03-08-2025, 17:01 - Wörter:

“Ranya wächst zu einer wunderbaren Prinzessin heran. Sie mag Unsinn im Kopf haben, aber sie ist so viel intelligenter, als man ihr zugestehen möchte. Und sie sieht dir jetzt schon so ähnlich, Mutter.”
Ein leichtes Lächeln zupfte an Nailas Mundwinkeln, mit einem Anflug von Stolz. In mancherlei Hinsicht - auch wenn sie das nie vor Yasirah erwähnen würde - fühlte sie sich gegenüber Ranya mit den Pflichten konfrontiert, die eigentlich einer Mutter zustehen sollten. Während Yasirah stundenlang mit den Beratern zusammen saß, hielt Naila sich mit ihren jüngeren Geschwistern in den Gärten auf, immer mit einem offenen Ohr für Beschwerden und Sorgen, stets darum bemüht, sie so wenig wie möglich von dem Druck spüren zu lassen, der auf den älteren Geschwistern ruhte. Es hatte weh getan, als sie hatte zusehen müssen, wie Fayyad ihr langsam entglitten war und sich den Pflichten eines Kronprinzen gewidmet hatte, aber Ranya und Malek… Sie waren jung genug, um den Schutz einer großen Schwester noch zu brauchen, wenn die Mutter abwesend und der Vater nicht ansprechbar war. In den Sternen lag eine seltene, rohe Wahrheit, wenn man nur lange genug hinschaute, und Naila wollte glauben, dass sich zwei Seelen durch sie verbinden ließen. Sie wusste, dass das nicht möglich war, waren Sterne doch physische Materie, zu weit von ihnen entfernt und die Verbindung zwischen Mutter und Tochter war etwas, das sich mit Wissenschaft nicht erklären ließ. Doch Glauben war ein mächtiges Instrument, das sich über Fakten und die Realität hinweg setzte, wenn man ihm nur genug Raum gab, sich zu entfalten. Und vielleicht brauchte sie genau das. Vielleicht brauchte sie mehr Spiritualität, um sich nicht ganz so klein in dem Gefüge aus Macht zu fühlen, nicht ganz so allein und einsam. Als sie die Stille für sich sprechen ließ und ihren Kopf in den Nacken legte, um in die Sterne zu blinzeln, konnte sie nachvollziehen, warum ihr Vater sich in ihnen verlor. In dem Bewusstsein, dass der Himmel mehr Größe bewies, als ein König in seinem eigenen Leben je erreichen konnte, in der Vorstellung, dass Kräfte größer als das Leben über einen hereinbrechen konnten, es machte einem Angst. Aber es gab einer Prinzessin auch Hoffnung, die jetzt etwas brauchte, woran sie sich festhalten konnte.
„Und wenn die Sterne nicht reichen, dann werden es die Briefe tun, die ich jede Woche an dich schreiben werde. Du wirst Ranya weiterhin aufwachsen sehen. Durch meine Augen“
, schwor Naila leise, aber mit einer inneren, festen Stimme. Sie musste ihren Blick nicht auf ihre Mutter richten, um zu wissen, dass sie gehört wurde. Mit dem Daumen über eine rosane Blüte streichend holte sie noch einmal Luft und beugte sich schließlich nach vorne. Es war Zeit, die Seerose wieder dem Teich zu übergeben, wo sie hingehörte - nicht in den Schoß von Naila, weil sie sich an etwas hatte klammern müssen. Die Fingerspitzen der Prinzessin berührten die Wasseroberfläche, als die Blume sachte nach unten glitt und schließlich wieder schwamm; zurück zu ihresgleichen, dort, wo sie wieder blühen konnte. Naila richtete sich wieder auf und strich ihren Rock glatt. „… wenn du mir im Gegenzug hin und wieder mitteilen könntest, wie es Fayyad geht, und Malek, und… und Vater, und dir. Wäre ich dir sehr dankbar.“
Tapfer ihr Kinn gereckt, suchte sie keinen Kontakt, keine Berührung mit der Hand, keinen Trost. Doch in ihrer Stimme lag die Verletzlichkeit einer Tochter, die ihre Mutter ein Versprechen abringen wollte, weil sie diese Vergewisserung schlicht brauchte, um in der Fremde zu überleben.