05-04-2026, 18:56 - Wörter:
Als sich die schwere Decke um ihre Schultern legte, zuckte Lindgard unwillkürlich zusammen. Nicht aus Furcht, sondern aus etwas, das sich erst einen Herzschlag später als Erleichterung entpuppte. Die Wärme der fein gesponnenen Wolle schloss sich um ihre schmalen Schultern wie ein stilles Versprechen, nahm dem Zittern in ihren Gliedern die Schärfe, dämpfte das Nachhallen der grausamen Bilder, die noch immer in ihr flackerten. Für einen Moment erlaubte sie sich, tiefer zu atmen. Doch beinahe im selben Atemzug kam das andere Gefühl: Erkenntnis. Seine Sorgfalt. Wie bewusst er darauf achtete, sie nicht zu berühren. Wie seine Hände den Stoff glätteten, ohne ihre Haut zu streifen. Es war respektvoll, rücksichtsvoll. Alles, was eine Frau sich von einem Ehemann wünschen sollte. Und doch fühlte es sich an wie ein Schritt zurück, wie eine unsichtbare Grenze, die er selbst zog. Nicht aus Pflicht, sondern aus Notwendigkeit. Als wäre sie etwas Zerbrechliches.
Oder etwas, das man besser nicht anrührte.
Ein dumpfer Schmerz kroch durch ihre Brust, hieb seine Krallen in ihr wild schlagendes Herz. Sie senkte den Blick auf die Decke, die er ihr umgelegt hatte, auf die schweren Falten, die nun verbargen, was das dünne Nachtgewand kaum zu verhüllen vermocht hatte. Dieses Stück Stoff, das ihre Zofe ihr mit schuldbewusst gesenktem Blick gereicht hatte, als wüsste das Mädchen genau, wessen Wille dahinterstand. Frigga hatte nichts sagen müssen. Lindgard hatte es auch so verstanden. Und nun saß sie hier, gehüllt in Wärme, die sie sich nicht verdient hatte, während ihr eigener Ehemann Abstand hielt, als wäre Nähe etwas, das man ihr nicht zumuten konnte.
War es das also? War das ihr Leben von nun an? Ein Dasein zwischen Vorsicht und Schweigen, zwischen Pflicht und einem Körper, der ihr nicht gehorchte? Ein Mann, der sie behandelte wie ein rohes Ei – nicht, weil er sie verachtete, sondern weil er sie nicht zerbrechen wollte? Und doch tat genau das weh. Nicht nur als Ehefrau, auch als Winterländerin. Sie wollte stark sein. Wollte es zumindest vor ihm, für ihn sein. Doch stattdessen saß sie hier, versteckt unter Fellen und Decken, während er sich zurückzog. Und sie konnte es ihm nicht einmal verdenken. Sie selbst fand diesen Zustand abstoßend. Diese Schwäche. Dieses Zittern.
Ihre Finger schlossen sich fester um den Stoff, als könnte sie sich daran festhalten, während ihre Gedanken in alle Richtungen stoben. Es gab nur einen Weg, das zu ändern. Nur einen. Ihm zu geben, was ihm zustand. Nicht aus Angst, oder aus Zwang, sondern weil sie es musste. Weil sie es wollte. Zumindest wollte sie es wollen. Weil er es verdient hatte. Und doch wich er zurück. Ihre Lippen pressten sich aufeinander, während sie seinen Worten lauschte. Die Frage lag zwischen ihnen, leise ausgesprochen, beinahe vorsichtig. “Hattest du einen Albtraum?“ Wie harmlos das klang. Wie klein.
Sie nickte kaum merklich, brachte jedoch zunächst keine Antwort hervor. Stattdessen glitt ihr Blick kurz zur Feuerstelle. Dunkel, erloschen, falsch. Alles daran war falsch. Sie brauchte Licht, um ihre Gedanken zu ordnen. Mehr, als es die flackernde Kerze ihnen bot. „Das Feuer…“, begann sie leise, ihre Stimme noch rau, doch fester als zuvor. „Könntest du es neu entzünden?“ Ein kaum verhüllter Hauch von Dringlichkeit lag darin, mehr als sie beabsichtigt hatte. Ihre Finger krallten sich unbewusst in die Decke. „Bitte…“
Mehr brauchte es nicht. Jorin erhob sich, und sie verfolgte jede seiner Bewegungen aus dem Augenwinkel, hörte das Rascheln, das Knistern, als er das Holz neu schichtete, die Flamme wieder zum Leben zwang. Als das erste Licht wieder aufflackerte, zog sich etwas in ihr zusammen, und ließ dann langsam nach. Die Schatten des Gemachs wichen. Nicht ganz, aber genug. Erst dann fand sie ihre Stimme wieder. „Ich… finde manchmal schwer zur Ruhe.“ Die Worte kamen zögerlich, tastend, als müsste sie jedes Einzelne erst prüfen, bevor sie es aussprach. Es war nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Nur ein Bruchteil von dem, was wirklich in ihr tobte.
