen her lösen. Sie kaute langsam. Die erste Wirkung war kaum spürbar – ein feines Flirren an den Schläfen, als ob dort jemand Fäden zog. Dann sickerte Wärme durch ihren Magen, rollte in ihren Gliedern wie schwerer Nebel. Die Härte in ihrem Blick blieb, aber ihre Schultern sanken ein wenig. Nur ein wenig.
Es war Zeit.
Mit vorsichtigen Bewegungen – ein Arm schließlich festgebunden und ruhiggestellt – richtete sich Zariyah auf. Ihre Beine fühlten sich fremd an, weich unter dem pochenden Rhythmus der Wurzel, aber sie vertraute ihnen. Musste es. Jeder Schritt über die breite Steinplattform war bewusst gesetzt. Die Oberfläche war unregelmäßig, durchzogen von feinen Spalten, als hätte sich der Monolith gegen den Himmel selbst aufgebäumt und sei in der Bewegung erstarrt. Ihr Ziel war klar: Der Sengende Dorn. Eine Pflanze, so tödlich wie schön. Flach am Boden wachsend, mit spitz zulaufenden Blättern, deren Unterseiten von einem kaum sichtbaren Flaum aus mikroskopisch kleinen Härchen bedeckt waren. Eine Berührung – bloß eine – reichte, um unerträgliche Schmerzen zu verursachen, und einen gesunden Körper innerhalb von Stunden zu lähmen, die Atemwege zu schließen. Und doch war sie für Zariyahs Pläne unerlässlich. Keine Alternative. Kein Ersatz.
Sie bewegte sich langsam, den Blick wachsam auf die Ritzen des Steins gerichtet, während die Wirkung der Varnas-Wurzel ihre Sinne dämpfte, aber nicht betäubte. Gedanken zogen träge durch ihren Geist. Sie wusste, was sie hier suchte. Und sie wusste, warum sie es tat. Die anstehenden Aufgaben würden mehr verlangen, als sie bereit war zu geben. Und genau darum würde sie geben, was nötig war. Alles.
Ein Riss im Fels, kaum zwei Finger breit, zog sich quer über die Plattform. Und dort… da war sie. Die Pflanze lag flach zwischen den Schatten, grün mit feinen, rötlich schimmernden Spitzen. Zariyah kniete sich nieder, biss die Zähne zusammen, als der Arm in der Schlinge zu pochen begann. Sie schob den Stoff beiseite, griff mit der linken Hand nach einem Holzspatel aus ihrer Tasche. Vorsichtig, fast ehrfürchtig, schob sie die Blätter zur Seite, löste den Stängel am Ansatz. Keine Berührung. Keine Bewegung zu viel. Als sie sich wieder aufrichtete, hielt sie den Sengenden Dorn in einem mit Harz versiegelten Behälter. Ihre Miene war unbewegt. Nur die Augen zeugten von der Konzentration. Und vielleicht auch vom Triumph.
Sie trat an den Rand der Plattform, den Blick in die Richtung gerichtet, aus der sie gekommen waren. Hinter ihr lag nur Stein und Wind. Neben ihr Devan – irgendwo im Schatten, schweigend wie immer. Zariyah sagte nichts. Nicht sofort. Dann, leise, ohne ihn anzusehen, fast wie eine Feststellung: »Du hättest nicht mitkommen müssen.« Der Satz war keine Anklage. Kein Vorwurf. Nur eine Wahrheit. Eine dieser bitteren Wahrheiten, die sich nicht verbergen lassen, selbst wenn man schweigt. Doch sie wusste, dass er es trotzdem getan hatte. Wie immer. Weil sie nie darum bat – und er nie fragte. »Aber du warst da.« Und das, so sehr es sie vielleicht auch ärgerte, bedeutete ihr mehr, als sie je zugeben würde.
