08-10-2025, 19:42 - Wörter:
Tyra strich ihrer Stute mit der flachen Hand über den Hals, das Fell unter ihren Fingern lebending und vertraut, ganz im Gegensatz zu dem, was sich in ihrer Brust regte. Sein Ton, dieses leise Bedauern darin, schnitt schärfer als ihr bester Dolch. Goldener Käfig - sie biss sich auf die Innenseite der Wange, um das Lachen zu unterdrücken, das in ihr aufkam, doch es brach trotzdem hervor. Rau und spöttisch. »Ein goldener Käfig, ja?«, wiederholte sie mit dieser galligen Mischung aus Belustigung und Bitterkeit, die sie so meisterhaft beherrschte. »Muss ja furchtbar gewesen sein. All die schrecklich opulenten Mahlzeiten von bestem Geschirr, ein weiches Bett unter dem Arsch, die sauberen Hemden und die Weiber, die dir ganz sicher nicht nur den Wein eingeschenkt haben. Wie hast du das nur überlebt? Ich kann mir kaum vorstellen, wie du es ertragen hast, jeden Morgen aufzuwachen, ohne dass dir ’ne Ratte über das Gesicht läuft oder dein Atem gefriert.«
Ihre Stimme troff vor Spott, doch sie klang nicht mehr ganz so sicher, nicht mehr ganz so standfest. Das Lachen erstarb in ihrem Hals, noch ehe sie die Zügel ganz losgelassen hatte. Sie beugte sich vor, prüfte mechanisch den Gurt am Sattel, spürte kurz dem Impuls nach, einfach zu verschwinden, doch eigentlich tat sie all das nur, um beschäftigt zu wirken. Als müsse sie irgendetwas mit den Händen tun, damit diese unliebsamen Gedanken keinen Raum fanden. »Ein Käfig, das ich nicht lache. Manche hätten sich die Finger danach geleckt, eingesperrt zu werden, wenn es bedeutet hätte, satt zu werden. Aber du, mit deinem goldenen Löffel im Mund, du hast es bestimmt schwer gehabt, du Held.«
Das letzte Wort kam schärfer heraus, als sie es beabsichtigt hatte. Sie presste die Lippen aufeinander, um dem leichten Zittern in den Mundwinkeln Einhalt zu gebieten. Verdammt. Sie wusste im Grunde genau, dass sie Helias Unrecht tat. Er hatte nie wirklich zu denen gehört, die sich gerne in Samt hüllen würden, oder von Macht träumten. Und trotzdem war er fortgegangen. Und trotzdem hatte er sie zurückgelassen. Das war alles, woran sie denken konnte, egal, wie sehr sie versuchte, es zu verdrängen.
Tyra atmete durch die Nase aus, lang und leise. Sie wusste, dass es töricht war, ihm den Rücken zuzudrehen. Jeder fähige Kämpfer würde das als Einladung verstehen, die Oberhand zu gewinnen. Aber ihr Instinkt flüsterte ihr etwas anderes zu: Dass von diesem hier keine Gefahr für sie ausging. Dass er ihr nichts antun würde. Sie konnte kaum glauben, dass dieser Instinkt noch immer so stark war, nach all den Jahren. Ihre Finger fanden einen anderen Lederriemen am Sattel, zogen daran, lösten ihn wieder. Beschäftigung statt Denken. Doch dann stockte ihr Atem, als seine letzten Worte sie erreichten. Ich hatte immer gehofft, dich wiederzufinden.
Sie erstarrte in der Bewegung, das Herz in ihrer Brust schlug plötzlich einen Takt zu schnell. Die Stute schnaubte, als spüre sie ihre Anspannung. Tyra zwang sich, nicht aufzusehen – und drehte sich dann doch um. Langsam. Widerwillig. Ihre Augen fanden die seinen. Und in ihren spiegelte sich etwas, das sie seit Jahren nicht mehr zugelassen hatte: Überraschung. Verletztheit. Und etwas, das gefährlich nahe an Hoffnung grenzte. Helias stand da, so aufrecht, so ruhig und gelassen, und für einen absurden Moment sah sie wieder den Jungen, der ihr die letzten Beeren vom Strauch aus einer tiefen Felsspalte aushändigte, als sie beiden seit Tagen nichts gegessen hatten. Den Jungen, der sie grob hinter sich gerissen hatte, als der Bär aus dem Dickicht gebrochen war. Der mit einem Auge weniger, aber mit einem Willen aus Stahl überlebt hatte. Der sie eines Morgens nicht mehr hatte ansehen können, als er ging. Der sich von ihrem Flehen nicht hatte aufhalten lassen.
