02-06-2025, 16:55 - Wörter:

Doch die Geschichte ihrer Mutter hatte nichts von der Größe, die Naila sich an diesem Abend vielleicht wünschte. In ihrem Schweigen lag nicht die Spannung auf das, was folgte, sondern eine geteilte Angst, welche die Prinzessin tief berührte. Ein Gefühl, das ihre Seele streifte und ihr an diesem Abend die Gänsehaut auf ihre Arme trieb. Denn Schweigen wog manchmal schwerer, als Worte es jemals tun konnten.
Ein leichtes Lächeln zupfte an Nailas Mundwinkeln, dünn gewoben wie Seide, dass es nicht ihre Augen erreichte. Die Worte ihrer Mutter wärmten sie und sie erinnerte sich an die Zeiten, als sie ihr noch vorgelesen hatte. Als eben die Stimme, die ihr nun Mut zusprach, die ersten Worte geformt hatte, die sie in ihrer Form und Schwere kopiert hatte, bis sie irgendwann genauso klang wie Yasirah selbst - in perfekter Balance aus Sanftmut und Stärke. Schau, was aus deiner Tochter geworden ist. Gerne würde sie etwas von der Stärke zeigen, die Yasirah atmete, in der sie lebte, von der Naila so viel gelernt hatte. Aber ihre Hand war klein in der ihrer Mutter, und die Worte öffneten ihr eine Tür, von der sie nicht sicher war, ob sie hindurch treten wollte. Der Blick war noch auf die Seerose geheftet, im Schatten des Mondes dunkel und zu schwer, um ihn zu heben.
“Ich wäre gerne wie du”
, drückte sich schließlich ihre Stimme durch die dichte Stille, weich und warm, doch an den Enden gebrochen. Jahrelang hatte Naila geübt, Unwahrheiten wie Wahrheiten klingen zu lassen, auf der gleichen Welle, in der gleichen höfischen Sitte, mit derselben Aufrichtigkeit. Diese kleine Wahrheit, die sie vor dem Teich ihrer Mutter schenkte, trug hingegen all ihre Verletzlichkeit nach außen. Naila hatte schon immer zu ihr aufgesehen, und sie würde es ewig weiter tun. “Ich hätte gerne mehr Mut, um meine Reise anzutreten, wie du es getan hast.”
Wie war ihre Mutter zu der Königin geworden, die ein ganzes Land zusammen hielt. Wie war sie zu der starken Frau geworden, die hinter einem Mann stand, dessen Scherben man sorgfältig aufklauben musste. Wie erstickte sie nicht unter der Krone, die dem König seine Gesundheit gekostet hatte. Naila trug nur die Last einer Erstgeborenen auf ihren Schultern, die zu eng mit ihren Geschwistern aufgewachsen war und sich nicht vorstellen konnte, nicht mehr jeden Tag ihre Gesichter zu sehen. Sie war sich der Verantwortung einer Frau bewusst, die ihre Heimat und die sicheren Mauern verlassen musste, um woanders Wurzeln zu schlagen. Aber der Kopf ließ sich nicht immer mit den Gefühlen vereinbaren, und die Nacht wog schwer auf ihrem Gemüt, obwohl sie ihr Kleid so zart um Nailas Seele legte. “Aber ich hab Angst, dass ich suche und nicht das finde, was du gefunden hast, Mutter.”
In der Dunkelheit flüchtete ihre Stimme wie ein Faden, der seinen Garn verlor. “Eine Wüstenblume kann keine Wurzeln in einem Klima schlagen, das nicht für sie gemacht ist.”
Unter dem Mondlicht schimmerten Nailas Augen mit den Tränen, die sie so tapfer zurückgehalten hatte.