16-11-2025, 16:53 - Wörter:

Man konnte durchaus sagen, dass Keeran in ein Armenviertel getreten war.
In seinen Augen spiegelte sich das Amüsement, das er stets für Nadirs Humor übrig hatte. Auch, als dessen Zunge noch nicht so scharf und noch nicht gegen sich selbst gerichtet gewesen war, hatte es ungezwungene Momente gegeben, in denen er den Prinzen für seine unernste Art wertgeschätzt hatte. Die Schwere von Nadirs Lage hingegen, so wie die Präsenz der Wachen, hielten ihn davon ab, etwas zu erwidern, bevor er direkt angesprochen wurde. Als er endlich die Stimme erhob, zog ein kleines Lächeln an seinem rechten Mundwinkel.
“Wenn ich anmerken darf, Ihr seid lange nicht im Armenviertel gewesen. Es geht Euch besser als achtzig Prozent der Bevölkerung.”
Mit einer kleinen Kopfverbeugung nahm er den sarkastischen Schneid aus seiner Bemerkung und wandelte auf derselben Ebene an Humor wie Nadir, wenn auch mit mehr Respekt vor seinem Gegenüber. Oder vor den Wachen? Es ließ sich schwer herauslesen, ob er sich wegen Nadirs Titel zurückhielt oder der Tatsache, dass sie nicht alleine waren. Was war ihm als einfacher Händler schon erlaubt, zu sagen? Wenn überhaupt, dann war er doch derjenige, der sich in die Höhle des Löwen begab, aus der Nadir schon längst ein Zuhause gemacht hatte. “Ich bin gekommen, um einem alten Freund einen Besuch abzustatten. Die netten Herren vor Eurer Tür haben sich sogar vergewissert, dass von mir keinerlei Gefahr ausgeht, wie zuvorkommend.”
Ein Seitenblick zu der Wache im Raum, die ungerührt mit der Hand an der Scherpe an dem Eingang zum Balkon stand, und in Keerans Augen trat ein Funkeln, das zurückgehaltene Worte verriet. Einmal in Nadirs Gegenwart, war er genauso gefangen wie er. Nicht nur die Palastwände hatten Ohren.Zum eigentlichen Teil seines Besuchs also, und auch der Grund, warum man ihn hineingelassen hatte. Keeran nahm die verzierte Schachtel, die er mit sich führte, in beide Hände und präsentierte sie vor seiner Mitte.
“Spricht etwas dagegen, etwas Zeit mit einem Freund zu verbringen, Prinz Nadir?”
Was er ihm anbot, trug kein Gewicht aus ungesagten Bedingungen, sondern war genau das, wonach er fragte. Er fragte nicht nach viel, nur nach einem Bruchteil von dem, was Nadir ohnehin zur Genüge besaß: Zeit. Und er war gekommen, um mit etwas zu tauschen, was der andere sicher mindestens genauso willkommen heißen würde. Der Blick des Händlers wanderte zu der Sitzecke, wo die Wasserpfeife neben dem angerührten Essen stand. “Darf ich mich setzen?”