Die Bilder drängten in ihren Kopf, roh und ungebeten. Der Geruch von kaltem Rauch, der Dreck unter seinen Fingernägeln, als er sie an ihren Schultern aus ihrer Jammerei geschüttelt hatte. Das Flackern des Feuers auf seinem Gesicht, als er ihr schwor, sie würde es auch alleine schaffen. Diese Bilder waren für lange Zeit ihre stetigen Begleiter in schlaflosen Nächten gewesen, bis das Leben ihr die Möglichkeit geboten hatte, zu vergessen. Und sie hatte es mehr als dankbar angenommen.
Sie zwang sich, erneut den Blick abzuwenden, sah einen Augenblick in die Ferne, bevor sie sich genug gestählt hatte, um ihre Miene zu klären. »Du solltest wissen, dass man mich besser nicht finden will, Helias.« Ihre Stimme klang noch heiser, schwer vor Erinnerungen. Dann fing sie sich jedoch endlich, schleuderte ein schiefes Lächeln hinterher, das jeden Versuch von Aufrichtigkeit kaschieren sollte. »Aber schön zu hören, dass du so wenig an deinem Leben hängst. Ich hoffe, das war es wert. Das Finden der verdammt nochmal besten Söldnerin Arcandas’, die dich gut und gerne filetiert hätte, hättest du nicht noch einen bei ihr gut gehabt.« Hatte er gedacht, Bescheidenheit sei mittlerweile Tyras Stärke, musste sie ihn leider enttäuschen. Ebenso verhielt es sich mit der Antwort auf seine Frage.
Stattdessen griff Tyra nach ihrem Wasserschlauch aus der Satteltasche, trank einen ausgiebigen Schluck und spuckte einen kleinen Rest des billigen Fusels auf den feuchten Waldboden. Dann reichte sie ihm das Ledergefäß, ohne ihn anzusehen. Eine Geste, mehr Reflex als Bewusstsein. »Trink. Sieht aus, als könntest du einen Schluck davon brauchen. Und wenn du mir gleich wieder irgendein großes Bekenntnis um die Ohren haust, will ich wenigstens die Hände frei haben, um dich mal so richtig durchzulassen.« Sie hielt ihm den Schlauch hin, schüttelte ihn ungeduldig, den Blick trotzig auf ihre Stute gerichtet, die ihre Ohren mittlerweile angelegt hatte, als würde sie den Sturm zwischen den Menschen wittern.
Ihre Stimme troff vor Spott, doch sie klang nicht mehr ganz so sicher, nicht mehr ganz so standfest. Das Lachen erstarb in ihrem Hals, noch ehe sie die Zügel ganz losgelassen hatte. Sie beugte sich vor, prüfte mechanisch den Gurt am Sattel, spürte kurz dem Impuls nach, einfach zu verschwinden, doch eigentlich tat sie all das nur, um beschäftigt zu wirken. Als müsse sie irgendetwas mit den Händen tun, damit diese unliebsamen Gedanken keinen Raum fanden. »Ein Käfig, das ich nicht lache. Manche hätten sich die Finger danach geleckt, eingesperrt zu werden, wenn es bedeutet hätte, satt zu werden. Aber du, mit deinem goldenen Löffel im Mund, du hast es bestimmt schwer gehabt, du Held.«
Das letzte Wort kam schärfer heraus, als sie es beabsichtigt hatte. Sie presste die Lippen aufeinander, um dem leichten Zittern in den Mundwinkeln Einhalt zu gebieten. Verdammt. Sie wusste im Grunde genau, dass sie Helias Unrecht tat. Er hatte nie wirklich zu denen gehört, die sich gerne in Samt hüllen würden, oder von Macht träumten. Und trotzdem war er fortgegangen. Und trotzdem hatte er sie zurückgelassen. Das war alles, woran sie denken konnte, egal, wie sehr sie versuchte, es zu verdrängen.
