18-01-2026, 10:55 - Wörter:
How do you intend do survive?
Aufgeweichte Erde und Matsch knirschten unter den Stiefeln und hatte erstaunlich viel mit den Kuhfladen gemein, durch die Ivar vor nicht allzu langer Zeit noch gestapft war. Im Grunde war jedes Land doch gleich. Da machten die Menschen so einen Stress um die Grenzen und unterschiedlichen Kulturen, aber wenn man die Erde fragte, gab es darauf nur eine Antwort. Sie alle hatten einen Boden, auf dem sie liefen. Pflanzen und Tiere, die ihr Leben ermöglichten. Wasser in der Erde, über ihren Köpfen und in manchen Früchten, die gepflückt werden wollten. Überall, wo Menschen nicht ihre Nase reinsteckten, hatte die Natur so etwas Banales, so etwas Einfaches an sich, dass der Söldner sich in ihr oft wohler fühlte. Töten oder getötet werden, einfache Gesetze des Überlebens ohne die komplizierte Schicht aus menschlicher Kommunikation, den Spinnereien und der ungerechten Verteilung von Macht in den Händen der Falschen. Weil sie nämlich noch nie von der Natur auf die Probe gestellt wurden. Weil sie die Banalität des Lebens umgingen, indem sie von widerlichen Geburtsrechten und unverdienten Titeln Gebrauch machten, um nie einen Fuß in die Wildnis setzen zu müssen. Given that you are neither.
Und wenn ihre Gruppe den Drachen fand und tatsächlich erlegte, dann würden es eben jene Sesselpupser sein, die ihnen einen Sack Gold in die Arme drücken, ihnen auf die Schulter klopfen und sich schließlich von ihnen abwenden würden, um den Ruhm einzukassieren. Denn Gold regierte die Welt und sie regierten das Gold. Was war ihr System doch nur für ein lächerlicher, von Drecksschweinen ausgedachter Witz.
Na ja, aber dafür müsste ihre Gruppe den ’Drachen’, wenn es denn tatsächlich einer war, erstmal finden. Geschweige denn davon, ihn zu erledigen; so, wie Ivar das Mädchen musterte, das vor ihm über die aufgeweichte Erde stapfte, war er zusehends überzeugt davon, dass er sich einer Gruppe von Selbstmördern angeschlossen hatte. Im besten Sinne wohl noch Märtyrer, denn was, bei Heofaders Eiern, Was bewegte eine Frau und ein Mädchen nach einem Monster zu suchen, das Jungfrauen gerne zum Mittag verspeiste? Maria, oder wie sie hieß, konnte ja nichtmal ordentlich ein Messer halten. Wenn er sie jetzt schubste - und für einen kurzen Moment spielte er mit dem Gedanken -, würde ihr hübsches Gesicht im Schlamm baden. Vielleicht würde sie sich ihre Nase brechen, dann könnte sie wenigstens zurück zu ihrer Mama und stolz ihre Kampfesverletzung zeigen, ohne ernsthaft in Schwierigkeiten gewesen zu sein. Ivar war jedenfalls nicht sonderlich begeistert davon, zwei tote Gewichte mit sich mitzuziehen, auch wenn sie hübsch anzusehen waren.
Dass sie beide die Aufgabe übernommen hatten, in dem letzten Licht des Tages, das diffus durch die dicke Wolkendecke brach, ihr Abendessen zu jagen, tat erstmal nichts zur Sache. Sie wären sehr viel schneller dabei, wenn Ivar dem Mädchen ein paar Tipps geben würde, wie zum Beispiel nach kleinen gebrochenen Ästen Ausschau zu halten, die Wildleben verrieten, oder nach verlassenen Vogelnestern in den Bäumen. Tat er aber nicht. Er machte nicht einmal Anstalten, seinen eigenen Bogen von der Schulter zu ziehen, sondern beobachtete lieber, wie das rote Haar vor ihm hin und her wippte, während Mariam flink über das Laub sprang.
“Was machst du eigentlich hier?”
, fragte er schließlich einfach so, prompt, frei heraus mit dieser typischen Unernsthaftigkeit in der Stimme, die er nie wirklich ablegte. Nicht, wenn die ganze Welt im Scheißegal war. “Du wirst dir ja kaum vorgenommen haben, einen Drachen zu töten.”