Ihr Blick hob sich langsam wieder zu dem seinen hinauf, hielt ihn diesmal länger. „Es ist nichts, womit ich meinen Ehemann belasten sollte.“ Ein schwacher Versuch, die Schwere von ihm fernzuhalten. Von ihnen beiden fernzuhalten. Ihre Finger glitten über die Decke, strichen sie unruhig glatt, bevor sie innehielten. Dann, leiser, beinahe vorsichtig: „Du musst nicht gehen, Jorin.“ Jetzt hatte sie es ein zweites Mal gesagt, doch diesmal anders. Ruhiger. Klarer. Und während das Feuer hinter ihm wuchs und das Gemach wieder mit Wärme füllte, hielt sie seinen Blick einen Herzschlag länger, als sie es sich sonst erlaubt hätte.
Oder etwas, das man besser nicht anrührte.
Ein dumpfer Schmerz kroch durch ihre Brust, hieb seine Krallen in ihr wild schlagendes Herz. Sie senkte den Blick auf die Decke, die er ihr umgelegt hatte, auf die schweren Falten, die nun verbargen, was das dünne Nachtgewand kaum zu verhüllen vermocht hatte. Dieses Stück Stoff, das ihre Zofe ihr mit schuldbewusst gesenktem Blick gereicht hatte, als wüsste das Mädchen genau, wessen Wille dahinterstand. Frigga hatte nichts sagen müssen. Lindgard hatte es auch so verstanden. Und nun saß sie hier, gehüllt in Wärme, die sie sich nicht verdient hatte, während ihr eigener Ehemann Abstand hielt, als wäre Nähe etwas, das man ihr nicht zumuten konnte.
War es das also? War das ihr Leben von nun an? Ein Dasein zwischen Vorsicht und Schweigen, zwischen Pflicht und einem Körper, der ihr nicht gehorchte? Ein Mann, der sie behandelte wie ein rohes Ei – nicht, weil er sie verachtete, sondern weil er sie nicht zerbrechen wollte? Und doch tat genau das weh. Nicht nur als Ehefrau, auch als Winterländerin. Sie wollte stark sein. Wollte es zumindest vor ihm, für ihn sein. Doch stattdessen saß sie hier, versteckt unter Fellen und Decken, während er sich zurückzog. Und sie konnte es ihm nicht einmal verdenken. Sie selbst fand diesen Zustand abstoßend. Diese Schwäche. Dieses Zittern.
Ihre Finger schlossen sich fester um den Stoff, als könnte sie sich daran festhalten, während ihre Gedanken in alle Richtungen stoben. Es gab nur einen Weg, das zu ändern. Nur einen. Ihm zu geben, was ihm zustand. Nicht aus Angst, oder aus Zwang, sondern weil sie es musste. Weil sie es wollte. Zumindest wollte sie es wollen. Weil er es verdient hatte. Und doch wich er zurück. Ihre Lippen pressten sich aufeinander, während sie seinen Worten lauschte. Die Frage lag zwischen ihnen, leise ausgesprochen, beinahe vorsichtig. “Hattest du einen Albtraum?“ Wie harmlos das klang. Wie klein.
Sie nickte kaum merklich, brachte jedoch zunächst keine Antwort hervor. Stattdessen glitt ihr Blick kurz zur Feuerstelle. Dunkel, erloschen, falsch. Alles daran war falsch. Sie brauchte Licht, um ihre Gedanken zu ordnen. Mehr, als es die flackernde Kerze ihnen bot. „Das Feuer…“, begann sie leise, ihre Stimme noch rau, doch fester als zuvor. „Könntest du es neu entzünden?“ Ein kaum verhüllter Hauch von Dringlichkeit lag darin, mehr als sie beabsichtigt hatte. Ihre Finger krallten sich unbewusst in die Decke. „Bitte…“
Mehr brauchte es nicht. Jorin erhob sich, und sie verfolgte jede seiner Bewegungen aus dem Augenwinkel, hörte das Rascheln, das Knistern, als er das Holz neu schichtete, die Flamme wieder zum Leben zwang. Als das erste Licht wieder aufflackerte, zog sich etwas in ihr zusammen, und ließ dann langsam nach. Die Schatten des Gemachs wichen. Nicht ganz, aber genug. Erst dann fand sie ihre Stimme wieder. „Ich… finde manchmal schwer zur Ruhe.“ Die Worte kamen zögerlich, tastend, als müsste sie jedes Einzelne erst prüfen, bevor sie es aussprach. Es war nicht die Wahrheit, aber auch keine Lüge. Nur ein Bruchteil von dem, was wirklich in ihr tobte.
Ihr Blick hob sich langsam wieder zu dem seinen hinauf, hielt ihn diesmal länger. „Es ist nichts, womit ich meinen Ehemann belasten sollte.“ Ein schwacher Versuch, die Schwere von ihm fernzuhalten. Von ihnen beiden fernzuhalten. Ihre Finger glitten über die Decke, strichen sie unruhig glatt, bevor sie innehielten. Dann, leiser, beinahe vorsichtig: „Du musst nicht gehen, Jorin.“ Jetzt hatte sie es ein zweites Mal gesagt, doch diesmal anders. Ruhiger. Klarer. Und während das Feuer hinter ihm wuchs und das Gemach wieder mit Wärme füllte, hielt sie seinen Blick einen Herzschlag länger, als sie es sich sonst erlaubt hätte.
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