Tyra atmete durch die Nase aus, lang und leise. Sie wusste, dass es töricht war, ihm den Rücken zuzudrehen. Jeder fähige Kämpfer würde das als Einladung verstehen, die Oberhand zu gewinnen. Aber ihr Instinkt flüsterte ihr etwas anderes zu: Dass von diesem hier keine Gefahr für sie ausging. Dass er ihr nichts antun würde. Sie konnte kaum glauben, dass dieser Instinkt noch immer so stark war, nach all den Jahren. Ihre Finger fanden einen anderen Lederriemen am Sattel, zogen daran, lösten ihn wieder. Beschäftigung statt Denken. Doch dann stockte ihr Atem, als seine letzten Worte sie erreichten. Ich hatte immer gehofft, dich wiederzufinden.
Sie erstarrte in der Bewegung, das Herz in ihrer Brust schlug plötzlich einen Takt zu schnell. Die Stute schnaubte, als spüre sie ihre Anspannung. Tyra zwang sich, nicht aufzusehen – und drehte sich dann doch um. Langsam. Widerwillig. Ihre Augen fanden die seinen. Und in ihren spiegelte sich etwas, das sie seit Jahren nicht mehr zugelassen hatte: Überraschung. Verletztheit. Und etwas, das gefährlich nahe an Hoffnung grenzte. Helias stand da, so aufrecht, so ruhig und gelassen, und für einen absurden Moment sah sie wieder den Jungen, der ihr die letzten Beeren vom Strauch aus einer tiefen Felsspalte aushändigte, als sie beiden seit Tagen nichts gegessen hatten. Den Jungen, der sie grob hinter sich gerissen hatte, als der Bär aus dem Dickicht gebrochen war. Der mit einem Auge weniger, aber mit einem Willen aus Stahl überlebt hatte. Der sie eines Morgens nicht mehr hatte ansehen können, als er ging. Der sich von ihrem Flehen nicht hatte aufhalten lassen.
Die Bilder drängten in ihren Kopf, roh und ungebeten. Der Geruch von kaltem Rauch, der Dreck unter seinen Fingernägeln, als er sie an ihren Schultern aus ihrer Jammerei geschüttelt hatte. Das Flackern des Feuers auf seinem Gesicht, als er ihr schwor, sie würde es auch alleine schaffen. Diese Bilder waren für lange Zeit ihre stetigen Begleiter in schlaflosen Nächten gewesen, bis das Leben ihr die Möglichkeit geboten hatte, zu vergessen. Und sie hatte es mehr als dankbar angenommen.
Sie zwang sich, erneut den Blick abzuwenden, sah einen Augenblick in die Ferne, bevor sie sich genug gestählt hatte, um ihre Miene zu klären. »Du solltest wissen, dass man mich besser nicht finden will, Helias.« Ihre Stimme klang noch heiser, schwer vor Erinnerungen. Dann fing sie sich jedoch endlich, schleuderte ein schiefes Lächeln hinterher, das jeden Versuch von Aufrichtigkeit kaschieren sollte. »Aber schön zu hören, dass du so wenig an deinem Leben hängst. Ich hoffe, das war es wert. Das Finden der verdammt nochmal besten Söldnerin Arcandas’, die dich gut und gerne filetiert hätte, hättest du nicht noch einen bei ihr gut gehabt.« Hatte er gedacht, Bescheidenheit sei mittlerweile Tyras Stärke, musste sie ihn leider enttäuschen. Ebenso verhielt es sich mit der Antwort auf seine Frage.
Stattdessen griff Tyra nach ihrem Wasserschlauch aus der Satteltasche, trank einen ausgiebigen Schluck und spuckte einen kleinen Rest des billigen Fusels auf den feuchten Waldboden. Dann reichte sie ihm das Ledergefäß, ohne ihn anzusehen. Eine Geste, mehr Reflex als Bewusstsein. »Trink. Sieht aus, als könntest du einen Schluck davon brauchen. Und wenn du mir gleich wieder irgendein großes Bekenntnis um die Ohren haust, will ich wenigstens die Hände frei haben, um dich mal so richtig durchzulassen.« Sie hielt ihm den Schlauch hin, schüttelte ihn ungeduldig, den Blick trotzig auf ihre Stute gerichtet, die ihre Ohren mittlerweile angelegt hatte, als würde sie den Sturm zwischen den Menschen wittern.
